Der Deutsche Konservatismus entdeckt Marx

Beim durchblättern des Sonderteils der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung zur Finanzkrise stieß ich auf einen Artikel mit dem schönen Namen „Marx hat Recht“, verfasst von Rainer Hank. Da wundert sich unsereins, das der deutsche Konservative vielleicht doch mal zur Vernunft gekommen sein könnten. Was uns dann präsentiert wird, ist allerdings weniger Marx als eher eine der unkreativen Pappfiguren, die gerne an seiner statt aufgebaut werden:

„Die Geschichte des Kapitalismus ist die Geschichte seiner Krisen. Da hat Karl Marx vollkommen recht. Er hat nur die falschen Schlüsse aus dieser Einsicht gezogen: Denn die Krisenanfälligkeit der Märkte ist kein Systemfehler, sondern ein Kern des Systems.“

Marx hat also, wollen wir dem Autor folgen, aus der krisenhaftigkeit des Kapitalismus den Schluss gezogen, das die Krisenanfälligkeit der Märkte ein Fehler innerhalb des Systems sei – und deshalb (so ist zu vermuten) mittels gesetzlicher Regelungen korrigiert werden muss. Demgegenüber beharrt der Autor darauf, die Krisenanfälligkeit der Märkte sei selber der Kern des Systems. Und deshalb eine feie Sache. Er lässt da keinen Zweifel offen:


„Die wirtschaftliche Evolution ist kein Streichelzoo; der Fortschritt hat etwas Sprunghaftes. „Ertappt“, rufen seit einer Woche die Kapitalismuskritiker aus allen Lagern. Fast hört es sich an, als wären sie erleichtert über den Zusammenbruch. Ihr alter Glaube kann sich wieder sehen lassen; die Finanzmärkte sind eben des Teufels.

Mag sein, dass verzärtelte Apologeten des Kapitalismus aufgetreten waren, die den Preis des Evolutionsgeschehens freier Märkte verschwiegen haben. Wo es aufwärtsgeht, geht es auch abwärts. Und wo es Sieger gibt, gibt es auch Verlierer. Wie sich das Verhältnis von individueller Leistung und Schicksal verteilt, weiß man immer erst hinterher. Nicht in jedem Einzelfall wird das Risiko belohnt.“

Fortschritt im Kapitalismus, so lesen wir, kommt dadurch zustande, das Konkurrenten aufeinanderprallen und die einen gewinnen und die anderen verlieren. Und das sich nicht vorher sagen lässt, wie es ausgehen wird, was genau passiert. Das sehen wir erst hinterher, es setzt sich sozusagen „hinter dem Rücken der Beteiligten“ durch. Das ist ein Zitat von Marx und macht deutlich, das der gar nicht so sehr viel anderes gesagt hat. Nur hat er andere Schlüsse daraus gezogen.

Was das denn für eine Fortschritt sei, der solche Opfer fordere, hatte er gefragt. Und für wen das denn ein Fortschritt sei, wenn die Menschen da scheinbar in weiten Teilen nix von haben. Ob das nicht im Grunde eine ziemlich perverse Veranstaltung sei, so eine Form von Gesellschaftlichkeit, die irgendwie etwas ziemlich ungesellschaftliches an sich hat: alle machen was, am Ende geht es schief und die FAZ schreibt es schön. Das geht etwa so:


„Eines aber ist sicher: In der Summe zahlt sich das Risiko aus. Die Formel dafür ist verrückt: Je freier und deregulierter das Finanzkapital sich bewegen kann, um so häufiger ist die Wahrscheinlichkeit von Krisen. Das haben die Verächter des Marktes richtig beobachtet. Was sie freilich ignorieren: Der Lohn des Risikos heißt Wachstum. Je offener die Finanzmärkte, desto mehr wächst der Wohlstand. Selbst Schwellenländer wie Thailand, das von Finanzkrisen besonders gebeutelt wurde, wären heute schlechter dran, hätten sie – wie Indien über lange Zeit – diese Krisen vermieden und sich protektionistisch eingeigelt. Darüber sollten sich all jene im Klaren sein, die jetzt besonders laut im Chor der Finanzmarktregulierer singen.“

Da wäre Marx mal wieder in weiten Teilen mit einverstanden. Wenn wir schon eine Gesellschaft wollen, die über die Produktion und den Tausch von Waren funktioniert, dann lassen sich die unablässigen Vorgänge von Zirkulation und Distribution am sinnvollsten mittels Markt erledigen. Ein Plan wäre da – das hat nicht zuletzt die Geschichte gezeigt – nur ein mäßig funktionales Mittel. Nur ist eben das Kriterium der Funktionalität, in der es um das sinnfreie anhäufen und „immer mehr“ quasi als Selbstzweck ankommt, schon kritikabel. Wenn der Lohn des Risikos Wachstum ist, dann sollte uns das nicht frohgemut stimmen, sondern verängstigt.

Denn „Wachstum“ ist bei Lichte betrachtet eine ziemlich komische Kategorie. Da geht es nicht darum, das die Menschen ein erfüllteres Leben haben oder auf Dinge zugreifen können, die sie dringend benötigen. Sondern schlicht darum, das mehr menschliche Arbeit und mehr Natur vernutzt werden, um mehr von Irgendwas herzustellen. Ob Panzer oder Schoko-Muffins produziert werden, ist dem Wachstum reichlich wumpe. Hauptsache irgendwas.

Das kann mensch nun gut finden und Lobgedichte darauf schreiben, wie das in der FAZ an der Tagesordnung steht. Oder mensch kann sich in ein kritischer Verhältnis dazu setzen und die Irrationalität kritisieren, die hier als rational herrüberkommen soll.


9 Antworten auf “Der Deutsche Konservatismus entdeckt Marx”


  1. 1 schons 22. September 2008 um 10:38 Uhr

    was ist denn der deutsche konservatismus? etwa das pendant zu der deutschen linken? und wieso wird der ausgerechnet in der sonntags-faz verortet?

  2. 2 Benni Bärmann 22. September 2008 um 10:44 Uhr

    Da wäre Marx mal wieder in weiten Teilen mit einverstanden. Wenn wir schon eine Gesellschaft wollen, die über die Produktion und den Tausch von Waren funktioniert, dann lassen sich die unablässigen Vorgänge von Zirkulation und Distribution am sinnvollsten mittels Markt erledigen. Ein Plan wäre da – das hat nicht zuletzt die Geschichte gezeigt – nur ein mäßig funktionales Mittel.

    Diese Formulierung legt nahe, dass schon Marx gegen Planwirtschaft gewesen sei. Das Gegenteil stimmt wohl eher. Inhaltlich ists natürlich trotdzem richtig.

  3. 3 Juli 22. September 2008 um 10:47 Uhr

    @Marx-für-Planwirtschaft

    Das halte ich für ein Gerücht.

    @Deutscher-Konservatismus

    Das „der“ is kleingeschrieben im Geiste, sozusagen. Sollte eher eine Anspielung darauf sein, das in bestimmten Phasen immer mal gerne wieder der Marx ausgegraben wird, um ihn auf merkwürdige Weise in die eigenen Diskurse einzubauen – und das eben auch von Konservativen (die ja durchaus mit der FAZ sympatisieren, wie mir aus für gewöhnlich gut unterrichteten Quellen zugetragen wurde)

  4. 4 schons 22. September 2008 um 10:57 Uhr

    dass die faz von konservativen gelesen wird, bestreite ich ja gar nicht. allerdings wird marx in der faz auch von erklärten marxisten wie dem ehemaligen feuilleton-redakteur dietmar dath rezipiert und verwurstet. ich bin halt ein wenig erstaunt, dass jene tageszeitung, die längst die taz als linkes wg-abo abgelöst hat, als rein konservatives blatt gesehen wird. aber das ist wohl eine pedanterie meinerseits, die mit dem hauptthema nicht soviel zu tun hat.

  5. 5 blackone 22. September 2008 um 11:26 Uhr

    Naja, im Politikteil ist die faz immernoch ganz eindeutig konservativ, da können die im Feuilleton so links tun wie sie wollen.

  6. 6 schons 22. September 2008 um 11:40 Uhr

    links tun also… herrje

  7. 7 Juli 23. September 2008 um 10:01 Uhr

    naja, nur weil einige antideutsch angeheiterte WG’s verstärkt auf die FAZ umsteigen, muss das Blatt ja nicht gleich links sein… Es könnte ja auch sein das die WGs ihre politische Verortung verschobenhaben…

  8. 8 Benni Bärmann 23. September 2008 um 11:56 Uhr

    @juli: bei wikipedia wird marx/engels zitiert:

    Vor diesem Hintergrund fordern im Manifest der Kommunistischen Partei Karl Marx und Friedrich Engels die Verstaatlichung aller Produktionsinstrumente: „Das Proletariat wird seine politische Herrschaft dazu benutzen, der Bourgeoisie nach und nach alles Kapital zu entreißen, alle Produktionsinstrumente in den Händen des Staats, d.h. des als herrschende Klasse organisierten Proletariats, zu zentralisieren und die Masse der Produktionskräfte möglichst rasch zu vermehren.“ Unter anderem forderten sie

    * „Zentralisation des Kredits in den Händen des Staats durch eine Nationalbank mit Staatskapital und ausschließlichem Monopol.“

    * „Zentralisation des Transportwesens in den Händen des Staats.“

    * „Vermehrung der Nationalfabriken, Produktionsinstrumente, Urbarmachung und Verbesserung aller Ländereien nach einem gemeinschaftlichen Plan.“

  9. 9 JustIn Monday 23. September 2008 um 12:03 Uhr

    Ich habe den Artikel in der FAZ nicht gelesen, aber nach deiner Darstellung scheint es mir eher so, dass die Konservativen nun die vulgärmarxistische Idee entdecken, dass der Grund für die Krisenhaftigkeit des Kapitals die Anarchie des Marktes ist? (Da steht die FAZ nicht alleine dar.) Eine Idee, die absolut genommen immer mit dem autoritären Staat im Hinterkopf entsteht. Aktuell zirkuliert sie ganz offensichtlich, weil alle beten, dass die Finanzmarktkrise keine Krise der gesellschaftlichen Formen und deren Produktion ist. Daher wird auf einmal alles, was den offensichtlichen Zweck hat, die Kontinuität des Kapitalverkehrs zu retten, für antikapitalistisch gehalten.

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