Die Funktion der abstrakten Arbeit

Martin Eichler hat im Frühjahr in der Phase 2 versucht, zum „Stand der Marx-Rezeption“ etwas substantielles zu sagen und hat dabei die Substanz als solche in den Blick genommen. Denn „die Funktion der abstrakt-menschlichen Arbeit als Wertsubstanz“ stünde nunmehr zur Debatte, so Eichler. Das Wert und Mehrwert alleine aus abstrakter Arbeit resultierten, ließe sich schließlich nicht beweisen und so müssten zur „Legitimation dieser Kategorie realwirtschaftliche Analysen unternommen werden, die zeigen, welche Bedeutung die abstrakt-menschliche Arbeit im heutigen Produktionsprozess hat.“

Das erinnert ein wenig an den postoperaistischen Theoretiker Christian Marazzi, der in seinem Standartwerk „Der Stammplatz der Socken“ ebenfalls die Bedeutung der abstrakten Arbeit negiert und stattdessen nur das Wissen in Form einer neuerdachten Immateriellen Arbeit als neue wertschaffende Potenz entdeckt haben will. Der nämlich verweist auf einen „Trend“ bei Forschern, sich zum „besseren Verständnis der zentralen Bedeutung von Wissen ( … ) zu Feldforschungen motiviert“ zu fühlen. Kann also abstrakte Arbeit empirisch überprüft werden?

Natürlich nicht. Abstrakte Arbeit beschreibt nichts weiter, als ein bestimmtes Beziehungsmuster, das Menchen in der kapitalistischen Gesellschaft miteinander eingehen. Dort sind sie nämlich voneinander getrennt und produzieren zunächst auf eigene Rechnung als private Produzent*Innen. Gleichzeitig produzieren sie freilich nicht für sich selbst, sondern für andere. Sie haben kein Interesse daran, die Güter, die sie hergestellt haben, selber zu nutzen. Sie stellen ihre Arbeitsprodukte vielmehr anderen zur Verfügung und greifen im Gegenzug auf die Arbeitsprodukte anderer zu.

Dieses gegenseitige Zugreifen auf die Arbeitsprodukte von anderen bezeichnet Marx als „abstrakte Arbeit“. Hier geht es weder darum, das diese Arbeit empirisch abstrakt (also etwa eintönig oder gleichförmig) wäre, sondern das es bei ihr nur darauf ankommt, das mit ihr Produkte hergestellt werden, die für den Konsum durch andere Menschen vorgesehen sind.

Die Arbeit wird auf diese Weise zum Vermittlungsmedium, welches die Übertragung dieser menschlichen Privatarbeiten innerhalb der Gesellschaft organisiert. Und als solches Vermittlungsmedium hat die abstrakte Arbeit freilich innerhalb kapitalistischer Verhältnisse auch ihre Funktion. Dieser doch recht simple Zusammenhang fällt oftmals nicht auf, da Marx zum Beginn seiner Kapitalismuskritik einen Darstellungsfehler macht und statt mit den Privatproduzenten, die für eine gesellschaftliche Allgemeinheit produzieren, mit der Ware als dinghafter Ausdruck dieser Voraussetzung beginnt.

Diesen simplen Kontext übersieht übrigens auch die Rede von der Immateriellen Arbeit. Sie wechselt von der allgemeinen Formbestimmung (eine Tätigkeit die auf ganz spezifische Weise ihre eigene Vermittlung generiert) zu einer inhaltlichen Beschreibung (ganz viele unterschiedliche Tätigkeiten werden notwendig, damit überhaupt noch Gewinne produziert werden können) – und das ist innerhalb der Kritik der politischen Ökonomie schlicht unzulässig. Es führt allerdings dazu, das die Theoretiker*innen der Immateriellen Arbeit dem traditionellen Marxismus eines voraus haben: sie erkennen, das sich innerhalb der Arbeitsgesellschaft ein Wandel vollzieht. Doch anstatt ihn als Krisenphänomen zu interpretieren, wird ein Wandel der Wertschöpfungsbasis herbeihalluziniert.


13 Antworten auf “Die Funktion der abstrakten Arbeit”


  1. 1 StefanMz 04. Oktober 2009 um 14:25 Uhr

    Juli, du schreibst:

    Dieses gegenseitige Zugreifen auf die Arbeitsprodukte von anderen bezeichnet Marx als „abstrakte Arbeit“.

    Das finde ich etwas arg abkürzend formuliert. Nicht das Zugreifen selbst ist aA, sondern die aA ist Vermittler im gegenseitigen Zugriff beim Tausch resp. Kauf/Verkauf.

    Dann eine Frage: Wenn aA ein »bestimmtes Beziehungsmuster« beschreibt, also Wert ein gesellschaftliches Verhältnis ist, wie kann es dann Substanz sein? Wie wird begrifflich aus einem Verhältnis eine Substanz?

  2. 2 Juli 04. Oktober 2009 um 14:41 Uhr

    Ja, das stimmt. Das ist ungenau formuliert. @Vermittlung

    Zur Substanz schreibe ich nachher noch mal was….

  3. 3 peter 04. Oktober 2009 um 20:02 Uhr

    Vgl. zu Eichlers Text auch:

    Philipp Lenhard: Glanz und Elend der Exegeten. Marginalien zur inneren Historizität des Kapitals, in: Prodomo, Nr. 11 (2009).

    http://prodomo.50webs.net/11/glanz_und_elend_der_exegeten.html

    Abschnitt II.

  4. 4 Juli 06. Oktober 2009 um 10:42 Uhr

    Das mit der Substanz…. auf der Ebene hat der Text – auch wenn er die Formulierung gebraucht – ja nicht argumentiert. Darum habe ich das auch eher als Aufhänger genommen. In dem Text wird die Annahme, das substanzorientiert Krisentheorien keinen Sinn machen, zustimmend vom Autor bei Elbe und Reichelt referriert.

    Davon ab: Bei der Vermittlung durch aA werden unterschiedliche Arbeitstätigkeiten einander gleichgesetzt, und zwar aufgrund der zu ihrer Produktion verausgabten gesellschaftlich-durchschnittlichen Arbeitszeit. Und Zeit ist nun nicht nur qualitativ bestimmbar (als gesellschaftlich-durchschnittlich notwendige), sondern auch quantativ nach Zeiteinheiten. Sonst wäre es ja schließlich kaum möglich, aus G ein G‘ zu machen. Insofern ist es ja gerade das faszinierende am Kapitalismus, das ein soziales Verhältnis etwas dinghaft-substanzielles werden kann.

  5. 5 StefanMz 06. Oktober 2009 um 12:08 Uhr

    Wertsubstanz ist aber nichts »dinghaft-substanzielles«, eine Relation von Arbeitszeiten auch nicht. Ist mir also immer noch nicht klar.

    Meine Überlegung dazu ist: Das dem Wert als Verhältnis wird eine »Substanz« (eine gesellschaftliche nämlich), wenn die Ware Geld ins Spiel, deren Aufgabe es gerade ist, das Verhältnis darzustellen. Das hieße: Wertsubstanz ohne Geld (etwa nur als Tauschrelation) ergibt keinen Sinn.

  6. 6 Juli 06. Oktober 2009 um 13:03 Uhr

    Naja, „dinghaft“ ist sie insofern, als das sie sich aus den Beziehungen der Dinge zueinander ergibt (eben die Verkehrung des Warenfetisch). Wobei sie natürlich nicht in dem Sinne dinghaft ist, das sie chemisch messbare wäre. Nichtsdestotrotz ist sie aber gesellschaftlich wirkmächtig.

    Warum allerdings die Ware Geld da einen Unterschied machen sollte, leuchtet mir so pauschal erstmal noch nicht ein.

  7. 7 StefanMz 06. Oktober 2009 um 14:44 Uhr

    Wirkmächtig ist klar, dafür brauchst du aber keine Substanz annehmen. Der Warenfetisch erklärt, dass soziale Verhältnisse als sachliche Verhältnisse erscheinen, aber nicht, wie aus einem Verhältnis eine Substanz wird.

    Geld, weil es die Ware ist, in der sich alle anderen Waren ausdrücken. Sie selbst kennt keine weiteren Relationen, in der sie sich ausdrückt, sie _ist_ Wert.

  8. 8 Benni 10. Oktober 2009 um 21:34 Uhr

    @StefanMz: Dann hast Du die „monetäre Werttheorie“ von Heinrich jetzt also verstanden und angenommen? Oder ist das noch was anderes?

  9. 9 StefanMz 11. Oktober 2009 um 10:29 Uhr

    @Benni: Weiss ich nicht — ist das denn alles an monetärer Werttheorie?

  10. 10 Benni 11. Oktober 2009 um 12:55 Uhr

    @Stefan: Weiß ich auch nicht. Manchmal hab ich den Eindruck, dass weiß nur Heinrich selber.

  11. 11 Juli 15. Oktober 2009 um 12:30 Uhr

    „Substanz“ meint ja nicht im engeren Sinne, das etwas chemisches aus der menschlichen Interaktion hervorsteigt. Sondern lediglich die reale Wirkmächtigkeit, die nicht nur als Relation (Bezug der arbeiten aufeinander) sondern gleichzeitig als absolute Größe (die schrumpfen und wachsen kann – das streitet der Heinrich ja ab) denkbar ist. Wobei ich an dem Begriff wirklich nicht hänge, ich sehe ja durchaus ein, das er zu Fehldeutungen einlädt und habe ihn nur als Formulierung aufgegriffen, weil der Zusammenhang im Phase2-Zitat aufgetaucht ist.

  12. 12 StefanMz 15. Oktober 2009 um 13:19 Uhr

    Würdest du mir zustimmen, dass die »Wertsubstanz« (oder der »Wert«, Wort ist mir egal) als genuine Verhältnisgröße nur »absolute Größe« werden kann, wenn das Geld als absolutes Maß ins Spiel kommt?

  13. 13 redfag 15. Oktober 2009 um 14:47 Uhr

    Ich glaub den Begriff „Wertsubstanz“ für den Inhalt des Werts (abstrakte Arbeit) hat Marx nicht ganz zufällig gewählt. In der Philosophie meint der immer irgendwas ontologisches, etwas an sich, wesentlich hinter den Erscheinungen Seiendes. Eben genauso wie für die politische Ökonomie eben Wert, Arbeit etc. als etwas so ontologisch Seinendes ist. Heinrich zieht daraus den Schluss, dass Marx mit dem Substanz-Begriff noch in der Tradition der pol.Ök. stecken geblieben ist und das nicht als bloße Relation erkannt hat. (das argumentiert er glaub ich in der „Wissenschaft vom Wert“)
    Aber genau an der Stelle würd ich denken verdreht der Heinrich die Intention von Marx: Der konnte damit nämlich erklären, warum der pol.Ök. als (ontologische) Substanz erscheint, was gesellschaftliches Fetisch-Verhältnis ist. Wert und abstrakte Arbeit sind aber Realabstraktionen und daher ist der substanzielle „Schein“ nicht einfach nur falscher Schein, sondern als gesellschaftliches Verhältnis wirkt „abstrakte Arbeit“ tatsächlich wie „Substanz“. Nämlich indem die Wertgröße nicht einfach nur als Tauschverhältnis wirkt (Heinrich argumentiert genau auf der Abstraktionsstufe des einfachen Warentauschs, wo Tauschwert eben nur als relatives Tausch-Verhältnis erscheint), sondern indem sie als Kapital die „Größe“ ist, die relativ zu sich selbst mehr werden soll/muss. D.h. auf der Abstraktionsstufe des sich verwertenden Werts, des Kapitals, ist klar, dass da eine Größe sein muss (sei sie auch noch so leere Abstraktion) die sich vergrößern muss. Und das kann sie nicht einfach nur relativ zu allen anderen Waren (das wäre die plumpe Vorstellung davon, dass die Kapitalist*Innen nur Profit machen würden, weil sie sich gegenseitig abzocken), sondern wenn sie sich auf die Masse an Wert, die sie darstellt, und die sich durch die Formwechsel von Geld und Ware erhält bzw. vermehrt, bezieht. Insofern ist die in der Wertgröße des Kapitals dargestellte Masse an „abstrakter Arbeit“ eine gesellschaftliche Substanz, „Real-Substanz“, wenn man so will, die sich durch den Verwertungsprozess erhält, nicht nur im Tausch „existiert“, sondern wie eine substanzielle Größe hinter der bloßen Erscheinung in der Zirkulation wirkt und deswegen auch erscheint, als das, was sie ist: nämlich sich an den Waren und am Geld darstellende gesellschaftliche Substanz, als Wertmasse.
    Das Geld ist dafür notwendige Voraussetzung, weil zum einen erst im Geld sich diese reine Abstraktion sich als solche substanziell darstellen kann (d.h. als neben die Dinge tretende Real-Abstraktion, die scheinbar für sich existiert) und zum anderen, weil die notwendige Verwandlung von Wert in Kapital nur mit einem solchen Geld möglich ist. (der berühmte Übergang von W-G-W zu G-W-G‘ ist erst möglich, wenn es Geld als „Inkarnation des Werts“ gibt). Insofern ist das mit der monetären Werttheorie richtig, dass Warenform logisch die Geldform enthält und „einfacher Warentausch“ nur als begriffliche Abstraktion von Geld bzw. Kapital denkbar ist, und nicht real existieren kann. Falsch aber wäre (und ich weiß nicht ob Heinrich das behaupten will), dass damit Wert nur als Tausch-Verhältnis (also als Tauschwert) von Ware und Geld existieren würde. Eben weil sich verwertender Wert als Kapital eben eine sich erhaltende, gesellschaftliche „Substanz“ ist.

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