Geschmacks- und Herrschaftsfragen

Anmerkungen zu Martin Scheuringers Beerdigung der Kritischen Theorie

Dieser Text ist eine Replik auf zwei Texte von Martin Scheuringer, die in den Streifzügen erschienen sind: Rausch ohne Rechnung! Fußball, Ökonomie, Pädagogik und Begeisterung und Ohne kritische Theorie schmeckt’s besser! und ist in der Streifzüge-Ausgabe 46/2009 erschienen.

von Julian Bierwirth

Als ich im Juli 2008, also ziemlich direkt während der Fußball-Europameisterschaft, die Streifzüge aufschlug, da war ich zunächst recht begeistert. „Endlich schreiben die mal was über die Hintergründe der elendigen Fahnenschwenkerei!“, dachte ich bei mir, als ich Martin Scheuringers „Rausch ohne Rechnung! Fußball, Ökonomie, Pädagogik und Begeisterung“ zum ersten Mal erblickte. Die Begeisterung war jedoch schnell verklungen. Statt einer scharfsinnigen Kritik traf ich hier auf die Auslassungen von einem, dessen Wunsch, auch mal dabei sein zu dürfen, unübersehbar war. Dass er doch tatsächlich beim Siegestor mitfiebert, wird ihm zum Ausgangspunkt dafür, dass „von der schweren Last des reflexiven Denkens erleichterte Momente“ einfach auch total schön sind und wir sie deshalb genießen sollten. „Leidenschaft“ nennt er das – und genau da will er hin. Leben, einfach Leben und das Leben genießen – ist das nicht der Sinn des „kommunistischen Begehrens“ (Bini Adamczak)? Dass Pädagogik und aufklärerische Vernunft das überlegte Handeln in den Mittelpunkt ihrer Bemühungen stellen, wird so zum Anlass, sich einfach mal gehen zu lassen: „Beim Mitfiebern mit der Nationalmannschaft werde ich alles vergessen und genießen. Ich werde begeistert sein und ohne Rücksicht auf ökonomische Verluste konsumieren.“

Dabei verwundert es schon, wie er sich ernsthaft einbilden kann, mit dem Geschimpfe auf eine Kommerzialisierung des Fußballs, die diesem alles Authentische raube, würde er irgendwie etwas zur Befreiung beitragen. Derartige Entwicklungen stehen immer mal wieder in der Kritik – allerdings nicht von links. Der völkische Stumpfsinn fühlt sich bedroht durch die Kommerzialisierung der Umgangsformen. Der altbackene Fußball-Adel kämpft auf diesem Spielfeld für gewöhnlich gegen die moderne Soccer-Bourgeoisie. Letztere will „kein anderes Band zwischen Mensch und Mensch übriggelassen als das nackte Interesse, als die gefühllose bare Zahlung“ (Marx und Engels im Kommunistischen Manifest). Obwohl Nation und Ökonomie schon immer aufeinander verwiesen waren, geraten sie heute20in einen Widerspruch: zwei Seiten einer Medaille, die nicht ohne einander, aber scheinbar auch nicht miteinander können. Sich für eine Seite dieser Medaille zu entscheiden ist dabei allerdings gar nicht nötig. Beide wollen den Sport, die Kultur, das Leben der Menschen für einen höheren Zweck einspannen. Beide wollen die Einzelnen der Gemeinschaft unterordnen – entweder als Standortsicherung oder als nationalen Selbstzweck. Dieser Unterschied zwischen aufgeklärtem und borniertem Nationalismus ist beileibe keiner ums Ganze. Es ist eher der Streit zwischen zwei Parteien, deren Zeit eigentlich mal gekommen wäre Platz zu machen für eine Welt, in der der Mensch im Mittelpunkt der Gesellschaft steht.

Was Scheuringer mit dem trotzigen Ausruf „Ohne kritische Theorie schmeckt’s besser!“ einfordert, hat mit Emanzipation schlichtweg nichts zu tun. Es ist vielmehr tiefstes Ressentiment. Sicherlich, in Einigem hat er recht: Kritik greift Menschen in ihrer Subjektivierung an. Alles das, was sie bislang dargestellt haben, steht plötzlich zur Disposition. Wer möchte sich da schon gerne drauf einlassen? Weshalb Kritik tatsächlich immer vor dem Problem steht, die an die Wurzel gehende Analyse so darzustellen, dass die Kritisierten tatsächlich auch die Möglichkeit haben, einen Schritt zurückzutreten und sich auf den Gedanken einzulassen. Das alles spricht aber nicht gegen Kritik, sondern formuliert allerhöchstens Ansprüche an die Art und Weise, wie sie daherkommt.

Denn der Reflex, mit dem Scheuringer hier jede Kritik an ihm zurückweist, ist allseits bekannt. Wann immer Menschen die Grenzen ihrer Mitmenschen überschreiten, ihre körperliche oder seelische Integrität antasten – sie beharren darauf, dass sich das alles so furchtbar authentisch angefühlt hätte. Richtig oder gar vertretbar wird es dadurch allerdings noch lange nicht. Es gehört kritisiert, keine Frage.

Aus dem Blick männlicher, weißer Heterosexueller wird hier allerdings für gewöhnlich affirmiert statt kritisiert. Sie spielen ja mit. Sie sind es, die sich die Welt untertan machen dürfen, zumindest soweit die bornierten Formen das zulassen. Und so projiziert Scheuringer dann auch seine männlich-heterosexuelle Sprecherposition auf den Rest der Menschheit: „Kritisches Wissen verdirbt nicht nur die Erektion, sie richtet ihn auch nicht wieder auf, und wenn du glaubst, mit deinen intellektuellen Spielereien kannst du eine Frau … lassen wir das.“
Der Kritiker, das ist für Scheuringer ein Mann. Er ist sexuell aktiv und erfährt die Welt mittels seiner Erektion. Darüber hinaus richtet sich sein Begehren stets auf die Frau, die für ihn bloßes Objekt ist und die weniger auf „intellektuelle Spielereien“ denn auf echte männliche Erektionen steht. Mir dünkt, da ist der Wunsch der Vater des Gedanken.

Das alles spricht nun aber weder gegen Sexualität als solche noch gegen den Versuch, sich das Leben angenehm zu gestalten. Sicher ist Askese keine Lösung. Aber es richtet sich gegen bestimmte Vorstellungen von Sexualität, die passive Frauen begehrende aktive Männer zur Norm setzen. Und es richtet sich gegen bestimmte Formen der Unmittelbarkeit, die im praktischen Ausleben des Herrschaftsverhältnisses vergessen, dass unreflektiertes Handeln nicht einfach neutral, sondern häufig (aus emanzipatorischer Perspektive) kontraproduktiv ist. Wer Nationalfahnen schwenkt, der oder die verhält sich nicht einfach unreflektiert. Hier wird nicht apolitisch gefeiert, hier wird politisch agiert. „Unpolitisch sein“, schrieb einst Rosa Luxemburg, das heiße lediglich „politisch sein, ohne es zu merken.“ Und so einfach sollten wir es uns dann doch nicht machen.

Wenn nun Scheuringer, wie er schreibt, Askese auf Anraten einiger theoretischer Tiefflieger jahrelang praktiziert hat, so wäre diesen ebenso Einhalt zu gebieten. Das reine Aufgehen in der Theorie ist ebenso falsch wie das reine Aufgehen im unreflektierten Handeln. Gerade die Vermittlung von gesellschaftlichem Erleben und theoretischem Denken wäre das anzustrebende Ziel emanzipatorischen Handelns. Das ließe sich tatsächlich von Adorno lernen, der sich bekanntlich stets schwer damit tat, sich einfach für eine der gängigen Varianten zu entscheiden.


9 Antworten auf “Geschmacks- und Herrschaftsfragen”


  1. 1 Ernst 03. Juli 2009 um 11:32 Uhr

    Klingt, als sei in Teilen des wertkritischen Zusammenhangs tatsächlich die Regression am Werk, gegen die Robert Kurz seit der Krisisspaltung anschreibt. Die falsche Unmittelbarkeit, die Scheuringer in den zitierten Stellen bewirbt, ist noch falscher und um einiges widerlicher, als jene der „Antideutschen“: Die schmiegen sich an den westlichen Fortschrittsglauben und den US-Militärapparat immerhin, weil sie auf keinen Fall im großdeutschen Volksmob aufgehen wollen, was im großen Gegensatz zu Scheuringers „Ich konsumier ohne Rücksicht auf Verluste“-Verblödung (als sei das in irgendeiner Hinsicht subversiv!) ein respektables Anliegen ist, auch wenn diese sich im Punkt des oberflächlichen Warenkonsum-Hedonismus wieder mit ihm treffen (allerdings abseits der „Fanmeile“). Dass die Redaktion der „Wiener Postille“ (Kurz) solchen letztlich pronationalistischen, antikritischen und sexistischen Unsinn („Man(n) findet keine Freundin mit kritischer Reflexion“ – und frau findet erst recht keinen Mann damit, ne?) überhaupt zulässt und veröffentlicht, ist aber auch bezeichnend.

  2. 2 Ernst 05. Juli 2009 um 15:04 Uhr

    Hm… ist mein erster Kommentar im Spamfilter gelandet?
    Wie auch immer, auch bei der „Exit!“ ist eine Kritik an Scheuringer erschienen.

  3. 3 weltgeist 13. Juli 2009 um 9:52 Uhr

    hhhm. scheuringer schreibt abgeschmacktes für den lustberaubten, der seinen genussverlust einer allmächtigen theoretikerInnensekte zuschiebt, die ihm mit aphorismen und reflektionen die erektion versaut. so weit, so schal. aber, lieber juli, du machst es dir auch ein bisschen einfach – denn deine antwort scheint scheuringers überhöhung der kritischen theorie einfach ins positive gedreht zu wiederholen. keine theorie dieser welt kann einem das genießen versauen, denn niemand kann auf seinem kopf durch die welt laufen… wenn jemand ein schreibwerk des herrn a. zur hand nimmt und sich danach im genießen beeinträchtigt fühlt, dann sollte diesem gesagt werden: lieber herr s, nicht wir versauen dein genießen, dass macht der kapitalismus. wenn der herr a. recht hat, dann hat er dir nur gesagt warum du nicht genießen kannst, wenn er unrecht hat, dann halt den sabbel und lass dich von sowas nicht verwirren…
    doch in seinem irren spricht auch eine wahrheit die nicht im „askese ist auch nicht richtig“ aufgeht: was macht uns denn zu kommunisten, wenn nicht der wunsch genießen zu können? ob wir die askese genießen wollen, den rausch oder einen apfel – ausgangspunkt bleibt das genießen als wunsch und die grenzen des begehrens als anstoß der kritik. und so wäre scheuringers aufsatz ein anlaß richtig zu kritisieren was er affirmativ verurteilt – was schwieriger, aber auch fruchtbarer ist als offenzulegen wie abgeschmackt männer wie herr s. sich das genießen vorstellen.

  4. 4 Rivaldinho Paulista 17. Juli 2009 um 16:39 Uhr

    Sind Sätze wie

    „(…) für eine Welt, in der der Mensch im Mittelpunkt der Gesellschaft steht.“

    nicht ebenso abgeschmackt ? Was dazu zu sagen ist, hat Foucault schon vor 45 Jahren gesagt, oder nicht ?

    Er steht ja im Mittelpunkt, der Mensch.

    Vielleicht liegt das Problem gerade darin, daß „der Mensch“ eine Abstraktion ist, nicht unähnlich jenen Elementen des Periodensystems, die in der Natur in reiner Form entweder gar nicht vorkommen oder, wenn sie es tun, binnen weniger Sekundenbruchteile zerfallen.

    Was kann ein von seinen kulturellen Zusammenhängen abstrahierter Mensch anderes sein, als ein Wesen, das frißt, scheißt und fickt ?

    So verschieden von der herrschenden Ideologie des heutigen Westens, wie sie glaubt, ist die Wertkritik nämlich gar nicht. Sätze wie der oben zitierte weisen sie als das typische intellektuelle Produkt einer von der Realität isolierten, überfütterten und sedierten Gesellschaft aus.

  5. 5 weltgeist 17. Juli 2009 um 16:55 Uhr

    lasst die spiele beginnnen! das könnte mit der nötigen öffentlichkeit meine lieblingsblogsportdiskussion des monats werden!

  6. 6 Juli 21. Juli 2009 um 13:38 Uhr

    @ Rivaldinho Paulista

    Das habe ich nicht ganz verstanden. Klar, der Mensch ist ein gesellschaftliches Wesen und kann von daher gar nicht ohne Gesellschaft (und damit nicht ohne Bezüge auf andere Menschen) gedacht werden. Insofern wollte ich die Formulierung auch nicht verstanden wissen als eine klassisch-liberale Autonomievorstellung, bei der der einzelne Mensch auf sich gestellt sein Leben in die Hand nimmt.

    Mir ging es an der Stelle lediglich darum, das die Unterordnung des Individuums unter die gesellschaftlichen Verhältnisse vielleicht nicht so viel mit Befreiung zu tun haben. Richtig(er) hätte es dann wohl heißen müssen, das es um eine Welt gehen könnte, in denen die Menschen frei und gleich miteinander kooperieren. Aber auch diese Formulierung lädt zu Missverständnissen ein…

    Was ich mich allerdings grade frage ist: Was zur Hölle ist die genaue Bedeutung des Wortes „abgeschmackt“?

  7. 7 Juli 21. Juli 2009 um 13:40 Uhr

    @ Rivaldinho Paulista

    Was mir ebenfalls nicht ganz klar ist: wieso zeichnet der Satz die Wertkritik als Produkt „einer von der Realität isolierten, überfütterten und sedierten Gesellschaft aus“? Und was bitte ist eine von der Realität isolierte Gesellschaft? *daswirklichnichtversteht*

  8. 8 weltgeist 23. Juli 2009 um 11:06 Uhr

    @juli: der duden sagt „abgegriffen, abgestanden, banal, billig, dümmlich, einfallslos, geistlos, geschmacklos, ideenlos, inhaltsleer, nichtssagend, ohne Gehalt“ und in ungefähr allen diesen bedeutungen wollte ich es verstanden wissen.

  9. 9 Juli 24. Juli 2009 um 15:02 Uhr

    @weltgeist

    ah, okay….

    nö, aber dann finde ich das anders ,-)

    mag sein, das es als phrase abgestanden ist, aber davon wird es ja nicht gleich automatisch dümmlich….

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