Archiv für Oktober 2008

Gute Deutsche, Teil1: Oskar

Ein kluges Wort hat Wolfgang Benz, der Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung, in einem Interview über modernen Antisemitismus in Bezug auf sog. „bürgerlichen Antisemitismus“ gesagt:

Angesichts des Radau-Antisemitismus der Rechtsradikalen darf man nicht den stillschweigenden Antisemitismus aus dem Blick verlieren, der sich nicht durch Sprache artikuliert, sondern über Chiffren wie „Na, Sie wissen schon“ oder „Ostküste“ oder „Wall Street“.

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Von Managern und Angelsachsen

Hans-Werner Sinn übt sich im Tagesspiegel in der Kritik des strukturellen Antisemitismus. Das die derzeitige Krise die Folge raffgieriger Zocker sei, sei nichts als populistische Suche nach Sündenböcken:


In jeder Krise wird nach Schuldigen gesucht, nach Sündenböcken. Auch in der Weltwirtschaftskrise von 1929 wollte niemand an einen anonymen Systemfehler glauben. Damals hat es in Deutschland die Juden getroffen, heute sind es die Manager.

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Theorie gegen verkürztes Krisenbewusstsein (3)

Wieder Samstag, wieder ein Wochenüberblick zur Krise. Allmählich schält sich eine Tendenz heraus…

Franz Schandl: Spekulation als Kalkulation

Ernst Lohoff: Finanzmarktsozialismus

Claus Peter Ortlieb: Ohne Ausweg

Andreas Exner: Der Krisenkompass – wo sind wir, was wollen wir, wie kommen wir ans Ziel?

Michael Heinrich: Der Bürger bürgt

Robert Kurz: Der Einsatz steigt

Robert Kurz: Staatskapitalismus reloaded

Carlos Kunze: Totengräber gesucht

Karl Abraham: Dialektik der Ideologien

Kluge Wörter (?) – Neee

Mitten zwischen Arbeitswahn („Im Grunde geht es um eine Restitution der Würde der Arbeit.“) und mindestens verkürzter, wenn nicht gar strukturell antisemitischer Krisendiagnose („Eine Gesellschaftsordnung, die um ein bodenloses Finanzkapital kreist, hat den Menschen aus dem Blick verloren. Ankerlos vagabundiert ein in der Produktionssphäre überschüssig gewordenes Finanzkapital um die Welt und destruiert die reale Wirtschaft.“) fand ich in diesem Kommentar von Nobby Blüm diesen einen klugen Satz – die Krisis wirds freuen:


Das Realprinzip Arbeit und damit Wertschöpfung und Produktion realer Güter und Dienstleistungen ist der Kern jeder soliden Wirtschaftsordnung.

Das ist selbstverständlich falsch. Das gilt nicht für „jede Wirtschaftsordnung“, sondern nur für die kapitalistische. Aber immerhin: „Realprinzip“ und „Produktion“. Schade nur, das auch die christliche Sozialethik jede richtige Erkenntnis gleich in reaktionäres Geschwätz verwandelt.

Polierte Helme als Emanzipationsstrategie

Auf Indymedia ist vor 2 Tagen ein wiederveröffentlichter Text aus der Organisationsdebatte der 90er erschienen. Weil’s so schön ist, hier die wunderbare Passage über die ehemalige Antifa [m]: (mehr…)

Wachstum ohne Ende

Auf der FAZ gibt es Wirtschaftswissen zu erfragen. Unter der Rubrik „Erklär mir die Welt“ (auf die mich Dead Wall Reveries aufmerksam gemacht hat) wird uns das schier grenzenlose Wachstum der Weltwirtschaft in den letzten 2000 Jahren nahegebracht. Wie eine Pflanze scheint die Wirtschaft immer weiter zu wachsen – was ganz natürlich zu sein scheint. Entsprechend haben wir auch zunächst ein süßes Pflänzchen im Bild:

Die Pflanze

Erst wenn wir weiterklicken, kommen wir zu dieser großartigen Grafik:

Wie eine Pflanze: Wirtschaftswachstum laut FAZ

Hier wird das Volumen des Welt-Brutto-Inlandprodukts vom Jahr 0 bis heute abgebildet – gemessen in US-$! Mal abgesehen von dem Problem, das es seinerzeit keinen Dollar gab – es gab auch keinen Kapitalismus. Da wurde Reichtum nicht in Geld gemessen. Nur erscheint das eben nicht so. Irgendwie scheint das Geld immer dagewesen zu sein. (mehr…)

Theorie gegen verkürztes Krisenbewusstsein (2)

Es ist mal wieder Wochenende und ich nehme mir also die Freiheit, die Linkliste vom letzten Samstag um neue Highlights zu ergänzen:

Joachim Hirsch: Weltwirtschaftskrise 2.0 oder der Zusammenbruch des neoliberalen Finanzkapitalismus (via)

Robert Kurz: Interview bei Telepolis (1|2)

Robert Kurz: Interview mit Internet-Zeitschrift IHU On-Line

Karl Abraham: Barbarische Normalität

Axel Berger: Der Papiertiger wird verwarnt
Bislang war China der wichtigste Finanzier des US-Haushaltsdefizits. Doch offenbar mehren sich die Zweifel, ob die USA noch kreditwürdig sind.

Michael R. Krätke: Der Finger am Geldhahn
China und die Finanzkrise

Christian Lauk: Weniger Wirtschaft oder kaputtes Klima?
Über Prioritätensetzungen einer Geldökonomie.

Annette Schlemm: Commons-Netzwerke

Hat die Finanzkrise eine Geschlechterdimension?

Das frage ich mich gerade. Wenn es stimmt, das die Prinzipien, die den Kapitalismus auszeichnen – und die diesen gerade in die Krise treiben – auch die Prinzipien sind, die das Patriarchat ausmachen, dann müssten Veränderungen auf der einen Seite der Medaille auch solche auf der anderen Seite nach sich ziehen. Das zumindest würde das Wertabspaltungstheorem nahelegen. Viel gefunden dazu habe ich nicht. Hier eine vorläufige Auswahl. (mehr…)

Kurz gesagt

Robert Kurz hat nicht nur schriftlich (1|2) seine Meinung zum Finanzcrash kundgetan, sondern auch via Radio-Interview. Der Interviewer ist derselbe, dem wir schon das legendäre Interview mit Justus W. zu verdanken haben. Hier der Herr Kurz live und in Fahrt:

Staatsbubble

Nachdem der letzte Bubble geplatzt ist, fragen sich alle (oder zumindest viele), wo denn wohl der nächste entstehen mag. Bei den Rohstoffen sieht’s grade mau aus, und so sieht es aus, als könne der Staat zum neuen ökonomischen Shootingstar werden. Denn damit sich das Geld nicht in Luft auflöst, will der Staat dafür garantieren, es also letztlich ersetzen. Aus fiktivem Geld im Finanzsektor wird so fiktives Geld im Staatssektor. Ökonomisch macht das keinen großen Unterschied. Zudem dient das Geld nicht mal dazu, ein wenigstens kurzfristiges Konjunkturfeuer zu entfachen. Es ist einfach weg.

Auch für die Sparer*Innen wird der Staat immer wichtiger. Staatsanleihen boomen wie lange nicht uns gelten als sichere Anlage. Außer in Island vielleicht. Das Geld wird also den Finanzmärkten entzogen und fließt in den Staat. Was auch Grenzen hat. Irgendwie muss der das schließlich auch mal zurückzahlen. Nach einem funktionstüchtigen Akkumulationsmodell sieht das jedenfalls nicht aus…

Mal was neues: Rezession

Nachdem lange Zeit die Finanznachrichten den Wirtschaftsteil der Zeitungen überschatteten, geht es nun mehr und mehr um allgemeine konjunkturelle Fragen. (mehr…)

Alles vorbei?

DowJones und Nikkei konnten gestern mit Rekordzuwächsen aufwarten: so stark war die beiden Indizes ihr Leben lang noch nicht gestiegen. Auch der Dax hat einiges an Boden wieder gutgemacht und ist auch heute morgen positiv in den Tag gestartet. Es hat also den Anschein, als hätte das Krisenmanagement der G-7 angeschlagen und als sei die Weltökonomie wieder am dem Weg zu Besserung. Die Krisenpropheten haben scheinbar mal wieder übertrieben.

Diese oberflächliche Diagnose ignoriert allerdings, wie tief der Schnitt ging, der hier vollzogen wurde. Das letztlich relevante sind dabei nicht die Kurse der Banken, die nun, nach den Rettungspaketen, wieder ansteigen. Das relevante scheinen mir vielmehr die langfristigen Konjunkturauswirkungen. (mehr…)

Go Marcel Go

Wer dachte, der olle Kapitalismus wäre derzeit der einzige, der auf’s seine alten Tage noch mal krachen lässt, wurde gestern Abend eines besseren belehrt. Die geneigte TatortzuschauerIn, die nochmal kurz ins ZDF zappte traute ihren Augen und Ohren schon nicht mehr, als „Deutschland sucht den Superstar“ zur Unterhaltungsshow des Jahres gekürt wurde. Jaja… Krisenphänomene wo das Auge schaut.

Dann trat Thomas Gottschalk ans Mikro und begann mit einer Laudatio auf – Marcel Reich-Ranicki, die einem die Tränen vor Fremdscham in die Augen trieb. Allerdings musste ich gegen Ende der nun folgenden Minuten feststellen, dass scheinbar sogar Herr Reich-Ranicki nachsichtiger ist als ich:

The Godfather des Literarischen Quartetts ließ es in sanfter Steigerung dann fünf Minuten Schmach und Ekel über das deutsche Fernsehen und insbesondere seine Mitgewinner regnen. So angewiderten Charme darf halt nur Marcel verspühen. Teddy hätte geklatscht. Aber seht selbst ;O)

Schade nur, das er sich am Ende kaufen lässt….

Jörg Haider ist tot

Jörg Haider ist Tod. Ich habe lange überlegt, ob diese Tatsache für einen schlechte Witz eignet, oder ob das nicht unangebracht wäre. Dann kam dieser Nachruf von Andreas, und dann schien alles wesentliche im Grunde schon gesagt:

„Derweil nimmt im Online-Standard die allgemeine Betroffenheit ihren Lauf. Selbst Leute, die ihn nicht gemocht haben wollen, mögen ihn auf einmal, jetzt, wo er tot ist. Aber nicht, weil er tot ist.

Was fühlt die österreichische Seele, wenn sie jemanden so betrauert, fassungslos, wie man schreibt, den sie nicht gemocht haben will, ja nicht einmal gewählt haben soll oder je hätte. Man fühlt sich an ganz andere Kaliber erinnert. Er war einer der ihren, nicht der anderen. Der Standard gibt keine Möglichkeit zu Postings. Von der pietätlosen Art gäbe es eine zu große Zahl.

Zwischen 1997 und 2002 sind auf dem Weg von Marokko nach Spanien schätzungsweise 10.000 Menschen ertrunken (3sat). 20.000 bis 30.000 Menschen insgesamt sollen laut Experteneinschätzungen pro Jahr bei der Flucht nach Europa umkommen, weil die EU die Grenzen schließt (borderline-europe). Amtlich dokumentiert sind für den Zeitraum zwischen 1993 bis April 2005 laut der Organisation Unite 6.366 Todesfälle von Migrantinnen und Migranten, die beim Versuch gestorben sind, in die EU zu kommen, davon über 90 Prozent auf See, schreibt Corinna Milborn in “Gestürmte Festung Europa”.

Eine große Zahl.“

Den Rest hat dann dieser junge Mann erledigt:

Sinn-frei

Die FAZ am Sonntag bringt ein Interview mit Hans-Werner Sinn. Auch ihm obliegt nun die Aufgabe, den Menschen zu erklären, das die Probleme nicht vom Kapitalismus, sondern von Missmanagement und aus den USA kommen. Dass es in der letzten Zeit immer häufiger mal Finanzkrisen gegeben hat und das schon ein wenig beunruhigen könnte, davon will Sinn nichts wissen:

„Nein, das sehe ich nicht. Begrenzte Finanzkrisen gab es auch früher. Denken Sie an die Weltschuldenkrise 1982, die Savings & Loan-Krise 1991 oder die Asien-Krise 1997. Man vergisst diese Krisen nur im Laufe der Zeit.“

Ja, nee. Is klar. Komisch, das alle Krisen, die ihm da einfallen, zeitlich nach dem Ende des Fordismus platziert sind. Seit dem nämlich bläht sich der Finanzüberbau enorm auf und wächst wesentlich schneller als die sog. Realökonomie. (mehr…)