Archiv für Oktober 2008

Geld

Nachdem die Finanzwelt in heilloses Chaos gestürtzt zu sein scheint und die Kommentator*Innen in den Wirtschaftszeitungen sogar das Wort „Realökonomie“ erlernt haben, fragen sich alle, wie genau das mit dem Geld eigentlich funktioniert. Hier die Einschätzung von Kloß & Spinne, auf die mich übrigens Benni gebracht hat – dafür an dieser Stelle noch mal danke.

Theorie gegen verkürztes Krisenbewusstsein

… ist bitter notwendig. Schließlich ist soll so ein Wochenende auch zur Besinnung dienen. Darum hier ein paar Linktipps. Ergänzungen sind gern gesehen.

Aktuelle(re) Einschätzungen:

Robert Kurz: Das Ende der Individualisierung
Der globale Finanzkrach zerstört die „private Daseinsvorsorge“

Robert Kurz: Kasino-Keynesianismus

Robert Kurz: Die letzte Instanz

Peter Klein: Krise ohne Alternative

Andreas Exner: Die große Illusion – Mega-Blase Weltwirtschaft

Andreas Exner: Der Stehpinkler
Henryk M. Broders Krisenerektion als Prototyp

Anna Blume, Nick Sinakusch: Business as usual
Wie uns die Finanzkrise erklärt wird

Ältere und Hintergrundtexte:

Norbert Trenkle: Weltmarktbeben
Über die tieferliegenden Ursachen der aktuellen Finanzmarktkrise

Robert Kurz: Wettlauf nach unten

Robert Kurz: Das letzte Stadium des Staatskapitalismus

Ernst Lohoff: Same Procedure as every Year?

Peter Samol: Werte suchen Korrektor
Bei der Finanzkrise ist kein Ende in Sicht. Die Realwirtschaft und als bombensicher geltende Staatsanleihen sind bereits betroffen. Wie schwarz ist die Zukunft?

Ernst Lohoff: Die harte Landung des Dollar
Von der währungspolitischen Pax Americana zum Weltmarkt ohne Weltgeld
(älterer Text, der jedoch sehr umfassend einige geldtheoretische Basics behandelt)

Ergänzungen und Nebenbemerkungen:

Stefan Frank: Knietief im Sicherungsfonds

Mario Candeias: Krise im oder des neoliberalen Finanzkapitalismus

Kein Marktversagen

Der glauben an den Markt bekommt in Teilen religiöse Züge. Das der Markt versagt – es kann nicht sein, was nicht sein darf. Entsprechend sind auch andere Schuld: nicht Kapitalismus und Marktwirtschaft, sondern das Fehlverhalten von Banken und ManagerInnen. Sagt die FDP, wie wir in diesem Beitrag nachhören können. (Interview)

Das schönste Schmankerl ist dabei dies: (mehr…)

Hating Emos

Mit den Emos hat der krisengeschüttelte bürgerliche Livestyle sein neues Hass-Objekt gefunden. Dabei ist sind Emos selber bereits Teil des kapitalistischen Krisenprozesses. Besser: Teil einer Krise der Subjektivierung, wie sie mit der Krise der kapitalistischen Formen einhergeht. Das wird deutlich, wenn wir uns Roger Behrens Einschätzung, was denn nun Emos überhaupt seien, noch mal kurz vor Augen führen:

:„Es macht auch keinen Sinn, dass sie sich auf ihre Vorformen wie die Hardcore-Bewegung aus den Achtzigern und die Emocore-Szene aus den Neunzigern beziehen. Denn das, was gegenwärtig als Emo, also als »Emotionen«, verhandelt wird, unterscheidet sich signifikant von der popkulturellen Gefühlswelt des ausgehenden zwanzigsten Jahrhunderts. Grob gesagt ist der Unterschied der, dass sich Jugendkulturen wie Disco, Punk oder Hardcore auf eine Allgemeinheit der Emotionen beriefen, die gegen die Allgemeinheit des herrschenden Prinzips der Rationalität gerichtet war: die Liebe, der Hass, die Sehnsucht. Das waren Stereotypen, aus denen sich beispielsweise ein subkulturell-ästhetischer Stil entwickeln ließ, nämlich Subversion, Dissidenz, Provo­ka­tion; überhaupt begründete sich in der Abweichung ein Lifestyle.“

Während also bislang Emotionen als ein Phänomen des Allgemeinen aufgetreten sind, erscheinen sie nun als Phänomen des Besonderen. (mehr…)

70% Kollaps

Economy goes down: Nachdem schon einige Wochen lang ein Bankhaus nach dem anderen in die Pleite gesteuert ist und es die Versicherer ihnen mit unglaublicher Zielsicherheit nachgemacht haben, kommt es in dieser Woche dicker als erwartet. Seit Tagen schließen die Börsen weltweit negativ, der Dow Jones, der Nikkei und der Dax rutschen in lange nicht gesehene Tiefen. Eine in konzertierter Aktion von diversen Notenbanken beschlossene Zinssenkung brachte für knappe zwei Stunden Aufschub, dann gingen die Kurse weiter in den Keller. In Indonesien und Russland wurden die Börsen einfach ganz geschlossen und mit Island steht bereits der erste Staat vor dem Meineid.

Derweil ergreift die Krise auch die Realwirtschaft. An vielen Standorten diverser Automobilkonzerne wird die Produktion eingeschränkt und mit SAP hat der größte europäische Softwarehersteller ernste Probleme. Auch der Mittelstand ist – wenn wunderts – leicht verschnupft und blickt nicht gerade sehr freudig in die Zukunft. Im Finanzsektor geht es derweil auch munter weiter und so hat sich herausgestellt, das die 85 Mrd. Dollar, die für die Rettung des Versicherers AIP geplant waren, nicht ausreichen und nochmal um weitere 48 Mrd. erweitert werden müssen, so das ganze denn Wirkung zeigen soll.

Zu allem Überfluss gibt es dann auch noch Einschätzungen wie die eines scheinbar prominenten Aktienhändlers. Die Wahrscheinlichkeit eines Zusammenbruches des Wirtschafts- und Finanzsystems schätzte er auf geschmeidige 70%. „Aber vielleicht hat ja noch jemand eine Idee.“

Schade nur, das es an jedweder emanzipatorischen Alternative zu dem Scheiß fehlt, der mehr und mehr am Abschmieren is….

Kursstürze

Beim Lesen der Tageszeitung muss heute wohl das Herz jeder Krisentheoretikerin höherschlagen. „Aktienkurse stürzen weltweit ab“ titelte etwa die Süddeutsche Zeitung. Im Gefolge der aktuellen Finanzmarktkrise geht es nun ordentlich ab. In der Online-Ausgabe können wir dann lesen: „Es kracht allerorten: Der Dax fällt zeitweise unter die Marke von 5000 Punkten, in Moskau wird der Handel gestoppt und die Tokioter Börse macht die schwersten Verluste seit 1987.“

Und so langsam scheint sich Panik breitzumachen. (mehr…)

Krisenursachen

Krise und Kapitalismus sind wahrlich zwei Dinge, die zusammengehören und auch schon so ziemlich immer zusammengehört haben. Michael Heinrich etwa verwies unlängst auf die Krise von 1857/58, „die erste wirkliche Weltwirtschaftskrise des modernen Kapitalismus, in die schließlich alle damals führenden Länder (England, USA, Frankreich, Deutschland) hineingezogen wurden.“ Marx dachte damals, der große Crash stünde bevor, doch es kam anders: „Die Krise war bereits im Frühsommer 1858 überwunden und das kapitalistische System ging sogar enorm gestärkt aus ihr hervor.“ Marx jedenfalls hätte sich „mit guten Gründen von jeder Zusammenbruchstheorie verabschiedet“ und erkannt: „Im Kapitalismus wirken Krisen als brutaler Reinigungsakt.“

Auch die Tatsache, das Krisen (wie derzeit) sich als sog. Überakkumulationskrise darstellen, sei nichts neues:


„Seit der holländischen Tulpenkrise im frühen 17. Jahrhundert haben diese Spekulationskrisen immer wieder denselben Verlauf genommen: Ein bestimmtes Vermögensobjekt (seien es nun Aktien, Häuser oder eben Tulpenzwiebeln) wird immer höher bewertet, was die Nachfrage nach diesem Objekt ankurbelt, denn alle wollen am scheinbar unaufhaltsamen Wertzuwachs teilhaben. Das eigene Vermögen, schließlich auch Kredite werden zum Erwerb des Spekulationsobjektes benutzt. Aufgrund der großen Nachfrage steigt dessen Preis weiter, was zu weiterer Nachfrage führt. Doch irgendwann ist dieser Anstieg erschöpft. Es wird schwieriger, neue Käufer zu finden, und die ersten Anleger wollen ihre Gewinne realisieren und verkaufen. Der Preis des Spekulationsobjektes fällt. Jetzt wollen alle aussteigen, um keine Verluste zu machen, was aber den Preis noch weiter drückt. Viele von denen, die spät in die Spekulation eingestiegen sind und zu einem hohen Preis gekauft haben, machen jetzt hohe Verluste. Da mit diesen Verlusten auch ein allgemeiner Nachfrageeinbruch verbunden ist, kann sich eine solche Spekulationskrise auf die gesamte Wirtschaft auswirken. Im Prinzip ist deren Verlauf heutzutage auch denjenigen bekannt, die sich an der Spekulation beteiligen. Doch ist eben nicht klar, in welcher Phase der Spekulation man sich befindet: relativ am Anfang, wo noch gute Gewinnchancen existieren, oder eher am Ende, kurz vor dem Platzen der Blase. Jeder hofft, dass er noch bei den Gewinnern sein kann, auch wenn er weiß, dass der Absturz kommen wird.“

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Heuschrecken und Erdnussbutter

Das Fonds-ManagerInnen und FinanzspekulantInnen gerne als „Heuschrecken“ tituliert werden, ist nichts Neues. Eine nicht unkreative Umdeutung hat jetzt Andres Exner vorgenommen:

Die “Gier” der “Wallstreet” anzuprangern ist aber nicht bloß falsch. Schlimmer noch: sie grenzt an Heuchelei. Der globale Norden verbraucht bekanntlich ein Vielfaches der Ressourcen des globalen Südens. Wir fressen der Welt buchstäblich die Zukunft weg. Dagegen sind die vermeintlichen Eskapaden von Managern nicht mehr als Peanuts. Die “Heuschrecken” sind nicht die Manager, sondern wir selbst.

Krisis-Jahresseminar

Während ich in der Blogosphäre als „der Typ der der halben Göttinger Linken auf der Suche nach inkorrekter Wortwahl hinterherspioniert“ verhandelt wurde und ich mittlerweile tatsächlich überlege, mal tiefgehender Freud zu lesen um mir erklären zu können, woher der Kerl wohl seine Komplexe hab en mag – während alle dem also war ich am letzten Wochenende im wunderschönen Ipsheim beim Krisis-Jahresseminar.

Wer dazu nun gerne eine weitestgehend gelungene Zusammenfassung lesen möchte, dem sei der Text auf Keimform-de empfohlen. Der gute Hanno hat einige der Vorträge mitgeschnitten und ins Netz gestellt, ihr findet sie hier.