Wurst mit Brot (1)

In der letzten „sonntaz“, die es jedes Wochenende zusammen mit der taz am Kiosk gibt, gab es letztes Wochenende einen Text über den, die und das Tofu. Also, nicht über die grammatikalischen Formen, sondern eher über geschmackliche Fragen, kulturelle Bedeutungen und dergleichen mehr. „Kulturkritik“ nannte sich das Ganze und stammte allem Anschein nach aus der Feder von einem, der nicht weiß, worüber er schreibt.

Der erste Vorwurf an das Tofu ist ein ganz einfacher: es schmeckt nicht. Oder besser: es schmeckt nach nichts. Nun weiß, wer sich einmal durch die Vielfalt der Tofu- und Sojaprodukte durchgefressen hat, dass dem beileibe nicht so ist. Das ist aber egal, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Denn:

„Tofu ist ein Sojaprodukt, das erkennbar wenig mit Geschmack zu tun hat und außerhalb der europäischen Ernährungskultur steht. Für Tofu, Bratlinge, Schnitzel, Burger oder Aufstriche auf Sojabasis gibt es jenseits des Exotischen keine gewachsene Tradition an Rezepturen und Zubereitungsarten, denn hierzulande fehlen Speisen, die sich aus der texturellen Eigenheit der Sojabohne heraus entwickelt haben; eine wesentliche Voraussetzung für Geschmack.“

Weil also Tofu „außerhalb der europäischen Ernährungskultur steht“ und es „jenseits des Exotischen“, was ja scheinbar nicht sonderlich viel mit zivilisierten Geschmackserlebnissen zu tun haben kann, „keine gewachsene Tradition an Rezepturen und Zubereitungsarten“ gibt. Traditionell wird in Europa also kein Tofu gegessen. Weil nämlich Speisen fehlen, „die sich aus der texturellen Eigenheit der Sojabohne heraus entwickelt haben“ und das ist eben „eine wesentliche Voraussetzung für Geschmack.“

Nur damit wir uns nicht missverstehen: warum gerade euroäische Essenskulturen wichtig sein sollen, damit Dinge Geschmack haben – das wird nicht erklärt, sondern vorausgesetzt. Eerinnert alles ein wenig an die deutschen Sprachpurist*Innen, die stets auf die Tradition deutscher Sprache verweisen, auf die „gewachsene Tradition“ an Grammatik und Rechtschreibung und darauf, das diese Sprache sich womöglich „aus der texturellen Eigenheit“ des deutschen Stammeswesens herausentwickelt habe. Das ist freilich dummes Zeug. Wir alle wissen, dass Sprache sich stets verändert hat, dass die Annahme einer von äußeren Einflüssen unveränderten deutschen Sprache pure Ideologie ist und dass, wäre dem der Fall, das Ergebnis wohl kaum zu ertragen wäre.

Mit dem Essen ist das ganz ähnlich. Auch das verändert sich. Auch das ist stets unterschiedlichsten Einflüssen unterworfen. Was also bleibt ist der pure Eurozentrismus: was nicht aus Europa kommt, das wolle mer net. Das jedoch ist eine Begründung, die für die taz nicht geht. Die können wir dem Subtext entnehmen, etwa wenn darauf verwiesen wird, woher in der asiatischen Tradition das Tofu entwickelt wurde: „Tofu wurde entwickelt, um Eiweißmangel der schwer körperlich arbeitenden Bauern zu lindern, da sie keinen Zugang zu lebensnotwendigen tierischen Proteinen hatten, die den Reichen vorbehalten waren.“ Eine Situation, die sich im heutigen Europa letztlich ganz ähnlich gestellt hat. So war es etwa in höfischen Gesellschaften den Armen für gewöhnlich verboten, im herrschaftlichen Fort zu jagen, während die Jagd als spezfische Form der Naturunterwerfung gerade zu den herrschenden Ständen zu passen schien. (vgl. Nick Fiddes: Fleisch. Symbol der Macht. Frankfurt am Main 1993)

Neben dem angeblich fehlenden Geschmack müssen dann aber noch weitere Gründe an den Start, um die Argumentation glaubwürdig zu unterstreichen. Hier kommt nun, wie sollte es in der taz anders sein, der Umweltschutz:

„Bekanntlich zerstört der Sojaanbau etwa in Südamerika die Umwelt und forciert die Armut.“

Das ist richtig, nur wird leider genau das Soja, dass aus Südamerika eingeführt wird, für die Fleischproduktion in Schweinemastanlagen verwendet. Das macht die Sache nicht besser, nur zieht das Argument nicht gegen den Soja- und Tofukonsum von Vegetarier- und Veganer*Innen. Ein Schuh würde wohl ohnehin eher andersrum draus: Denn Sojaproduktion zum direkten Verzehr spart – im Vergleich zur Weiterverfütterung an Mastschweine – durchaus natürliche Ressourcen, Platz und menschliche Mühe. Insofern liegt es nicht am Soja, wenn in Südamerika Armut forciert wird. Auch wenn es in den Augen bürgerlicher Ideolog*Innen immer die natürlichen Verhältnisse sein sollen, die an der Armut Schuld sind – und niemals die gesellschaftlichen.

Dazu kommt, so können wir lesen, das Sojaprodukte die soziale Ungleichheit nicht abschaffen:

„Zudem hat die Sache ein soziales Geschmäckle: Reiche leisten sich genfreien Biotofu, Arme gentechnisch veränderten Sojafraß.“

Was für eine Überraschung! Dem hiesig konsumierten Soja wohnt nicht die Eigenschaft zur spontanen Umverteilung gesellschaftlicher Reichtümer an. Wer hätte das gedacht. Niemand, vermutlich. Aber wir können es ja ruhig mal aufschreiben, vielleicht finden es einige very impressing. Selbstverständlich wird die Welt nur besser, wenn wir die herrschenden Verhältnisse umstoßen – und nicht weil wir anders konsumieren. Allerdings wird die Welt auch nicht besser, wenn wir nur die herrschenden Verhältnisse umstoßen, und nicht anders konsumieren. Und wenn wir uns dann auch noch vor Augen führen, dass diese ganze Umstoßererei wohl eher ein langwieriger Prozess denn ein einmaliger Akt ist – dann wird vielleicht so langsam klar, welche Bedeutung auch eine Reflexion unserer Ernährungsgewohnheiten haben könnte.

Nicht allerdings aus Antispeziezismus. Sowas gibt es im Grunde gar nicht. Es sei denn, wir wollen ernsthaft das Mensch-Tier-Verhältnis als ein gesellschaftliches denken. Aber das würde wohl kaum funktionieren. Doch unglücklicherweise ist Fleischessen nun mal tief mit unserer Subjektivität verbandelt. Fleischessen, das steht für Härte und Männlichkeit, für die Überlegenheit über die Natur und „unzivilisierte“ Kulturen. Es steht für die schaffende Kraft der Industrie, für unbändig ausgelebte Sexualität und weiß-der-henker-was-noch. Und last but not least verbraucht es einfach derartig viel Boden und menschliche Mühe, das es einem guten Leben alleine schon aus dem Standpunkt eines gediegenen Hedonismus heraus im Wege steht. Und ob das Soja-Grillgut dann in Wurstform aufgewärmt oder andersweitig zubereitet wird – das ist mir dann auch reichlich wumpe.

PS: Übrigens bewegt sich gerade dies Argument (also das mit der Wurstform und dem Wurstgeschmack von Soja-Produkten) auf äußerst schmalem Pfad. Denn schließlich geht es davon aus, das es gerade geschmackliche Fragen seien, aufgrund derer sich die Menschen entschließen, keine fleischlichen Produkte mehr zu konsumieren.


3 Antworten auf “Wurst mit Brot (1)”


  1. 1 der direktor brüllt 10. Juli 2009 um 3:52 Uhr

    Mein Senf dazu: das mitm Geschmack is sonne Sache, gibt ja auch wenig Leute, die Fleischprodukte ohne Gewürze zu sich nehmen. Trotzdem finde ich ich das albern, Tofukram nach Grillwürsten oder Schaschlick oder was weiss ich wonach, aussehen und schmecken zu lassen. Fehlt da das Selbstbewusstsein sich auf nen neuartiges Fressen einzulassen? Ich finds ziemlich verlogen, und ich esse Fleisch. Ja.
    DEGENERATION!

  2. 2 Juli 20. Juli 2009 um 20:25 Uhr

    Is halt immer die Frage, warum mensch kein Fleisch ist. Wenn du aus ästhetischen oder geschmacklichen Gründen kein Fleisch mehr ist, dann wäre es ja tatsächlich ein bissel blöd, Vegikram zu essen, der nach Fleich schmeckt resp. aussieht. Aber sonst? Why not?!

  3. 3 surplus 26. Juli 2009 um 18:20 Uhr

    Irgendwie wird so ja häufig sontaz-like im emolinken-Kreisen diskutiert, eklig.
    ein wahrlich hübscher Beitrag, netter seitenhieb auf die dorfgemeinde ganz nebenbei.

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