Wachstum ohne Ende

Auf der FAZ gibt es Wirtschaftswissen zu erfragen. Unter der Rubrik „Erklär mir die Welt“ (auf die mich Dead Wall Reveries aufmerksam gemacht hat) wird uns das schier grenzenlose Wachstum der Weltwirtschaft in den letzten 2000 Jahren nahegebracht. Wie eine Pflanze scheint die Wirtschaft immer weiter zu wachsen – was ganz natürlich zu sein scheint. Entsprechend haben wir auch zunächst ein süßes Pflänzchen im Bild:

Die Pflanze

Erst wenn wir weiterklicken, kommen wir zu dieser großartigen Grafik:

Wie eine Pflanze: Wirtschaftswachstum laut FAZ

Hier wird das Volumen des Welt-Brutto-Inlandprodukts vom Jahr 0 bis heute abgebildet – gemessen in US-$! Mal abgesehen von dem Problem, das es seinerzeit keinen Dollar gab – es gab auch keinen Kapitalismus. Da wurde Reichtum nicht in Geld gemessen. Nur erscheint das eben nicht so. Irgendwie scheint das Geld immer dagewesen zu sein.

Schwierig scheint mir auch die Berechnung der aktuellen Summen. Was mag da nur alles mit eingegangen sein? Staatsausgaben, Finanzspekulationen und derlei unproduktive Dinge mehr, steht zu vermuten. Denn wenn der Staat Geld ausgibt, dann wird diese Ausgabe ja gerade aus den Mitteln bestritten, die der Staat vorher via Steuern und Abgaben eingezogen hat. Die Gelder tauchen in der Statistik schon auf – als Unternehmensgewinne. Als Staatsausgaben werden sie dann ein zweites Mal verbucht – und schon steigt das Wirtschaftswachstum. Ganz ähnlich verhält es sich, wenn die nominellen Buchwerte von Finanztiteln steigen. Da ist nichts passiert, die Zahl ist einfach höher. Daraus ein Wirtschaftswachstum zu basteln ist dann schon ein wenig gewagt.

Was sagt uns also eine solche Statistik? Richtig: nichts.


4 Antworten auf “Wachstum ohne Ende”


  1. 1 DWR 19. Oktober 2008 um 13:26 Uhr

    Der zugehörige Artikel, finde ich, ist noch sehr viel schlimmer als diese zweifelhafte Statistik; und noch schlimmer wiederum als dieser Artikel ist die Tatsache, daß er in einer „Wissens“-Rubrik erscheint, die „Erklär mir die Welt“ heißt – als ob das so ein unanzweifelbares Faktenwissen wäre, daß Wachstum unendlich ist!?

  2. 2 Earendil 19. Oktober 2008 um 16:50 Uhr

    Kleine klugscheißerische Anmerkung; Es gibt kein Jahr Null; auf 1 v.Chr. folgt 1 n.Chr.. Ansonsten völlig richtig: Ein „Welt-Bruttoinlandprodukt“ zu berechnen ist schon für die Gegenwart abenteuerlich, für Antike und Mittelalter wird’s aber völlig bescheuert. Aber wenn’s darum geht, die alte Mär vom ewigen Fortschritt zu illustrieren, ist keine Statistik dumm genug. Also, Leute, was regt ihr euch eigentlich auf! Es ist doch alles gut und wird immer besser…

  3. 3 Christian 20. Oktober 2008 um 21:03 Uhr

    Hi Julian, danke für den schönen Fund! Ein großer Witz, dieser Artikel, wie die ganze Neoklassik. Leider sind die Folgen natürlich weniger witzig. Ich hab zu dem Welterklärungsartikel der FAZ auch ein wenig was geschrieben, hier nachzulesen: http://www.social-innovation.org/?p=837

    Tatsächlich müsste man sich mal genauer anschauen, was so alles in die Berechnung des GDP einfließt.

  4. 4 Peter 25. Oktober 2008 um 21:02 Uhr

    Wirklich klasse, der Artikel, danke. „Wer in einer begrenzten Welt an unbegrenztes Wachstum glaubt, ist entweder ein Idiot – oder ein Ökonom.“, fällt mir dazu nur noch ein…

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