Bürgerliche Kälte am Beispiel von Stuhl und Kartoffel

Was ist eigentlich so schlimm daran, wenn Menschen Dinge als Waren produzieren und tauschen? Es tut ihnen nicht gut. Sie müssen sich selber und alle anderen als bl0ße Funktion für das je andere Bedürfnis anerkennen. Sie müssen einander – strukturell – fremd bleiben, dürfen sich füreinander nicht interessieren. Vieles von dem, was die Moderne an Unannehmlichkeiten bereithält, lässt sich daher bereits auf dieser Ebene der ‚Kritik der Politischen Ökonomie‘ analysieren und kritisieren. Sehr schön auf den Punkt gebracht hat den damit einhergehenden Irrsinn Ernst Lohoff, der damit gleichzeitig ein brilliantes Stück Sekundärliteratur zur Wertformanalyse hervorgebracht hat:

„Die I.ogik und ihre Implikationen lassen sich auf der Ebene der einfachen Wertform recht einfach exemplifizieren. A benötigt einen Stuhl. Er kann ihn jedoch von dem am Wohlergehen von A ausgesprochen desinteressierten B nur erlangen, wenn er ihm dafür jenen Sack Kartoffeln liefert, nach dem sich B seit Jahr und Tag verzehrt. Die Sehnsucht des A nach einem Stuhl muß B also in der Form eines prallen Kartoffelsacks entgegentreten, denn allein in dieser den Leib stärkenden Gestalt ist B dem A gern zu Willen. Die ausgesprochen merkwürdige Metamorphose von As Stuhlbedürfnis in die leibhaftige Kartoffelform ist für das Zustandekommen des Tausches unerläßlich und macht dessen wesentlichen Gehalt aus; das spezifische innere Motiv hingegen, das A dazu treibt, partout in den Besitz dieses Stuhles kommen zu wollen, ist für den Vollzug der Tauschbeziehung irrelevant. Es ist „bloß privat“ und fällt aus dem Tauschakt heraus. Das freie Willenssubjekt A hat seinen Beweggrund, das ist vorausgesetzt, aber in dieser Unbestimmtheit eben auch schon hinreichend. Die Natur seines Bedürfnisses tut nichts zur Sache und bleibt konsequent außen vor. Den Stuhlverkäufer B geht es gar nichts an, welches Schicksal den veräußerten Stuhl erwartet, ob A von fanatischer Sammelwut besessen ist, den Wunsch nach Bequemlichkeit verspürt, es ihm an Brennholz fehlt, er den geheimen Plan hegt, seine Ehefrau mit einem Stuhlbein zu erschlagen, oder ob A als Sexualfetischist eine ganz besondere, eher intime Beziehung zu Stühlen pflegt; vice versa gilt natürlich das gleiche. B‘s Kartoffelhunger interessiert als solcher A nicht die Bohne. Relevanz gewinnt die Sache für ihn lediglich deshalb, weil B‘s Appetit ihm ausgerechnet in der Gestalt eines tauschbaren Stuhls begegnet. Was B dann mit den glücklich eingeheimsten Kartoffeln beginnen mag, ist wiederum allein sein Bier.

Das Verhältnis, das unsere tauschenden Kartoffel- und Stuhlbesitzer nolens volens miteinander eingegangen sind, verleiht der bürgerlichen Ordnung insgesamt ihr merkwürdiges Gepräge. Die ganze Gesellschaft scheint aufgelöst in Warenmonaden, die, sobald sie den Lärm des Marktplatzes hinter sich lassen, weltvergessen allein um den eigenen Bauchnabel kreisen. So entschieden der Käufer beim Erwerb Preis und Qualität der Ware einklagt, so deutlich wird er sich jede Einmischung verbitten, wenn es um die Verwendung und den Sinn der erstandenen Güter geht. Weder bei seiner Kaufentscheidung noch im Umgang mit der erworbenen Ware hat ihm jemand reinzureden. Im Reich der Konsumtion lautet die Devise allemal „freie Fahrt für freie Bürger“, und Diskretion gehört nicht nur bei Beate Uhse und im Bankgeschäft zum guten Ton. Der Wirt, der dem Alkoholiker den nächsten Schnaps verweigert, versündigt sich nicht allein am eigenen Umsatz, er tritt auch noch das persönliche, von der Verfassung garantierte „persuit of happiness“ seines Gastes mit Füßen. Wer nicht ausfällig wird und anderen bei deren „freier Entfaltung ihrer Persönlichkeit“ lästig fällt, sondern nur still vor sich hinsäuft, hat das selbstverständliche Recht, nach Kräften seine Leberzirrhose zu fördern.“

Wer nun einwenden mag, das alles ließe sich gar nicht auf der Ebene der einfachen Wertform bestimmen, da Kapitalismus ohne Geld gar nicht denkbar sei, dem sei Fußnote 15 empfholen, im Text direkt nach dem oben zitierten ersten Absatz:

„Mit der Dazwischenkunft von Geld und Kapital kompliziert sich der skizzierte Zusammenhang, an der Grundlogik ändert sich aber nichts. Auch der Kapitalist D und der Arbeiter C affirmieren sich in ganz ähnlicher Weise wie der Kartoffelbesitzer A und der Stuhlbesitzer B als freie Warensubjekte, sobald sie in Beziehung zueinander treten: C will sich reproduzieren. Dieser Wunsch ist zunächst einmal sein reines Privatvergnügen. Er muß zwar nicht die obskure Form eines Stuhls oder von Kartoffeln, dafür die abstrakte Gestalt von Geld annehmen, um gesellschaftliche Relevanz zu erlangen. Zugang zu den Reproduktionsmitteln kann sich C nämlich dummerweise nur über diesen allgemeinen Mittler verschaffen. Zu Geld kann C: aber lediglich kommen wenn er erst einmal selber als Verkäufer auftritt und die einzige Ware feilbietet, die er besitzt, seine Arbeitskraft. D ist es vollkommen gleichgültig, ob C verhungert und auf der Straße liegt oder nicht. D steht nur für den Drang seines Kapitals, sich zu verwerten. Sehr zum Bedauern von D sind dazu aber Arbeitskräfte vonnöten, und so sieht er sich veranlaßt, auf C‘s freundliches Angebot zurückzukommen. C ist es nach wie vor im Grunde scheißegal, was mit dem Kapital von D geschieht er kennt D gar nicht und will ihn gar nicht näher kennenlernen. Dennoch begrüßt er ihn freudig als Käufer, schließt mit ihm seinen Kontrakt und akzeptiert damit stillschweigend dessen Verwertungsbedürfnis. Er tut das nicht aus Liebe und Sympathie für D, sondern um anschließend sein sauer verdientes Quantum Gesellschaftsding in Konsumgüter umzusetzen. Darum was und wie er konsumiert, darf D sich nicht kümmern. C verdingt sich als Arbeiter, damit diese Bestimmung an ihm erlösche, und er jenseits der „Arbeit“, im vorgesellschaftlichen Raum, nach seiner façon selig werde. Wenn wir die gleiche Beziehung aus der Perspektive von D betrachten, so dürfen wir natürlich die „produktive Konsumtion“ der Ware Arbeitskraft nicht mit unmittelbaren konsumtiven Akten verwechseln. Die “produktive Konsumtion“ fällt in die Sphäre der Mittel und ist dementsprechend “öffentlicher“ (u.a. heißt das auch rechtlicher) Regulation zugänglich. Als Konsument von Arbeitskraft ist der Kapitalist nicht einfach genießender Mensch, sondern die Inkarnation von Kapital. Aber auch er ist nicht nur selbstlose Akkumulationsmaschine, das Geldmachen macht nur bezogen auf irgendwelche von ihm selber imaginierten Zwecke Sinn. Die Verwertung ist gesellschaftlicher Selbstzweck; für ihren menschlicher Träger jedoch kann sie nur als Mittel erscheinen. Auch er bedarf von vornherein eines menschlichen allzumenschlichen Bezugspunkts, wie nebulös der auch immer ausfallen mag, um in der Welt der Mittel überhaupt funktionieren zu können.“


1 Antwort auf “Bürgerliche Kälte am Beispiel von Stuhl und Kartoffel”


  1. 1 Apologetische Flausen 04. März 2010 um 15:28 Uhr

    Schoen zu lesen, dass die Kartoffel endlich mal als bedeutendes Element marxscher Theoriebildung hervorgehoben wird!

    Immerhin, nach Friedrich Engels ist sie in der Kulturgeschichte des Menschen „der letzte und wichtigste aller Rohstoffe, der eine geschichtlich umwälzende Rolle spielte“ (Ursprung der Familie)! Auch Marx ist sich sich dessen durchaus bewusst, indem er sie fortwährend als Beispiel in seinem Werk verwendet, um uns beispielsweise zu erklären…

    Wie die Entstehung französische Nation zu verstehen ist:
    „So wird die große Masse der französischen Nation gebildet durch einfache Addition gleichnamiger Größen, wie etwa ein Sack von Kartoffeln einen Kartoffelsack bildet.“ (18. Brumaire)

    Wie sich Kapital zu Grundbesitz verhält:
    „Es drückt dies in der Tat nichts aus, als daß unter den gegebnen Verhältnissen das Eigentum an den Quadratfüßen Boden den Grundeigentümer befähigt, ein bestimmtes Quantum unbezahlter Arbeit abzufangen, die das in den Quadratfüßen wie ein Schwein in den Kartoffeln wühlende Kapital[..]realisiert hat.“ (Kapital, Band 2)

    Was der Angelpunkt der bürgerlichen Gesellschaft ist:
    „Warum aber sind Baumwolle, Kartoffeln und Branntwein die Angelpunkte der bürgerlichen Gesellschaft? Weil zu ihrer Herstellung am wenigsten Arbeit erforderlich ist und sie infolgedessen am niedrigsten im Preise stehen.“ (Elend der Philosophie)

    und nicht zuletzt, warum Proudhon das alles nicht verstanden hat:
    „Behaupten wollen, daß, weil die wenigst teuren Dinge mehr im Gebrauch sind, sie deshalb von größerem Nutzen sein müssen, heißt behaupten, daß der infolge der geringen Produktionskosten desselben so verbreitete Gebrauch des Branntweins der zwingendste Beweis seiner Nützlichkeit ist; heißt, dem Proletarier vorreden, daß die Kartoffel ihm heilsamer ist als das Fleisch; heißt, den gegenwärtigen Stand der Dinge akzeptieren; heißt endlich, mit Herrn Proudhon eine Gesellschaft verherrlichen, ohne sie zu verstehen.“ (ebd.)

    War schon ein schlaues Kerlchen, der Herr Kar(toffe)l Marx! ;)

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