Hat die Finanzkrise eine Geschlechterdimension?

Das frage ich mich gerade. Wenn es stimmt, das die Prinzipien, die den Kapitalismus auszeichnen – und die diesen gerade in die Krise treiben – auch die Prinzipien sind, die das Patriarchat ausmachen, dann müssten Veränderungen auf der einen Seite der Medaille auch solche auf der anderen Seite nach sich ziehen. Das zumindest würde das Wertabspaltungstheorem nahelegen. Viel gefunden dazu habe ich nicht. Hier eine vorläufige Auswahl.

Als erstes fällt wohl auf, das auf Bildern in Zeitschriften oftmals nur Männer zu sehen sind. Der Broker als solcher scheint männlich zu sein. Das ist aber nichts ungewöhnliches, da ohnehin oftmals nur heterosexuelle weiße Männer aus dem Westen als echte Subjekte durchgehen. Die Auslassungen zu geschlechtsspezifischen Auswirkungen, die sich mit geringem Aufwand googeln lassen, sind nicht sonderlich groß. Das zurück-zum-starken-Staat und das zu erwartende Gürtel-enger-schnallen könnten zunächst auf eine Verschärfung patriarchaler Verwerfungen hindeuten. Wenn Verteilungskämpfe zunehmen – warum sollten die zwischen den Geschlechtern davon ausgenommen sein? Also die Frau „zurück an den Herd“ und ein Hoch auf Eva Hermann als neuer Trend?

Darauf hindeuten könnte die Reaktion von Dieter Bohlen, der nicht nur Fonds-Manager auf offener Straße verprügeln wollte, sondern ebenfalls zu Protokoll gab: „Geld ist so ein bisschen wie Frauen, das muss man ganz gut behandeln.“ Die Frau ist ähnlich dem Geld für Bohlen ein Objekt, was eine interessante Variante ist. Die schnuckelige Ökonomie, die nicht vom Geld beherrscht wird, sondern selber das Geld zu beherrschen in der Lage ist, das scheint hier das Ziel des BWLers Bohlen. Lieber hart arbeiten als unseriös rumspekulieren. Da verbindet sich dann die reaktionäre Pseudo-Kritik mit einem patriarchalen Gestus. Nicht schön. Aber meist hat sowas ja Zukunft.

Aber es muss nicht unbedingt so kommen. Möglich wäre auch die Variante von Marco Schreuder, der Männern per se eine Spielernatur unterjubeln möchte und mehr Frauen in der Finanzwelt fordert. Was wohl aber eher auf Ressentiment denn auf kritischer Analyse beruhen dürfte. Ganz ähnlich argumentiert auch die Unternehmerin Gertrud Höhler:

In etwa das stelle ich mir immer unter Differenzfeminismus vor. Auch nicht schön. Noch eine Variante vertritt der Playboy:

„Unter dem Titel „Sexiest Women of Wall Street“ soll im Februar 2009 eine „Playboy“-Ausgabe erscheinen, für die sich Mitarbeiterinnen der Wall Street nackt fotografieren gelassen haben. Das Angebot des „Playboys“, das sich an Mitarbeiterinnen richtet, die durch die Finanzkrise ihren Job verloren haben, soll den weiblichen Finanzhaien in der momentanen Finanzkrise helfen. Foto-Chef Gary Cole ist überzeugt, dass es viele hübsche Frauen an der Wall Street gibt.“

Eine Enquete-Kommission des Bundestages wies in ihrem Abschlussbericht darauf hin, das in der Folge von Krisen die nun nicht mehr marktgängig zu bewältigenden Tätigkeiten und die Versorgung der Familie oftmals an Frauen hängenbleibt:

„Haushalte, aber auch die Einnahmen der von Finanzkrisen betroffenen Staaten werden verstärkt von den Transfereinkommen („Remittances“) legaler und illegaler Arbeit von Migrantinnen abhängig. Allein die globalen Überweisungen von Migrantinnen an ihre Familien in den Herkunftsländern betrugen 1998 über 70 Milliarden US-Dollar. In der Zwischenzeit zählen in den Philippinen die Devisenüberweisungen von im Ausland arbeitenden und lebenden Frauen zu der drittgrößten Einnahmequelle des Landes (OECD 2000g: 234). Auch in Bangladesh repräsentieren die Auslandsüberweisungen in Höhe von 1,4 Milliarden US-Dollar ungefähr ein Drittel der Gesamtdevisen. Nach der Finanzkrise 1998 fing auch Thailand an, aktiv Frauen als „Hausmädchen“ in den Mittleren Osten, die USA, Deutschland, Australien und Großbritannien zu „exportieren“ (International Human Rights Law Group 2001).

Ob im formalen Sektor als Krankenschwester beschäftigt oder in der informellen Ökonomie, als Prostituierte in der „Sex-Industrie“ oder als Arbeiterinnen in der Unterhaltungsindustrie und der Tourismusbranche – diese Frauen bilden eine neue globale „Service Class“, die unter miserablen Arbeits- und Lebensbedingungen viele der sozialen Folgen der Finanzkrisen abfedert.“

Behalten wir das also im Auge. Wer mag, kann ja noch mal in einer neuen Studie zu den Auswirkungen der Finanzkrise aus weiblich-konstruierter Sicht merkwürdige Ergebnisse nachlesen (1|2). Ich jedenfalls würde an dem Thema gerne dranbleiben…


7 Antworten auf “Hat die Finanzkrise eine Geschlechterdimension?”


  1. 1 DWR 17. Oktober 2008 um 1:16 Uhr

    Äh, Moment: wer hat behauptet, daß sich der Kapitalismus verändert??

    Gertrud Höhler, ehem. Kohl- und nunmehrige Unternehmens-Beraterin, vormals Germanistikprofin, ist kaum eine Unternehmerin – wobei das natürlich dermaßen wurscht is… Nicht wurscht is ihre BILD-Hudelei kürzlich, die auch sehr elegant ihren „“Feminismus“" streift – ich zitiere:

    „Und zur Vielfalt noch mal: Wir haben ja heute wieder von der Frau mit dem Beil gehört. Das ist natürlich auch ‚n toller Frauen-Auftritt, dass sie dem Alten da das Leben… nicht ausbläst, sondern weghaut – mit‘m Beil. Und gleichzeitig blätterst du ein Stückchen weiter: „Wie mache ich meinen Garten winterfest?“ Das ist die Welt, in der wir leben. Das ist wunderbar. Diese Vielfalt. Das nenn‘ ich auch Meinungsfreudigkeit. Und andere Zeitungen schreiben das über sich und bieten es eigentlich nicht.“

  2. 2 Juli 17. Oktober 2008 um 9:54 Uhr

    Äh, ich beaupte das der Kapitalismus sich gerade verändert. Tut er doch dauernd.

  3. 3 DWR 17. Oktober 2008 um 10:30 Uhr

    „Wenn es stimmt, das die Prinzipien, die den Kapitalismus auszeichnen – und die diesen gerade in die Krise treiben – auch die Prinzipien sind, die das Patriarchat ausmachen, dann müssten Veränderungen auf der einen Seite der Medaille auch solche auf der anderen Seite nach sich ziehen.“

    Die „Prinzipien, die den Kapitalismus auszeichnen“ sind es aber nicht, die sich (gerade oder sonst) verändern; die Veränderungen betreffen doch wohl nur die üblichen zyklischen Anpassungen, die ebensowenig konstitutive für die Produktionsweise sind wie die neue H&M-Herbst-Kollektion. Ich würde sagen wollen, daß solche Veränderungen keine sind hinsichtlich der grundlegenden Prinzipien – auch die Finanzkrise nicht – und daß sich daher auch das Patriarchat nicht verändern wird.

  4. 4 Juli 17. Oktober 2008 um 18:21 Uhr

    Ich schrieb „Prinzipien, die den Kapitalismus in die Krise treiben“. Das heißt ja nun nicht, das die selber sich verändern. Was sich aber verändert ist die Art und Weise, wie sie sich an der Oberfläche darstellen. Was anderes habe ich aber auch nie geschrieben.

    Das es allerdings grade um mehr geht als die übliche zyklische Anpassung, scheint mir trotz allem der Fall zu sein.

  5. 5 Benni Bärmann 19. Oktober 2008 um 22:06 Uhr

    @dwr: Natürlich verändern sich auch die Prinzipien. Es wird ja wohl niemand ernsthaft behaupten wollen, dass der Kapitalismus und das Patriarchat des 19. Jahrhunderts den selben Prinzipien folgen wie heute? Natürlich ist einiges gleichgeblieben, was es sinnvoll macht auch weiterhin von Kapitalismus zu sprechen, aber deswegen bleiben doch nicht alle Prinzipien gleich.

    @juli: das wäre dann aber schon auch ein ziemlich weit gefasster Begriff von „Oberfläche“, damit wäre die Oberfläche eines Apfels alles ausser dem Krotzen (für Nichthessen: Kerngehäuse).

  6. 6 DWR 20. Oktober 2008 um 23:28 Uhr

    @benni: Entschuldige, wenn ich haarspalterisch werden sollte, aber ob der gegenwärtige Kapitalismus gegenüber dem des 19.Jahrhunderts eine prinzipielle Änderung erfahren hat, hängt allein von der Menge der angelegten Prinzipien ab; d.h. je mehr Prinzipien man zur Beschreibung einer Vergesellschaftungsweise verwendet, desto höher ist natürlich die Wahrscheinlichkeit, daß sich mindestens eines davon in einem gegebenen Zeitraum ändert oder verflüchtigt.

  7. 7 Benni Bärmann 21. Oktober 2008 um 9:14 Uhr

    @dwr: ja, das ist völlig richtig. Es ist halt nur entscheidend, dass man den richtigen Abstraktionsgrad trifft um handlungsfähig zu werden.

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