Archiv für Januar 2010

Kulturalistische Giftküche

Ein paar Texte wider den Kulturquatsch der Kulturalistischen Giftküche: (1|2|3|4)

Ein Glas Wasser in der Wüste

Beim Lesen alter Grundsatztexte der Krisis stoße ich wieder und wieder auf wunderschöne Formulierungen und überraschende Wendungen von altbekannten Zusammenhängen. Zumindest diese möchte ich Euch nicht vorenthalten, ein paar andere Folgen vielleicht demnäxt. Das Zitat steht in dem Kontext grundsätzlicher Überlegungen zur Besonderheit der kapitalistischen Reichtumsform. Diese zeichnet sich dadurch aus, dass sie nicht sinnlichen oder stofflich-erlebbares als Reichtum anerkannt, sondern grundsätzlich nur Dinge, die kauf- und verkaufbar sind. Dies hat freilich zur Voraussetzung, das den Menschen von jedwedem anderen Zugriff auf gesellschaftlich Vorhandenes verwehrt wird und aus dem Reichtum in der Kehrtwende allgegenwärtige Knappheit wird:

„Die Vorliebe, mit der einst die Vertreter der »subjektiven Wertlehre« und bis heute die der daraus abgeleiteten Grenznutzentheorie ihre Doktrin am berüchtigten Glas Wasser in der Wüste idealtypisch zu erläutern pflegen, kommt nicht von ungefähr. Dieses Modell gibt in der Tat die Bedingungen optimierter marktwirtschaftlicher Reichtumslogik wieder. Im ökonomischen Sinn darf sich eine Gesellschaft umso reicher schätzen, je perfekter es ihr gelingt, den sozialen Zusammenhang in eine Wüste zu verwandeln, in der die Menschen von allem Lebensnotwendigen und allem, was das Leben lebenswert machen könnte, prinzipiell restlos abgeschnitten sind, auf daß es ihnen allein in der Schrumpfform der Ware und auschließlich über die Teilnahme am Verwertungsbetrieb vermittelt partiell zugänglich werde.

( … )

Die Warengesellschaft hat zweifellos im Laufe ihrer Entwicklung eine reichhaltige Palette neuer und bunter Wassergläser hervorgebracht. Vor allem aber hat sie in den letzten zweieinhalb Jahrhunderten in aller Unerbittlichkeit die Ödnis geschaffen und schafft sie jeden Tag neu, in der diese Gläser erst ihre ganze Bedeutung gewinnen. Der autosuggestive Stolz, mit dem die Trinkgefäße präsentiert werden, darf nicht von diesem zweiten und eigentlich zentralen Teil der »historischen Mission« unserer glorreichen Warengesellschaft ablenken.“ (Ernst Lohoff: Zur Dialektik und Mangel und Überfluss

Der Vergleich der Warengesellschaft mit der Wüste ohne Wasser und der bunten Gläser mit ihrer Reichtumspotenz macht doch recht schön deutlich, wie unglaublich dumm diese Sache mit dem Kapitalismus doch ist…

Politik und Wirtschaft (3)

Was waren das noch für seelige Zeiten, als Recht und Gesetz noch vom dafür vorgesehenen Souverän erstellt wurden. Nachdem bereits die Große Koalition von SPD und CDU/CSU eine Fachkanzlei für Kreditrecht mit der Novellierung des Kreditrechtes beauftragte, bleibt auch die FDP dieser Linie treu:

„Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) will sich für die Erarbeitung seiner Gesundheitsreform Unterstützung aus der privaten Krankenversicherung holen: Christian Weber soll im Ministerium der neue Abteilungsleiter für Grundsatzfragen werden. ( … )

Derzeit ist der 53 Jahre alte Weber stellvertretender Direktor des Verbandes der Privaten Krankenversicherung (PKV). Weber würde sich in seinem neuen Amt auch mit der geplanten schrittweisen Umstellung der beitragsfinanzierten Krankenversicherung auf Prämien befassen.“ (FAZ; auch hier)

Der Aufschrei, das hier Klientelpolitik den einstigen Anspruch der Politik aufgeben würde, eine von den privaten Interessen der Wirtschaftssubjekte losgelöste gesellschaftliche Allgemeinheit zu repräsentieren, verhalte ebenso schnell wie ungehört. Erst gar nicht zur Kenntnis genommen wurde, dass Weber ebenso wie seine Kollegin Birgit Haase seine wissenschaftlichen Sporen in der Volkswirtschaftslehre verdiente. Unabhängig von allem Klientelgedöns dürfte also klar sein, in welche Richtung der Zug fahren soll: nur ein wirtschaftliches Gesundheitssystem soll ein gutes Gesundheitssystem sein. Im Mittelpunkt soll die private Gewinnerzielung auch in diesem Sektor stehen – und nicht die adäquate Versorgung der Bevölkerung mit dem knappen Gut Gesundheit.

Krisenstabilisierung

So funktioniert Krisenstabilisierung: US-Zentralbank kauft Aktien und Staatsanleihen, um die Wirtschaft zu stabilisieren: (1|2)

Freud ohne Urheberrecht

Seit dem 1.1. sind die Werke von Sigmund Freud gemeinfrei, berichtet Telepolis. Eine Liste aller seit dem 1.1. freien Autor*Innen gibt es hier.

Männlichkeit und Macht

Fahrt nach Erfurt! Männlichkeit macht mehr als Macht, 20 Uhr im Cafe Wagner.

Adorno wohnt trotzdem

Der Mensch im Kapitalismus ist nicht bei sich zu Hause. Er ist den gesellschaftlichen Verhältnissen, die er doch selbst macht, ausgeliefert. Was inhaltlich nicht nur das Motiv Marxens war, sondern auch bei Adorno im Mittelpunkt stand, wollte letzterer auch sprachlich zum Ausdruck bringen. Da das Ich nicht bei sich zu Hause ist, sollte auch das Reflexivpronomen sich möglichst weit vom zugehörigen Subjekt entfernt stehen. Eine Sprachmacke – aber eine mit Sinn.

Überhaupt spielte das Wohnen bei Adorno eine besondere Rolle. So lässt sich in gewisser Weise sagen, das er Zeit seines Lebens – und nicht nur während der Zeit in den Vereinigten Staaten – im Exil lebte. Denn es sich einfach häuslich einzurichten im Kapitalismus, das kam für ihn nicht in Frage. Stets umgetrieben von dem Gefühl, der Faschismus könne zurückkehren, hatten er und seine Frau Gretel die Wohnung in Frankfurt niemals wirklich eingerichtet.

In den Minima Moralia formulierte er das grundsätzliche Problem kritischer Intelligenz, am Widerspruch von Anspruch und Wirklichkeit nicht zu vergehen, am Beispiel des Wohnens. Egal welche Wohnform, egal welchen Typus von Architektur die Einzelnen auch wählen mögen: überall sei es im Grunde unmöglich, schadlos zu wohnen.

Wer in seinen eigenen vier Wänden wohne, der mache sich schuldig, solange anderen das Wohnen versagt bliebe. Doch ohne Wohnung steige nur die Abhängigkeit von den gesellschaftlichen Bedingungen. Und wer wollte schon an der „lieblosen Nichtachtung der Dinge“ teilhaben, die doch dem Kapitalismus immer schon innewohnt? Wobei auch das, kaum ausgesprochen, schon zur Ideologie wird für jene, „welche mit schlechtem Gewissen das ihre behalten wollen.“

In genau diesem Sinne gibt es „kein richtiges Leben im falschen“. Nicht, das wir nun eine Ausrede hätten, nichts zu tun. Wir müssen nur um die Beschränktheit unseres Handelns wissen und es stets aufs Neue auf seine praktischen Folgen für unser Leben und das Streben nach Emanzipation befragen.

(erschienen in: Streifzüge 47/2009)