Achtung, dies ist ein theoretischer Debattenbeitrag! Er beinhaltet viele theoretische Kategorien und bezieht sich auf eine Spezialdebatte. Er hat nicht den Anspruch, die angesprochenen Themen abschließend zu klären, sondern auf Missverständnisse und Probleme innerhalb der Debatte hinzuweisen. Und er hat auch nicht den Anspruch, verständlich zu sein ,-)
Irgendwie ist grade Krise. Und so streiten sich die Gelehrten, welchen Charakter diese Krise denn wohl hat. Das ich dabei der Krisentheorie, wie sie seit etwa 20 Jahren in den Theoriezusammenhängen Krisis und Exit entwickelt wurde, zuneige, dürfte die eine oder die andere schon mitbekommen haben.
Andreas Exner von Streifzügen bzw. vom Social Innovation Network versucht derzeit, innerhalb der Debatte rund um die Krisentheorie eine Schwerpunktverschiebung zu initiieren. Die Probleme der Krise, so sagte er unlängst in einem Interview, lägen „nicht vorrangig im ökonomischen Bereich. Der Kapitalismus verjüngt sich in seinen Krisen. Der Punkt ist vielmehr, dass die Ressourcenbasis des Kapitalismus sich verengt.“
Der fundamentale Charakter des Krisenprozesses wäre gemäß dieser Interpretation kein aus derSystemnotwendigkeit des Kapitalismus hervorgehender, sondern einer, der von der begrenzten Ressourcenbasis an ihn herangetragen wird. Die Ressourcen nämlich gehen aus und das bringt das System in Bedrängnis:
„Das Kapitalwachstum wird sich geografisch immer mehr zurückziehen und der Kapitalismus wahrscheinlich in eine tiefe gesellschaftliche und politische Krise geraten. Das unterminiert seinen Bestand als Weltsystem. Ohne eine irgendwie glaubhafte Wohlstandsperspektive für alle kann es schwer überleben.“
Ich halte die Einschätzung, das eine Erschöpfung von Naturressourcen den Kapitalismus in (zusätzliche) Bedrängnis bringen könnte, für durchaus plausibel. Er hat in dem übrigens sehr empfehlenswerten Buch „Die Grenzen des Kapitalismus“ und im SIN-Blog zusammen mit seinen Mitstreitern einiges lesenswertes dazu geschrieben. Zum reinlesen sei dieser Artikel aus der Analyse und Kritik empfohlen.
Was ich aber für weniger plausibel halte, ist seine ökonomiekritische Einordnung dessen, was da passiert. Es mag ja sein, das die Linke die ökologischen Nebenwirkungen des Kapitalismus zu wenig thematisiert (dazu wurde ja hier auch schon einiges geschrieben). Das muss nun aber nicht heißen, das der Kapitalismus keine immanente Grenze hätte. Exner klingt in der zitierten Interviewpassage schon fast fortschrittsoptimistisch: Krisen hätten eben eine reinigende Wirkung, danach könne es wieder ‚von vorne‘ losgehen. Ein erster Versuch, diese Annahme zu theoretisieren findet sich im Text Produktivität und Krise. Notizen einer Debatte, zu dem ich hier einige Anmerkungen machen möchte. Nicht zuletzt, weil der Autor darum gebeten hat, Bauchschmerzen mit dem Text zu verbalisieren. Vielen bisherigen Kritiken, vor allem die Replik von Claus-Peter Ortlieb, aber den Blog-Kommentar von Holger Roloff finde ich inhaltlich weitestgehend stichhaltig, wenn auch in der Form wenig weiterführend. Es macht m.E. wenig Sinn, die eigenen Argumentationsgänge hinter Polemik zu verstecken, wenn es einem um inhaltliche Verständigung geht. Und das wäre mein Anliegen an dieser Stelle. Wenn dabei meine Argumentation oft unstrukturiert ist, so möchte ich das auf den Text zurückführen, an dem ich mich abarbeite. Denn auch dort fehlt oftmals die nötige Stringenz, weshalb manche Argumente sich doppeln oder an Punkten vorweggenommen werden, obwohl später nochmal auf sie eingegangen wird. Im übrigen gilt auch hier: Kritik ist ein Geschenk. (mehr…)