Zocken und Feiern

Zur Stereotypie der Griechenland-Debatte

Die Krise geht weiter. Nachdem zunächst nur Banken vor der Insolvenz gerettet werden mussten, sind es nun ganze Staaten. Griechenland macht hierbei im Euroland den Vorreiter. Dass nicht zuletzt die deutsche Währungs,- Finanz- und Wirtschaftspolitik für das Schlamassel der Griechen verantwortlich zeichnet, spielt dabei in der öffentlichen Debatte keine sonderlich große Rolle. Stattdessen gibt es Schuldzuschreibungen der unterschiedlichsten Art.

Auf der einen Seite geht das Geschimpfe auf Banker und Zocker wieder los. Diese würden mit ihrem raffgierigen Tun unsere liebgewonnene Scholle in Gefahr bringen. BILD spricht gar von einem „Angriffskrieg der Spekulanten auf die Euro-Zone“.

Der Spezialdemokrat und ehemalige Umweltminister Siegmar Gabriel ist unter die Naturforscher gegangen, will eine „Heuschreckenplage“ gesichtet haben und betont: „Deutschland darf nicht für die Zocker bluten!“ Da ist sie wieder, die heißgeliebte Heuschreckenmetapher, bekannt aus dem NS-Propagandafilm „Jud Süß“. Dass dem schwerarbeitenden Deutschen das arische Blut aus dem Leib gesaugt wird ist ein Stereotyp, mit dem der gemeine Antisemit schon immer gerne um sich warf.

Und dann sind da die „Pleite-Griechen“, die, wenn wir der BILD-Zeitung glauben wollen, lieber die ganze Nacht feiern, anstatt wie die Deutschen früh zu Bett zu gehen und tagein, tagaus fleißig zu schaffen. Während die Deutschen als gutes Gewissen der EU immer schön brav ihre Euro-Scheinchen in das Sparschwein werfen, so konnten wir dann unlängst im Stern lesen, vergnüge sich der Grieche nach Herzenslust und zertrümmert unbekümmert das Schwein, unterstützt noch von diesem anderen Fieslingen, „den Brüsselern“. Die Deutschen, über Nacht spontan zu Vegetarier*Innen mutiert, finden das entsetzlich und schimpfen, was das Zeug hält.

Allen allen Ecken feiert dabei die Ideologie vom Deutschen, der im Schweiße seines Angesichts schuftet und nie im Leben auf die Idee käme, mal ordentlich die Sau rauszulassen, fröhliche Urständ. Das sie sich je nach Umstand mal auf „die Griechen“ und mal auf „die Zocker“ fixieren kann, also zwischen kulturalistischem Rassismus und postmodernem Antisemitismus hin- und herspringt, spricht Bände. Im neoliberalen Zurichtungsregime haben sich nun sogar die Ideologien flexibilisiert.