Wirtschaftswachstum zur Bundestagswahl

Die Krise ist vorbei. Wird ja auch endlich mal Zeit. Lange genug – fasst ein ganzes Jahr – war der Wirtschaftsmotor ins Stocken geraten. Aber jetzt – haha – geht es wieder nach oben. In Deutschland ist die Wirtschaft schließlich im letzten Vierteljahr und satte 0,3% gewachsen, für Frankreich gilt dasselbe (FTD) und auch die Indikatoren für Konjunkturerwartungen schnellen nach oben. Beispielsweise die „ZEW-Konjunkturerwartungen verbesserten sich im August überraschend deutlich um 16,6 Punkte auf 56,1 Punkte, nachdem sie im Juli noch leicht gesunken waren. Nach Angaben des ZEW vom Dienstag liegen Erwartungen damit deutlich über ihrem historischen Mittelwert von 26,5 Punkten.“ (FAZ) In Japan geht es sogar richtig ab: „ Japans Wirtschaft ist erstmals seit fünf Quartalen wieder gewachsen. Wie die Regierung am Montag auf Basis vorläufiger Berechnungen bekanntgab, stieg das Bruttoinlandsprodukt (BIP) zwischen April und Juni um eine Jahresrate von real 3,7 Prozent.“ (FAZ) Lediglich die Kanzlerin warnt, wie die FAZ zu berichten hat:

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) warnte dagegen auf einer Wahlveranstaltung vor voreiligen Spekulationen über ein Ende der Krise. Auch neue Umfragen zeigten, dass eine Mehrheit der Bürger noch nicht davon überzeugt sei, dass die Wirtschaft das Schlimmste hinter sich hat.(FAZ)1

Das Problem, vor dem die Politik allem Anschein nach steht, ließe sich mithin als eine „Dialektik des Aufschwungs“ bezeichnen: stünde es zu schlecht um die Wirtschaft, dann wäre das schlecht für die politischen Funktionsträger*Innen und es wäre gar zu befürchten, dass sie bei der Wahl böse abgestraft würden. Wird die Zukunft allerdings in allzu rosigen Worten geschildert, dann haben die ein Problem, die Ende September die Bundestagswahl gewinnen. Denn die müssen dann ja kurz darauf ihren Wähler*Innen erklären, dass das alles doch gar nicht so gemeint gewesen sei. Da Merkel schwer davon ausgeht, das keine derzeit denkbare Regierungskonstellation um sie herumkommen wird, möchte sie hier eben schon mal vorsorgen.

Davon ab: allzuviel Begeisterung will ohnehin nicht aufkommen. Selbst für Japan mit dem für hiesige Zeiten schon beindruckendem Wirtschaftswachstum kann festgestellt werden, das es lediglich auf staatlicher Stützung basiert:

„Die heutigen Daten beruhen auf den Stimuli in Japan und im Ausland“, sagte Kyohei Morita, Chefvolkswirt für Japan bei Barclays Capital. „Japans Wirtschaft ist daher von einem selbsttragenden Wachstum noch weit entfernt.“ Er rechnet im laufenden Vierteljahr mit einer etwa gleichbleibenden Wachstumsrate. Danach könnte sich die Konjunktur wieder etwas abschwächen, weil die staatlichen Konjunkturprogramme auslaufen. (FAZ)

Ganz ähnlich dürfte das wohl auch in Europa resp. Deutschland sein. Nachdem nun alle zum Erhalt der Abwrackprämie den Autokauf vorgezogen haben und viele Firmen arbeiten noch immer auf Kurzarbeit. Wenn hier nun aber die Bezugsfristen auslaufen, wenn die Stützung durch Abwrackprämie und öffentliche Investitionen abflaut – dann dürfte die Krise erst richtig durchschlagen. Es sei denn, es ergibt sich erneut die Möglichkeit, irgendwo erfolgreich Profite zu simmulieren, ein neues Bläschen aufzublasen und damit die Konjunktur ein wenig zu stützen. Mit tatsächlich selbsttragendem ökonomischem Wachstum hat das allerdings nur recht wenig zu tun….

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  1. Bezeichnend übrigens, aber das nur nebenbei, wie hier Wirtschaftspolitik in Psychologie aufgelöst wird. Die Krise ist vorbei, wenn alle Glauben, sie sei vorbei. In etwa auf dem Niveau bewegen sich auch die Vorstellungen von Wirtschaftsprognose, die hierzulande von seriösen Fachinstituten betrieben wird. (Vgl. hierzu Claus-Peter Ortlieb: Markt-Märchen) [zurück]

1 Antwort auf “Wirtschaftswachstum zur Bundestagswahl”


  1. 1 Juli 27. August 2009 um 11:55 Uhr

    Heute scheint die Euphorie bezüglich eines vermeintlichen Endes der Rezession besonders groß, wie ein Blick etwa in die Süddeutsche Zeitung zeigt. Passend dazu habe ich gerade einen Kommentar von Robert Kurz gefunden:

    Dass die Rezession damit für „beendet“ erklärt wird, ist zwar eine reife Leistung des positiven Denkens. Aber in Wirklichkeit ist sie in ihrer zeitversetzten Wirkung auf dem Arbeitsmarkt noch gar nicht angekommen. Auch die Welle der großen Insolvenzen hat erst begonnen. In Kürze wird der Einbruch des Welthandels viele Unternehmen des Gütertransports treffen, von der rollenden Lagerhaltung auf der Straße über die Schienen- und Luftfracht bis zu den Reedern und Häfen angesichts der riesigen Überkapazitäten im Container-Verkehr auf den Weltmeeren. Als nächstes ist dann die einschlägige Investitionsgüter- und Zulieferindustrie dran. Dieselbe Entwicklung zeichnet sich für die Autoindustrie ab, deren künstlicher Ernährung durch die Abwrackprämie der Stoff ausgeht; nicht nur hierzulande, sondern in großen Teilen der EU. Ganz zu schweigen von der Endlagerung der Leichenberge im Keller des Finanzsystems, die bis jetzt nur in Absichtserklärungen besteht.(Robert Kurz: Nullkommanichts)

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