Ein Glas Wasser in der Wüste

Beim Lesen alter Grundsatztexte der Krisis stoße ich wieder und wieder auf wunderschöne Formulierungen und überraschende Wendungen von altbekannten Zusammenhängen. Zumindest diese möchte ich Euch nicht vorenthalten, ein paar andere Folgen vielleicht demnäxt. Das Zitat steht in dem Kontext grundsätzlicher Überlegungen zur Besonderheit der kapitalistischen Reichtumsform. Diese zeichnet sich dadurch aus, dass sie nicht sinnlichen oder stofflich-erlebbares als Reichtum anerkannt, sondern grundsätzlich nur Dinge, die kauf- und verkaufbar sind. Dies hat freilich zur Voraussetzung, das den Menschen von jedwedem anderen Zugriff auf gesellschaftlich Vorhandenes verwehrt wird und aus dem Reichtum in der Kehrtwende allgegenwärtige Knappheit wird:

„Die Vorliebe, mit der einst die Vertreter der »subjektiven Wertlehre« und bis heute die der daraus abgeleiteten Grenznutzentheorie ihre Doktrin am berüchtigten Glas Wasser in der Wüste idealtypisch zu erläutern pflegen, kommt nicht von ungefähr. Dieses Modell gibt in der Tat die Bedingungen optimierter marktwirtschaftlicher Reichtumslogik wieder. Im ökonomischen Sinn darf sich eine Gesellschaft umso reicher schätzen, je perfekter es ihr gelingt, den sozialen Zusammenhang in eine Wüste zu verwandeln, in der die Menschen von allem Lebensnotwendigen und allem, was das Leben lebenswert machen könnte, prinzipiell restlos abgeschnitten sind, auf daß es ihnen allein in der Schrumpfform der Ware und auschließlich über die Teilnahme am Verwertungsbetrieb vermittelt partiell zugänglich werde.

( … )

Die Warengesellschaft hat zweifellos im Laufe ihrer Entwicklung eine reichhaltige Palette neuer und bunter Wassergläser hervorgebracht. Vor allem aber hat sie in den letzten zweieinhalb Jahrhunderten in aller Unerbittlichkeit die Ödnis geschaffen und schafft sie jeden Tag neu, in der diese Gläser erst ihre ganze Bedeutung gewinnen. Der autosuggestive Stolz, mit dem die Trinkgefäße präsentiert werden, darf nicht von diesem zweiten und eigentlich zentralen Teil der »historischen Mission« unserer glorreichen Warengesellschaft ablenken.“ (Ernst Lohoff: Zur Dialektik und Mangel und Überfluss

Der Vergleich der Warengesellschaft mit der Wüste ohne Wasser und der bunten Gläser mit ihrer Reichtumspotenz macht doch recht schön deutlich, wie unglaublich dumm diese Sache mit dem Kapitalismus doch ist…


9 Antworten auf “Ein Glas Wasser in der Wüste”


  1. 1 cyberpunk 23. Januar 2010 um 2:24 Uhr
  2. 2 Ernst 25. Januar 2010 um 11:48 Uhr

    Übrigens ist genannter Text seit bald einem Jahr als Sachzwang-FM-Hörbuch online.

  3. 3 Liberaler 01. Februar 2010 um 18:18 Uhr

    Es wird vergessen, dass die Güter, die im Kapitalismus knapp sind und daher Geld kosten in den vorherigen Gesellschaften entweder gar nicht existierten, weil sie zu arm, uninnovativ, unproduktiv etc. waren oder zumindestens deutlich knapper gewesen sind.

    Die Welt wäre ohne die menschliche Arbeit eine Wüste, die den Tod bedeuten würde. Ohne Arbeit ist ein Überleben nicht möglich. Heute ist es nur mit sehr wenig Arbeit möglich, ein sehr hohes Maß an Komfort zu ermöglichen.

    Wie sollten denn sonst die Güter, die knapp sind mit einem möglichst großem Maß an Freiheit verwaltet werden wenn nicht mittels Geld? Etwa durch staatliche Willkür wie im Realsozialismus? Oder tribalistisch?

  4. 4 Gehrinschnecke 02. Februar 2010 um 8:53 Uhr

    @ Liberaler

    Ist das alles, was Dir einfällt? Verteilen durch Geld, „staatliche Willkür“ oder Faustrecht?

    Wie wäre es mit Absprache und Demokratie?! Hat bei der Verteilung des knappen Gutes „Regierungsgewalt“ ja auch schon ganz gut geklappt.

    Aber vielleicht sollten wir das knappe Gut hier ja auch durch „ein größtes Maß an Freiheit“, nämlich mittels Geld verteilen – in Roland Koch hättest Du dafür sicher einen großen Fürsprecher.

  5. 5 crull 02. Februar 2010 um 23:50 Uhr

    „Es wird vergessen, dass die Güter, die im Kapitalismus knapp sind und daher Geld kosten in den vorherigen Gesellschaften entweder gar nicht existierten, weil sie zu arm, uninnovativ, unproduktiv etc. waren oder zumindestens deutlich knapper gewesen sind.“

    Hirnschiß. Waren kosten was, weil sie Mittel zur Vermehrung von Geld sind. Völlig unabhängig, ob sie knapp sind oder nicht.

    „Die Welt wäre ohne die menschliche Arbeit eine Wüste, die den Tod bedeuten würde.“

    Wo haste denn den bullshit her? Gehn Tiere arbeiten oder was? Ist der Regenwald ein Produkt menschlicher arbeitet?

    „Ohne Arbeit ist ein Überleben nicht möglich. Heute ist es nur mit sehr wenig Arbeit möglich, ein sehr hohes Maß an Komfort zu ermöglichen.“

    Wieviel man arbeitet, hat absolut nichts mit der Bequemlichkeit des Lebens zu tun. Entscheidend ist, wieviel Geld, also Zugriffsmacht auf Produkte, man hat.

    „Wie sollten denn sonst die Güter, die knapp sind mit einem möglichst großem Maß an Freiheit verwaltet werden wenn nicht mittels Geld?“

    Arschloch! Produkte von den Menschen zu trennen mittels Geld erzeugt erst den Mangel, den du Volldepp umlügst in Knappheit.

  6. 6 Liberaler 03. Februar 2010 um 2:13 Uhr

    @ Gehirnschnecke

    „Wie wäre es mit Absprache und Demokratie?! Hat bei der Verteilung des knappen Gutes „Regierungsgewalt“ ja auch schon ganz gut geklappt.“

    Wenn du doch für eine vollkommen andere Verteilung und Produktionsweise von Gütern bist und in den Demokratien der westlichen Welt den Kapitalismus kritisierst, dann wäre doch die kapitalistische Wirtschaft demokratisch legitimiert.

    Nun ist aber Regierungsgewalt kein Gut, dass es zu produzieren und zu verteilen gilt, sondern eine Metastruktur, die erst beides ermöglicht. Die Durchsetzung von Gesetzen, die für alle Menschen gleichermaßen gelten, lässt sich nur auf rechtsstaatlicher-demokratischer Basis schaffen wenn sie der Vervollkommnung von Freiheit dienen sollen.

    Hier kann es nur eine gemeinsame Entscheidung geben, da sie eine Vielzahl von Menschen betreffen. Aber die Konsumpräferenzen sind doch vollkommen individuell. Hier kann mittels kapitalistischer Distribution ein maximales Maß an Befriedigung der Bedürfnisse erzielt werden. Die Befriedigung geht doch selbst so weit, dass die moralisierende Sozial-Elite selbst ein Problem in der Überbefriedigung sieht: z.B. ist Übergewicht durch effektives Wirtschaften erst massenhaft möglich und aufgrund von Sozialstaatlichkeit auch bei Arbeitslosen anzutreffen.

    Auch sind Teile der verwöhnten Mittelschicht derartig übersättigt, dass sie von ihren Feuiletonisten „Konsumverzicht“ etc. predigen lässt.

  7. 7 Liberaler 03. Februar 2010 um 2:22 Uhr

    @ crull

    Trotz deiner pejorativen Anwandlunge möchte ich auf deinen Kommentar eingehen:

    „Hirnschiß. Waren kosten was, weil sie Mittel zur Vermehrung von Geld sind. Völlig unabhängig, ob sie knapp sind oder nicht.“

    Waren kosten etwas, weil Arbeit in sie hinein gesteckt wurden oder, was zumindestens teilweise der Fall ist, von Natur aus knapp sind. Z.B. bezahlst du für Erdölprodukte einerseits die Arbeitsleistung, den Staatsanteil und den Beitrag an die Scheichs aufgrund der von ihnen besetzten Ölquellen, die von Natur aus knapp sind.

    Würden sie nicht knapp sein, dann würden sie nichts kosten oder sie müssten etwa wie in Europa und insbesondere Deutschland besteuert werden: z.B. Sauerstoff, der zur Produktion vonnöten ist. Dann hat man ein Gut, dass Geld kostet ohne knapp zu sein. Dafür braucht es aber keinen Markt, sondern Gewalt und zwar Staatsgewalt.

    „Wo haste denn den bullshit her? Gehn Tiere arbeiten oder was? Ist der Regenwald ein Produkt menschlicher arbeitet?“

    Wenn du leben willst wie ein Tier, dann betrachte dies doch bitteschön nicht als emanzipatorisch. Wovon willst du dich dann emanzipieren? Von der Zivilisation? Im tropischen Regenwald würdest du keinen Tag überleben. Nur in der Phantasie von im gemäßigten Klima lebenden Ökos, die nur die von Menschenhand geschaffene Kulturlandschaft kennen, kann der Regenwald wie eine Ansammlung hübscher Zimmerpalmen wirken. Ehe du dich versiehst wärest du von Krankheiten befallen, die dich ohne Behandlung in der Zivilisation dahinraffen, von einer Spinne, einer Schlange etc. getötet.

  8. 8 Juli 13. Februar 2010 um 14:12 Uhr

    @Liberaler

    Du übersiehst m.E. ein paar Punkte:

    (1) Die Trennung der Individuen vom gesellschaftlichen Reichtum ist keine „natürliche“ Angelegenheit, sondern sozialhistorisch hergestellt worden. In einem blutigen Enteignungprozess wurden Menschen von ihren Überlebensmöglichkeiten getrennt und so mit einer grandiosen doppelten Freiheit ausgestattet: frei zwar von den persönlichen Banden feudaler Herrschaft, frei aber auch von allen Möglichkeit, sich selbstbestimmt am Leben halten zu können.

    (2) Die kapitalistische Deistribution bezweckt keine Befriedigung von Bedürfnissen, sondern von Bedarfen. Und ein Bedarf ist ein kaufkräftiges Bedürfnis. Es geht also nicht darum, die Welt mit nützlichen Dingen zu bereichern, sondern Verkaufsmöglichkeiten zu erschließen.

    (3) Tatsächlich hast Du ja recht, das der Kapitalismus unglaubliche Reichtümer hervorgebracht hat. Mehr als jede Gesellschaft von ihm. Zeitgleich hat er aber auch unglaubliche Armut hervorgebracht – mehr als jede Gesellschaft vor ihm. Das liegt daran, dass hier Reichtum nicht als sinnlich-konkrete Gütermenge auftritt, sondern als abstrakte Bestimmung von Geld und Arbeit. Und als solche ist der Reichtum selber zum Selbstzweck geworden und damit nicht mehr etwas, dass Menschen für sich nutzen könnten, sondern etwas, das sich die Menschheit unterworfen hat und nach seinem Ebenbilde formt.

    (4) Tatsächlich kosten Waren etwas, weil in ihnen „Arbeit“ enthalten ist. Das ist allerdings keine überhistorische Bestimmung, sondern eine für den Kapitalismus spezifische. Die wertschaffende Potenz der „Arbeit“ gibt es nicht von Natur aus, sondern aufgrund der Tatsache, das die Menschen ein ganz besonderes gesellschaftliches Verhältnis eingehen. In vielen anderen Gesellschaften hat der Austausch von Dingen entsprechend auch anhand anderer Mechanismen funktioniert. Das können etwa persönliche Abhängigkeitsverhältnisse gewesen sein oder andersweitige gesellschaftliche Rahmenbedingungen. Diese Rahmenbedingungen standen aber außerhalb der gesellschaftlichen „Arbeits“-teilung – während sie heute erst durch die Arbeitsteilung hervorgebracht werden. Arbeit wird so zu ihrem eigenen Grund – eben zum Selbstzweck.

  9. 9 anlouve 27. August 2010 um 6:45 Uhr

    @ Liberaler:
    Übergewicht kommt übrigens auch durch Mangelernährung (d.h. nicht Unterernährung, sondern eine Ernährung, bei der es an bestimmten Inhaltsstoffen mangelt) zustande; z.B. ist Übergewicht bei den Armen in Brasilien überproportional vertreten.
    s. zB: http://www.ila-web.de/brasilientexte/hungerlula.htm

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