Die dritte Position

Im Nahost-Konflikt zeigt sich die deutsche Linke in ihrem schlechtesten Licht. Mailinglisten werden im Stundentakt mit identitären Grabenkämpfen zugespamt und auch die vermeintlich kritische Journalie gibt mal wieder alles. Ich bin in diesem Fall der Anhänger einer „Dritten Position“, wie sie m.E. unter anderem und unabhängig voneinander von Georg Klauda (lysis.blogsport.de), Bernhard Schmmid und der Krisis-Gruppe herausgearbeitet wurde. Die fast unlösbare Aufgabe wäre es, sich weder von der eigenen Ohnmacht noch von der Dummheit der anderen verrücktmachen zu lassen.

Ganz grundsätzlich und vor der Betrachtung konkreter Konflikte sollte festgehalten werden, das es bei den deutschen Debatten um den Nahost-Konflikt nicht nur um den Konflikt selber geht, sondern mindestens ebenso um eine Fortführung von Auseinandersetzungen innerhalb der deutschen Linken. Sehr prägnant formuliert hat diesen Zusammenhang Bernhard Schmid:


„Geht es um die Sache selbst? Um das, was Viele unbedingt in bzw. hinter der Sache sehen wollen? Oder aber um das, was Andere darin ihrerseits erblicken und darüber sagen – ohne dass sich die streitenden Parteien dann allzu lang mit der Wirklichkeit aufhielten? Manchmal dienen Konflikte und politische Vorgänge, die anderwo stattfinden, zu Hause vor allem als Projektionsfläche. Auf ihr werden eigene Streitigkeiten, eigene Unsicherheiten oder eigene (ideologische oder psychologische) Bedürfnisse sichtbar gemacht. Mit der Realität draußen in der Welt hat das dann nur noch bedingt zu tun, auch wenn es diese Realität außerhalb der Köpfe der Diskutierenden natürlich gibt. Auch darf nicht jeglicher Bezug zum tatsächlichen Geschehen fehlen. Sonst würde die Projektion ja auf Dauer nicht funktionieren, sondern sich als bloß selbstbezogenes Reden herausstellen und blamieren. Aber die Streitenden nehmen in der Regel von dieser Wirklichkeit nur noch das wahr, was durch die Filter ihrer Wahrnehmung hindurch passt.

In besonderem Maße gilt das anscheinend für Kriege und politische Entwicklungen im Nahen Osten. Oftmals nimmt der Beobachter die dortige Wirklichkeit durch ein Raster wahr, das die Interpretation und oft auch schon die bloße Wahrnehmung der Tatsachen vorab bestimmt. Hängt doch diese Tatsachenwahrnehmung in hohem Maße bereits von dem Standpunkt ab, den der Betrachter sich wählt. Dabei können in Wirklichkeit durchaus mehrere Aspekte gleichzeitig einen Teil der Realität abbilden, ohne dass sich «die Wahrheit» bereits darin erschöpfen würde.“(Bernhard Schmid: Der Nahe Osten als Projektionsfläche<

Beispiele dafür lassen sich viele finden. Nehmen wir etwa die Erklärung der israelischen Regierung, die Kampfhandlungen einzustellen und die Reaktion der Hamas darauf. Hierzu lesen wir in der Jungen Welt:


„Positiv hat die Führung der palästinensischen Hamas am Sonntag auf eine einseitig von Tel Aviv verkündete Waffenruhe für den Gaza­streifen reagiert. Man gebe Israel eine Woche Zeit, seine Truppen aus dem Gebiet zurückzuziehen und die Grenzübergänge zu öffnen, damit humanitäre Hilfe die Bevölkerung in Gaza erreichen könne, erklärte in Damaskus Hamas-Politbüromitglied Mussa Abu Marsuk nach Beratungen mit anderen palästinensischen Organisationen. Die Palästinenser seien offen für Vermittlungsbemühungen Ägyptens, der Türkei, Syriens sowie anderer arabischer Staaten.“
Karin Leukefeld: Fragile Waffenruhe

Dasselbe Thema liest sich dann auf Hagalil schon etwas anders:


„Die Hamas-Exilregierung im sicheren Syrien will davon immer noch nichts wissen und vertritt, zumindest nach außen, weiter die harte Linie. Deren Endziel bleibt, unisono mit den Geldgebern in Teheran, die totale Vernichtung des Staates Israel. Hamas hofft, eine Feuerpause von lediglich einem Jahr aushandeln zu können. Wahrscheinlicher ist, dass Israels Forderungen durchdringen: Unbefristete Waffenruhe, Zerstörung aller Tunnel und strengste Vorkehrungen gegen die Wiederbewaffnung der Hamas auch auf längere Sicht.“
Israel beschließt einseitige Waffenruhe: Hamas zögert

Was ist nun also passiert? Handelt es sich um ein Friedensangebot, weil die israelischen Soldaten ja eine Woche Zeit haben, um sich zurückzuziehen? Oder ist es eine Kriegsandrohung, weil Israel zu einem raschen Rückzug gedrängt werden soll? Oder ist es vielleicht ein Statement, das auf unterschiedliche Weise ausgelegt werden kann, das vollständig zu zitieren also eigentlich am an der Tagesordnung gewesen wäre? (Wo wir schon dabei sind: gibt’s die Erklärung als deutsche Übersetzung im Netz?)

Oftmals geht es gar nicht darum, wer eigentlich „recht“ hat in dem Sinne, das die „wahre“ Fakten präsentiert würden. Vielmehr geht es darum, den ideologischen Charakter der Einbettung dieser Fakten zu erkennen. Und die Fakten hinzuzufügen, die weggelassen werden.

So lässt sich aus der militärischen Übermacht der israelischen Armee relativ problemlos die Fähigkeit Israels konstruieren, mit jedweder realistischen militärischen Bedrohung umgehen zu können. Das trotzdem aber jeder Raktenbeschuss auch für die Menschen in den bombardierten südisraelischen Gebieten einen Ausnahmezustand bedeutet, wird leicht vergessen. Es ließe sich die Geschichte also auch andersherum erzählen. Nur wäre diese Erzählung ebenso falsch, wenn sie zur einseitigen Rechtfertigung von militärischer Maßnahmen verkommt, die augenscheinlich für die Sicherheit von Jüdinnen und Juden nur sehr begrenzt zielführend sind.

Sicherlich ist es richtig, dass es sich bei der Hamas um eine islamistische Terrororganisation handelt, und sicherlich deutet deren Mehrheit im palästinensischen Legislativrat auf eine gewisse Basis für deren Handeln in der palästinensischen Bevölkerung hin. Auf der anderen Seite darf deshalb weder auf antisemitischen Kern „des Islam“ noch auf eine unbedingte Unterstützung jeder einzelnen Hamas-Handlung durch die dortige Bevölkerung geschlossen werden. Solche eine Sichtweise wäre zwar einfach, würde jedoch die Vielfalt von Standpunkten und Motivationen vom Tisch wischen.

Sicherlich ist es richtig, das die israelische Armee lügt, was den Krieg angeht. Sicherlich hat sie gute, interessengeleitete Gründe, die Berichterstattung aus den Gebieten möglichst zu unterbinden. Uri Avnery schrieb dazu:


„Der Krieg – jeder Krieg – ist ein Konstrukt aus Lügen. Ob dies nun Propaganda oder psychologische Kriegführung genannt wird, jeder akzeptiert, dass es richtig ist, für sein Land zu lügen. Jeder, der die Wahrheit sagt, riskiert, als Verräter gebrandmarkt zu werden. Dabei überzeugt die Propaganda zuerst und vor allem den Propagandisten selbst. Und nachdem man sich selbst davon überzeugt hat, dass die Lüge die Wahrheit und die Verfälschung die Realität ist, kann man keine vernünftigen Entscheidungen mehr treffen. „
Uri Avnery: Ein Verbrechen gegen den Staat Israel

Wie nun kommt aber Avnery darauf, dass der arabische Al-Djasira-Kanal nicht ebenfalls ein Interesse hat, genau die Bilder zu senden, die er sendet. Das es gerade Bilder von Frauen und Kindern sind, die hier präsentiert werden, Männer in Tarnanzügen allerdings wenig bis gar nicht im Bildmaterial auftauchen, scheint kein Zufall: wer die öffentliche Wahrnehmung auf seine Seite bekommen will, wird versuchen, die Bilder zu beherrschen. Gerade aus der Erkenntnis, das in den Medien häufig nur die halbe Wahrheit berichtet wird, ein Argument für die Berichterstattung einer der beiden Seiten zu schustern, ist im Grunde schon ein starkes Stück.

Ich weiß nicht, was im Gaza-Streifen tatsächlich passiert. Ich war auch noch nie in Israel. Ich maße es mir auch nicht an, israelischen Politiker*Innen oder der israelischen Linken Handlungsvorschläge zu machen. Ich handele zunächst in einem deutschen Kontext, ob mir das nun gefällt oder nicht. Darum geht es mir auch in erster Linie darum, die Debatte um den Krieg zu betrachten. Denn das hat häufig mehr mit der Situation der Debattierenden zu tun als mit dem Konflikt selber. Womit wir wieder am Anfang angekommen wären.


7 Antworten auf “Die dritte Position”


  1. 1 lahmacun 20. Januar 2009 um 19:27 Uhr

    Darum geht es mir auch in erster Linie darum, die Debatte um den Krieg zu betrachten.

    vllt interessant:

    Die Nahost-Berichterstattung zur Zweiten Intifada in deutschen Printmedien unter besonderer Berücksichtigung des Israel-
    Bildes

    http://www.diss-duisburg.de/Internetbibliothek/Artikel/DEUTSCH%20Kurzfassung%20Israel%20Studie.pdf

  2. 2 habjaleiderkeineahnugnaberdaherfrageichja 21. Januar 2009 um 2:16 Uhr

    Zustimmung für die grundsätzliche Haltung.

    Interessanter als das ist aber, finde ich, die Frage, was denn los ist in der deutschen Linken.

    Was sind die Grundlagen für diesen Abgrund? Ich denke nicht, dass es tatsächlich allein der zurecht von den ADs kritisierte Antisemitismus in der Linken ist. Ich will auch die ADs nicht einseitig die Schuld zu schieben(ihnen einfach zB nur Gehabe ohne Inhalt vorzuhalten oder Verzweiflung aufgrund der Frage, wie mensch sich aus einem deutschen Kontext heraus zu Fragen verhält, die irgendwie Juden betrifft, Verzweiflung aufgrund des Niedergangs der Linken ab der ’90er).
    Es müssen doch historisch aufzeigbare deutliche Differenzen, bzw. Traditionen aus denen sich der Konflikt speist, aufzeigbar sein. Gibt bestimmt auch schon irgendwo, oder? Hints, anyone?
    Und, wie wirkt mensch diesem innerdeutschen Konflikt so entgegen…?^^

  3. 3 Juli 21. Januar 2009 um 11:31 Uhr

    thanx @ lahmacun

    den link zu der studie hab ich vor ner weile schon mal gesucht. kannte die bislang nur vom hörensagen….

    @ habjaleiderkeineahnugnaberdaherfrageichja

    geht es dir darum, wie diese dichotomen gegenüberstellungen in die welt kommen? dazu finde ich gibt es in dem text von bernhard schmid, den ich oben verlinkt hab, eine schöne gegenüberstellung, die mich überzeugt hat:

    http://www.labournet.de/krieg/nahost/projektion.html

  4. 4 peter 22. Januar 2009 um 10:32 Uhr

    Du bist ja‘n ganz kritischer. Dass Kritik und Parteilichkeit unauflösbar miteinander verbundenn sind, hast Du offensichtlich nicht mitbekommen. Vielleicht liest Du das mal:

    http://prodomo.50webs.net/10/theorie_des_wahns.html

    Und ausgerechnet Bernhard Schmid zum Vorbild zu erheben, ist so eine krasse Selbsterniedrigung, dass ich mir kaum eine schlimmere vorstellen kann.

  5. 5 gucktegradeinsNetz 22. Januar 2009 um 17:42 Uhr

    @ Peter:
    1. Erklär mal in eigenen Worten, wo der Zusammenhang zwischen dem von dir verlinkten Text und diesem Blogeintrag besteht.
    Das ist doch fast nichts anderes an einziges langes Zitat der Kritischen Theorie zu Wissenschaft und Positivismus. Die einzig wirkliche darüber hinausgehende Aussage ist die Kritik an Schmiddinger, dass er einen falschen Ideologiebegriff hätte, die aber letztlich auf der Ebene des Autoritätsverweises verbleibt (Marx/Adorno). Dieser Umgang mit den kritischen Theoretikern (oder von mir aus auch nur Kritikern) besteht darin, ihre Aussagen (ursprünglich am historischen Positivismus à la Popper und Weber orientiert) auf Schmiddinger ganz im Stile der ach so kritisierenswerten Wissenschaft anzuwenden. Ob Schmiddingers Argumentation überzeugend begründet ist oder nicht, spielt keine Rolle, wenn man ihm nur Positivismus vorwerfen kann. Der Positivismusvorwurf erfüllt für den Autoren so ziemlich die gleiche Funktion wie der Vorwurf der Spekulation oder allgemein der Nichtwissenschaftlichkeit innerhalb des Wissenschaftsbetriebs.
    Der richtige Inhalt (wenn auch sicherlich zu überprüfende) der KT, zur Wissenschaftskritik, wird in einem sehr unkritischen Sinne gewendet. Zugespitzt könnte man sagen, dass der Autor keine kritische Theorie oder materialistische Kritik betreibt, sondern dem heimlichen aber unerfüllbaren Wunsch nachgeht, HiWi bei Professor Adorno zu werden und daher seine Argumente übernimmt, ohne sie wirklich durchdrungen zu haben. Die enge Orientierung am Adornoschen Vokabular spricht auch nicht gerade dafür, dass diese theoretischen Überlegungen besonders selbstreflexiv und daher imstande sind, sich von ihrem Vorbild zu lösen. Adorno und Marx sind keine Götter, denen man kritiklos hinterherläuft.

    2. Wow du hast ja richtig gute Argumente gegen Bernhard Schmid. Sich auf Artikel zu beziehen die mit dem kritisierten Gegenstand (eob-Blog) nichts zu tun haben zeugt natürlich von viel größeren intellektuellen Fähigkeiten. Ganz zu schweigen davon dass sich die Analysen von Schmid nicht durch eine derartige intellektuelle Selbstgenügsamkeit auszeichnen, wie dieser Prodomotext.
    Aber der Versuch sich mittels Marx- und Adornotitaten als die einzig wahren Kommunisten und alle anderen als dumme Positivisten bzw. gleich als Antisemiten (früher beschimpfte man Leute noch als „Revisionisten“) zu bezeichnen ist m.E. ein sehr gutes Beispiel für die hier skizzierte antideutsche Argumentation gerade in Bezug auf Nahost. Also eob: q.e.d.

  6. 6 peter 24. Januar 2009 um 10:32 Uhr

    Zu 1. Wie u.a. der von mir verlinkte Text zeigt, kann man den Inhalt eines Arguments überhaupt nicht von den Begriffen, in denen sich der Inhalt ausdrückt, trennen. Was ein Begriff ist – ob etwa eine nominalistische Konstruktion oder eine der Realität selbst innewohnende Objektivität –, ist ziemlich entscheidend für die Beantwortung der Frage, was Wahrheit in einem bestimmten Kontext heißt.
    Der Text hat insofern etwas mit dem Blogeintrag zu tun als der Autor suggeriert, Parteilichkeit für Israel sei ein Grund, dieser Position mangelnde Objektivität vorwerfen zu können. Im Weiteren wird die proisraelische Position ja auch noch küchenpsychologisch als unbewusste Bewältigung eigener Konflikte gekennzeichnet.

    Zu 2. Bernhard Schmid hat sich schon so oft blamiert, dass es mir gar nicht notwendig erscheint, dass hier noch einmal aufzurollen. Wer ihn immer noch für einen diskutablen Linken hält, der ist eh nicht zu überzeugen.

  7. 7 C.P. 03. Februar 2009 um 19:18 Uhr
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