Michael Hardt in der taz

In der taz gab es unlängst ein Interview mit Michael Hardt. Nun schimpfe ich gerne auf beide, auf die taz und auf Michael Hardt, und es ist sicherlich einigermaßen opportunistisch, in Zeiten marodierender Finanzmärkte plötzlich die Kritik wiederzuentdecken. Und es ist sicherlich nicht sonderlich förderlich, was Hardt zu den Finanzmärkten und ihren Problemen als solchen zu sagen hat. Aber trotz allem fand ich doch, das es einige Passagen in dem Interview gab, in denen ich ihm zustimmen musste.

Etwa wenn es um die These vom Empire geht und darum, ob sich das mittels traditioneller Imperialismuskritik nicht alles besser erklären ließe:

„Frage: Sie sind weltberühmt geworden mit Ihrer These vom „Empire“. Die Nationalstaaten seien nur noch leere Hüllen; im globalisierten Kapitalismus sei die Macht nicht mehr an einem Ort konzentriert, sondern „überall und nirgends“. Aber gerade die Finanzkrise zeigt doch, dass Regierungen sehr energisch handeln können.

Hardt: Wir haben nie gesagt, dass die Staaten völlig unbedeutend seien. Aber sie allein können keine globale Machtstruktur errichten. Gerade die militärische Niederlage im Irakkrieg belegt, dass die Zeiten des nationalstaatlichen Imperialismus vorbei sind – trotz der Träume von Bush, Cheney oder Rumsfeld. Die Finanzkrise ist der letzte Sargnagel für die Großmachtfantasien der USA. „

Auch wenn ich die Konezption des Empire für nur bedingt glücklich haltet, so scheint mir der Teil doch interessant: eine Regulation der Krise scheint tatsächlich nur als globales Miteinander der Konkurrenten möglich. Das alle weiterhin eigenständige Interessen behalten und die auch durchzusetzen suchen, ist das eine. Das sie aber immer stärker auf Kooperation angewiesen sind, um die herrschende Weltordnung auch nur aufrechterhalten zu können (was ja nicht heißt, danach käme was besseres). Wenn die Finanzkrise Europa erfasst, dann hat Europa eben ein Problem.

„Frage: Zumindest der republikanische Kandidat McCain sieht das anders.

Hardt: Der demokratische Kandidat Obama ist natürlich sympathischer als McCain. Aber letztlich macht es kaum einen Unterschied, wer von den beiden regieren wird. Die neue US-Regierung wird in jedem Fall eine Anti-Bush-Politik verfolgen müssen. Den Iran, zum Beispiel, wird man nicht mehr angreifen können. Die Kosten des Irakkriegs und nun die Finanzkrise setzen der US-Politik sehr enge Grenzen. Der Glaube, dass die USA die Welt beherrschen könnten, ist obsolet.“

Ob das so ist? Ich habe keine Ahnung. Aber ein interessanter Gedanke. Je nachdem, ob sich die Voraussage bewahrheitet, wird sie für oder gegen bestimmte Strömungen einsetzbar sein. Nur eben jeweils gegen andere. Ich könnte dann behaupten, das sei doch „damals“ schon klargewesen. Also heute. Was es nicht ist. Aber da sich niemensch mehr an diesen Text erinnern wird, werde ich hoffentlich damit durchkommen….

Der eigentliche Grund für diesen Eintrag bildet aber seine Einschätzung der globalen Proteste, die nämlich der meinen sehr nahekommt:


„Frage: Die Revolution kommt also irgendwann von selbst? Oder braucht es doch ein revolutionäres Subjekt, um den Kapitalismus zu überwinden?

Hardt: Das ist kein Widerspruch, auch bei Marx nicht. Man muss die Gesellschaft analysieren, um sie zu verändern.

Frage: Aber momentan fehlen die revolutionären Massen. Trotz Finanzkrise, Klimawandel oder Nahrungsmittelknappheit gehen selbst auf den Sozialforen die Teilnehmerzahlen zurück. In Malmö haben sich nicht mehr als 8.000 Globalisierungskritiker versammelt.

Hardt: Bewegungen funktionieren nicht nach der Logik: Je umfassender die Krise, desto gewaltiger der Zulauf. Die französische Revolution hat auch nicht in jenen Jahren stattgefunden, als der Hunger am größten war. ( … )

Meine erste Reaktion wäre: Die sozialen Bewegungen sollten nicht versuchen, sich wieder ein einziges Programmziel zuzulegen, das von einer zentralen Parteiführung beschlossen und von einigen wenigen Rednern transportiert wird.

Frage: Das klingt ja, als würden sich die Globalisierungskritiker zu einer Art kommunistischen Internationale entwickeln.

Hardt: Von 2003 bis 2006 war die Bewegung sehr zentralisiert, und vielleicht war es auch unumgänglich, sich nur noch auf den Irakkrieg und die Anti-Bush-Kampagnen zu konzentrieren. Aber gleichzeitig ging der Spaß verloren, die Freude am Experiment und an der Vielfalt.

Frage: Braucht eine Bewegung nicht einen klaren Gegner wie eben Bush?

Hardt: Das war ein Rückschritt zu einer älteren Form des linken Aktivismus. Wieder wurde von der falschen Prämisse ausgegangen, dass die USA noch die globale Politik diktieren könnten. Dabei waren die Globalisierungskritiker zwischen 1999 und 2003 schon weiter und haben mit verschiedenen Gegnern experimentiert: WTO, EU, G 8, IWF, Weltbank. Das war eine sehr intelligente Form der Theoriebildung, wie die neue globale Struktur aussehen könnte: Die Macht ist heutzutage auf Knoten in einem Netzwerk verteilt.“

Das scheint mir in zweierlei Hinsicht interessant: einerseits weil es die Rolle, die denvon vielen BewegungspolitkerInnen ewig gescholtenen USA zukommt, relativiert. Und andererseits, weil es die Bedeutung der Vielfalt innerhalb der globalen sozialen Bewegungen betont. Vielfalt geht dabei m.E. in zwei Richtungen: einmal als Vielfalt der Themen – sich also nicht nur auf den Krieg zu beschränken, sondern in die breite zu gehen. Andererseits als Vielfalt der theoretischen Ansätze und Analysetiefen. Gerade die Vielfältigkeit ermöglicht es, das Menschen miteinander sprechen, Positionen sich verändern und dergleichen mehr.