Polierte Helme als Emanzipationsstrategie

Auf Indymedia ist vor 2 Tagen ein wiederveröffentlichter Text aus der Organisationsdebatte der 90er erschienen. Weil’s so schön ist, hier die wunderbare Passage über die ehemalige Antifa [m]:

„Die Antifa M trat mit ihren Organisationsvorschlägen erstmals bundesweit in Erscheinung, als die restliche Göttinger Szene in die Sexismusdiskussion verstrickt war. Kein Wunder ist das männerbündlerische Auftreten der Gruppe doch kaum zu überbieten. Mackermilitanz, Publicityfixiertheit und militaristisches Auftreten werden bei der Antifa M wie von sonst kaum einer linken politischen Gruppe zum Programm stilisiert und forciert. Mit dem Auftreten als schwarzer Block mit Helmen, Knüppeln und Ordnern wird die vermeintliche politische Stärke zum Männlichkeitsritual. ( … ) Das „kriegerische“ Auftreten mit polierten Helmen wird Selbstzweck zur Förderung der männlichen Gemeinschaft. ( … ) Mit der Heraushebung der Organisierung des (männlichen) Feindes (Faschist) wird eine eigene, auf männliche Riten und Gebräuche orientierte Politik betrieben und legitimiert.“

Nun gibt es heute keine polierten Helme mehr auf Antifa-Demos, trotzdem klingt das ziemlich richtig und erinnert ein wenig an die Kritik von Graffiti Hates Germany im zweiten Antisexismusreader:


„Während in anderen linken Subszenen der sensible Kuscheltyp noch als Männlichkeitsideal zu funktionieren scheint ( … ), hat die Antifa mit dem Pop auch die Geschlechterstereotypen wiederentdeckt und lieben gelernt. Die Orientierung an dem gesellschaftlichen Mainstream ist dabei nicht nur politische Strategie um den Mobilisierungsgrad zu erweitern, sondern entspringt dem Wunsch dazuzugehören, später halt auch Karriere machen zu können oder einfach mal in die Prolldisko in Lichtenberg zu gehen… warum auch nicht.

Zudem birgt der gesellschafts-affirmative Style auch die Möglichkeit, trotz der Verunsicherungen durch Feminismus und Queer-Theory, seiner/ihrer Geschlechterrolle gerecht werden zu können und dies freilich nicht jenseits heteronormativer Ordnungsprinzipien. Wir sehen es auf den Demos, den Partys und den geschlechtergerechten Flyern: Frauen haben sportlich zu sein (immerhin sind wir hier nicht im Theorie-Lese-Kreis), sollten aber auch den männlichen Attraktivitätserwartungen entsprechen, während sich die Männer im Fußballstadion für den Antifa-Kampf stählen und dabei Scooter imitieren lernen.
Frauen und Männer bestätigen sich in dieser sozialen Positionierung immer wieder gegenseitig in der Erfüllung heterosexueller Hoffnungen. Es geht hier nämlich auch um eine explizite Inszenierung von Geschlecht und sexueller Orientierung.“

Das geht noch eine Weile so weiter und sollte unbedingt nachgelesen werden. Ich jedenfalls hoffe schon auf eine Veranstaltung dieser Art auch im schnuckeligen Gö-Town:

„Was ist überhaupt „Männlichkeit“? Was macht Antifa-Politik aus und warum ist sie an so vielen Punkten besonders bei Jungs und (jungen) Männern beliebt? Warum gibt es auch in der antifaschistischen Bewegung Unterdrückungsverhältnisse und wie sehen diese aus?

Die Gesprächs- und Entscheidungsstrukturen und die Ausrichtung der Antifa-Politik gehören auf den antisexistischen Prüfstand. An diesem Abend gibt es zuerst ein Update über die Männlichkeits-Forschung. Dann geht es um Symbole und Idole, um Tücken der alltäglichen Antifaarbeit, samt Heldentum und Revierverhalten – Ausgangspunkt ist nicht nur Politik, sondern auch die eigene Praxis.

Oft ist Macker-Verhalten plump und dumpf, bei Linken aber zumeist perfekt inszeniert und kaum wem bewusst. Auch ein nicht-typischmännlicher Habitus mit leisem Redeverhalten schützt davor nicht.“

Also, wer traut sich?


4 Antworten auf “Polierte Helme als Emanzipationsstrategie”


  1. 1 W.I. 19. Oktober 2008 um 14:13 Uhr

    Oft ist Macker-Verhalten plump und dumpf, bei Linken aber zumeist perfekt inszeniert und kaum wem bewusst. Auch ein nicht-typischmännlicher Habitus mit leisem Redeverhalten schützt davor nicht.

    Da gibts dann wohl nur eine Lösung: Schwanz ab!

  2. 2 Juli 19. Oktober 2008 um 14:38 Uhr

    Wie kommsten da jetze drauf?

  3. 3 W.I. 19. Oktober 2008 um 14:52 Uhr

    Wenn das perfekt inszenierte Mackerverhalten nicht durch nicht-typischmännlichem Habitus aus der Welt geschafft werden kann, also anscheinend gänzlich jenseits vom bewussten Handeln der Typen angesiedelt ist, muss es ja irgendwie in ihnen drin stecken. Ich wollte deshalb nur auf eine radikalere Konsequenz als jene die dir wahrscheinlich vorschwebt („Selbstreflexion“ oder sonstiger Unfug) aufmerksam machen.

  4. 4 tot gesagte... 19. Oktober 2008 um 18:53 Uhr

    labern länger! wozu sexismus bekämpfen, wenn man außenwirkung („publicity“) und militanz (macker) verhindern kann.
    ps: wann kommt endlich der neue „heiße stuhl“ ins JUZI?

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.