Immanente Schranken oder: Kategoriales zur Krise

Achtung, dies ist ein theoretischer Debattenbeitrag! Er beinhaltet viele theoretische Kategorien und bezieht sich auf eine Spezialdebatte. Er hat nicht den Anspruch, die angesprochenen Themen abschließend zu klären, sondern auf Missverständnisse und Probleme innerhalb der Debatte hinzuweisen. Und er hat auch nicht den Anspruch, verständlich zu sein ,-)

Irgendwie ist grade Krise. Und so streiten sich die Gelehrten, welchen Charakter diese Krise denn wohl hat. Das ich dabei der Krisentheorie, wie sie seit etwa 20 Jahren in den Theoriezusammenhängen Krisis und Exit entwickelt wurde, zuneige, dürfte die eine oder die andere schon mitbekommen haben.

Andreas Exner von Streifzügen bzw. vom Social Innovation Network versucht derzeit, innerhalb der Debatte rund um die Krisentheorie eine Schwerpunktverschiebung zu initiieren. Die Probleme der Krise, so sagte er unlängst in einem Interview, lägen „nicht vorrangig im ökonomischen Bereich. Der Kapitalismus verjüngt sich in seinen Krisen. Der Punkt ist vielmehr, dass die Ressourcenbasis des Kapitalismus sich verengt.“

Der fundamentale Charakter des Krisenprozesses wäre gemäß dieser Interpretation kein aus derSystemnotwendigkeit des Kapitalismus hervorgehender, sondern einer, der von der begrenzten Ressourcenbasis an ihn herangetragen wird. Die Ressourcen nämlich gehen aus und das bringt das System in Bedrängnis:

„Das Kapitalwachstum wird sich geografisch immer mehr zurückziehen und der Kapitalismus wahrscheinlich in eine tiefe gesellschaftliche und politische Krise geraten. Das unterminiert seinen Bestand als Weltsystem. Ohne eine irgendwie glaubhafte Wohlstandsperspektive für alle kann es schwer überleben.“

Ich halte die Einschätzung, das eine Erschöpfung von Naturressourcen den Kapitalismus in (zusätzliche) Bedrängnis bringen könnte, für durchaus plausibel. Er hat in dem übrigens sehr empfehlenswerten Buch „Die Grenzen des Kapitalismus“ und im SIN-Blog zusammen mit seinen Mitstreitern einiges lesenswertes dazu geschrieben. Zum reinlesen sei dieser Artikel aus der Analyse und Kritik empfohlen.

Was ich aber für weniger plausibel halte, ist seine ökonomiekritische Einordnung dessen, was da passiert. Es mag ja sein, das die Linke die ökologischen Nebenwirkungen des Kapitalismus zu wenig thematisiert (dazu wurde ja hier auch schon einiges geschrieben). Das muss nun aber nicht heißen, das der Kapitalismus keine immanente Grenze hätte. Exner klingt in der zitierten Interviewpassage schon fast fortschrittsoptimistisch: Krisen hätten eben eine reinigende Wirkung, danach könne es wieder ‚von vorne‘ losgehen. Ein erster Versuch, diese Annahme zu theoretisieren findet sich im Text Produktivität und Krise. Notizen einer Debatte, zu dem ich hier einige Anmerkungen machen möchte. Nicht zuletzt, weil der Autor darum gebeten hat, Bauchschmerzen mit dem Text zu verbalisieren. Vielen bisherigen Kritiken, vor allem die Replik von Claus-Peter Ortlieb, aber den Blog-Kommentar von Holger Roloff finde ich inhaltlich weitestgehend stichhaltig, wenn auch in der Form wenig weiterführend. Es macht m.E. wenig Sinn, die eigenen Argumentationsgänge hinter Polemik zu verstecken, wenn es einem um inhaltliche Verständigung geht. Und das wäre mein Anliegen an dieser Stelle. Wenn dabei meine Argumentation oft unstrukturiert ist, so möchte ich das auf den Text zurückführen, an dem ich mich abarbeite. Denn auch dort fehlt oftmals die nötige Stringenz, weshalb manche Argumente sich doppeln oder an Punkten vorweggenommen werden, obwohl später nochmal auf sie eingegangen wird. Im übrigen gilt auch hier: Kritik ist ein Geschenk.

Mit seiner Formulierung von der Verjüngung des Kapitalismus im Krisenprozess bezieht sich Exner indirekt auf Michael Heinrich, von dem er in seinem Krisen-Text schrieb, er argumentiere dahingehend, „dass Krisen im Kapitalismus grundsätzlich eine reinigende Funktion haben und nicht den Anfang vom Ende der Kapitalakkumulation, sondern jeweils den Beginn einer neuen Runde der Akkumulation bedeuten.“ Und tatsächlich scheint mir seine Argumentation tatsächlich von spezifischen Grundannahmen geprägt, die einem bei Michael Heinrich entlehnten Verständnis von Wertvergesellschaftung zu entstammen scheinen. Fundamentale Krise darf nicht sein.

Exner referiert zunächst die Argumentation von Robert Kurz in den schon etwas angegrauten Texten „Die Krise des Tauschwerts“ und „Die Himmelfahrt des Geldes“. Die Rezeption wird dadurch erschwert, das er zunächst nicht deutlich macht, wie er sich zu den referierten Positionen positioniert.Auch im zweiten Teil, in dem er die Debatte zwischen Michael Heinrich und Norbert Trenkle referiert, die dies unlängst in den Streifzügen geführt haben und die sich in einer aktualisierten Variante auch hier nachhören lässt, lässt sich höchstens impliziet eine Positionierung herauslesen. Ich konnte mich des Eindruckes nicht erwehren, das hier eine Vielzahl von Informationen dargestellt wird, ohne das ein roter Faden in der Argumentation deutlich würde. Ein Grund sicherlich, der einen Teil der Verwirrung erklären könnte, den Text allem Anschein nach bei einigen Leser*Innen ausgelöst hat.

Die Grenze der Form

Erst zur Mitte des Textes hin beginn Exner die referierten Positionen auch zu kommentieren. Er tut dies in einer Auseinandersetzung mit dem meiner Ansicht nach sehr gelungenen Text „Ein Widerspruch von Stoff und Form“, der in der nächsten Ausgabe der „Exit“ erscheinen soll.

Ortlieb setzt sich in seinem Text mit einem Argument auseinander, das Michael Heinrich gegen die Krisentheorie angebracht hatte. Die stete Zunahme des relativen Mehrwerts nämlich könne ein zurückgehen absoluter Arbeitszeit ausgleichen. Ortlieb beharrt nun auf dem „Widerspruch von Stoff und Form“, der seinem Artikel schon bei der Namensgebung Pate stand. Wenn wir uns die konkret-stoffliche Dimension der Produktion ansehen, dann ist das Argument von Heinrich plausibel. Tatsächlich kann durch steigende Produktivität von immer weniger Menschen immer mehr hergestellt werden. Es können also von immer weniger produktiven Arbeiter*Innen immer mehr Menschen durchgefüttert werden. Das heißt nun aber noch nicht, das dies auch auf der Ebene der gesellschaftlichen Form der Fall wäre. Hier interessiert nämlich nicht länger die stoffliche Machbarkeit, sondern die Verausgabung menschlicher Arbeit als solche. Ihr Maß ist dabei nicht die Menge an nützlichen Dingen, sondern die Zeit. Es müsste also gezeigt werden, das ein stetes Schrumpfen der absoluten Arbeitszeit durch eine relative Erhöhung des Mehrwertes in Relation zum variablen Kapital (v) dauerhaft ausgeglichen werden kann. Diese Beweisführung steht nicht nur bislang aus, sie ist kaum zu leisten, wie Ortlieb in seiner Replik zurecht bemerkt.

Denn aus einer betriebswirtschaftlich vernutzten Arbeitskraft lassen sich nun mal maximal 24 Stunden geleistete Arbeitszeit pro Tag herausdestillieren. Während also der Produktion von Gebrauchswerten keine Obergrenze gesetzt ist, sieht das bei der Wertproduktion ganz anders aus. Eine produktive Arbeiterin kann – je nach Stand der Produktivkräfte – beliebig viel mehr oder minder nützliche Dinge herstellen. Aber sie kann nicht mehr als 24 Stunden Zeit pro Tag verausgaben. Da nun aber die Zahl der Arbeitskräfte insgesamt zurückgeht, stößt die Akkumulation von Arbeitszeit hier an eine logische Grenze.

Das Argument von Heinrich und Exner schließt jedoch von der stofflichen Ebene auf die der Form kurz. Exner wendet hiergegen ein, Die Steigerung der Produktivkraft sei nämlich gar nicht unendlich möglich, insofern seien auch die Überlegungen von Ortlieb lediglich „mathematische Fiktion“. Einen Beleg dafür, warum an einem bestimmten Punkt keine Produktivkraftsteigerung mehr möglich sein sollte, bleibt er jedoch schuldig.

Dazu wäre, selbst wenn dem so wäre, damit noch nicht gesagt, das der entsprechende Punkt nicht wahlweise schon erreicht wäre oder sich zumindest noch erreichen ließe.

Produktivität und stofflicher Ausstoß

Ortlieb verweist in seinem Text auf einen weiteren Widerspruch zwischen Stoff und Form: Wenn die Produktivkraft der Arbeit steigt, etwa durch den Einsatz verbesserter Maschinen, dann sinkt die gesellschaftlich durchschnittlich notwendige Arbeitszeit zur Produktion einer Ware. Um aber denselben Wert herzustellen wie bislang, verändert sich die Arbeitszeit nicht. Eine Stunde entspricht nach wie vor derselben Wertmasse – nur jetzt eben auf einem neuen gesellschaftlichen Niveau. In dieser einen Stunde werden nun aber mehr Gebrauchsgegentände hergestellt als zuvor. Sind es etwa vier mal soviele Stühle wie vor der Produktivkraftsteigerung, so wird nun auch vier mal so viel Holz benötigt wie zuvor. Es wäre also möglich, in einer halben Stunde doppelt so viele Gebrauchsgegenstände herzustellen, gleichsam doppelt so viel stoffliche Ressourcen zu verbrauchen und nur halb so viel Wert zu erzeugen.

Da es nun aber nicht um Wertproduktion, sondern um die Produktion von Mehr-Wert geht, darf die Wertmasse nicht stagnieren, sondern muss stetig wachsen. Aufgrund des oben geschilderten Widerspruchs von Wert und stofflichem In- und Output heißt das aber auch: für jede zusätzlich verausgabte Arbeitszeit muss ein vielfaches an Ressourcen verwendet werden.

Der Zusammenhang erscheint mir derart offensichtlich, das ich wirklich nicht verstehe, was daran unplausibel sein sollte. Dasselbe gilt auch für Ortliebs Hinweis, das eine steigende technische Zusammensetzung des Kapitals auch die neuen Maschinen, in denen die Produktivkraftsteigerung inkorporiert ist, umfasst. Hier wird schon auf der Ebene der Vorauskosten eine mit steigender Produktivkraft einhergehende höhere Materialintensität angelegt.

Bei diesen Einwänden geht es sicherlich nicht um eine äußere stoffliche Grenze, sondern um eine immanente Dynamik. Das von der stofflichen Beschränktheit nicht wirklichausführlich (empirisch) gesprochen wird, heißt aber nicht, dass die Argumentation von Ortlieb nicht schlüssig wäre. Der Einwand, Ortlieb würde hier nach der stofflichen Beschaffenheit der Waren auf ihren Charakter innerhalb der Kapitalakkumulation schließen, erscheint dann auch eher auf einem Missverständnis zu beruhen. Zumindest wüsste ich nicht, wie diese Behauptung stringend aus dem Text herausgelesen werden könnte. Und Ortlieb antwortet ja auch in seiner Replik mit dem schlichten Hinweis, das es ihm bei den Hemden um ein simples Beispiel gegangen sei. „Aber für Nähmaschinen gilt es natürlich genauso.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

Naturgrenze und Krise

Exner wirft Ortlieb vor, mit seiner systematischen Herleitung einer stofflichen Schranke des Kapitalismus aus den inneren Widersprüchen von Wert und Gebrauchswert nähme „die Potenz der ökologischen Beschränkung als eigenständige Krisenursache nicht ganz für voll“. Denn die ökologische Krise in Form diverser Rohstoff-Peaks, so lese ich Exner an der Stelle, hat selber wieder Auswirkungen auf den Krisenverlauf. Steigende Rohstoffpreise etwa wären – gerade bei unterstelltem stetig steigenden Rohstoffbedarf – unter Umständen eine zusätzliche Akkumulationsgrenze. Diese Ebene der Vermittlung von Empirie und Theorie taucht bei Ortlieb (ebenso wie in der bisherigen wertkritischen Debatte) nicht auf. Sie würde allerdings auch den Rahmen des Textes sprengen, in dem es ja ganz dezidiert um eine immanente, der Widersprüchlichkeit des Kapitalismus entspringende Krisentendenz geht.

Entsprechend schräg ist dann auch die Konstruktion, aus einzelnen Formulierungen herauslesen zu wollen, Ortlieb würde an dieser Stelle eine solche Möglichkeit ausschließen. Er abstrahiert lediglich von dieser Ebene – legitimerweise, wie ich finde.

Verwundert hat mich an der Stelle auch der Hinweis auf „die Möglichkeiten der Effizienzsteigerung.“ Denn sicherlich ist es möglich, ein Auto mit weniger Ressourcen zu produzieren. Es ist nur eben nicht möglich, ein Auto ganz ohne Ressourcen zu produzieren. Insofern ist die objektive Schranke des Kapitalismus rein logisch gegeben – strebt der doch nach niemals endendem Wirtschaftswachstum mit entsprechendem Bedarf an Rohstoffen – siehe oben.

Verständigungsprobleme

In einigen Bereichen scheinen mir schlicht Verständigungsprobleme zwischen Andreas Exner und dem bisherigen wertkritischen Diskurs vorzuliegen. Wenn er etwa von Kurz verlangt, dieser müsse ausweisen, was er denn wohl meine, wenn er von „Zusammenbruch“ und „Endkrise“ spricht, dann scheint mir das insofern ungerechtfertigt, als das es entsprechende wertkritische Aussagen dazu gibt. Bei „Endkrise“ geht es eben nicht um ein plötzliches „aufhören“ des Kapitalismus, sondern um einen langwierigen und fundamentalen Krisenprozess, der nun schon seit etwa 30 Jahren läuft. Für den Unterschied von diesem Krisenprozess zu „gewöhnlichen“ kapitalistischen Krisen gilt dasselbe: auch dazu gibt es eine ganze Reihe von Ausführungen, auf die Exner jedoch nicht eingeht sondern nur auf die vermeintliche Plausibilität von Heinrichs Kritiken verweist. Welcher der Kritikpunkte ihn da jetzt überzeugt hat und warum er die von Ortlieb und Trenkle formulierten „Antikritiken“ nicht teilt, wird an nicht deutlich.

(Hier ist einer der Punkte, auf die ich oben bereits verwiesen habe. Später im Text kommt Exner noch detaillierter darauf zu sprechen, während er zunächst ohne Begründung das Krisentheorem stehenlässt. Ich lasse die folgende Passage daher stehen, da es ja in erster Linie um die Inhalte geht. Mensch möge es mir verzeihen…)

Um das an zwei Beispielen deutlich zu machen, die Exner als Argumente von Heinrich rezitiert und ohne weitere Kommentierung stehen lässt.

„Für einen ‚Netto-Rückzug‘ des Kapitals aus großen Weltregionen sieht er (Heinrich) keine Indizien. „

Dies Argument ist keineswegs neu und aus wertkritischer Sicht durchaus ausführlich behandelt worden. Denn letztlich geht es nicht um die Verausgabung von Arbeit überhaupt, sondern um Verausgabung von gesellschaftlich durchschnittlich notwendiger Arbeitszeit. Diese jedoch orientiert sich an den Standarts der nordamerikanische, japanischen und europäischen Hightech-Produktionsstätten. Es trägt also wenig aus, wenn von einer Zunahme der Arbeitstätigkeiten all over the world darauf geschlossen wird, das hier wohl auch die Mehrwertproduktion gestiegen sein müsse. Ausführlich behandelt hat diese Frage Norbert Trenkle in seinem Text „Die Entwertung des Werts. Über die krisenhafte Durchsetzung des Wertgesetzes auf dem Weltmarkt“.

Darüber hinaus muss ebenfalls festgehalten werden, das es nicht nur darauf ankommt, das überhaupt gearbeitet wurde, sondern auch, dass Kapital akkumuliert wird. Elendsproduktion im Stil von Schuhputzjobs fällt da allerdings raus. Auch da gibt es einen lesenswerten Text zu, nämlich „Informatisiertes Elend“ von Norbert Trenkle.

Ein Grund, warum in der Debatte um den Text oft ein harscher Ton angeschlagen wird, liegt m.E. nicht dem offensiven nicht-wahrnehmen solcher Argumente. Das gilt auch für einen weiteren Einwand von Heinrich, den Exner referiert:

„Die Ausdehnung des Kredits gilt Heinrich als eine Annäherung an den idealtypischen Kapitalismus, worin das Kreditsystem eine zentrale Rolle für die Akkumulation spielt.“

Das Kredit für den Kapitalismus etwas normales darstellt, bestreitet ja auch niemand. Allerdings geht es bei der Debatte um das „Fiktive Kapital“ nicht (nur) um Kredit, sondern eben (auch) um Fiktives Kapital. Auch, wenn in der marxistischen Debatte die Analyse der gegenwärtigen Krisentendenzen oftmals über Zins und Kredit läuft – und nicht über Fiktives Kapital. Wo Heinrich sicherlich Recht zu geben ist, ist die bislang zumindest unglückliche Verwendung des Begriffes vom „Fiktiven Kapital“ in wertkritischen Kontexten. Den die weicht tatsächlich unausgewiesener Weise von der marx’schen ab. Das die Erweiterung des Begriffes nicht ausgewiesen wird, ändert jedoch nichts an der Richtigkeit der damit analysierten Zusammenhänge.

Was (von der kategorialen Frage abgesehen) den Einwand Heinrichs kritikabel macht, ist die Dimension, die Kredit und Fiktives Kapital heutzutage einnehmen. Für den Kredit hat Exner die grundsätzliche Argumentation von Robert Kurz ja sogar referiert. (Auch die Argumentation zum Weltmarkt, auf die ich oben anspiele, taucht in der Himmelfahrt des Geldes m.E. auf) Warum sich nicht plausibel sein soll, bleibt jedoch unklar. Für fiktives Kapital gilt dasselbe. Es lässt sich hier eine Art „abheben“ des Finanzüberbaus feststellen, der gerade von der gewöhnlichen Funktionalität abweicht und daher kaum als „same procedure as every time“ behandelt werden kann.

Profit versus Mehrwert

„Der kapitalistische Produktionszweck ist der Profit.“ können wir im vorläufigen Resumee lesen. Das ist m.E. falsch. Der Produktionszweck ist vielmehr der Mehrwert. Und der lässt sich als selbstzweckhafte Steigerung der Wertverwertung beschreiben. Hier soll also verausgabte Arbeitszeit akkumuliert werden. Bereits diese grundlegende Bestimmung verweist auf den von Ortlieb zurecht hervorgehobenen Widerspruch von Stoff und Form. Auf den allerdings geht Exner auf einer kategorialen Ebene nicht ein, sondern scheint ihn schlichtweg nicht zur Kenntnis zu nehmen.

Der Unterschied zwischen dem Mehrwert und dem Profit, der in der Kasse des Unternehmens landet, ist ein wesentlicher: denn letzterer kann auch durch fiktive Kapitalschöpfung zustandekommen, etwa durch bloße Erhöhung von Börsenwerten. Das Unternehmen Profite machen, sagt also nur sehr begrenzt etwas über die Wertschöpfungspotentiale des Gesamtsystems aus.

Insofern ist der Krisenbegriff aber ganz eindeutig bestimmt. Wie Exner nun aber darauf kommt, das „die These von der schrumpfenden Mehrwertmasse keine im eigentlichen, engen Sinn kapitalistische Krise“ beschreibt, ist mir schlicht unerklärlich. Was sonst sollte das sein, wenn nicht die kapitalistische Krise in Reinform? Sicherlich weicht die Begründung von der üblichen innerhalb der marxistischen Debatte ab. Dafür allerdings gibt es auch gute Gründe, die ausführlich theoretisiert wurden. Eine Kritik daran steht nach wie vor aus. Es erstaunt mich jedenfalls, wie nach einer so langen Zitation der Kurz’schen Krisendiagnose kein Wort darüber fällt, an welcher Stelle seine grundlegenden Annahmen hinken. Und auf dieser grundlegenden Ebene gehört diese Diskussion geführt. Also (1) wie ist das kategorial: gibt es den Widerspruch von Wert und Gebrauchswert? Und dann (2): wie stellt sich die jetzige Situation vor dem Hintergrund von (1) empirisch dar? Ist die jetzige Situation eine, in der der Wert noch als gesellschaftliches Vermittlungsprinzip zu retten ist? Eine derart systematische Auseinandersetzung lässt der Text vermissen. Das mag verständlich sein, handelt es sich doch um einen simplen Blogeintrag. Kritikabel macht es ihn aber trotzdem.

Akkumulationsregime

Exner setzt die Wertkritik mit der Regulationstheorie in Verbindung. Das ist ein naheliegender Vergleich, denn tatsächlich finden sich hier viele Verbindungslinien. Die empirischen Beschreibungen vom Ende des Fordismus etwa ähneln sich an vielen Stellen. Exner referiert nun neue Entwicklungen in der Regulationstheorie, die von der Idee abstand nehmen, kohärente Akkumulationsregime würden sich in schöner Regelmäßigkeit ablösen. Diese Idee taucht auch bei den Leuten vom LinksNetz auf. Joachim Hirsch etwa erzählt schon seit einiger Zeit, dass die Krise wohl doch nicht auf ein neues Akkumulationsregime zielt, sondern doch etwas tiefer ginge. Ich würde das mal ein ein teilweises überschwenken auf traditionelle Positionen der fundamentalen Wertkritik interpretieren. Aber davon ab: worauf Hirsch verweist, ist der sowohl theoretisch als auch praktisch relevante Punkt, dass die „langwierige Instabilität“ aus dem Zitat von Joachim Becker (das Exner in dem Text bringt) eben gerade auf einen fundamentalen Krisenprozess verweist. Sicherlich ist es sinnvoll, die einzelnen Elemente der jeweiligen Verfallsdisposition zu untersuchen. Das ändert aber nichts daran, das sie eben als Krisenphänomen zu beschreiben sind – und nicht als business as usual. Falls mensch der Wertkritik bislang noch vorhalten kann, das sie ersteres vernachlässige, so kann mensch der Regulationsschule vorhalten, das sie letzteres nur sehr selten hervorhebt.

Relativer Mehrwert

Exner geht in seinem Resumee auf den relativen Mehrwert ein und versucht die Thesen von Kurz empirisch abzugleichen. Bevor ich näher auf dies vorgehen zu schreiben komme, eine grundsätzliche Anmerkungen: Die Einordnung des relativen Mehrwerts ist m.E. dahingehend ein abgeleitetes Phänomen wer wertkritischen Krisentheorie, als das sie lediglich die Verlaufsform des bisherigen Akkumulations- und Krisenprozesses zu beschreiben versucht. Eine Auseinandersetzung mit dieser Verlaufsform macht (ja, ich wiederhole mich) es auf der analytischen Ebene nich immer nicht überflüssig, sich mit dem Kernargument eines Grundwiderspruches auseinanderzusetzen.

Exner geht jedoch insofern empirisch darauf ein, als das er eine vermeintliche Zunahme von Erwerbstätigen und Arbeitsstunden gegen die These vom Rückzug der Arbeit ins Feld führt.

„Diese Schwachstelle zeigt sich zum Einen, wenn man die These der absoluten Verminderung der Arbeiterzahl überprüft. Angus Maddison hat Statistiken zu Arbeitsstunden und Erwebstätigenzahl für die USA, Japa und Großbritannien zusammengestellt (2007; Contours in the World Economy. 1-2030 AD, S. 384f.). Die Zahl der Arbeitsstunden nimmt demnach in den USA und in Japan zwischen 1973 und 2003 zu; in Großbritannien sinkt sie leicht. Allerdings steigt die Zahl der Erwerbstätigen auch in Großbritannien in diesem Zeitraum.“

Wie immer bei Statistiken stellt sich die Frage, inwieweit sie vor dem Hintergrund der genutzten Kategorien anwendbar sind. Zum einen ist natürlich der Unterschied zwischen Arbeitsstunden und Erwerbstätigen durchaus relevant, was in Exners Zusammenstellung nicht wirklich zum Ausdruck kommt. Dann stellt sich die Frage, welche Arbeitstätigkeiten in die Statistik eingehen und inwieweit es sich dabei um produktive Arbeiten handelt. Staatstätigkeiten, Tätigkeiten in Werbung und Verkauf, in der Banken und Versicherungsbranche fallen vor diesem Hintergrund von vornherein aus der Statistik heraus. Bei vielen kleinen Dienstleistungsjobs stellt sich zudem auch hier die Frage, inwieweit sie kapitalproduktiv sind. Es mag einige geben, sicherlich. Aber das es sich dabei um ein Massenphänomen handelt, ist mit dem bloßen Verweis auf eine steigende Stundenzahl nicht gezeigt.

Wir müssen also lernen, Statistiken anders zu lesen. Darauf jedoch geht Exner mit keinem Wort ein – obwohl er doch das Problem der produktiven Arbeit ausführlich referiert hatte. Dabei muss mensch gar nicht den Kurz’schen Zirkelschluss teilen. Auch jenseits dieser Überlegung gilt es sich dem Problem zu stellen.

Dasselbe gilt auch für Exners Verweis auf China. Hier ist einerseits die Frage der Weltmarkproduktivität zu stellen, auf die ich bereits oben eingegangen bin. Darüber hinaus stellt sich die Frage, inwieweit die neuen chinesischen Jobs nicht durch die Verschuldungszyklen zwischen China und den USA induziert sind: Wenn die USA sich stets Geld in China leihen um damit chinesische Waren zu kaufen und so chinesische Arbeitsplätze zu schaffen, dann ist das eine bloße Kreditkette, von der sich ja gerade die Frage stellt, wie lange die es noch macht.

Die mikroelektronische Revolution

Im Anschluss verweist Exner auf einige Statistiken, die die poduktivkraftsteigernde Wirkung der mikroelektronischen Revolution in Frage stellen würden. Leider referiert er nicht die Zahlen, auf die sich diese Statistiken beziehen. Denn für gewöhnlich sind diese Statistiken kategorial schlichtweg nicht zu gebrauchen. Entweder sie referieren das Produktivitätswachstum in € oder $ – Größen. Damit beziehen sie sich auf die Ebene der gesellschaftlichen Form und nicht auf die des Stoffes. Und das Wachstum der Produktivität misst sich eben in der „Kritik der politischen Ökonomie“ als Steigerung des Stoff-Ausstoßes. Zum anderen werden, wenn es stoffliche Zahlen gibt, diese oft in absoluten Größen ausgedrückt, also ohne Bezug auf die dafür verwendete Arbeitskraft. Zumeist aber wird einfach nicht deutlich, worauf genau sich die Kennzahlen nun beziehen. Der Hinweis auf vermeintliche Statistiken sagt also erstmal nichts aus. Es wäre zu zeigen, das der stoffliche Ausstoß pro Arbeitsstunde (nicht: pro Arbeitsmensch) nur unwesentlich gestiegen ist.

Auf der anderen Seite verweist Exner hier auf eine wertkritische Leerstelle: die Tatsache, das es schwer ist, hier an aussagekräftige Statistiken zu kommen, hat auch zur Folge, das es keine ausreichende empirische Fundierung der Krisensituation gibt, sondern die Argumentation oft auf der Ebene der Plausibilität sowie kategorialer Ebenen verbleibt.

Doch auch darüber hinaus verweist Exner auf eine Studie, die stoffliche Outputgrößen zum Ausgang hat. Stefan Krüger zeigt laut Exner in seiner Studie “Konjunkturzyklus und Überakkumulation” von 2007, „dass in Deutschland die Wachstumsrate der Produktivität in den 1980er und 1990er Jahren bis zum Jahr 2006 im Schnitt niedriger ist als in den 1950er, 1960er und 1970er Jahren. “ Das klingt erstmal recht spannend, aus den folgenden Sätzen zum Dienstleistungssektor werde ich jedoch nicht schlau – es erschließt sich mir schlichtweg nicht, was damit gesagt werden soll. Darum nur noch mal kurz eine Skizze davon, wie ich an das Problem herangehen würde:

Wenn in den letzten 20 Jahren der Dienstleistungssektor an Bedeutung gewonnen hat (was ich mal voraussetze, empirisches Material kann ich gerne nachliefern), dann gewinnen auch die Arbeitsplätze an Bedeutung, die kaum Spielraum zur Produktivkraftentwicklung aufweisen. In einer gesamtwirtschaftlichen Statistik würden sie also den statistischen Schnitt senken. Was zunächst darauf hindeuten könnte, das auch diese Statistik nur begrenzten Aussagewert hat. Um das genauer beurteilen zu können, müsse mensch sich das freilich genauer ansehen.

Dazu kommt das Problem, das sich Haarschnitte und Autos auf einer qualitativen Ebene nur schlecht vergleichen lassen. Produktivität kann also nur für eine Branche gemessen werden (auch hier ergibt sich das Problem der qualitativen Verbesserung, etwa durch leistungsfähigere Autos, die ja einen anderen Gebrauchswert darstellen als die vor 20 Jahren produzierten).

Ein wesentlicher Punkt stellt für Exner der angebliche Rückgang der Produktivität durch die IT-Branche dar. Hier stellen sich viele Fragen: wie ist die gemessen? Wie verhält sich das Ergebnis zu den grundsätzlichen Problemen, Informationsgüter als Wertträger darzustellen? Und wie verhalten sich diese Daten dann zur wertkritischen Krisentheorie? Es wäre ja etwa denkbar, das durch IT die unproduktiven Rahmenkosten zunehmen, die dann selbstverständlich eine ökonomische Belastung darstellen. Sie wären dann aber entsprechend in die Krisendiagnose einzusortieren, und nicht als Gegenbeleg anzuführen. Auch hier gilt: ohne genau Zahlen lässt sich da nix drüber sagen.

Unproduktive Arbeit

In einem gesonderten Punkt geht Exner dann noch mal auf das Problem der unproduktiven Arbeit ein. Auch in diesem Kapitel werden zunächst Zahlen zur Produktivitätssteigerung herangezogen. Worauf sich die %-Zahl bezieht wird jedoch nicht klar.

An der Kritik am kurz’schen Begriff produktiver Arbeit ist sicherlich was dran. Die Gegenargumentation von Exner, was die empirische Entwicklung der unproduktiven Arbeit angeht, überzeugt mich aber nicht. Er verweist wieder auf die oben schon erwähnte Studie von Stefan Krüger. Krüger scheint aber den Sektor der unproduktiven Arbeit in erster Linie mit dem Zirkulationskapital gleichzusetzen, also mit etwa mit Bankgeschäften. Ob das aber den Dienstleistungssektor als solchen abzubilden in der Lage ist, scheint mir zumindest zweifelhaft. Letztlich umgeht Exner hier die kategoriale Anstrengung die Prämissen der jeweils verwendeten Begriffe offenzulegen und zur wertkritischen Debatte in Bezug zu setzen. Solange das nicht passiert, sagen die vielen angeführten Zahlen nur wenig aus.

Fiktives Kapital

In seinen Ausführungen zum fiktiven Kapital weicht Exner wieder der m.E. entscheidenden Fragestellung aus: wenn es die Aufblähung der Finanmärkte gibt und wenn sie Folge einer Überakkumulationskrise sind (was Exner zugesteht), dann muss er auch die Begründungszusammenhänge deutlich herausarbeiten und auch die Dimensionen klarstellen. Der Verweis auf eine ominöse 500-jährige Geschichte des Kapitalismus, in dem sich halt alles immer wiederholen würde, scheint mir hier nicht überzeugend und in gewisser Weise selbst unhistorisch. Denn sie schließt von der zyklischen Widerkehr bestimmter Erscheinungen auf ein identisches zugrundeliegendes gesellschaftliches Wesen.


1 Antwort auf “Immanente Schranken oder: Kategoriales zur Krise”


  1. 1 Benni Bärmann 27. Dezember 2008 um 2:00 Uhr

    Könnt ihr bitte einfach mal alle sagen welche Krise ihr meint, wenn ihr von „der Krise“ redet. Es gibt da viele verschiedene und die Argumente in allen hier genannten Texten (inklusive diesem hier) betreffen wild durcheinander mal die eine Sorte mal die andere und schliesslich wieder ne andere. Deshalb hab ich ja mal versucht das aufzudröseln anhand empirischer historischer Untersuchungen. So lange ihr nicht bereit seid das auseinanderzuhalten ist es vor allem diese Form von Theorie, die in der Krise ist.

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