Sinn-frei

Die FAZ am Sonntag bringt ein Interview mit Hans-Werner Sinn. Auch ihm obliegt nun die Aufgabe, den Menschen zu erklären, das die Probleme nicht vom Kapitalismus, sondern von Missmanagement und aus den USA kommen. Dass es in der letzten Zeit immer häufiger mal Finanzkrisen gegeben hat und das schon ein wenig beunruhigen könnte, davon will Sinn nichts wissen:

„Nein, das sehe ich nicht. Begrenzte Finanzkrisen gab es auch früher. Denken Sie an die Weltschuldenkrise 1982, die Savings & Loan-Krise 1991 oder die Asien-Krise 1997. Man vergisst diese Krisen nur im Laufe der Zeit.“

Ja, nee. Is klar. Komisch, das alle Krisen, die ihm da einfallen, zeitlich nach dem Ende des Fordismus platziert sind. Seit dem nämlich bläht sich der Finanzüberbau enorm auf und wächst wesentlich schneller als die sog. Realökonomie. Das Wort kennt Sinn mittlerweile auch, nur will er da keine Zusammenhänge sehen:

Angst haben die Anleger vielleicht, aber tatsächlich ist bislang in Deutschland nicht viel mehr passiert als eine gewisse Korrektur der total überhöhten Aktienkurse. Der Dax ist heute noch lange nicht so weit im Keller, wie er es zu Anfang des Jahres 2003 war. Kein Kunde einer deutschen Bank hat bislang eine Einlage verloren, und es wird auch keiner seine Einlagen verlieren. ( … ) Die Realwirtschaft ist von der Finanzkrise noch nicht wirklich betroffen. Der konjunkturelle Abschwung, der nun schon seit einem dreiviertel Jahr zugange ist, ist nicht das Ergebnis der akuten Finanzkrise.

Das stand vor kurzem noch ganz anders in der FAZ:

Europas größten Softwarehersteller SAP hat die Finanzkrise mit voller Wucht getroffen. „SAP konnte sich den Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise, wie sie seit der zweiten Septemberhälfte die Märkte erfasst, nicht entziehen“, hat der SAP-Vorstandsvorsitzende Henning Kagermann eingeräumt. Als Grund nannte er Finanzierungsschwierigkeiten, die durch die Kreditklemme entstanden seien: Kunden, die sich überlegt hätten, bei SAP zu bestellen, seien abgesprungen.

Damit steht SAP nicht alleine. Die Realwirtschaft spürt die Auswirkungen der Finanzkrise immer stärker, was auch der Bundesverband der Deutschen Industrie einräumt. ( … )

Davon will Sinn jedenfalls nichts wissen. Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Stattdessen erklärt er uns, wie der American Way of Life all das verursacht haben soll:

„In Amerika sind Häuslebauer und Investmentbanken zu Spielern geworden. Sie haben viel zu viel Risiko gesucht. Das Problem war, dass jeder – ob Putzfrau oder Taxifahrer – ein Haus kaufen sollte. Und die Bank hat es zu 100 Prozent finanziert. Die Haftung war auf das Haus beschränkt und erstreckte sich nicht wie in Deutschland auf das sonstige Vermögen und das Arbeitseinkommen. Wer ein Haus per Kredit kaufte, konnte nur gewinnen, aber nicht verlieren. Das hat ein Übermaß an Wagemut, ein Übermaß an Zahlungsbereitschaft für Häuser und ein Übermaß an Konsum erzeugt. Banken haben ebenfalls zu wagemutig agiert, weil sie mit zu wenig Eigenkapital operieren durften.“

Nun habe ich ja nicht viel Ahnung von Ökonomie, aber wenn Deutschland Exportweltmeister ist und nicht zuletzt von Exporten in die USA lebt und dort nun aber ein „Übermaß an Konsum“ ausgemacht wird – hat das die „Risikobereitschaft“ der US-Gesellschaft nicht gerade auch das „Modell Deutschland“ gestützt? Und wenn das Geld, das diesen Konsum möglich gemacht hat nun verpufft – könnte sich das nicht auf den deutschen Export auswirken? Und haben nicht etliche AutomobilproduzentInnen ihre Produktionseinschränkung noch vor kurzem genau so begründet?

Sinn sieht das anders und betont die Unterschiede vom US-amerikanischen und deutschen Bankensystem. „Unsere Banken sind nicht in ähnlicher Weise betroffen wie die angelsächsischen Banken.“ Überhaupt ist diese unsägliche Profitstreben keine Sache des Germanen. Wenn überhaupt, dann ist der angesteckt worden:


„Wenn Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann sagt, 25 Prozent Eigenkapital-Rendite müsstem ihm seine Investment-Banker verdienen, dann zeigt das doch nur, dass der amerikanische Infekt auch begonnen hatte, sich in Deutschland auszubreiten.“

Amerikanismus als Krankheit. Auch das ist eine Möglichkeit, sich und uns die Krise zu erklären. Überzeugend ist es deshalb noch lange nicht. Höchstens brandgefährlich. Dabei können wir schon bei ollem Kalle Marx nachlesen, das es gerade das Prinzip des Kapitalismus ist, nach immer höheren Renditen zu streben. In einer sehr schönen Passage zitiert er T.J. Dunning:

“Mit entsprechendem Profit wird Kapital kühn. Zehn Prozent sicher, und man kann es überall anwenden; 20 Prozent, es wird lebhaft; 50 Prozent, positiv waghalsig; für 100 Prozent stampft es alle menschlichen Gesetze unter seinen Fuß; 300 Prozent, und es existiert kein Verbrechen, das es nicht riskiert, selbst auf Gefahr des Galgens.”


8 Antworten auf “Sinn-frei”


  1. 1 W.I. 13. Oktober 2008 um 16:15 Uhr

    Nun habe ich ja nicht viel Ahnung von Ökonomie, aber …

    Eine erstaunlich ehrliche Aussage über einen Sachverhalt der für Wert- und sonstige linke Kritiker absolut symptomatisch ist.

    Die Empfehlung wäre daher sich den ökonomischen Scheiß draufzuschaffen, um zur Finanzkrise Substantielleres als das, mal in Abgrenzung mal in Zustimmung zur bürgerlichen Presse betriebene, Orakeln über den Verlauf der Krise zu Wege zu bringen.

  2. 2 Benni Bärmann 13. Oktober 2008 um 17:36 Uhr

    @WI: Ich versuche seit Jahren, mir das „draufzuschaffen“. Je mehr ich das versuche um so mehr stelle ich fest, dass da nicht wirklich was dahinter ist, hinter dieser angeblichen Wissenschaft.

  3. 3 W.I. 13. Oktober 2008 um 18:24 Uhr

    Benni, deshalb hab ich auch einen Kommentar von mir verlinkt in dem ein paar Lektüre- und Vortragsempfehlungen stehen. Aber auch dir würde ich raten eine Erklärung dessen was da gerade vorgeht nicht mit einer Auskunft darüber »wie es jetzt weiter geht mit dem Kapitalismus« zu verwechseln.

  4. 4 Benni Bärmann 13. Oktober 2008 um 21:41 Uhr

    @WI: Was da gerade vorgeht versteh ich glaub ich schon ganz gut. Soweit man das halt verstehen kann. Nur solange dieses Verständnis nix darüber aussagt wie es weitergeht nützt mirs ja nix. Hinterher is man immer klüger.

  5. 5 Juli 14. Oktober 2008 um 10:44 Uhr

    Na, also so einen GSP-Text schüttele noch mit links und dreimal täglich aus dem Ärmel. Dahinter steht nämlich weniger Analyse als vielmehr das Vorurteil, das der Kapitalismus zwar böse ist, dafür aber ganz bestimmt niemals in arge Problem kommen kann. Tut mir leid, aber von Vulgärmarxist*Innen muss ich mich nun wirklich nicht maßregeln lassen….

  6. 6 Das geprüfte Argument 14. Oktober 2008 um 11:37 Uhr

    Na, also so einen GSP-Text schüttele noch mit links und dreimal täglich aus dem Ärmel. Dahinter steht nämlich weniger Analyse als vielmehr das Vorurteil, das der Kapitalismus zwar böse ist, dafür aber ganz bestimmt niemals in arge Problem kommen kann.

    Du hast vom GSP offenbar so wenig gelesen, wie zur Ökonomie. Zeig mal einen Text, wo der Kapitalismus als „böse“ dargestellt wird.

    Und interessant, dass der Kapitalismus erst deshalb kritikabel ist, weil er nicht funktioniert (arge Probleme bekommen…). Und bloß nicht, weil er die Mehrheit der Menschheit systematisch nicht gut tut.
    Daher agitiert man die ja. Dann könnte der Kapitalismus tatsächlich mal Probleme bekommen!

  7. 7 A.M.P. 14. Oktober 2008 um 11:51 Uhr

    Naja selbst die Wirtschaftswissenschaft ist sich in diesem Fall, was die Krisenerklärungs- und -lösungsansätze angeht recht uneins. In einer Vorlesung gestern hat ein Prof. George W. dafür verantwortlich erklärt, dass es überhaupt zu der ungedeckten Kreditvergabe kam.(Angebliches wahltaktisches Gemauschel zwischen den zwei abgekackten Banken und Bush!) Also was den Antiamerikanismus angeht, sind die deutschen tendenziell auch die europäischen Ökonomen ganz vorne mit dabei. Interessant ist viel mehr, dass die Vertreterinnen und Vertreter des freihen Markts (Ökonominnen und Ökonomen) momentan staatliche Regulation gutheißen und auch zu transnationaler Kooperation aufrufen. Kaum noch etwas zu hören von dem freien Spiel der Kräfte. Auch dieses Umdenken ist zumindest ein Indiz für die Brisanz der jetzigen Krise.

    @W.I: haha, was für eine Leistung!
    Kein „Argument“, sondern lediglich eine Bekundung des Unmuts bezüglich dieser „Analyse“ meinerseits.

  8. 8 DWR 15. Oktober 2008 um 15:39 Uhr

    Daß man in diesem kleinen Moment keine neoliberalen Glaubenssätze vernimmt, heißt nicht viel und verheißt noch weniger. Das sind nur temporäre Ausweichbewegungen und Reflexe. Diese Debatten gabs schon 100mal. Da werden dann zwar auf den ersten Blick sympathischere Methoden diskutiert, und auch die Meute regt sich drei Tage auf über „die Kapitalisten da oben“ – aber bald darauf wird natürlich wieder Rendite gemacht. Was auch sonst? Und ob neoliberal oder postneoliberal, das sind Unterschiede, die für Systemdissidenten keine sind.
    Gerade wo und wenn er funktioniert, muß man den Kapitalismus kritisieren und die Argumente gegen die Ideologie von Effizienz und Standort setzen! Dem schwächelnden Kapital noch eins draufzugeben is doch pubertärer attac-style und tut nicht wirklich weh.
    Wer in Krisen erst zur großen Kritik aufläuft beweist nur, daß er keine Eier und Argumente hat, wenn sein Gegner gesund ist. Da kann man auch gleich warten, bis alles von selber den Bach runtergeht.

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