Fragment zur Bildungstheorie

Im Kapitalismus treffen wir typischerweise zwei ganz unterschiedliche Vorstellungen davon an, was in pädagogischen Institutionen (also Schulen, Hochschulen, aber auch Kindergärten etc.) sinnvollerweise passieren sollte. In ihrem Rahmen nämlich sollen die je Einzelnen unter die jeweiligen Zwecksetzungen und von Staat und Gesellschaft untergeordnet werden. Es gilt wahlweise die für den Kapitalismus notwendigen Tätigkeiten zu erlernen oder einfach nur unabdingbare Tugenden wie das Ausführen sinnloser Tätigkeiten, das Akzeptieren von Befehl und Gehorsam, die gezielte Focussierung der Aufmerksamkeit auf ein von außen bestimmtes Thema etc.

Das wohl prägnanteste historische Beispiel für diese Art von Pädagogik sind die Industrieschulen. Hier durften die Kinder die eine Hälfte des Tages rudimentäre Kulturtechniken lernen und sich die andere Hälfte im Handwerken, Nähen oder in der Gartenarbeit üben. Lustigerweise haben diese Schultypen (im Unterschied zu der Behauptung bei Wikipedia) sogar Gewinn abgeworfen:

„Im Hochstift Würzburg erwirtschafteten 17341 Kinder in Industrieschulen im Jahre 1793 einen Reingewinn von etwa 40000 Gulden. Der Wert der 1814 von 9000 Kindern in westfälischen Industrieschulen hergestellten Produkte belief sich auf eine Summe von etwa 22500 Reichsthalern.“
(Studien zur Sozialgeschichte und Philosophie der Bildung. I Zur Pädagogik der Aufklärung, Seite 56)

Alle anderen Vorstellungen, etwa die eines „selbstbestimmten Studiums“ oder von „Persönlichkeitsentfalung“ und dergleichen mehr werden nun in die ideologische Mottekiste verband: das wäre ja sehr schön, nur gehe es im Kapitalismus leider um die Unterordnung unter vorgegebene Sachzwänge. Würden wir den Kapitalismus abschaffen, dann – ja dann….

Das allerdings hat mit der kapitalistischen Realität nur sehr begrenzt etwas zu tun. Denn neben den auf Unterordnung und Funktionalität gerichteten Bildungstheorien gab es immer auch Ansätze, die das Individuum gegen die Gesellschaft stärken wollten. Das sollte uns nicht überraschen. Denn schließlich ist das Individuum als Waren-Monade sozusagen die Keimzelle einer sich naturhaft fortentwickelnden Gesellschaftsformation.

Viele haben vielleicht einmal in der Schule den „Club der Toten Dichter“ gesehen oder gar gelesen. Hier wird in einem konservativen amerikanischen Elite-Internat, der Welton Academy, das Schulleben ordentlich durcheinandergewirbelt, als mit John Keating ein neuer Englischlehrer an die Schule berufen wird, der von seinen Schülern (ja, nur Jungen – was habt ihr denn gedacht?!) nicht Unterordnung und Disziplin verlangt, sondern Kreativität und Individualismus. Zur Auffrischung sei vielleicht dieser Clip empfohlen:

Hier ließe sich viel über das lernen, was durch den Neuhumanismus in Deutschland unter dem Begriff „Bildung“ bekannt wurde (etwa das Jura, Wirtschaft und Naturwissenschaften nicht zur Bildung zählen – Posie und Ästhetik hingegen schon). Relevanter in diesem Zusammenhang scheint mir aber zu sein, dass Keating bekannte amerikanische Dichter und Philosophen zitieren kann, um seine Position zu untermauern (etwa Thoreau, bekannt etwa durch sein Essay „Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat“ oder Whitman). Dies verweist auf eine auch in den USA geläufige Tradition, Kultur und damit Bildung auf eben die Art zu erfassen, wie sich im deutschsprachigen Raum etwa von Humboldt oder Schiller popularisiert wurde. Diese Sichtweise, auf die sich gerade heute von vielen BildungsstreikAktivistinnen gerne bezogen wird, hatte jedoch stets ein Manko: sie wusste mit der Gesellschaft nicht so richtig umzugehen. Das Individuum sollte sich entfalten – dass die Gesellschaft es daran hindern könnte kam aber scheinbar niemandem in den Sinn. Und so zerbricht dann ja auch Keating’s Schüler Neill Perry an den Anforderungen der Gesellschaft, verkörpert vor allem durch seinen Vater.

Ein anderes Beispiel, das vielen Leserinnen vielleicht bekannt sein dürfte, ist der SS-Standartenführer Hans Landa (von Christoph Waltz in Inglourious Basterds grandios gespielt) Er ist in jeder Situation zu perfektem Gebaren in der Lage, spricht mehrere Sprachen, ist bewandert in unterschiedlichsten Themenfeldern, beherrscht die Kunst des logischen Denkens – kurzum: er ist ein wahrhaft gebildeter Mensch. Das spielt allerdings keine Rolle, wenn es darum geht, eben diese Fertigkeiten und Fähigkeiten den Nazis zur Verfügung zu stellen. Dadurch, das der neuhumanistische Bildungsbegriff die Gesellschaft nie wirklich mitreflektieren konnte (dasselbe gilt zumindest prinzipiell übrigens auch für die amerikanische Tradition mit Thoreau und Whitman), waren seine Protagonisten im Zweifel auch zum unsäglichen bereit. Darüber räsonierte bereits Adorno, als er in der Theorie der Halbbildung schrieb, in der „Vergeistigung von Kultur“ (also ihrem herauslösen aus dem gesellschaftlichen Kontext und ihrer Betrachtung als für-sich-seiendes) sei

„deren Ohnmacht virtuell bereits bestätigt, das reale Leben der Menschen blind bestehenden, blind sich bewegendenVerhältnissen überantwortet. ( … ) Wenn Max Frisch bemerkte, daß Menschen, die zuweilen mit Passion und Verständnisan an den sogenannten Kulturgütern partizipierten, unangefochten der Mordpraxis des Nationalsozialismus sich verschreiben konnten, so ist das nicht nur ein Index fortschreitend gespaltenen Bewußtseins, sondern straft objektiv den Gehalt jener Kulturgüter, Humanität und alles, was ihr innewohnt, Lügen, wofern sie nichts sind als Kulturgüter.“ (Theodor W. Adorno: Theorie der Halbbildung. Frankfurt am Main 2006, Seite 10)

Was sich in den zwei Bildungsbegriffen spiegelt, sind zwei unauflöslich miteinander verquickte Seiten der kapitalistischen Vergesellschaftung. Nur das sie eben nicht als vermittelte, sondern als unabhängige Entitäten behandelt werden. Das Privatarbeit im Kapitalismus immer auch gesellschaftliche Arbeit ist, wusste schon Marx. (vgl. MEW 23, 73: „Es ist also eine dritte Eigentümlichkeit der Äquivalentform, daß Privatarbeit zur Form ihres Gegenteils wird, zu Arbeit in unmittelbar gesellschaftlicher Form.“) Die Pole von Individuum und Gesellschaft treten hier als Gegensätze auf, die doch stets aufeinander verwiesen sind. Wo diese Verwiesenheit existiert (etwa im Kapitalismus) und nicht mitreflektiert wird, kann das alles sowieso schon mal nix werden. Trotz allem ist eine Kritische Theorie, die auf der Höhe der Zeit in soziale Kämpfe um Bildung intervenieren will, darauf angewiesen, beide Begriffe in ihrer Bedeutung auch wirklich zur Kenntnis zu nehmen. Dazu würde dann auch gehören, das sukzessive Verschwinden des auf Individualität pochenden Bildungsbegriffes in den letzten 3 bis 4 Jahrzehnten erklären zu können. Dazu vielleicht später mehr.


5 Antworten auf “Fragment zur Bildungstheorie”


  1. 1 Entdinglichung 26. August 2009 um 14:18 Uhr

    zum Typ des gebildeten und kultivierten Nazis à la SS-Standartenführer Hans Landa sehr empfehlenswert ist die Studie von Ulrich Herbert zu Werner Best: Best. Biographische Studien über Radikalismus, Weltanschauung und Vernunft 1903–1989

  2. 2 sledder 29. August 2009 um 13:42 Uhr

    Hmm, lernt da wer für ne mündliche Prüfung?

  3. 3 Juli 29. August 2009 um 15:57 Uhr

    neee, die is schon ne weile her.

    hier drückt sich einer vor der ausarbeitung einer hausarbeit…

  4. 4 gruenundgrau 29. August 2009 um 23:01 Uhr

    falls du es noch nicht kennst, könnte dich auch stapelfeldts „der aufbruch des konformistischen geistes: thesen zur kritik der neoliberalen universität “ und „geist und geld. non der idee der bildung zur warenform des wissens“ interessieren.

  5. 5 Juli 31. August 2009 um 22:26 Uhr

    danke für eure literatur-tipps

    von stapelfeld hab ich mal nen vortrag gehört, der mir aber irgendwie nicht im kopf geblieben is….. ich werd mal reinlesen

    und danke auch für den tipp mit der studie von best :-)

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