What’s Next – Ölbubble?

Als ich mit 18 nach seriösen Anlagemöglichkeiten bei der städtischen Sparkasse nachfragte, wurden mir Immobilienfonds empfolen. Die wären sicher, Häuser stürtzen schließlich nicht ein wie Aktienkurse, wurde mir damals gesagt. Nun wissen wir mittlerweile, das so einfach die Sache nicht ist. Nachdem aber der Immobilienbubble eingebrochen ist und die Wirtschafts- und Finanzsphäre noch immer von den Folgeschäden in helle Aufregung versetzt ist, wird es Zeit, sich mal Gedanken über die Zukunft zu machen.

Wirtschaftspolitische EntscheidungsträgerInnen hoffen auf die heilende Wirkung seichter Regulierungsmaßnahmen. Die sollen dann dazu führen, das die Gelder wahlweise in seriöse Anlagen oder am besten gleich in die arbeitsplätzeschaffende Realökonomie umgelenkt werden. Unglücklicherweise sieht es in letzterer Sphäre eher mau aus. Die meisten Bereiche arbeiten mit Überkapazitäten und bauen gerade die Lagerbestände aus. Das wird nicht ewig so weitergehen, also braucht es wohl oder Übel neue, lukrative Bereiche zum spekulieren.

Aktuelle Entwicklungen deuten darauf hin, dass sich Rohstoffe, insbesondere das Öl, gerade als heiße Kandidatinnen anbiedern. So lesen wir etwa auf der Homepage FAZ:

„Der Ölpreis hatte am Montag an der New Yorker Börse mit 25,45 Dollar pro Barrel den höchsten Tagesanstieg in seiner Geschichte verzeichnet. Ein Barrel (159 Liter) Rohöl kostete am Montagnachmittag im elektronischen Handel der New Yorker Börse vorübergehend 130,00 Dollar, bevor der Preis wieder leicht zurückging und bei 120,92 Dollar schloss – ein Gesamtplus von 16,37 Dollar. Der bisherige Rekord wurde am 6. Juni verzeichnet, damals legte der Preis um 10,75 Dollar zu.“

Der Anstieg des Ölpreises wird dabei nicht auf unerwartet aufgetretene Probleme bei der Förderung zurückgeführt, sondern auf strategische Überlegungen der Finanzakteure, wie wir schon gestern nachlesen konnten:

„Zusammen mit den Aktienkursen lief in den vergangenen Tagen auch der Ölpreis wieder nach oben, während der Dollar in die Defensiv geriet. Nach 91,15 Dollar Mitte der vergangenen Woche kostet ein Barrel Öl der Sorte WTI am Montag 107 Dollar. Das entspricht einem Plus von 17,4 Prozent.“

Der Dollar fällt, die Aktienkurse steigen wieder und auch das Öl wird beliebter. Warum?


„Auf diese Weise scheinen sich die Reflexe der vergangenen Monate zu wiederholen, die steigende Rohstoffpreise aus der schwachen amerikanischen Währung, inflationären Risiken und nicht zuletzt auch der angeblich überproportional zunehmenden Nachfrage ableiteten.“

Die amerikanische Währung ist schwach, es gibt Inflationsgefahr. Könnte damit zusammenhängen, das die amerikanische Notenbank jede Menge flüssige Mittel in die Finanzwelt gepumpt hat. Das Geld verliert an Geld, weil es zuviel davon gibt. Also suchen sich die Leute vermeintlich sichere Werte, in denen sie ihr Geld anlegen können. In etwa so, wie ich das einst fast auf anraten meines Sparkassenkaufmanns getan hätte. Nur eben in größerem Stil. Öl bietet sich da an, das wir auch ebenso kurz- wie langfristig benötigt. Also beginnt der Handel mit den sog. Futures-Kontrakten. Das ist nicht das Öl, das in der Gegenwart verkauft wird, sondern das Öl, das in der Zukunft verkauft werden wird. Liegt der Preis der Futures-Kontrakte unter dem des Real-Preises zu dem Zeitpunkt, an dem sie fällig werden, lässt sich ein unter Umständen stattlicher Gewinn einstreichen.


„Dabei kam die Nachfragesteigerung in erster Linie von den Anlegern – und weniger von fundamentaler Seite. Nicht nur Indexinvestoren trugen zum Preisauftrieb bei, sondern vor allem auch große Finanzfirmen wie Goldman Sachs und Morgan Stanley. ( … )

Tatsache ist, dass sich im Juli des laufenden Jahres elf Prozent der gesamten Futures-Kontrakte der Nymex in den Büchern einer einzelnen Firma befanden. Das spricht für sich. Zudem ließen sich Tagesschwankungen des Ölpreises von zehn Dollar und mehr nicht fundamental erklären, erläutert Howard Handy als Chefökonom der saudischen Samba Financial Group.“ (FAZ)

Dabei macht die FAZ zwei Faktoren aus, die vermeintlich nichts miteinander zu tun haben sollen. Einmal die Spekulation, zum anderen das fehlende Vertrauen in die Finanzmärkte:


„Allerdings spielt kurzfristig möglicherweise das angeschlagene Vertrauen in die Finanzmärkte eine Rolle. Die tiefste Finanzkrise seit den 30er Jahren mag zusammen mit der Preiskorrektur der vergangenen Wochen dazu führen, dass Anleger ihre Positionen in physischen Werten nun wieder ausbauen. Immerhin tendiert nicht nur der Ölpreis nach oben. Auch die Preise von Gold, Silber und Kohle erholen sich von ihrem Zwischentiefs.“
(FAZ)

Dabei liegt doch m.E. auf der Hand, das sich das eine von dem anderen nicht trennen lässt. Auf den einen Bubble soll nun der nächste Folgen. Die Erkenntnis ist nicht neu, die hat schon Norbert Trenkle in dem gerade parallel in Phase 2 und Streifzügen veröffentlichten Aufsatz „Weltmarktbeben“ angedeutet:

„Und schließlich wird sich die nächste Spekulationswelle vermutlich auf Rohstoffe, Nahrungsmittel und Agrartreibstoffe beziehen und deshalb ganz unmittelbar katastrophale Konsequenzen für weite Teile der Weltbevölkerung haben. Schon die horrenden Preissprünge bei Nahrungsmitteln in den letzten beiden Jahren sind zu einem erheblichen Teil darauf zurückzuführen, dass immer mehr institutionelle Anleger ihr Kapital in die Warenterminbörsen lenken. Wenn dieser Trend sich fortsetzt, ist eine regelrechte Preisexplosion, die den Hunger in der Welt vervielfacht, unvermeidliche Folge. „

Nun sollten wir uns aber nichts vormachen. Denn zum einen hat die Spekulation mit Rohstoffe ganz andere und viel verheerendere Folgen auf die Realökonomie und das Leben der Menschen, als das beiden bisherigen Grundlagen der Blasenbildung der Fall war. Zum anderen spielt tatsächlich die Stabilität des Dollar eine nicht unerhebliche Rolle. Schließlich dient der noch immer als Weltgeld, stabilisiert die stärkste Ökonomie der Welt und deckt damit das prekäre ökonomische Konstrukt, das sich in den dort breitgemacht hat:

„Same procedure as every year? Nicht unbedingt. Ein zentraler Unsicherheitsfaktor liegt im weiteren Schicksal des Dollars. Seit den 80ern fiel die globale fiktive Kapitalschöpfung mit der exzessiven Verschuldung der USA zusammen. Die transnational agierenden Finanzinvestoren rechneten sich reich, indem sie gigantische Mengen von Geldkapital an sich zogen, zusätzlich wirkte der defizit-finanzierte US-Konsum als permanentes globales Konjunkturprogramm. 2007 importierten die USA 800 Milliarden Dollar, d.h. 60 Prozent der „globalen Nettoersparnisse“.

Die Schlüsselfunktion, die den USA bei der Produktion von Finanzmarktblasen zukommt, ist an ihre Rolle als Weltgeldemittent gebunden. Nur dieser kann Defizite „decken“, indem er „sein Geld“ einem expandierenden und daher aufnahmefähigen Finanzüberbau zur Verfügung stellt. Die Weltgeldfunktion des Dollars ist allerdings gerade als Folge der exzessiven Verschuldung (allein zwischen 1991 und 2006 stieg die US-Auslandsverschuldung von 0,5 auf über 2,1 Billionen Dollar) hochgradig prekär geworden. Bis zum Ende des Booms der New Economy folgte der Dollarkurs im Wesentlichen den Zyklen des fiktiven Kapitals. Hausses stärkten den Dollar, in Abschwungphasen gab er wieder nach.

Beim gerade zu Ende gehenden Weltwirtschaftsboom ist dieser Mechanismus außer Kraft gesetzt. Bereits zu Beginn der Krise steht der Dollar im Verhältnis zur zweitwichtigsten Weltwährung, dem Euro, so schlecht wie nie. Gerade die neuen global-political players, insbesondere die chinesische Sonderzonenwirtschaft, aber auch die russische Rohstoff-Renten-Ökonomie haben in den vergangenen Jahren in großem Umfang Dollarguthaben angesammelt und stehen vor einem Dilemma. Entweder müssen sie weiter massenhaft US-amerikanisches Schwundgeld annehmen, oder das schon aufgehäufte verliert noch einmal rasant an Wert. Bis vor wenigen Jahren ließ sich die internationale Geldpolitik noch zwischen New York, Frankfurt und Tokio austarieren. Mittlerweile reden auch Moskau und Peking mit. Das erleichtert das weltkapitalistische Kollektivprojekt der Krisenvertagung nicht gerade.

Das gilt umso mehr, als die Wiederkehr eines längst vergessen geglaubten Phänomens alles entscheidend kompliziert: die globale Inflation. Die Krise des Fordismus in den 70ern hatte nicht nur die Wachstumsziffern sinken lassen, sondern auch die Entwertung des Geldmediums beschleunigt. In den OECD-Staaten lag die jährliche Inflationsrate um zehn Prozent. Das Entstehen enormer Mengen fiktiven Kapitals seit den 80ern trieb nicht nur die Wachstumsziffern wieder hoch, sondern löste auch für ein Vierteljahrhundert das Problem der Geldwertstabilität. Damit könnte es ohne neuer Blase vorbei sein. Seit zwei Jahren ziehen die Preise an und Gold wurde 2007 zu seit Jahrzehnten nicht mehr erreichten Preisen gehandelt – das verheißt nichts Gutes. “ (Ernst Lohoff: Same procedure as every year?)

Es sieht also alles nicht besonders gut aus. Aber vielleicht, so die Hoffnung von Angela Merkel, hilft ja der Staat. Aber auch mit dessen Spielräumen sieht es nicht sonderlich rosig aus, ist der doch auch an die Erfordernisse der herumsiechenden Wertverwertung gebunden. Zwar kommen Staatsinterventionen mittlerweile wieder in Mode, aber wieweit solche Rettungsmaßnahmen tragen, ist zumindest umstritten:


„Der Finanzkapitalismus der letzten 15 Jahre verwandelt sich rapide in einen offenen Staatskapitalismus neuen Typs. Unter der marktradikalen Oberfläche hatte sich diese Entwicklung längst angedeutet. Eine zentrale Säule der neoliberalen Ideologie, der sogenannte Monetarismus als Doktrin einer Knapphaltung der Geldmenge, hat ihren Sündenfall seit Jahren hinter sich. Die defizitäre Finanzierung der gefeierten Weltkonjunktur war bereits Resultat einer hemmungslosen Dollarschwemme durch die US-Notenbank. Seit Beginn der Finanzkrise 2007 enthüllt sich in immer neuen Schüben der substanzlose Charakter dieses scheinbaren Aufschwungs, der bei der Mehrheit sowieso nie angekommen ist. Wenn jetzt der Staat als letzte Instanz die ganze Chose übernimmt, kann er nur die Widersprüche eines im Kern todkranken Systems verwalten. Die staatlich induzierte Geldflut besteht offiziell in kurzfristigen Krediten an die Banken, die dafür in Gestalt von Gäubigerpapieren Sicherheiten hinterlegen müssen, die keine mehr sind. Die Finanzkrise wird damit nur hinausgeschoben und in der Folge auch die Staatsfinanzen erfassen, die für das Desaster gerade stehen sollen.

Die Hoffnung ist eitel, dass die Verwertungsmaschine nach den prekären Rettungsaktionen wieder anspringen wird. In der Marxschen Terminologie bestehen die verschiedenen Formen des Kredits in einem Vorgriff auf zukünftigen Mehrwert. Die reale Verwertung ist in einem säkularen Prozess immer abhängiger von diesem Vorgriff geworden, der sich unter den Bedingungen der 3. industriellen Revolution völlig überdehnt hat, weil keine ausreichende Mehrwertmasse mehr nachfolgt. Zusätzliche Arbeitskraft, etwa in Asien, wurde nicht durch reale Gewinne mobilisiert, sondern durch Finanzblasen. Deshalb ist der Rückschlag der Finanzkrise auf die reale Weltkonjunktur auch unter der Ägide eines verstaatlichten Finanzkapitals unvermeidlich. Natürlich wird diese Logik jetzt heruntergeredet, als wäre die Realökonomie relativ unabhängig von der Katastrophe im Finanzhimmel. Aber der Rückschlag wird gerade über das Kreditwesen in einer weitaus größeren Dimension kommen, als man wahrhaben will. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet die Gemeinde der Marktgläubigen den Staat als „deus ex machina“ anrufen muss, dessen Bewältigungspotenz mehr als zweifelhaft ist.“(Robert Kurz: Die letzte Instanz)