Gute Deutsche, Teil1: Oskar

Ein kluges Wort hat Wolfgang Benz, der Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung, in einem Interview über modernen Antisemitismus in Bezug auf sog. „bürgerlichen Antisemitismus“ gesagt:

Angesichts des Radau-Antisemitismus der Rechtsradikalen darf man nicht den stillschweigenden Antisemitismus aus dem Blick verlieren, der sich nicht durch Sprache artikuliert, sondern über Chiffren wie „Na, Sie wissen schon“ oder „Ostküste“ oder „Wall Street“.


Das Interview ist vom Anfang des Jahres. Im Oktober hört mensch dergleichen andauernd. Auch bei vermeindlich Linken. Nehmen wir Oskar Lafontaine. Auf die Frage, warum er seine Vorschläge nicht in seiner Zeit als Finanzminister umgesetzt habe, da wäre das schließlich möglich gewesen, sagte er der FAZ:

„Das ist ein Märchen. Eine solche Chance bestand nicht, vor allem weil Amerika strikt dagegen war – ein Land, in dem die Wahlkämpfe der Präsidenten im wesentlichen von der Wall Street finanziert werden. Auch die britische Regierung hat sich vehement gegen solche Pläne gewehrt, weil die britische Politik sehr stark von der Londoner City gesteuert wird. Das zeigt: Wir kommen erst weiter, wenn der Kauf der Politik durch große Spender aus der Finanzwelt beendet wird.“

Das kommt mir doch irgendwie bekannt vor…. Die großen Spender von der Wall Street bestimmen die Politik…. Ich fühle mich stark an meinen Geschichtsunterricht erinnert.

Ein anderes schickes Ressentiment des Rechtspopulismus ist das über die bösen Medien. Auch dazu ist Oskar was eingefallen:


„Ich habe gekämpft, auch gegen die Medien. Die britische Sun hetzte, ich sei der gefährlichste Mann Europas. ( … ) Die Vorwürfe, ich hätte seinerzeit gekniffen, sind Ausdruck eines schlechten Gewissens derjenigen, die vor den Spekulanten in die Knie gegangen sind.“

Die Übereinstimmung mit rechts außen ist bewundernswert. Kein Wunder, hat der Mann doch vor kurzem noch Auffanglager für Flüchtlinge in Nordafrika bauen oder das „Volk“ vor „Fremdarbeitern“ schützen wollen. Querfront a la Linkspartei, sozusagen…


18 Antworten auf “Gute Deutsche, Teil1: Oskar”


  1. 1 arne 28. Oktober 2008 um 13:53 Uhr

    Benz hat leider ein völlig untaugliches Verständnis von Antisemitismus. Er meint anscheinend, daß man den Antisemiten ihren Wahn mit guten Argumenten ausreden kann:

    Es gibt nur eine pädagogische Strategie gegen Antisemitismus: Aufklärung, Information, sachliche Argumentation.

    Die Auffassung, daß Antisemitismus nur ein Mangel an Information ist, ist natürlich unendlich naiv. Mit dieser Theorie von Benz kann man den in der öffentlichen Debatte grassierenden strukturellen Antisemitismus – das Geschwafel von den gierigen Managern und die Unterscheidung von gutem, schaffenden Kapital auf der einen und schlechtem, raffenden auf der anderen – weder verstehen noch ihm wirksam entgegentreten. Da möchte man doch lieber Dornis zitieren:

    Antisemitismus kann nicht als „Vorurteil“ begriffen werden, da dies suggerieren würde: wüssten die Antisemiten nur mehr von den „wirklichen“ Juden, verhielten sie sich auch anders; im Antisemitismus süchtet vielmehr das zerbrechliche, selbstwidersprüchliche bürgerliche Subjekt nach einer regressiven Harmonie, nach der Harmonie einer Gemeinschaft in einer selbstwidersprüchlichen und fetischistischen Gesellschaft: einer Form von Gesellschaft, die zwar von Individuen erzeugt wird, sich aber ihnen gegenüber verselbständigt und sich mit katastrophischer Eigenlogik entfaltet.

  2. 2 Earendil 28. Oktober 2008 um 17:03 Uhr

    Na, das ist doch wieder mal ein gutes Beispiel für den Topos, dass Antideutsche nichts und niemanden kritisieren können, ohne zum Antisemitismusvorwurf zu greifen. Und auch dafür, wie die Mär vom „strukturellen Antisemitismus“ funktioniert.

    Weil offener Antisemitismus schwer verpönt ist, sprechen Antisemiten oft von „Wallstreet“, „Ostküste“ oder „Sie wissen schon“, meinen aber doch nur wie schon immer die Juden – so weit richtig. Daraus folgt aber eben nicht, dass jeder, der von „Wallstreet“, „Ostküste“ oder „Sie wissen schon“ redet, eigentlich die Juden meint.

    Bei Lafontaine ist doch ziemlich offensichtlich, dass er kein Antisemit ist. Und das nicht nur, weil es nicht das geringste Anzeichen dafür gibt, dass er „Wallstreet“ als Chiffre für „Juden“ gedacht haben könnte. Dass Lafontaine seine Vorstellungen zur Regulierung der internationalen Finanzmärkte v.a. wegen des Widerstands der USA und Großbritannien nicht umsetzen konnte, ist ne Tatsache. Dass Lobbyisten dort, mehr noch als anderswo, über Partei- und Wahlkampsspenden direkten politischen Einfluss haben, ist auch nicht von der Hand zu weisen. Wenn der Eindruck erweckt werden soll, erst der Druck dieser Lobby hätte die jeweiligen Politiker zu ihrer marktliberalen Haltung gebracht, ist das natürlich Unfug, denn die haben ja nie was anderes gewollt. Aber dennoch ist das doch meilenweit entfernt von Fantasien wie der „Weltherrschaft des Judentums“, die jedem Realitätsbezug entbehrt.

    Dann sieht sich auch Lafontaine als Opfer der Medien. Und was fällt dir dazu ein? „Die Übereinstimmung mit rechts außen ist bewundernswert.“ Bewundernswert finde ich hier allein deine Fähigkeit zur freien Assoziation. Mal abgesehen davon, dass die meisten Medien damals wie heute tatsächlich ziemlich schlecht auf Lafontaine zu sprechen sind, wähnen sich wohl alle Politiker und sonstigen Prominenten ab und an als Opfer von „Medienkampagnen“. Na, wahrscheinlich alles Antisemiten. Zumindest strukturell.

  3. 3 Earendil 28. Oktober 2008 um 17:07 Uhr

    Na, das ist doch wieder mal ein gutes Beispiel für den Topos, dass Antideutsche nichts und niemanden kritisieren können, ohne zum Antisemitismusvorwurf zu greifen. Und auch dafür, wie die Mär vom „strukturellen Antisemitismus“ funktioniert.

    Weil offener Antisemitismus schwer verpönt ist, sprechen Antisemiten oft von „Wallstreet“, „Ostküste“ oder „Sie wissen schon“, meinen aber doch nur wie schon immer die Juden – so weit richtig. Daraus folgt aber eben nicht, dass jeder, der von „Wallstreet“, „Ostküste“ oder „Sie wissen schon“ redet, eigentlich die Juden meint.

    Bei Lafontaine ist doch ziemlich offensichtlich, dass da keine Spur von Antisemitismus zu finden ist. Und das nicht nur, weil es nicht das geringste Anzeichen dafür gibt, dass er „Wallstreet“ als Chiffre für „Juden“ gedacht haben könnte. Dass Lafontaine seine Vorstellungen zur Regulierung der internationalen Finanzmärkte v.a. wegen des Widerstands der USA und Großbritannien nicht umsetzen konnte, ist ne Tatsache. Dass Lobbyisten dort, mehr noch als anderswo, über Partei- und Wahlkampsspenden direkten politischen Einfluss haben, ist auch nicht von der Hand zu weisen. Wenn der Eindruck erweckt werden soll, erst der Druck dieser Lobby hätte die jeweiligen Politiker zu ihrer marktliberalen Haltung gebracht, ist das natürlich Unfug, denn die haben ja nie was anderes gewollt. Aber dennoch ist das doch meilenweit entfernt von Fantasien wie der „Weltherrschaft des Judentums“, die jedem Realitätsbezug entbehrt.

    Dann sieht sich auch Lafontaine als Opfer der Medien. Und was fällt dir dazu ein? „Die Übereinstimmung mit rechts außen ist bewundernswert.“ Bewundernswert finde ich hier allein deine Fähigkeit zur freien Assoziation. Mal abgesehen davon, dass die meisten Medien damals wie heute tatsächlich ziemlich schlecht auf Lafontaine zu sprechen sind, wähnen sich wohl alle Politiker und sonstigen Prominenten ab und an als Opfer von „Medienkampagnen“. Na, wahrscheinlich alles Antisemiten. Zumindest strukturell.

  4. 4 sahra 28. Oktober 2008 um 18:44 Uhr

    „es nicht das geringste Anzeichen dafür gibt, dass er “Wallstreet” als Chiffre für “Juden” gedacht haben könnte. Dass Lafontaine seine Vorstellungen zur Regulierung der internationalen Finanzmärkte v.a. wegen des Widerstands der USA und Großbritannien nicht umsetzen konnte, ist ne Tatsache. Dass Lobbyisten dort, mehr noch als anderswo, über Partei- und Wahlkampsspenden direkten politischen Einfluss haben, ist auch nicht von der Hand zu weisen.“

    Da muß ich Earendings recht geben.
    Abgesehen von seinen populistischen ‚Fremdarbeiter‘-Äußerungen, für die sich Lafontaine übrigens, anders als Rechtsaußenpolitiker, damals entschuldigt hat, bringst du da nicht viel Schlüssiges vor, das Lafontaine in eine plausible Beziehung zu Antisemiten und Rechtsradikalen bringen könnte.
    Wer meint, daß wer von Geld spricht schon ‚Jude‘ meint, projiziert seinerseits eher als derjenige, von dem er eigentlich spricht.

  5. 5 evi schmitt 28. Oktober 2008 um 21:55 Uhr

    lafontaine hat, soweit ich weiss, früher nie behauptet, er hätte seine pläne wegen der amerikaner nicht umsetzen können. im gegenteil hat er gerade die amerikaner wegen ihrer nicht besonders prozyklischen finanz- und vor allem geldpolitik gelobt.

    dass „lobbyisten“ in usa und uk mehr einfluss haben als „anderswo“, wie earendill vermutet, würde wahrscheinlich nicht mal lafontaine behaupten. dazu weiss er es einfach zu genau. wo kommt eine solche vermutung eigentlich her? bzw warum muss sie auch noch fast mit dem klassischen „fakt ist doch, dass“ eingeleitet werden? ist das nicht mittlerweile fast ein bisschen platt?

    was lafontaine selbst denkt, ist völlig belanglos; wozu er imstande wäre, das ist die frage, und nach allem, was man weiss, darf man annehmen, lafontaine würde selbstverständlich niemals offen antisemitisch argumentieren, ausser natürlich, es verspräche ihm in irgendeiner weise erfolg.

  6. 6 Ernst 28. Oktober 2008 um 22:21 Uhr

    Den strukturellen Antisemitismus muss mensch unbedingt ernst nehmen, aber auch deutlich von impliziten und noch mehr von explizitem Antisemitismus unterscheiden. Denn er hat tatsächlich nichts mit irgendeinem Judenhass zu tun, der unbewusst vorhanden ist und latent geäußert wird oder dergleichen, sondern bezeichnet den strukturellen Zusammenhang einer verkürzt-kapitalismuskritischen und personalisierenden Argumentation und dem Antisemitismus als historisch gewordener Ideologie: Vermittelt durch die lange europäisch-christliche „Tradition“ des religiös motivierten Antijudaismus wurde im modernen Antisemitismus die abstrakte Seite des über die Menschen hineinbrechenden Kapitalverhältnisses (Wert, Geld etc. im Gegensatz bspw. zum Gebrauchswert) und vor allem das als „raffend“ und „wuchernd“ konnotierte zinstragende Finanzkapital mit den Juden identifiziert, die tatsächlich aufgrund des jahrhundertelangen Verbots der Ausübung von Handwerksberufen einerseits und des christlichen Zinsverbots im Mittelalter andererseits im Geldverleihgewerbe präsent waren. Eine Kritik, die sich vor allem am Finanzkapital und/oder sogar an dessen Akteuren abarbeitet, statt das ganze Kapitalverhältnis samt gebrauchswerteschaffendem Industriekapital in Angriff zu nehmen, reproduziert nun eben genau diese Argumentationsstruktur des Antisemitismus und ist unbedingt zu unterlassen bzw. zu kritisieren, weil sie letztlich mörderischen Tendenzen und dem Umschlag in offenen Antisemitismus Vorschub leistet! Lafontaine ist wahrscheinlich kein Antisemit, aber er und die Linkspartei können gar nicht anders, als strukturell antisemitisch zu argumentieren, solang sie keine richtige, ganzheitliche und apersonale Kapitalismuskritik üben, was sie ihrer Konstitution als Partei wegen nicht tun werden, somal sie illusorischer- und regressiverweise eh nur den alten keynesianisch regulierten Rheinischen Kapitalismus zurückwollen.

    Mit antideutsch hat das im Übrigen nichts zu tun (außer, dass die den Begriff des strukturellen Antisemitismus tatsächlich als Vorwurf also denunziatorisch gebraucht haben, was unglücklicherweise solche Abwehrreaktionen provozieren musste).

    (Siehe zu diesem ganzen Zusammenhang Moishe Postone oder bspw. „Das Weltkapital“ von Robert Kurz)

  7. 7 Niels 29. Oktober 2008 um 2:16 Uhr

    Hmm…
    Der gute alte Laffi tangiert aber einen wichtigen Punkt. Als finanzminister kann man nicht einfach machen was man will. Das geht über die Binsenweisheit hinaus, dass der Staat erst einnehmen muss, was er ausgeben will, und somit der Wirtschaft unterstellt sei oder so. Vielmehr gibt es auch nen konkreten politischen Widerstand z.B. gegen eher keynsianische Maßnahmen, gegen eine Regulierung der Finanzmärkte, gegen [hier projekt einfügen].

    Dass das monokausual nur daher komme, dass alle Politker_innen gekauft seien, mag als These aus Lafontaines Frustration und Paranoia herrühren. Aber dass da oft materielle Interessen hinterstehen und es ne ganze Reihe sonstige Verstrickungen gibt ist nicht von der Hand zu weisen. Wenn jemand von uns durch einen kranken Zufall der Geschichte morgen Minister oder Kanzler würde, wir wären wahrscheinlich überrascht, wie wenig Macht wirklich was zu verändern mit dem Posten verbunden ist.

    An dem Punkt mit der Medienhetze würde ich allerdings fast sagen: Zu recht!

    Übrigens Earendil, ich hab den Umkehrschluss, warum jemand, derdie (vereinfacht ausgedrückt) „Wall Street“ sagt, ein Antisemit sei, auch nie verstanden….

  8. 8 Earendil 29. Oktober 2008 um 10:34 Uhr

    @Evi

    Die Niedrigzinspolitik der USA, die ja wohl nicht ganz unwesentlich ist für die Finanzkrise, fand Lafontaine immer gut, stimmt. Ich hatte v.a. seine damalige Idee im Kopf, feste Wechselkurse zwischen den wichtigsten Währungen einzuführen, und da wollten die „Angelsachsen“ nicht mitmachen.

    Und ob Lobbyisten dort mehr Einfluss haben als anderswo? Naja, die Vermutung kam von der Wahlkampffinanzierung in den USA, die ja doch anders ist als bspw. in Deutschland, und von den teils recht unverblümten personellen Verbindungen von Politik und Lobbyismus. Aber erstens gibt’s das gelegentlich auch woanders (s. z.B. Wirtschaftsminister Müller unter Schröder), und zweitens weiß ich eigentlich nicht, ob damit wirklich größerer Einfluss verbunden ist als durch die sonst übliche, diskretere Lobbyarbeit. Also streich das meinetwegen.

    Was Lafontaine denkt und sagt, finde ich keineswegs belanglos, denn das gibt schon Hinweise darauf, wozu er im Stande wäre. Und da würde ich ihm, neben etwas Umverteilung, durchaus Maßnahmen zur Flüchtlingabwehr zutrauen (wenn auch nicht mehr als den üblichen SPD- oder CDU-Politikern), antisemitische Maßnahmen dagegen nicht.

  9. 9 egal 29. Oktober 2008 um 15:42 Uhr

    Schon lustig wohin Halbwissen und Ressentiments gegen Antideutsche führen.
    Weißt du überhaupt wer Wolfgang Benz ist?
    Auf jeden Fall kein Antideutscher, sondern ein sozialdemokratisch, bürgerlicher Antisemitismusforscher. (Das tut der Richtigkeit– oder ggf. auch Falschheit– seiner Analysen
    aber keinen Abbruch) Nur weil man eine Theorie nicht versteht heißt es nicht, dass sie falsch ist.
    Die Einordnung einer Aussage als „strukturell antisemitisch“ heißt eben nicht „Person xy ist überzeugter Antisemit.“, sondern „Person xy verwendet und reproduziert damit eine Argumentationsfigur die mit antisemitischen Ressentiments eindeutig verbunden ist.“
    Überzeugte Antisemiten (z.B. Nazis) argumentieren genau mit solchen Chiffren, weil sie gemerkt habe, dass offener Antisemitismus (à la „jüdische Weltverschwörung“) sanktioniert wird und zum Ausschluss aus dem politischen Diskurs führt.
    Solch eindeutig antisemitische Aussagen gelten als verpönt und sind auch nicht mehrheitsfähig. Abstrakte Aussage über den Einfluss von „Finanzjuden“ (oder auch „Heuschrecken“ genannt) sind viel unverfänglicher. Die Art und Weise, wie solche „Heuschrecken“ oder „gierigen Manager“ charakterisiert werden ist relativ häufig mit der Charakterisierung von Juden in offen antisemitischen Projektionen ziemlich ähnlich; zu ähnlich um den Leuten, die solche Aussagen formulieren, nicht aufzufallen.
    Auch wenn noch darzulegen wäre, dass Lafontaine bewusst Juden meint, wenn er von „Wall-Street“ spricht, so handelt es sich um auf jeden Fall um ein reaktionären, nationalistischen Appell, der formuliert was in letzter Zeit immer wieder zu hören ist: „Die bösen Amis (und Engländer) haben die guten Deutschen/Kontinentaleuropäer daran gehindert eine vernünftige Finanzpolitik zu machen. Die sind schuld an der Finanzkrise, während wir für einen guten Kapitalismus stehen.“ Die Nähe zur antisemitischen Aufspaltung in „böses“ und „gutes Kapital“ ist so abwegig sicherlich nicht.

  10. 10 Juli 29. Oktober 2008 um 16:43 Uhr

    cool, ich bin mal wieder antideutscher
    *daslangenichtwar*

  11. 11 qwer 29. Oktober 2008 um 17:03 Uhr

    Dass Kritik am Kapital im Grunde antisemitisch ist, ist eine klassiche Argumentationsfigur der Rechten, z.B. hier gegen Hugo Chavez:

    http://www.welt.de/dossiers/aussenwelten/article721607/Rassenideologie_unter_kommunistischen_Vorzeichen.html

    „Das islamistische Regime in Teheran hat keine Hemmungen, sich mit dem als linkspopulistisch geltenden venezolanischen Caudillo Hugo Chavez ebenso zu verbrüdern wie mit dem atheistischen Nordkorea – wobei Chavez seine Spielart des Sozialismus wiederum aus dem Lehren Jesu Christi abzuleiten behauptet und sich dabei nicht scheut, die Juden als Christusmörder zu denunzieren.“

  12. 12 Earendil 30. Oktober 2008 um 10:56 Uhr

    @Ernst:

    Die Analysen von Postone und Kurz kenne ich halbwegs und finde sie ja auch nicht wirklich falsch. Nur:

    1. ist das, was „struktureller Antisemitismus“ beschreibt, eben kein Antisemitismus (schreibst du ja auch selbst), insofern ist der Begriff unsinnig.
    2. würde ich diesen „strukturellen Antisemitismus“ erstmal nur für eine Variante der Sündenbocksuche halten. Da meinen Leute, der Kapitalismus sollte und müsste doch für alle (oder zumindest alle Volksgenossen) „gute Arbeit“ und Wohlstand bringen. Stattdessen bringt er Elend, Ungerechtigkeit, Arbeitslosigkeit und Krisen. Wie das? Die kapitalistische Produktionsweise ist doch an sich ne tolle Sache, daran kann’s ja nicht liegen. Hey, guck mal! Da gibt’s ja eine Finanzwirtschaft, die zwar auch Reichtum erwirtschaftet, aber ohne (zumindest direkt) Arbeitsplätze zu schaffen und Güter zu produzieren. (Und dafür ist die ganze Veranstaltung nach dieser Denkart ja da.)
    3. ist diese Sündenbocksuche aber ziemlich verschwommen (die Bösen sind die raffgierigen Manager, Bonzen, Finanzhaie, Börsenmakler, die „Wall Street“ und die „City“), weswegen ich das zwar für falsch, aber recht ungefährlich halte. Das bedrohliche am Antisemitismus ist doch gerade, dass da die Sündenböcke ziemlich genau identifizierbar sind, einfach qua Abstammung, und diese Identifizierung ist ja die Voraussetzung für Verfolgung und Vernichtung.
    4. ist im Gegensatz zu dieser undifferenzierten Sündenbocksuche, deren Objekte schnell mal wechseln können (Manager, Politiker, Bürokraten, Medien… oder einfach „die da oben“), der Antisemitismus ein ziemlich starres Wahngebilde und findet immer wieder zielgenau sein Hassobjekt. Da KÖNNEN die Juden mit dem bösen, raffenden Kapital verbunden werden, müssen sie aber nicht – sie können auch für alles andere verantwortlich gemacht werden, was dem Antisemiten nicht passt. Die Quintessenz des Antisemitismus ist doch: Die Juden sind schuld. Immer und überall.

    Darum halte ich die These „vom strukturellen Antisemitismus“, auch wenn sie aus einer richtigen Analyse erwachsen ist, für (strukturellen) Unfug.

  13. 13 Earendil 30. Oktober 2008 um 11:17 Uhr

    @egal
    Schon lustig, wohin Leseschwächen führen. Ich hab nie behauptet, Benz wäre Antideutscher, und was er in dem Zitat sagt, ist auch gar nicht falsch. Aber er sagt da ja nur, wie sich bürgerliche Antisemiten heute artikulieren; der falsche Übergang zu Lafontaine und „strukturellem Antisemitismus“ stammt von Juli. Du wiederholst diesen Unsinn nur nochmal lang und breit.

    Warum das Unsinn ist, nochmal in Kurzform: Aus a->b folgt nicht b->a.

    @Juli
    Ok, gefällt dir das Etikett „Wertkritiker“ besser? Komm, in irgendeine Schublade muss ich dich schon stecken, sonst komm ich durcheinander ;-)

  14. 14 Juli 31. Oktober 2008 um 13:24 Uhr

    Zum strukturellen Antisemitismus gibt’s ne schöne Erläuterung auf Wikipedia:

    „Als strukturell antisemitisch werden Ideologien bezeichnet, die sich nicht ausdrücklich gegen Juden richten, aber dem „klassischen“ Antisemitismus von ihrer Begrifflichkeit und Argumentationsstruktur her ähneln. Gemeint ist vor allem die aus dem Frühsozialismus stammende Unterscheidung von Finanzkapital und Produktivkapital, wobei Ersteres mit seinen Repräsentanten identifiziert wird. [73] Diese werden für die Armut und das Leiden des „kleinen Mannes“ verantwortlich gemacht. Oft kommt der Vorwurf dazu, die „reichen Bonzen“ würden nur von der Arbeit der ehrlichen Arbeiter leben, während sie selbst nicht arbeiteten.“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Antisemitismusforschung#Struktureller_Antisemitismus)

    Das strukturelle am strukturellen Antisemitismus ist also gerade die Tatsache, das von Jüdinnen und Juden nicht die Rede ist, die Argumentationsstruktur aber entsprechend angelegt ist, so das der „Sprung“ zum eigentlichen Antisemitismus in der Luft liegt.

    Eine „Kritik des Kapitals“ ist das dann gerade nicht. Das Kapital sitzt nämlich weder in der Wall Street noch in der Londoner City.

    Aber ich verstehe eure Aufregung schon – wie heißt es immer so schön: getroffene Hunde bellen.

    Wuff-wuff.

  15. 15 sahra 03. November 2008 um 2:43 Uhr

    „er und die Linkspartei können gar nicht anders, als strukturell antisemitisch zu argumentieren, solang sie keine richtige, ganzheitliche und apersonale Kapitalismuskritik üben, was sie ihrer Konstitution als Partei wegen nicht tun werden, somal sie illusorischer- und regressiverweise eh nur den alten keynesianisch regulierten Rheinischen Kapitalismus zurückwollen.“

    da muß ich ausnahmsweise mal die linkspartie verteidigen, die sich darin sehr deutlich von der spd etwa absetzt, indem sie klarmacht, daß sie EBEN KEINEN sog. „rheinischen kapitalismus“ oder sozial-reformismus am selben kapitalistischen modell will, sondern – so steht es in ihrem grundsatzprogramm – „den kapitalismus abschaffen.“ eine abgeschwächte variante davon lautet folgendermaßen (im gründungsdokument „programmatische eckpunkte“):

    Unsere Anerkennung gilt den Bemühungen um eine sozial- und wohlfahrtsstaatliche Eindämmung des Kapitalismus ebenso wie Versuchen einer Überwindung der kapitalistischen Eigentums- und Herrschaftsverhältnisse.

    Im selben Dokument deutet die Partei an, daß nach Art. 14 und 15 des GG Enteignungen durchgeführt werden dürfen und müßten – das hat mit rheinischem Kapitalismus wenig bis nichts mehr zu tun.

  16. 16 Earendil 03. November 2008 um 11:50 Uhr

    @Juli

    Und weil der Schmarrn jetzt auch bei Wiki steht, wird er deswegen richtiger? „Als strukturell antisemitisch werden Ideologien bezeichnet, die sich nicht ausdrücklich gegen Juden richten, aber dem „klassischen“ Antisemitismus von ihrer Begrifflichkeit und Argumentationsstruktur her ähneln“, sprich: nur assoziativ mit ihm in Verbindung gebracht werden können. Ideologie X verwendet ein bestimmtes Argumentationsmuster, Ideologie Y verwendet das gleiche – also muss es eine irgendwie geartete Verbindung zwischen beiden geben, nennen wir sie strukturell. Mit der Methode lässt sich noch so einiges „analysieren“:

    1. Juden wurden ja nicht nur mit der „abstrakten Seite des Werts“ assoziiert, sondern auch als fiese Seuchenverbreiter imaginiert. Wenn ich mal meinen Assoziationen freien Lauf lasse, fällt mir der Vers eines Berliner Kabarettisten zum Ende von Rot-Grün ein: „Dann baute Schröder Schiffbruch, und die Ratten flohen sofort / doch sie kamen zurück und brachten die schwarze Pest an Bord“. Eindeutig strukturell antisemitisch! (Ob auch alle Malariaforscher strukturelle Antisemiten sind, kann man ja noch diskutieren…)
    2. Wenn sich mal wieder jemand über die angebliche Promiskuität von Schwulen und Lesben echauffiert – ist der dann nicht nur ein homophobes und lustfeindliches Arschloch, sondern auch noch strukturell rassistisch? (Du weißt schon – „der Neger schnackselt halt gern“.)
    3. Nicht mal die Wertkritik ist gegen strukturelle Ismen gefeiht. Denn wird da nicht auch hin und wieder „Entfremdung“ kritisiert? Das tun doch auch romantische Steinzeitkommunisten, die gesellschaftliche Arbeitsteilung aufheben wollen und das Glück des Menschen in beschaulichen Landkommunen wähnen. Also sind Wertkritiker und andere Marxisten strukturelle Steinzeitkommunisten…

    Und was bitte soll das blöde „getroffene Hunde bellen“? Dass ich „strukturellen Antisemitismus“ für Unfug halte belegt dann meinen (strukturellen) Antisemitismus, oder wie?

  17. 17 sahra 04. November 2008 um 0:46 Uhr

    der berliner kabarettist ist nicht zufällig marc-uwe kling?

  18. 18 tesla 07. November 2008 um 0:14 Uhr

    „Das kommt mir doch irgendwie bekannt vor…. Die großen Spender von der Wall Street bestimmen die Politik…. Ich fühle mich stark an meinen Geschichtsunterricht erinnert.“

    Mit welcher Arroganz wird soetwas eigentlich als grundsätzlich falsch abqualifiziert? Natürlich existieren diese Chiffren. Das ist gar keine Frage. Aber nicht jeder, der von „Wallstreet“ redet, bezeichnet damit notwendigerweise das Selbe.
    Damit ist der ganze Zauber dann schon vorbei und enttarnt sich als reaktionäres Gewäsch. Zum Ressentiment gab es übrigens hier kürzlich einen kenntniswerten Text.

    Wem das nicht reicht, ganz aktuell, falls soetwas wie Tagespolitik noch in linksradikalen Kreisen überhaupt benannt werden darf. Also: Es deutet recht vieles darauf hin, dass der Sturz von Ypsilanti in Hessen eben durch eine ganz große Menge Geld organisiert wurde. Nicht nur mittelbar durch enorme Kurssprünge der Aktien (z.B. FraPort, deren Aktie um 13% stieg; zusammengerechnet ergeben sich viele hundert Millionen an Unternehmenswertsteigerungen) der davon profitierenden Unternehmen, sondern auch durch Aussagen mindestens drei der vier Verräter-Abgeordneten (http://hessen-spd.de/.net/QPPGYYPGKTPGGVDDDKDGVQTT/meldungen/11028/59641.html).

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