Constructing Gender

Die Leichtathletik-Gemeinde ist entsetzt: Caster Semenya hat den WM-Titel über 200-Meter gewonnen und war dabei so schnell, das ihr nun niemand mehr glauben will, das sie eine Frau sei. Darum soll nun ein Geschlechts-Test her, um die Identität der 18-Jährigen wissenschaftlich objektiv zu beweisen. Für den Laienverstand steht derweil bereits alles fest, wie wir in der Süddeutschen Zeitung nachlesen können:

Die Zuhörer hätten sich wundern können über die recht tiefe Stimme und die ziemlich definierten Muskelpartien an Schultern und Oberarmen. Sie hätten sich fragen können, warum Caster Semenya so ein ausgeprägtes Kinn hat. Doch bei einer Leichtathletik-WM gibt es einige weibliche Körper mit ungeheuren Muskeln, und so dachte sich zunächst niemand etwas in Berlin. Bis am Mittwochnachmittag kurz vor dem Endlauf die Meldung ins Stadion platzte, dass Caster Semenya auf Veranlassung des Weltverbands IAAF einen Geschlechtstest absolviert. „Es besteht Zweifel, dass sie eine Frau ist“, sollte IAAF-Geschäftsführer Pierre Weiss später erklären. Da war Caster Semenya gerade mit Weltjahresbestzeit von 1:55,45 Minuten Weltmeisterin über 800 Meter geworden.

Tiefe Stime, definierte Muskelpartien an Schultern und Oberarmen, ausgeprägtes Kinn – darn erkennt mensch also einen Mann. Gut das wir das jetzt wissen. Für die Wissenschaft ist das derweil auch nicht so leicht, wie uns und die Süddeutsche Zeitung die Medinzinethikerin Prof. Dr. Claudia Wiesemann aus Göttingen belehrt:

Doch das stimmt nicht, und Sport-Experten wie Sportmedizin-Experten wissen dies genau: Das Geschlecht eines Menschen wird durch das Zusammenspiel vieler Faktoren geprägt, genetische, hormonelle, anatomische, psychische und soziale Faktoren haben gleichermaßen Einfluss darauf. Kein Experte dieser Welt hat im Zweifelsfall, also dann, wenn nicht alle Faktoren eindeutig in eine Richtung weisen, klare und sichere objektive Kriterien für die Zuordnung als Mann oder Frau. Die Bewegung der intersexuellen und der transsexuellen Menschen hat lange dafür gekämpft, dass dies anerkannt wird. Als Reaktion darauf hat das Internationale Olympische Komitee seit 2000 alle Geschlechts-tests bei Sportereignissen abgeschafft.

Im Sport müssen klare Regeln gelten. Diese Regeln müssen den Athletinnen und Athleten eindeutig sagen: Du darfst starten – du darfst es nicht. Solche klaren Regeln für den Fall der Caster Semenya hat die IAAF nicht. Die entspre-chende Erklärung (IAAF POLICY ON GENDER VERIFICATION) ist wolkig, enthält lauter schwammige Wörter. Von Fall zu Fall müsse entschieden werden, eine individuelle Einschätzung müsse vorgenommen werden. Die IAAF gesteht die Schwierigkeiten, im Zweifelfall Mann und Frau auf der Basis von Tests klar voneinander zu unterscheiden, direkt ein.

Auf der Basis solch nebulöser Vorstellungen wird nun Leben und Leistung einer jungen Sportlerin zerstört. Caster Semenya ist 18 Jahre alt, ein Alter, mit dem sie in manchen Ländern dieser Welt noch nicht als volljährig gilt. Die IAAF müsste solche jungen Menschen eigentlich vor den Folgen einer weltweiten Stigmatisierung schützen. Die 800-Meter-Läuferin Santhi Soundarajan hat ver-sucht, sich das Leben zu nehmen, als ihr nach den Asienspielen 2006 die Me-daille aberkannt wurde, weil sie ein y-Chromosom hat – ein Befund, der nach-gewiesener Maßen völlig unerheblich für den Sport und für die Ausprägung von Geschlechtsmerkmalen ist. (Quelle)

Dem Leichtathlektik-Dachverband IAAF allerdings geht solche Sensibilität ab. Hier soll die Chromosomen-Zuordnung – und nur sie – darüber entscheiden, ob es sich nun um Mann oder Frau handelt. Nicht dass das ohnehin ziemlich egal wäre – auf die Idee, das sich das die vielfältige Realität sich eben nicht in dichotome Kategorien hineinpressen lässt, ist dort noch niemand gekommen. Es bleibt also zunächst nur zu hoffen, dass die vom Vermessungswahn Betroffene die Sache halbwegs leidlos übersteht.


9 Antworten auf “Constructing Gender”


  1. 1 Benni 22. August 2009 um 11:18 Uhr

    Sollen sie halt die Kategorie umbenennen von „Frau“ in „Menschen mit XX-Chromosom“. Dann bräuchte man aber mindestens eine dritte Kategorie bei den Wettbewerben, damit jedeR der will starten kann. Oder man macht einfach Gewichtsklassen? Hochspringen im Superschwergewicht hätte was, oder hat das dann Lookismus-Potential? Auf jeden Fall ist es immer wieder spannend was da so hochgespült wird in diesen sportpolitischen Fragen, siehe http://bedeutungswirbel.wordpress.com/2008/01/14/cyborg-von-olympischen-spielen-ausgeschlossen/

  2. 2 Benni 22. August 2009 um 11:21 Uhr

    Eine rassistische Komponente hat das ganze auch noch: http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,644345,00.html

  3. 3 Juli 22. August 2009 um 13:40 Uhr

    auch spannend ist der kommentar von heinzi

    ….
    Krass ist, dass sich vermeintliche „Expertinnen“ anmaßen, einem Menschen zu sagen, dass sie ein anderes Geschlecht habe, als sie lebt – und dabei in Kauf nehmen, deren Leben nachhaltig negativ zu beeinflussen.
    ….

  4. 4 Jan Filip Geldsack 23. August 2009 um 14:49 Uhr

    … weil sie ein y-Chromosom hat – ein Befund, der nach-gewiesener Maßen völlig unerheblich für den Sport und für die Ausprägung von Geschlechtsmerkmalen ist.

    Die Theorie, wir seien Produkt unserer Gene alleine, ist ja falsch; aber dass die Gene völlig unerheblich sind, glaub ich nun auch wieder nicht. Oder wofür sind sie von Bedeutung, wenn nicht für Sport oder Geschlechtsmerkmale?

    das die vielfältige Realität sich eben nicht in dichotome Kategorien hineinpressen lässt

    Ich weiß nicht genau, was hier angeprangert wird: der Versuch die Realität zu pressen, sie in Kategorien hinein zu pressen, oder dass die Kategorien dichotom sind, und wenn letzteres, wie müssten die Kategorien sonst sein?

    Liebe Grüße
    jfp

  5. 5 Juli 24. August 2009 um 13:13 Uhr

    @jfp

    Die Frage scheint mir doch diese zu sein: gibt es von vorn herein Menschen, die in entsprechende Kategorien passen – oder versuchen die Menschen lediglich, die selbstgemachten Kategorien einfach auf alle und alles anzuwenden? Die traditionelle Sicht ist die, die Existenz von Männern und Frauen eben als gegeben und „normal“ hinzunehmen. Alle, die nicht in dies Schema passen, gelten entsprechend als anormal.

    Tatsächlich spricht doch aber viel dafür, das es sich genau anders herum verhält: weil alle Menschen in Männer und Frauen unterteilt werden, entstehen immer wieder Situationen, in denen die Einordnung nicht funktioniert. Eben weil die Welt vielfältiger ist als die binären Kategorien, die der bürgerliche Mensch für sie bereit hält.

    Ziel sollte es entsprechend nicht sein, unter den beiden vorhandenen Kategorien die richtige für die Sportlerin zu finden, sondern die Notwendigkeit zu hinterfragen, das alle Menschen unbedingt in dieses Raster eingeordnet werden müssen.

  6. 6 Jan Filip Geldsack 24. August 2009 um 17:42 Uhr

    a) Du bezeichnest die Sportlerin ja als „vom Vermessungswahn Betroffene“. Das ist wohl richtig, allerdings nicht nur so wie du es meintest: Wer an einer Leichtathletik-WM teilnimmt, ist definitiv vermessungswahnsinnig.

    b) „Ziel sollte es entsprechend nicht sein, unter den beiden vorhandenen Kategorien die richtige für die Sportlerin zu finden, sondern die Notwendigkeit zu hinterfragen, das alle Menschen unbedingt in dieses Raster eingeordnet werden müssen.“

    Ziel sollte es vor allem sein, die Notwendigkeit zu hinterfragen, eine Leichtathletik-WM zu veranstalten, die eine Veranstaltung von Ochsen für Esel ist. Nimmt man das Prinzip Leichathletik-WM erstmal hin, scheint mir die Einordnung in irgendwelche Kategorien für die praktische Durchführbarkeit unverzichtbar. Wenn du die WM durchführen willst, ohne irgendwas mit Kategorien zu beschreiben, kann ich ja auch einen Gepard zum Wettlauf antreten lassen.
    Ob es jetzt die Kategorien Frau/Mann sein müssen- ich weiß es nicht. Alle gemeinsam antreten zu lassen, dürfte der Sache der Frau (so es sie denn gibt) in den meisten Sportarten eher abträglich sein. Und wenn ich eine dritte Kategorie einführe, also die binäre Einteilung überwinde, komme ich damit einer Lösung näher?
    Also: Die Notwendigkeit, sie in eine der Kategorien einzuordnen, besteht z.B. für alle, die an einer Leichtathletik-WM teilnehmen wollen. Oder nicht?
    Das sagt doch auch die Medizinethikerin in dem Interview: Die kritisiert ja, man habe das falsche Kriterium ausgewählt (nämlich y-Chromosom), um die Entscheidung zu treffen. Die Notwendigkeit der Einordnung in Kategorien bezweifelt sie nicht… oder?

    c) Ich glaub immer noch nicht, dass man Chromosomen beliebig verändern kann und sich dies nicht auf die Ausprägung von Merkmalen auswirkt. Das bedeutet doch nichts anderes als: Genotyp und Phänotyp haben nix miteinander zu tun.

  7. 7 heinzi 25. August 2009 um 4:15 Uhr

    Ich finde die Anmerkungen hier schön und interessant: Es wäre darüber nachzudenken, ob Wettkämpfe mit solchen krassen Leistungsgedanken wie bisher tatsächlich sinnvoll sind. Sollte man sie dennoch beibehalten, so brächte eine dritte Geschlechtskategorie nicht mehr Freiheit – wo sollten dann hier die Grenzen liegen, wenn sie schon bei zwei Geschlechtskategorien nicht genau definierbar sind? Besser wäre es, aus meiner Sicht, analog wie beim Boxen und Ringen unterschiedliche Gewichtsklassen existieren, auch in anderen Sportarten verschiedene Leistungsklassen herzustellen. Diese wären dann nicht geschlechtlich, sondern würden sich an dem Leistungsvermögen der unterschiedlichen Sportler_innen orientieren.

    Zu Chromosomen, Genen und deren vermeintlicher Bedeutung: Ihre Bedeutung wurde in den letzten Jahrzehnten überschätzt. Mittlerweile geht man selbst in der Biologie dominant von der Annahme ab, dass in Chromosomen und Genen Informationen bereits vorhanden wären und diese sich nur ausprägen müssten. Vielmehr sind an der Ausbildung von Merkmalen zahlreiche Faktoren beteiligt – unterschiedliche Einflüsse können auf allen Ebenen der Entwicklung wirken. Entwicklung bedeutet dabei auch, dass das Ergebnis offen ist. / Noch kurz: In der Berichterstattung von Zeitschriften wurde oft auf „Geschlechtschromosomen“ – X, Y – verwiesen. Interessant ist, dass nur sehr wenige der Gene (auch der Begriff wäre zu diskutieren, kritisieren), denen Bedeutung bei der Ausprägung des Genitaltraktes zugeschrieben werden auf diesen so genannten „Geschlechtschromosomen“ regelmäßig lokalisiert sind. Die meisten befinden sich hingegen auf den „Körperchromosomen“ (Autosomen) 1, 5, 9, 11… Hier wird schon ersichtlich, dass es mit Chromosomen / Genen nicht so einfach ist.

  8. 8 Juli 25. August 2009 um 10:43 Uhr

    @JanFillipGeldsack

    *ggg* ja, da hast du natürlich recht – wer an einer leichtathletik-wm teilnimmt muss vermessungswahnsinnig sein. is auch ein komisches wort, das die sache (die einordnung in diese binäre kategorien) nur so halb trifft. ich weiß gar nicht mehr, warum ich es gewählt habe. vermutlich wollte ich einfach nur schnell den text zu ende kriegen… ,-)

    davon ab hast du natürlich recht, das weltmeisterschaften selber schon ein wenig seltsame veranstaltungen sind. nicht nur wegen dem nationalismus (medallien für die eigene nation erringen im kampf gegen andere nationen), sondern auch wegen dem konkurrenz-ding, das da ja ganz offensichtlich ziemlich im mittelpunkt steht. da gibt es sicherlich emanzipatorischere wege, große sportveranstaltungen durchzuführen. nur passen die halt nicht so gut zum kapitalismus….

    nur tritt das problem der geschlechterzuordnung und der damit verbundenen repression ja nicht nur bei sportveranstaltungen auf, sondern auch in allen möglichen anderen zusammenhängen. und auch die damit verbundene repression wäre ja nicht aus der welt geschafft, gäbe es keine weltmeisterschaften und olympiaden mehr. denn das damit die geschilderte normierung verschwände hielte ich erstmal für einen frommen wunsch.

    aber um noch kurz auf c) zu kommen: das scheint mir doch tatsächlich ziemlich offensichtlich so zu sein. genotyp und phänotyp sind sicherlich nicht völlig unabhängig voneinander, aber verweisen eben auch nicht so eindeutig aufeinander, wie es das alltagsbewusstsein gerne hätte. hier ist das zusammenwirken unterschiedlichster faktoren eben in der realität etwas komplizierter als es das einfache doppel-schema von mann und frau nahelegt. zum einstieg in die problematik könntest du – so dich das ernsthaft interessiert – mal bei heinzi nachlesen. der text hier schien mir nicht unpassend, auch wenn er nicht genau das thema trifft:

    http://dasendedessex.blogsport.de/2008/10/25/die-rueckkehr-der-geschlechterbinaritaet-und-ein-wirksames-gegengift-selber-denken/

    aber vielleicht mag sich heinzi hier ja auch noch mal äußern…. ,-)

  9. 9 Juli 25. August 2009 um 13:00 Uhr

    ach, hat er ja schon, wie ich sehe…. war im spamfilter versteckt der kommentar….

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