Unbewegliche Männer

Zur Kritik des Zirkulationsmarxismus durch Hanloser und Reitter

„Kenn‘ se den schon? Treffen sich zwei Zirkulationsmarxisten…“ – Wie, sie wissen nicht, was ein Zirkulationsmarxist ist? Dann sollten sie mal Gerhard Hanloser oder Karl Reitter fragen. Die erklären das nämlich in ihrem neuen Buch „Der bewegte Marx. Eine einführende Kritik des Zirkulationsmarxismus“. Bei Zirkulationsmarxismus, so lernen wir, handelt es sich nicht um eine spezifische Interpretation von Marx, sondern um eine Lesestrategie. Diese Lesestrategie tritt dann zumeist unter dem Label Wertkritik in die politische Debatte ein und zeichnet sich vor allem dadurch aus, „irgendwo nach dem Fetischkapitel“ (5) die Lektüre des Kapital unvermittelt abzubrechen und beschäftigt sich mithin lediglich mit dem Austausch von Äquivalenten innerhalb der einfachen Zirkulation. Darum eben Zirkulationsmarxismus: weil sich diese WertkritikerInnen nicht für die Produktion interessieren, wo es eben auch mal schmutzig dahergeht.

Hanloser und Reitter bauen sich schon auf den ersten Seiten ihres Machwerks einen Pappkameraden zusammen, nur um dann später bei dem Unterfangen zu scheitern, diesen fachgerecht zu zerlegen. Von den Unterstellungen, die sie der Wertkritik entgegenzubringen haben, stimmt so ziemlich gar nichts. Dabei verhällt es sich genaugenommen doch andersherum: gerade die Vorstellung, es müsse nur der Lohn den ArbeiterInnen zugänglich gemacht werden, ohne das es darüber hinausgehende Änderungen an Art und Zweck der Produktion gäbe, ist eine zirkulationstheoretische. Abstrakte Arbeit ist eben nicht eine reine Kategorie der Zirkulation, sondern auch eine der Produktion. Das nur gearbeitet wird, um zu arbeiten, prägt auch die Tätigkeit als solche.

Die Kritik der Produktion ist den beiden sehr wichtig, wird doch hier die widerständige ArbeiterInnen-Seele an das Joch der Maschine gefesselt. Eine Erkenntnis, die Hanloser und Reitter auf die Seite 459 des marx’schen Kapital datieren. Ein ganzes Stück also hinter dem Fetisch-Kapitel und damit außerhalb der Reichweite wertkritischer Theoriebildung. Dass bereits 1986 unter dem Titel „Wissenschaft, Rationalisierung und Qualifikation im Kapitalismus“ in der ersten Ausgabe der heutigen Krisis (die damals noch unter dem Titel „Marxistische Kritik“ firmierte) Udo Winkel sich kritisch mit eben dieser Frage auseinandergesetzt hat, dass sie dann 1987 unter dem Titel „Technik als Fetisch-Begriff“ von Ernst Lohoff wieder aufgegriffen wurde, die damit zusammenhängenden Probleme auch in den folgenden Jahren systematisch aufgearbeitet wurden, kümmert die beiden nicht wirklich. Es kann eben nicht sein, was nicht sein darf.

Als wesentliches Moment des Zirkulationsmarxismus machen die zwei dann als Konsequenz ihres Vorgeplänkels aus, dass innerhalb dieser Lesestrategie davon ausgegangen werde, „die Vergesellschaftung stelle sich erst mit dem Tausch her“. Das mag in Teilen für den auch prompt als Beleg angeführten Michael Heinrich gelten, darüber hinaus zeichnen sich weite Teile derer, die gemeinhin als Wertkritik bezeichnet werden, gerade dadurch aus, mit dieser Ansicht auf Kriegsfuß zu stehen. Was sie dann trotz alledem als „für diese Richtung typische(s) Argument“ auszeichnet, mag das Geheimnis der Autoren bleiben.

Dabei sagen sie ganz deutlich, was es letztlich ist, was sie am Zirkulationsmarxismus stört: „Widerstand und Klassenkampf“ (8) spielen nicht die Rolle, die sie ihrer Meinung nach spielen sollten. Das ist dann auch das Apriori des Operaismus, als dessen Stellvertreter wir die beiden getrost betrachten können: Dass es letztlich die Kämpfe der Klasssen sind, die das Weltgeschehen vorantreiben. Diese unhinterfragte und durchaus nicht unproblematische Annahme wird für die beiden Autoren zu einer Brille, durch die sie nur noch das wahrnehmen, was ihnen in den Kram passt. Der Rest wird dann einfach dazugedichtet.

So etwas ist dann tatsächlich ärgerlich. Die nicht endenwollende Behauptung etwa, der Zirkulationsmarxismus würde sich ausschließlich auf der Ebene der einfachen Warenproduktion bewegen. Als würde nicht sowohl in der wertkritischen Krisentheorie als auch in den Versuchen Heinrichs, den Kapitalismus krisenfrei zu schreiben, nicht stets kategoriale Fragen aus allen drei Bänden in die Diskussion einbezogen. Als würde nicht ständig über „Akkumulation des Kapitals, formelle und reelle Subsumtion, tendenzieller Fall er Profitrate, Steigerung der Produktivkraft der Arbeit“ (11) diskutiert.

Wenn die Fragen bearbeitet würden, so die These, dann „nur als Akzidenz, als Zusatz zu einer eigentlichen theoretischen Substanz“ (12). Das ist gleichermaßen richtig wie falsch und damit auch doppelt ärgerlich. Denn selbstverständlich ergeben sich die Widersprüche auf den genannten Gebieten nicht zuletzt daraus, das sie eben auf der Grundlage weltgesellschaftlicher Warenproduktion ausgetragen werden. Nur werden sie deshalb nicht zum Zusatz, der von außen vom Theoretiker dazugeschüttet würde. Vielmehr sind sie als Bestandteil der gesellschaftlichen Totalität als ebensolcher zu analysieren und zu kritisieren. Das aber ist kann nicht durch zufälliges hinzugeben wahlloser Ingredenzien passieren.

Hanloser/Reitter scheinen hier von ihrem eigenen theoretischen Programm auf das der Wertkritik geschlossen zu haben. Zu den Kategorien der einfachen Warenproduktion tritt ihnen dann nämlich – diesmal tatsächlich von außen – „der Gegensatz von Totem Kapital und lebendiger Arbeit“ (12) hinzu.Wenn sie dem selbstgeschnitzten Zirkulationsmarxismus unterschieben wollen, dieser gehe von einer Gesellschaft aus, die es gar nicht geben könne und die eben mit Ware und Wert, aber ohne Kapital funktioniere, dann konstruieren sie für ihre eigene Auffassung dieselbe Annahme spiegelbildlich und gleichsam verkehrt: dass nämlich bei den Überlegungen von Marx zum Warenfetischismus, zum Realcharakter abstrakter Arbeit und dergleichen mehr nicht immer schon das Kapital mitgedacht wäre, dass eben die Kategorien Sinn ergeben würden ohne das Kapital.

Das aber behauptet niemand. Dass im Warenfetischismus der Selbstzweckcharakter des Kapitals bereits vorgezeichnet ist, macht die Kategorie des „automatischen Subjekts“ nicht überflüssig. Nur wird die Funktionsweise der toten Arbeit als Kapital nur dann richtig verstehbar, wenn der Verdinglichungsprozess des Warenfetischs dabei mitreflektiert wird – wenn also das Kapital nicht als herrische Willkür, sondern als Vergesellschaftungsmodus begriffen wird, in dem sich die Produkte der Menschen gegenüber ihren eigenen Willen verselbständigen.

Das Buch, das im kleinen Format über gerade mal 62 Seiten reicht, erhebt einen Anspruch, den es nicht ernsthaft einlösen kann: in eine Kritik dessen einzuführen, was ihm als Zirkulationsmarxismus gilt. Dabei ist das Buch selber zweigeteilt. Zunächst folgt eine Kritik des Zirkulationsmarxismus selber, danach der Vorschlag einer eigenständigen Marx-Lektüre. Die Passagen zur Kritik gehen dabei historisch vor, lassen auf die Kritische Theorie zunächst Stefan Breuer folgen, einen Autoren, dessen frühes in den 70ern entstandenes Werk einigermaßen spannend zu sein scheint – worauf die vehementen Ablehnung durch Hanloser und Reitter hindeutet.

Danach folgt eine kurze Abhandlung über Moishe Postone, anhand derer beispielhaft gezeigt werden kann, wie sich die Autoren ihre Welt zurechtmalen. Für Postone, so die Anklage, sei „Arbeit ( … ) genuin kapitalistisch.“ (23) Was so nicht stimmt – wäre dem so, bräuchte er nicht stets von „Arbeit im Kapitalismus“ zu sprechen. Das, so lesen wir weiter, habe Marx nun aber ganz anders gesehen und deshalb könne Postone nicht „eine authentische Marx-Lektüre“ für sich reklamieren. Was dieser aber gar nicht tut, sondern stets betont, dass er eine spezifische Lesart vorschlagen würde, die seiner Auffassung nach zur theoretischen Durchdringung moderner Herrschaft besonders geeignet sei.

Fassen wir also zusammen: aufgrund einer Behauptung, die Postone nie gemacht hat, wird er an einem vermeintlich eigenen Maßstab gemessen, den er nie hatte. So zurechtgeschustert dürfte es den Autoren leichtfallen, Postone den Garaus zu machen. Doch am Ende reicht es nicht einmal dafür. Denn da kulmuniert alles in den Vorwurf, seine Sicht sei analog der Breuers „ultraobjektivistisch“ (24). Was der Frage ausweicht, ob die Ausführungen von Postone schlüssig sind, ob sie Sinn ergeben oder nicht. Alles läuft darauf hinaus, dass sie nicht zum vorgegebenen Praxiskonzept der Autoren passen. Da lässt sich Klassenkampf in der bisherigen Form ja gar nicht denken, da spielt die vermeintliche Spontaneität der MalocherInnen ja gar keine Rolle mehr! Empörung wird so zum Ersatz für eine ernstzunehmende inhaltliche Auseinandersetzung. Dafür jedenfalls war das Buch gut. Empört war ich zumindest in erschreckendem Ausmaß.

Empörend ist vor allem das Auftreten der Autoren, die sich als ausgewiesene Kenner der Debatte ausgeben, dann aber bei der Darstellung ihrer Vorwürfe nicht einmal simpelste Zusammenhänge zur Herkunft einzelner Begriffe beachten. So erwecken sie den Eindruck, als käme die Unterscheidung vom esoterischen und dem exoterischen Marx von Anselm Jappe (27). Bestenfalls durch eine indirekte Zitierung könnte klar werden, dass dieser ihn zumindest von Robert Kurz übernommen hat. Dass er in die deutsche Debatte aber spätestens in den 70ern von Hans-Georg Backhaus eingeführt wurde und darüber hinaus bereits in der Hegel-Kritik von Bruno Bauer eine Rolle spielte – derlei Spitzfindigkeiten ersparen die Autoren ihren LeserInnen.

Robert Kurz übrigens kommt auch zu ganz ungewöhnlichen Ehren. Hat er noch in der Exit 4 auf eine strenge Trennung von Theoriebildung und Praxis gepocht und ist aus der Exit ohnehin sehr oft die Klage ob des „neuen Linkspopulismus“ von Seiten der Krisis-Redaktion zu vernehmen, so gilt Kurz den Autoren als Gewährsmann für Lernprozesse innerhalb der „Neuen Deutschen Wertkritik“, zeugten doch seine „jünsten Kommentare“ von Leuterung, da er seine Praxis- und Bewegungsfeindlichkeit dort „deutlich relativiert“ (27) habe.

Die Ausführungen über eine eigenständige Lesart des marx’schen Kapital gibt ebenfalls nicht viel mehr her, als schon die Auseinandersetzung mit dem verhassten Zirkulationsmarxismus. Die schlechte Unterstellung, der Zirkulationsmarxismus würde nur die ersten zwei oder maximal drei Kapitel des ersten Kapitalbandes zur Kenntnis nehmen, wird hier in schlechter Manier immer und immer wieder bemüht. Das Ganze gipfelt dann in der Behauptung, wesentliche Theoreme wie etwa das Auseinanderfallen von Gebrauchswert und Wert bei steigendem Produktivkraftwachstum könne ja vom Zirkulationsmarxismus gar nicht erfasst werden. Als wäre es nicht gerade die Wertkritik gewesen, die den Passagen aus dem Maschinenfragment der Grundrisse in den letzten 30 Jahren im deutschsprachigen Raum wieder zur Renaissance verholfen hätte.

Wer eine kritische Einführung in die Wertkritik sucht, wer gar eine Einführung in die Kritik der Wertkritik sucht, der ist hier mal wieder auf dem Holzweg. Hanloser und Reitter machen viel, aber bestimmt keinen Spaß. Und, was hier viel wichtiger ist, sie setzen sich nicht ernsthaft mit ihrem theoretischen Gegenpart auseinander, sondern konstruieren theoriepolitisch herum und bauen so ein Gespenst, das es niemals gegenhat, von dem sie seine Existenz aber auch niemals ernhaft behaupten
würden. Schließlich handelt es sich nur um eine „Lesestrategie“ (7), die mit anderen Inhalten „durchaus kombinierbar“ (8) ist. Damit ist die Hintertür bereits fertiggestellt: im Zweifel kann sich darauf berufen werden, das alles gar nicht so gemeint zu haben. Was wohl auch besser wäre.

Gerhard Hanloser, Karl Reitter: Der bewegte Marx. Eine einführende Kritik des Zirkulationsmarxismus. Unrast Verlag, Münster 2008. 64 Seiten


9 Antworten auf “Unbewegliche Männer”


  1. 1 Benni Bärmann 11. September 2008 um 13:01 Uhr

    und? gehts jetzt besser?

    Böse Zungen könnten sagen: lieber ein unhinterfragbares Praxiskonzept als gar keins ;-)

  2. 2 pjotr 11. September 2008 um 13:20 Uhr

    Deine Rezension deckt sich weitgehend mit meinem Eindruck, den ich beim Lesen des Büchleins bekam. Sie konstruieren tatsächlich einen Pappkameraden – man könnte auch sagen, sie verstehen entweder die „Wertkritik“ (ich würde das gar nicht so verengen; sagen wir Kritik der politischen Ökonomie, die durch die Kritische Theorie beeinflußt wurde) gar nicht oder sie haben sie gar nicht gelesen.

  3. 3 negative potential 11. September 2008 um 16:59 Uhr

    den Versuchen Heinrichs, den Kapitalismus krisenfrei zu schreiben

    Speaking of „Pappkameraden„…

  4. 4 classless 12. September 2008 um 3:06 Uhr

    Deepe Rezension, danke!

  5. 5 narodnik 12. September 2008 um 14:46 Uhr

    Hallo Juli,

    es ist aber doch in der Tat so, daß die Wertkritik sytematisch in ihren Texten den Klassenbegriff weglässt. Die Gesellschaft wird nicht mehr als antagonistische transparent – die Kritik verharrt in einem kulturkritischen Habitus ohne Bezug auf die Klassengesellschaft, ohne Rekurs auf die Praxis der Leute in diesem Staat. Und das ist nichts anderes als eine objektivistische Verkürzung des Kapitalverhältnisses! Zudem stimmt der Vorwurf des »Operaismus« (zumal Post-Operaismus und Operaismus nicht das gleiche sind) so definitiv nicht. Reitter/Hanloser geht es nicht um eine blinde aktionsbezogene Praxis, sondern um die theoretische Einsicht in die Notwendigkeiten die eine Klassengesellschaft den Arbeitern so aufzwingt und um die organisationspraktische Neuformierung der Arbeiterklasse »für sich«. Auf der Exit-Webseite heisst es sogar lustigerweise:

    Gewonnen wird so eine Perspektive, die sich nicht mehr bloß auf den immanenten soziologischen Gegensatz der „Klassen“ von Lohnarbeit einerseits und Repräsentanz des Kapitals andererseits beschränkt, sondern das gemeinsame Bezugssystem dieser Klassen ins Visier nimmt. Das Obsoletwerden dieses gemeinsamen Formzusammenhangs manifestiert sich aktuell auch im Absturz der neuen Mittelklasse, die ein Produkt der negativen kapitalistischen Vergesellschaftung war.

    Das Kapital wird also nur kritisiert, weil es angeblich nicht mehr so funktioniert wie früher? Der Arbeiterklasse wird hier doch indirekt als das historische Subjekt nachgeweint, welche sie nie war. Auch kapieren die den Unterschied zwischen Arbeiterklasse qua Stellung im Produktionsprozess und Arbeiterbewegung mit entsprechendem Milieu nicht. Die Arbeiterklasse ist nun einmal auch selbst der Konkurrenz und der Fragmentierung unterworfen, ist keine einheitliche kämpferische Klasse von sich aus.

    Die Wertkritik will irgendwie auf die »allgemeine Menschheitsrevolution« hinaus: und das war immer schon eine Ideologie.

    PS: http://www.sopos.org/aufsaetze/4208e7ff2578d/1.phtml

  6. 6 Juli 23. September 2008 um 11:29 Uhr

    Der Vorwurf war ja nicht, das die Wertkritik den Klassenbegriff relativiert. Das tut sie – m.E. zu Recht. Der Vorwurf war, das sie nach dem ersten Kapitel aufhört zu lesen und die Kategorie des „Kapitals“ nicht mehr bedenkt. Das tut sie allerdings schon. Nur eben nicht als Ansammlung von Menschen, die mittels willkürlicher Entscheidungen ihr Interesse durchsetzen wollen, sondern eben als „automatisches Subjekt“, als von den Menschen geschaffenes, die Menschen aber beherrschendes Zwangsprinzip. Auf die Debatte lassen sich die beiden aber gar nicht ein, sondern machen es sich eben derart einfach, das es nur noch falsch ist.

    Auch dass das Kapital nur kritisiert würde, weil es nicht mehr so funktioniert wie früher ist doch eine bloße Unterstellung. Es wird kritisiert, weil es desaströse Folgen für die Menschheit hat. Und weil es darüber hinaus nicht mal funktioniert. Dabei wird dann allerdings unterschieden zwischen unterschiedlichen Phasen innerhalb einer kapitalistischen Binnengeschichte. Solange der Kapitalismus sich ausgebreitet hat, konnte die Einbindung der ArbeiterInnen und deren Kampf um höhere Löhne, bessere Arbeitsbedingungen etc. tatsächlich noch emanzipative Spielräume freisetzen. Die Krise markiert dann den Punkt, ab dem das so einfach nicht mehr geht. Deshalb war die ArbeiterInnen-Klasse aber nicht früher mal ein historisches Subjekt – ganz im Gegenteil. Sie hat innerhalb der Beweguang des Kapitals als automatischem Subjekt das Beste für sich rausgeholt – und das war ja auch gut so.

    Die Unterscheidung von Klasse an sich und für sich spielt auf der Ebene m.E. tatsächlich keine Rolle. Wenn überhaupt, lassen sich Transformationen auf dieser Ebene so deutlich machen: gerade weil die ökonomische Situation Klassenkämpfen harte Grenzen setzt (was ja auch nicht hieße, es gäbe nichts umzuverteilen, sondern nur, dass da eben Grenzen sind, die benannt gehören), fühlen sich viele, die einer „Klasse an sich“ zuzurechnen wären, nicht mehr einer „Klasse für sich“ zugehörig. Sie entwickeln kein Klassenbewußtsein, weil sie tatsächlich merken, das in dem Moment, in dem ihr Klassenkampf zu erfolgreich ist, ihr Betrieb untergeht. Und da ist wenig Lohn eben immer noch besser als gar kein Lohn….

    Die Bezeichnung „allgemeine Menschheitsrevolution“ macht übrigens genau das, was du der Wertkritik vorwirfst. Sie übersieht die Trennung von „an sich“ und „für sich“: Revolution machen die, die keinen Bock mehr auf den Scheiß haben. Nicht quasi-automatisch alle Menschen….

  7. 7 narodnik 25. September 2008 um 1:44 Uhr

    Juli,

    Nur eben nicht als Ansammlung von Menschen, die mittels willkürlicher Entscheidungen ihr Interesse durchsetzen wollen, sondern eben als “automatisches Subjekt”, als von den Menschen geschaffenes, die Menschen aber beherrschendes Zwangsprinzip.

    Die Wertkritik tut so, als hätte es vor ihr nur den böhsen »Arbeiterbewegungs-Marxismus« gegeben – als hätten sie die Formkritik der Gesellschaft Ende der 1980er erfunden. Die Klassentheorie spricht doch nicht vom böhsen Willen des Kapitalisten, sondern von einer antagonistisch zerissenen Gesellschaftsformation in der zwar laut Ideologie alle gleich, in Wahrheit aber im Produktionsprozess gegeneinander stehen; auch und gerade als Arbeiter untereinander. Das »automatische Subjekt« ist bei Marx eine Metapher für eine Gesellschaft die als unwiderruflicher ewiger Sachzwang erscheint – in Wirklichkeit aber nichtsdestotrotz von den Menschen gemacht wird, unbewußt.

    Solange der Kapitalismus sich ausgebreitet hat, konnte die Einbindung der ArbeiterInnen und deren Kampf um höhere Löhne, bessere Arbeitsbedingungen etc. tatsächlich noch emanzipative Spielräume freisetzen.

    Die Integration der Arbeiterklasse war doch ein Resultat der wilden Koalitionen der Arbeiter gegen das Kapital im 19. Jahrhundert. Gleichzeitig hat man die tendenzielle Maßlosigkeit der kapitalistischen Logik gesehen und hat dann den Sozialstaat eingeführt um die Arbeiter an der Kandare zu halten; denn kranke und zerschundene Arbeiter sind schlechte Arbeiter.

    Die Krise markiert dann den Punkt, ab dem das so einfach nicht mehr geht.

    Dann muss man sich aber mal die Veränderungen anschauen die der Nachfordismus gebracht hat. Überhaupt: das Kapital ist doch nicht zur Versorgung der Arbeiter da, sondern das abstrakt Allgemeine als permanent forcierte Verwertung des Werts.

    Zum Klassenkampf:

    Lohnkämpfe als immanente Bewegung sind zu unterscheiden von klassenbewußten Aktionen die aus der Einsicht in die allen (Arbeitern) gemeinsamen Lage herrühren und die sich unmittelbar gegen das System der Lohnarbeit selbst wenden. Zur Herausbildung von Klassenbewußtsein braucht es aber kommunistische Tätigkeit – wenn alle Arbeiter schon revolutionär wären, dann wäre es doch ein Witz für den Kommunismus zu werben!

  8. 8 Jens 15. Dezember 2009 um 8:02 Uhr

    @narodnik

    „Lohnkämpfe als immanente Bewegung sind zu unterscheiden von klassenbewußten Aktionen die aus der Einsicht in die allen (Arbeitern) gemeinsamen Lage herrühren und die sich unmittelbar gegen das System der Lohnarbeit selbst wenden. Zur Herausbildung von Klassenbewußtsein braucht es aber kommunistische Tätigkeit – wenn alle Arbeiter schon revolutionär wären, dann wäre es doch ein Witz für den Kommunismus zu werben!“

    Mit einigen Abstrichen, würde ich das unterschreiben. Die Klassenkämpfe werden aber dann erst revolutionär, wenn die Klasse der Erwerbstätigen ihr eigenes Dasein als Klasse hinterfragt, und auf den Verwertungszwang an sich keinen Bock mehr hat.

    Wie die Wertkritiker immer wieder darauf kommen, es gäbe keine Klassen mehr, und eine Aufhebungsbewegung bräuchte keinen Klassenkampf, ist mir schleierhaft. M.E. verkennen sie den strukturellen Klassenbegriff, den der späte Marx ins Feld führte, der vom sozialen deutlich verschieden ist.

    Das ist die Erscheinungsformen einer Kritik, die sich im bloßen Kritisieren gefällt und eine adornitische Elfenbeinturm-Mentalität annimmt, aus welcher die Revolution gänzlich ins Reich des Zufalls und der Illusion eines weltweiten Umschlags verbannt wird, ohne die Problematik des Übergangs in den Blick zu nehmen, geschweige denn überhaupt praktisch zu werden.

    Wird sie dies dennoch, erschöpft sie sich in der utopisch-reaktionären Vorstellung einer Parallel-Wirtschaft postkapitalistischer Keimformen, welche den Kapitalismus dann von innen auffressen und zerlegen soll. Ikarien lässt grüßen.

    Letztlich geht es um die Aneignung der Produktionsmittel und deren direkte Vergesellschaftung, jenseits der Warenproduktion. Und insofern ist jede Aneignungsbewegung gegen das Kapital und deren Personifikationen gerichtet.

    Alles andere ist leeres Geschwätz.

  9. 9 Jona 08. Oktober 2010 um 15:08 Uhr

    Eine sehr gute – und mit Dir weitgehend übereinstimmende – Besprechung gibts von Ingo Elbe:
    http://www.rote-ruhr-uni.com/cms/Gerhard-Hanloser-Karl-Reitter-Der.html

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.