Alles vorbei?

DowJones und Nikkei konnten gestern mit Rekordzuwächsen aufwarten: so stark war die beiden Indizes ihr Leben lang noch nicht gestiegen. Auch der Dax hat einiges an Boden wieder gutgemacht und ist auch heute morgen positiv in den Tag gestartet. Es hat also den Anschein, als hätte das Krisenmanagement der G-7 angeschlagen und als sei die Weltökonomie wieder am dem Weg zu Besserung. Die Krisenpropheten haben scheinbar mal wieder übertrieben.

Diese oberflächliche Diagnose ignoriert allerdings, wie tief der Schnitt ging, der hier vollzogen wurde. Das letztlich relevante sind dabei nicht die Kurse der Banken, die nun, nach den Rettungspaketen, wieder ansteigen. Das relevante scheinen mir vielmehr die langfristigen Konjunkturauswirkungen. Immerhin hat Weltwirtschaft lange Jahre nur als prekäres Konstrukt existiert, durch das Zwillingsdefizit der USA beispielsweise. Wie es damit weitergeht, ist zumindest mir gerade nicht klar. Sollte die Konjunktur jedoch auch in China einbrechen, dann sieht es nicht gut aus für den Rest der Welt.

Davon abgesehen sieht es jedoch auf weiten Teilen des Wirtschaftsparketts nicht sonderlich rosig aus. Der IWF etwa sagt eine weltweite Wirtschafts-Flaute voraus, „eine Stagnation in den Vereinigten Staaten, ebenso wie für Deutschland ( … ) Für Italien und Spanien befürchtet der Fonds sogar ein Schrumpfen des Bruttoinlandsprodukts, und auch die britische Wirtschaft dürfte 2009 weniger leisten als noch in diesem Jahr.

Dem haben sich nun die deutschen Forschungsinstitute in ihrem Herbstgutachten angeschlossen. Demnach droht selbst für die berufsmäßigen Schönredner „droht im kommenden Jahr eine Stagnation der Wirtschaft selbst dann, wenn die Folgen der Finanzkrise weitgehend abgemildert werden können.“ Sollten die getroffenen Schritte sich als nicht nachhaltig genug erweisen, wäre „in Deutschland sogar mit einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts zu rechnen.“ Dabei halten sie jedoch bislang die miesere Variante für die wahrscheinlichere – was sie nicht daran hindert, die günstige als „Basisprognose“ zu verkaufen.

Einzelne Unternehmen, manchmal sogar ganze Wirtschaftsbereiche spüren bereits die Folgen der Wirtschaftsflaute. Von dem Softwarehersteller SAP wurde ja bereits oft berichtet, aber auch„Internet-Auktionshaus Ebay will weltweit rund zehn Prozent der Stellen streichen, davon etwa 100 in Deutschland.“ Der Grund: „Ebay leidet unter der amerikanischen Wirtschaftsflaute“. Das wird der Arbeitsmarkt nicht mal merken, nur zeigt es, das die Spielräume allem Anschein nach bereits jetzt kleiner werden. Das dürfte auch für die deutschen Automobilhersteller gelten, die gerade ihre Produktion drosseln.

Es fragt sich dann, wo der Aufschwung herkommen soll. Aus der Realwirtschaft sicher nicht, zumindest war das in den letzten 30 Jahren nicht mehr der Fall. Es wird also perspektivisch Zeit für einen neuen Bubble. Einige vermuten, es würde demnäxt auf Rohstoffe spekuliert, danach sieht es aber zumindest bislang noch nicht aus. Im Gegenteil dazu legt die FAZ nahe, das der Rohstoff-Bubble bereits seit Mitte 2006 existiert hat und derzeit eher verpufft:

Der Kupfer-Bubble


„Begann der von tatsächlich zunehmender Nachfrage getriebene Preisauftrieb zunächst weitgehend unbemerkt, so wollten schließlich immer mehr Anleger davon profitieren. Auf diese Weise entwickelte sich eine Eigendynamik, die schließlich in spekulativen Exzessen resultierten. ( … ) Sie wurden einerseits gefördert durch die Auflage von heftig beworbenen Fonds und Zertifikaten, die immer mehr Anleger anzogen. Die dadurch eingeworbenen Mittel mussten investiert werden und trieben so die Preise immer weiter nach oben. Das führte dazu, dass schließlich große Bestände von Edelmetallen in den angemieteten Tresoren von Fonds lagerten.“

Dazu kam wohl, das gerade die Banken, die nun den Bach runtergegangen sind, die entsprechenden Rohstoff-Swaps gehalten haben – und diese mit jenen untergegangen sind.

Dasselbe gilt laut FAZ übrigens auch für Nahrungsmittel:

„Auch am Markt für Agrarrohstoffe sehen Experten die Preise purzeln. Mais dürfte in den nächsten sechs Monaten bis zu 15 Prozent billiger werden, erwartet Don Roose, Präsident des Brokerhauses U.S. Commodities Inc. in West Des Moines, Iowa. Der Preis von Sojabohnen werde voraussichtlich elf Prozent sinken.“

Eine andere Variante, die sich gerade abzeichnet, ist ein neuerlicher Staats-Bubble. Denn die derzeitigen Garantien der Staaten für faule Kredite und die Angebote, Banktitel zu erwerben, sind letztlich nichts weiter als ein ersetzen virtueller Liquidität an den Börsen durch virtuelle Liquidität im Staatshaushalt. Politökonomisch sind beides sehr prekäre Konstruktionen, die nicht wirklich für einen nachhaltig funktionstüchtigen Kapitalismus taugen – wie Ernst Lohoff vor einigen Jahren überzeugend zeigen konnte.

Nicht das wir uns missverstehen: das eine macht den Kapitalismus genausowenig liebenswert wie das andere. Nur halte ich es tatsächlich für notwendig, den genaueren Krisenverlauf zu analysieren. Einerseits, um potentielle Gefahren regressiver Krisenbewältigung abschätzen zu können (Stichwort: anglo-amerikanische Heuschrecken), andererseits um emanzipatorische Potentiale für soziale Bewegungen erkennen zu können.


2 Antworten auf “Alles vorbei?”


  1. 1 Entdinglichung 14. Oktober 2008 um 12:51 Uhr

    bleibt ansonsten die Frage, ob das Kapital versuchen wird, durch einen generellen Angriff auf die Löhne seinen Spielraum zu erhalten/vergrössern und was für Bündnisse dafür geschlossen werden (mit den Gewerkschaften oder gegen die Gewerkschaften) … die Schwäche der traditionellen ArbeiterInnenbewegung (oder besser gesagt, was davon noch übrig ist) lässt dem Kapital jedenfalls beide Optionen offen …

  2. 2 Ernst 14. Oktober 2008 um 16:33 Uhr

    Die Gewerkschaften fordern schon gar nichts mehr, da ist also weder ein Bündnis noch eine große Anstrengung seitens des Kapitals nötig. Und laut Robert Kurz ist mit einer Senkung der Masseneinkommen und mit mehr Arbeitslosigkeit zu rechnen.

    Juli, ich lese deine Beiträge sehr gern. Aber kannst du bitte vor der Veröffentlichung mit größerer Sorgfalt die Rechtschreibung etc. überprüfen? Das würde die Lesbarkeit und Professionalität dieses Blogs erheblich steigern.

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