Wozu brauchen wir Gewerkschaften?

Gewerkschaften sind ziemlich böse Organisationen. Das ist ja nun ein altes Lamento etwa von Guido Westerwelle, der sie einst als „Plage“ bezeichnete, mit der die braven Deutschen nun irgendwie fertigwerden müssten. Um eine „Gesundung“ der Gesellschaft zu erreichen müsse daher die „Fremdbestimmung“ durch die Gewerkschaften beendet werden. Das Grundübel seien eben „die Gewerkschaftsfunktionäre“.

Da ist so ziemlich alles drinne, was es an reaktionärem Gelaber so geben kann. Die Naturalisierung von Gesellschaftlichem etwa oder die Personalisierung von gesellschaftlichen Strukturproblemen in einer spezifischen Gruppe, die scheinbar die Fäden in der Hand hält. In ein ganz ähnliches Horn blies dann vor gar nicht allzulanger Zeit auch die Bahamas. Dort klagt das liberale Bürgertum ebenfalls seit einiger Zeit über das Ende des Manchesterkapitalismus und die Aushöhlung der unsichtbaren Hand des Marktes. Denn der Kapitalismus verharrt „seit zirka 1870“ in einem Zustand der Stagnation, der die Segensreichen Wirkungen des freien Marktes (der bringt ja bekanntlich, wenn die Menschen ihn nur lange genug ertragen, von ganz alleine die Freiheit- zumindest wenn wir der bürgerlichen Geschichtsphilosphie glauben schenken wollen). In der Kritik steht nun die „Weise, wie Löhne, besser: Tarife zustande kommen, seit der zunehmend fixe Charakter des Kapitals das Wertgesetz (wohlgemerkt: nicht seinen Wertcharakter) durch den Primat der Politik ersetzte und damit der Krise eine ganz andere Bedeutung gab.“

Für alle, die da nicht ganz durchsteigen: Löhne kommen nicht durch das ungeregelte Spiel der freien Marktkräfte zustande sondern durch „den Primat der Politik“ und das ja bekanntlich böse. Der Sozialstaat nämlich, der „zirka 1870“ in Deutschland eingeführt wurde ist lediglich ein „Apparat der Cliquenversorgung von Staats wegen für in erster Linie Gewerkschafts-, aber auch anderer Verbandsfunktionäre“. So schaffen es die bösen, gewerkschaftlich organisierten Arbeiter*Innen, den Rest der Republik auszunehmen:

„Diejenigen, die aus diesen arbeitenden Klassen ausgeschlossen sind, bezahlen die Zeche. Heute ist nämlich der segregierende Charakter der Krisenprävention im Racket-Staat so deutlich wie nicht mehr seit 1945 zu sehen: Durch den Ausschluss derer, die nicht rechtzeitig oder durch den Verzicht auf ihre Jugend und quälende Job-Castings (Praktika) in die Brutto- (nicht: Netto!) Hochlohn-Maschinerie hineingekommen sind. Der absurde Widerspruch der Finanzierung der Kassensysteme durch so genannte Lohnnebenkosten prozessiert dynamisch und unaufhaltsam: Je weniger solcher Arbeitsplätze noch finanziert werden können, desto teurer werden die verbliebenen. Je teurer diese werden, desto weniger gibt es in der Folge, desto teurer werden die verbliebenen und so weiter und so fort. „

Wir sind also immer noch beim alten liberalen Lamento, das die Gewerkschaften ganz böse und am besten bald gar nicht mehr sind. Und genau das – lange Rede, kurzer Sinn – ist auch das Thema dieses schönen Videoclips:


5 Antworten auf “Wozu brauchen wir Gewerkschaften?”


  1. 1 negative potential 14. August 2009 um 12:34 Uhr

    Super videoclip! :-D

  2. 2 egal 14. August 2009 um 14:08 Uhr

    Eingedenken Monthy Python :)
    Wobei allerdings die Frage, wie sich das Verhältnis von Kapitalismus und politischer Regulation durch die Krise verändert durchaus wert wäre genauer untersucht zu werden. (ohne eine solch bekloppte Bewertung unterschiedlicher Phasen des Kapitalismus) Die These, dass der liberale Kapitalismus durch den organiserten oder wie es früher hieß „Spätkapitalismus“ (KT) abgelöst wurde ist ja keine Erfindung der Bahamas; die Affirmation des liberalen Kapitalismus hingegen schon.

  3. 3 Juli 18. August 2009 um 20:12 Uhr

    ja, das stimmt schon. erfunden hat die bahamas das nicht. genau wie ihren gewerkschafts-hass. ,-)

  4. 4 Ernst 18. August 2009 um 21:05 Uhr

    Die Bahamas nehmen den Standpunkt der neoliberalen Ökonomen ein. So weit, so abgeschmackt.
    Aber was hast du zu entgegnen? Statt wertkritisch zu kontern, dass „die Kassensysteme“ nicht ausgerechnet „durch so genannte Lohnnebenkosten“ finanziert werden, sondern zwangläufig, nämlich aus der laufenden Mehrwertproduktion, nimmst du den konträren oder besser: komplementären Klassenstandpunkt ein, indem du die „organisierte Arbeiterschaft“ lobst und dabei keinen Gedanken daran verlierst, ob diese Organisation (zumindest in der Bundesrepublik) nicht z.T. in Überbleibseln koporatistischer Verflechtungen besteht.

  5. 5 Juli 27. August 2009 um 10:58 Uhr

    als wenn der beitrag dazu dagewesen wäre, inhaltlich zu argumentieren….

    davon ab tut die frage, woher die gelder bezahlt werden, die da in die sozialsysteme fließen, für das von der bahamas aufgeworfene problem m.E. wenig zur sache. die idee scheint mir ja zu sein, das durch das ende des freien marktes für arbeitskräfte sozusagen der emanzipative kern des kapitalismus vernichtet wurde – und dieser emanzipative kern soll das potential bereitstellen, mittels dessen potentiell der kommunismus hätte möglich werden können.

    diesen schluss halte ich allerdings für einen sehr kurzen. denn wie auch immer gelder umverteilt werden, die grundstruktur der kapitalistischen gesellschaft bleibt doch stets gleich und die durch diese grunstruktur konstruierten widersprüchlichen subjektpositionen ebenfalls. das private arbeit gleichzeitig allgemeine arbeit ist gilt schließlich noch immer. und damit hat die basis freier individualität – die warenmonade – das ganze unbeschadet überstanden. so schnell würde ich entsprechend den kommunismus noch nicht abschreiben wollen….

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