Krisenursachen

Krise und Kapitalismus sind wahrlich zwei Dinge, die zusammengehören und auch schon so ziemlich immer zusammengehört haben. Michael Heinrich etwa verwies unlängst auf die Krise von 1857/58, „die erste wirkliche Weltwirtschaftskrise des modernen Kapitalismus, in die schließlich alle damals führenden Länder (England, USA, Frankreich, Deutschland) hineingezogen wurden.“ Marx dachte damals, der große Crash stünde bevor, doch es kam anders: „Die Krise war bereits im Frühsommer 1858 überwunden und das kapitalistische System ging sogar enorm gestärkt aus ihr hervor.“ Marx jedenfalls hätte sich „mit guten Gründen von jeder Zusammenbruchstheorie verabschiedet“ und erkannt: „Im Kapitalismus wirken Krisen als brutaler Reinigungsakt.“

Auch die Tatsache, das Krisen (wie derzeit) sich als sog. Überakkumulationskrise darstellen, sei nichts neues:


„Seit der holländischen Tulpenkrise im frühen 17. Jahrhundert haben diese Spekulationskrisen immer wieder denselben Verlauf genommen: Ein bestimmtes Vermögensobjekt (seien es nun Aktien, Häuser oder eben Tulpenzwiebeln) wird immer höher bewertet, was die Nachfrage nach diesem Objekt ankurbelt, denn alle wollen am scheinbar unaufhaltsamen Wertzuwachs teilhaben. Das eigene Vermögen, schließlich auch Kredite werden zum Erwerb des Spekulationsobjektes benutzt. Aufgrund der großen Nachfrage steigt dessen Preis weiter, was zu weiterer Nachfrage führt. Doch irgendwann ist dieser Anstieg erschöpft. Es wird schwieriger, neue Käufer zu finden, und die ersten Anleger wollen ihre Gewinne realisieren und verkaufen. Der Preis des Spekulationsobjektes fällt. Jetzt wollen alle aussteigen, um keine Verluste zu machen, was aber den Preis noch weiter drückt. Viele von denen, die spät in die Spekulation eingestiegen sind und zu einem hohen Preis gekauft haben, machen jetzt hohe Verluste. Da mit diesen Verlusten auch ein allgemeiner Nachfrageeinbruch verbunden ist, kann sich eine solche Spekulationskrise auf die gesamte Wirtschaft auswirken. Im Prinzip ist deren Verlauf heutzutage auch denjenigen bekannt, die sich an der Spekulation beteiligen. Doch ist eben nicht klar, in welcher Phase der Spekulation man sich befindet: relativ am Anfang, wo noch gute Gewinnchancen existieren, oder eher am Ende, kurz vor dem Platzen der Blase. Jeder hofft, dass er noch bei den Gewinnern sein kann, auch wenn er weiß, dass der Absturz kommen wird.“

Dieses Prinzip gilt nun – eine Betrachtung der empirischen Entwicklung bestätigt das, auch für die derzeitige Krise. Michael Heinrich stellt deren Entwicklung in die Geschichte des platzens New Economy-Blase:

„Nach dem Platzen der New-Economy-Blase im Jahre 2000 hatte die US-amerikanische Zentralbank die Leitzinsen zwischen Januar 2001 und Mitte 2003 von 6,5 auf nur noch 1 Prozent abgesenkt, um die Investitionen über billige Kredite wieder anzukurbeln. Für zwei bis drei Jahre lagen die Zentralbankzinsen sogar unterhalb der Inflationsrate. Sinkende Zinsen machten auch den Kauf von Häusern attraktiv, und in den eigenen vier Wänden zu leben, ist in den USA über alle Klassen hinweg ein akzeptiertes Ziel. Zwischen 2000 und 2005 hat sich die Summe der Hypotheken fast verdreifacht. Die stark wachsende Nachfrage nach Häusern ließ die Immobilienpreise trotz zunehmender Bautätigkeit um 10 bis 20 Prozent pro Jahr steigen, was die Banken zu einer immer riskanteren Kreditvergabe verleitete. Der Kaufpreis wurde jetzt auch zu 100 Prozent vorgeschossen, man verlangte von den Käufern kein Eigenkapital mehr. Normalerweise finanzieren Banken nur 60 bis 80 Prozent des Kaufpreises, damit sie bei einem Zwangsverkauf des Hauses (infolge einer Zahlungsunfähigkeit des Schuldners) einen Sicherheitspuffer haben und keinen Verlust machen. Auch wenn das Haus beim Zwangsverkauf nicht den ursprünglichen Kaufpreis erzielt, bleibt in der Regel noch genug für die Rückzahlung des Kredits übrig, der Verlust liegt dann allein auf der Seite des Schuldners. Bei stark steigenden Immobilienpreisen glaubten die Bankmanager, dass nichts mehr schiefgehen könne, der Sicherheitspuffer würde durch die steigenden Preise automatisch nachgeliefert. Allerdings nutzten viele Hausbesitzer die steigenden Immobilienpreise zu einer Erhöhung ihrer Kredite aus, um damit ihre Konsumausgaben zu finanzieren. Die Herstellung des Sicherheitspuffers wurde damit immer weiter in die Zukunft verschoben. „

Alles in allem also eine Krise wie jede andere, möchte mensch meinen. Eine Besonderheit allerdings möchte auch Heinrich in der gegenwärtigen Krise entdecken:

„Eine besondere Note erhält diese Krise allerdings durch die Rolle, die die Banken in ihr spielen. Bei Krisen des Aktienmarktes sind die Verlierer häufig die vielen Kleinanleger, die ihre Spargroschen in Aktien anlegten und nach einem Crash nur noch wertloses Papier in Händen halten oder sogar verschuldet sind, weil sie ihre Aktienkäufe per Kredit finanzierten. Bei der Immobilienkrise in den USA sind die Geschädigten in erster Linie die Banken und die spekulativ orientierten Hedgefonds, die den Banken die Immobilienkredite (bzw. die mit diesen Krediten besicherten Wertpapiere) abkauften.“

Die Ursache für diese Beonderheit sieht Heinrich nun aber nicht in kapitalistischen Systemgesetzen, sondern im willkürlichen Handeln der PolitikerInnen. Diese nämlich hätten durch politische Entscheidungen in den letzten Jahren und Jahrzehnten eine riesige Umverteilungsmaschinerie von unten nach oben angeworfen. Die wiederum hat dann eine Finanzlase von beträchtlicher Größe hervorgeracht:

„Als Folge dieser Entwicklungen ist der Umfang des Finanzvermögens in den letzten Jahrzehnten weit stärker gewachsen als das Sozialprodukt. Und für dieses enorm gewachsene Finanzvermögen wird ständig nach möglichst profitablen Anlagemöglichkeiten gesucht, was die Spekulation enorm ankurbelt. Allerdings stellen die oben genannten Verluste nur einen kleinen Bruchteil des internationalen Finanzvermögens dar, das sich auf ca. 150.000 Milliarden Dollar beläuft. „

Zwar betont er, das auch eine Re-Regulierung der Finanzmärkte keinen krisenfreien Kapitalismus hervorbringen würde, aber verwundern muss dieser Schwenk schon. Anders argumentiert hier Norbert Trenkle, der die Entstehung dieses Riesen-Bubbles auf globale Verwertungsschwierigkeiten seit den 70er Jahren zurückführt. Da sich in der Realökonomie mittels Einsatz von Arbeitskraft nur noch mäßig aus Geld mehr Geld machen lasse, flösse das Kapital vermehrt in den Finanzüberbau.

„Es ist allgemein bekannt, dass das Abheben und die weitgehende Verselbstständigung der Finanzmärkte in der Mitte der 1970er Jahre begannen. Die Gründe dafür lagen jedoch nicht etwa in willkürlichen politischen Entscheidungen oder dem Einfluss neoliberaler Thinktanks und mächtiger wirtschaftlicher Interessengruppen, wie es im Rückblick heute vielfach behauptet wird, sondern darin, dass die lange Aufschwungsphase der Nachkriegszeit in eine tiefe Strukturkrise geriet und der Fordismus an seine Grenzen stieß. Die Profitraten gerieten unter Druck, weil sich die organisatorischen und betriebswirtschaftlichen Produktivitätsreserven der standardisierten Massenproduktion erschöpft hatten, während gleichzeitig erfolgreiche Arbeitskämpfe für eine Anhebung der Löhne und Sozialleistungen sorgten und die Vorauskosten für die Finanzierung der allgemeinen öffentlichen Infrastruktur immer weiter anstiegen. Als die OPEC-Länder dann auch noch den Ölpreis empfindlich anhoben und damit die Kosten für die exzessive Ausbeutung der fossilen Energiereserven in die Höhe schnellten, war der selbsttragende Wachstumsschub der Nachkriegszeit an sein Ende gelangt. Zusätzliche Investitionen in Produktionsmittel, Fabriken, Gebäude etc. unterblieben, weil sie keinen oder keinen ausreichenden Gewinn mehr versprachen; in der Folge wurde ein erheblicher Teil des Kapitals „freigesetzt“ und fand keine rentable Anlagemöglichkeit mehr.“

Das dies Krisenpotential nicht zum tragen kam, lag nun daran, das die überschüssigen Gelder auf die eine oder andere Weise in den Finanzüberbau gesteckt wurden, „wo es zunächst hauptsächlich in der Form von Staatskrediten, zunehmend aber auch in der Aktien- und Wertpapierspekulation angelegt wurde.“ Auf die gewöhnliche Aktien- und Wertpapierspekulation folgte dann die auf Immobilien – das hatten wir ja schon. Insgesamt zeichnet sich die aktuelle Krise also dadurch aus, das sie nicht (wie die zu marxens Zeiten) nach anderthalb Jahren vorbei war, sondern mit über dreißig Jahren mittlerweile auf ein durchaus stolzes Alter verweisen kann. Auf dem Krisis-Seminar wurde diskutiert, ob die letzte Stunde der Blase nun geschlagen hat. Einige der Anwesenden fanden viele Hinweise darauf, das dem so sein könnte. Und die aktuellen Entwicklungen scheinen da ja auch für zu sprechen…


2 Antworten auf “Krisenursachen”


  1. 1 A.M.P. 08. Oktober 2008 um 14:25 Uhr

    Wie ist das zu verstehen „letzte Stunde der Blase“? Also als finale Krise oder dass es solche Blasen in Zukunft nicht mehr geben wird, weil die Staaten die Zirkulationsebene stärker kontrollieren werden? Ah ich sehe gerade für die nächste Frage sollte ich mal bei Keimform reinlesen.

  2. 2 Juli 08. Oktober 2008 um 14:30 Uhr

    Naja, wenn der Finanzüberbau 150.000 Milliarden Euronen über der Realwirtschaft datiert, dann werden die sich früher oder später in Luft auflösen. Indem etwa Aktienkurse abstürzen oder gerne auch mal ganze Staaten. Wie genau sich das abspielt, weiß wohl niemensch. Und was danach kommt – daran will ich lieber nicht denken…

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