VW für alle!

Eine sehr spannende Frage hat die gemeinsame Mobilisierungszeitung zum Antira- und Klimacamp in Hamburg aufgegriffen. Ob nämlich die Forderung „Luxus für alle“ mit der Notwendigkeit von Klimawandel in Einklang zu bringen ist. Die Frage ließe sich erweitern: ob „Luxus für alle“ als individualistische Forderung überhaupt machbar ist, wo doch der Menschheit so langsam die fossilen Ressourcen ausgehen….

Das Problem auf den Punkt gebracht hat die Diskutantin mit dem schönen Namen Riva:


„Riva: Gleiche Rechte für alle! Das heißt auch, dass der chinesischen Wanderarbeiterin zugestanden werden muss, den auf chinesischen Werkbänken produzierten VW-Golf zu fahren!“

Das chinesische Arbeiterinnen auf dortigen Werkbändigen VW-Golfs produzieren, die sie sich nicht leisten können (eine schöne Metapher auf das Ende des Fordismus übrigens, denn der bestand ja gerade darin, das sich mehr und mehr die ArbeiterInnen auch leisten konnten, was sie da produziert haben), liegt wohl an dem internationalen Kostengefälle, dem Weltmarkt und ähnlich unangenehmen Dingen. Die in dem Satz versteckte moralische Empörung („Wenn sie das schon produzieren, müssen sie es auch fahren können“) können wir also für die Frage nach postkapitalistischer Organisierung mal kurz vergessen. Es bliebe aber die Frage, ob alle nun einen VW-Golf kriegen sollen bzw. überhaupt können.

Riva: Mit Verzicht-Rhetorik a lá „wir müssen alle den Gürtel enger schnallen“ lässt sich doch kein Hund hinterm offen vorlocken – das ist nur neoliberales Gewäsch und dient nur dazu, bestehende Ungleichheiten zu verlängern.“

Die Vorstellung, den Umgang des Menschen mit der Natur im politischen Alltag zu reflektieren und zu thematisieren birgt also ein strategisches Problem: es ist schlichtweg unangenehm. „Luxus für alle“ klingt halt schöner. Sicherlich ist es richtig, das Verzichtsethik dazu dient, das die breite Masse sich einzuschränken hat, damit die kapitalistische Verbrennungsmaschinerie weiterlaufen kann. Weshalb es sicherlich auch wenig sinnvoll ist, schon im hier und jetzt von den Menschen zu verlangen, auf die Möglichkeiten von Genuß zu verzichten.

Nur darf ein postkapitalistischer Begriff von Genuß eben nicht auf abstrakte, jeder Sinnlichkeit entschwebte Begriffe wie Konsum oder Luxus abheben, Sondern sollte vielmehr erkennen, das Quantität nicht notwendiger weise in Qualität umschlägt. Das immer höher und immer weiter und immer mehr, das dieser Vorstellung von Leben zugrunde liegt, ist letztlich ebenfalls an kapitalistischen Leistungsnotwendigkeiten gebildet. Und das tut ja nun mal gar nich not….


2 Antworten auf “VW für alle!”


  1. 1 classless 15. September 2008 um 12:50 Uhr

    Mal nur als Fragment dieses Zitat von Robert Anton Wilson dazu:

    »Ob sie nun vom Club of Rome oder von den Freunden der Erde geäußert wird, hat diese Ideologie eine soziale Hauptwirkung: Menschen, die in Elend und Unterversorgung leben, die sich sonst vielleicht organisieren würden, um sich ein besseres Leben zu verschaffen, werden dazu verleitet, fortgesetzten Mangel hinzunehmen, für sich und ihre Kinder. Dass solch stoische Resignation angesichts von Armut, Krankheiten, Elend und Hunger für die herrschenden Klassen nützlich ist, wurde von Marxisten zum vor-ökologischen Mystizismus regelmäßig angemerkt… Und gibt es irgendeine Rechtfertigung für solchen Mittelalterkult auf einem Planeten, auf dem – wie Fuller gezeigt hat – 99,99999975 Prozent der Energie bisher gar nicht genutzt werden?«

    http://jungle-world.com/artikel/2004/35/13565.html

  2. 2 total 16. September 2008 um 22:07 Uhr

    Es ist total spannend, dass sich quasi die gesamte irgendwie linke BloggerInnenschaft mit solchen Themen beschäftigt, dabei aber die Gegenwart völlig (!) außen vor lässt. ODer gibt es auf irgendwelchen Blogs ordentliche Analysen, Perspektiven, Vorraussagen, was auch immer, zu dem, was momentan wirtschaftlich nicht nur in den USA passiert?

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