Archiv für November 2009

Im Fadenkreuz: Leistungsorientierte Mittelvergabe

Viele Studierende klage derzeit über steigenden Lern- und Arbeitsdruck während des Studiums. Die Universitäten stellen sich derweil taub. Wo der Druck von studentischer Seite groß genug ist, wird vorsichtig verhandelt. Sobald der Druck wieder nachlässt, wird alles so belassen, wie es bislang war. Als eine Ursachenbeschreibung dafür habe ich bislang die Vorstellung von Elite wahrgenommen: wenn die Uni Elite sein will, muss sie auch entsprechende Leistungsanforderungen bereitstellen. Das ist sicherlich nicht falsch, ließe sich aber präzisieren. Ein wesentlicher Mechanismus scheint mir dabei die Leistungsorientierte Mittelvergabe zu sein:

„Das neue Bildungsmodell stellt Bildung auf Wissens- und Kompetenzerwerb um und zerlegt den Prozess in einzeln abgeprüfte Kurse, die nahezu beliebig kombiniert werden können. Die Vielzahl der damit verbundenen Einzelprüfungen eignen (sic!) sich als Leistungsindikatoren für das „Qualitätsmanagement“. An die gemessenen Erfolge wird dann an den Universitäten die so genannte „Leistungsorientierte Mittelverteilung“ geknüpft. Dieses System belohnt die Zerlegung eines Studiengangs in eine möglichst große Zahl kleinster Kurseinheiten mit entsprechenden Teilprüfleistungen. Wer auf mehr LOM-Punkte kommen will, bricht sein Curriculum auf viele kleine Kurse mit eigener Prüfung herunter. So spielen sich NPM (New Public Management, Anm. Eob) und Bologna gegenseitig in die Hände. Wie LOM innerhalb der Universitäten den Bologna-Prozess unterstützt, so bringt LOM auch in der Mittelverteilung zwischen den Universitäten den Bologna-Zug in Fahrt. Die möglichst konsequente Umsetzung des Programms bringt den Universitäten finanzielle Vorteile.“ (Richard Münch: Globale Eliten, lokale Autoritäten. Bildung und Wissenschaft unter dem Regime von PISA, McKinsey & Co.)

Elite ist also in diesem Fall nicht nur ideologisch, sondern auch monetär bestimmt: wer elite-mäßig Kohle abziehen will, der muss eben ein gut durchstrukturiertes, den Alltag der Studierenden zerstörendes Lehrprogramm auflegen. Der Wissenschaftsrat findet das gut. und bemerkt am Beispiel der Medizin:

„In der leistungsorientierten Mittelvergabe (LOM) sieht der Wissenschaftsrat ein zentrales Instrument der Forschungs- und Lehrförderung, das sowohl innerhalb der Fakultäten als auch auch der Ebene eines Bundeslandes zum Einsatz kommen sollte. Ziel ist, Leistungsträger zu belohnen und Anreize zu setzen, Leistungen in Forschung und Lehre zu steigern. ( … ) Er empfiehlt, mindestens 40 % des Landeszuführungsbetrags fakultätsintern anhand von Leistungsparametern in Forschung und Lehre aufzuteilen. Dabei sind Forschung und Lehre als getrennte Leistungsbereiche aufzufassen, die auch getrennte Budgets und Zuweisungsmodalitäten erfordern.“ (Wissenschaftsrat: Leistungsorientierte Mittelvergabe in der Hochschulmedizin)

Im weiteren geht es in dem Paper nur um die Forschung, Lehre ist halt nicht so wichtig. Entsprechende folgen zeitigen solche Überlegungen dann aber trotz alledem. Allerdings konnte ich bislang keine Hinweise darauf finden, wie diese LOM konkret umgesetzt wird. In Niedersachsen scheint es sich derzeit noch um vergleichsweise oberflächliche Parameter zu handeln. Das CHE merkt für den Bereich der Fachhochschulen an:

„Die niedersächsische Fachhochschulformel stellt im Kern auf drei Indikatoren ab: Aufnahmekapazität (d.h. die Zahl der von der Hochschule vorgehaltenen Studienplätze), die Zahl der Studierenden in der Regelstudienzeit und die Zahl der Absolventen. Dabei wird der Indikator der Aufnahmekapazität mit 60% am stärksten gewichtet, während die beiden letztgenannten Indikatoren mit jeweils 20% gewichtet werden.“ (Che)

Dazu kommt, das der vom LOM betroffene Bereich derzeit noch eher niedrig ist:

„Die meisten Länder praktizieren ( … ) den Ansatz, begrenzte Teile der staatlichen Haushaltsmittel auf Basis eines Formelmodells zu verteilen ( … ). Die Ausgangshaushalte bzw. der überwiegende Teil der staatlichen Haushahltsmittel werden in diesen Ländern nach wie vor jährlich auf traditionellem Wege ( … ) bestimmt. So werden z.B. in Niedersachsen 10% der staatlichen Zuschüsse über ein Formelmodell verteilt, in Bayern ca 1,5% (Universitäten) bzw. 0,6% (Fachholschulen).“

Für Niedersachsen hieße das: zehn Prozent der staatlichen Mittel laufen über LOM, entsprechend also 6% als Aufnahmekapazität (weshalb es sich für die Unis lohnt, viele Studierende zu haben), nur 2% für Studierende innerhalb der Regelstudienzeit (weshalb der Anreiz, Leute jenseits der Regelstudienzeit zu kicken, derzeit noch vergleichsweise klein – aber immerhin vorhanden – ist) und weitere 2% für erzielte Studienabschlüsse.

Wissenschaft oder Fabrik?

In den derzeitigen Bildungsprotesten wiederholt sich einiges von dem, was es schon häufiger gab. Das gilt für die Aktionsformen wie für die Widersprüchlichkeit der studentischen Forderungen. Fast fühlt mensch sich an den guten alten Adorno erinnert, der bereits 1968 bemerkte:

„Auf der einen Seite handelt es sich um eine wirklich emanzipatorische Bewegung, die dazu führen möchte, daß der Gedanke nicht gegängelt wird, daß den universalen Zwängen der Anpassung, wie sie die Gesellschaft ausübt und wie sie von der Kulturindustrie nun auch noch verwaltet werden, so etwas wie die Bildung von autonomer [Urteils]kraft gegenübergestellt wird. Und diese Erwägungen führen dann über das bloß Institutionelle der Universität hinaus und werden zu einer Kritik einer Gesellschaft, die, indem sie die Menschen in stets wachsendem Maß integriert – wie man das so nennt – gleichzeitig den Menschen ihre Möglichkeit unterschlägt. ( … ) Gleichzeitig aber und neben diesen in einem sehr weiten und keineswegs bloß innerwissenschaftlichen Sinn emanzipatorischen Tendenzen ( … ) findet sich eine zweite, gar nicht deutlich davon geschiedene, die, da es nun einmal um Vernunft gehen soll und um vernünftige Einrichtung, das, was Horkheimer die ‚instrumentelle Vernunft‘ nennt und als instrumentelle Vernunft kritisiert hat, völlig in das Zentrum stellt und die eigentlich darauf hinausläuft, die Universität zu verschulen, sie zu einer Fabrik von Menschen zu machendie die Ware Arbeitskraft in möglichst rationeller Weise hervorbringt und die Menschen befähigt, ihre Ware Arbeitskraft gut zu verkaufen; eine Tendenz, die ihrerseits notwendig gerade auf Kosten jener Autonomie-Bewegung geht, die Ihnen gleichzeitig als Ideal einer solchen Reform vorschwebt.“ (Theodor W. Adorno: Einleitung in die Soziologie, S. 100f)

Humankapital vs. ‚Bildung als Kulturgut‘

Die aktuellen Transformationen im Bildungssystem werden oftmals vor dem Hintergrund verschiedener Bildungsverständnisse diskutiert. Auf der einen Seite steht die Ausbildung als Angleichung der Zöglinge an die gesellschaftlichen Normvorstellungen, auf der anderen Seite steht die Individuierung der Subjekte doch humanistische Bildung. (1|2|34|5) Einen damit verwanndten Aspekt hat Richard Münch in seinem Buch „Globale Eliten, lokale Autoritäten. Bildung und Wissenschaft unter dem Regime von PISA, McKinsey & Co“ herausgearbeitet. (mehr…)

Kein hitzefrei in jedem System?

Die Redical [m] hat sich eines in der linken ziemlich vernachlässigten Themas angenommen: der Kritik des gesellschaftlich vorherrschenden Erziehungssystems. Dazu hat ihre AG „Hitzefrei bei jedem Wetter“ (ganz großer Name, by the way) einen Reader mit dem Titel „Deutschlands wichtigste Ressource oder wie Kinder in einem menschenverachtenden System erzogen werden“ publiziert. Da das Thema in der linken keine große Rolle spielt, ist die AG schließlich dort gelandet, wo Linke viel zu häufig landen, wenn sie sonst nichts zum Thema finden: beim GSP resp. dem dazugehörigen Bremer Ex-Profen Freerk Huisken. An den nämlich erinnert die Broschüre doch deutlich, teilweise bis in die Formulierungen hinein. Doch leider wurden nicht nur diese, sondern auch die falschen Inhalte übernommen. Das ist schade, hätte die Linke doch ein gutes Paper zu dem Thema mal brauchen können. (mehr…)

Der Gestus der Überlegenheit als Ichschwäche

In vielen linken Strömungen ist es üblich, Ironie und Übertreibung zum Zwecke einer Verbreitung der eigenen (vermeintlich kritischen) Überlegungen zu gebrauchen. Mit Hilfe der Ironie soll allem Anschein nach versucht werden, die Unabweisbarkeit der eigenen Überlegung zu behaupten, ohne tatsächlich eine plausible und schlüssige Herleitung anbieten zu können. Adorno bemerkte hierzu bereits im Juni 1960:

„Ironie und Infantilität. Viele Menschen geben dem, was sie sagen, den Charakter der Ironie, weil sie zu gar nichts fest stehen, mit keinem Urteil identifziert – mit sich selber nicht identisch sind. So reden Kinder. Der Gestus der Überlegenheit als Ichschwäche.“/Theodor W. Adorno: Graeculus (!!). Notizen zu Philosophie und Gesellschaft 1943 – 1960. In: Frankfurter Adorno Blätter VII, S. 15)

Zum Stand der Krise

Neue Texte zum Stand der Krise: (1|2|3|4|5)