Ausschluss vom Universalismus

Der universalistische Anspruch der kapitalistischen Moderne ist nicht zu denken ohne einen ebenso umfassenden Ausschluss. Auch wenn der Drang des Kapitals, sich die gesamte Welt Untertan zu machen, kaum zu übersehen ist; und auch wenn der Anspruch moderner Rechtsstaatlichkeit und Moral auf die Totalität menschlicher Vergesellschaftung bezieht, so gibt es doch immer auch das „Andere“, das aus der Norm ausgeschlossene. Moderne Ökonomie, Rechtsstaatlichkeit und Moral erweisen sich so als zutiefst repressive Phänome, wie Robert Kurz am Beispiel des Rechts illustriert hat:

„Das Versprechen des Rechts-Universalismus ist ein mörderisches: Es ist das Versprechen, die Menschen „gleich“ zu machen und sie „anzuerkennen“ als Angleichung an die Wertform, und nach Prokrustes-Manier alles an ihnen abzuschneiden, was nicht in diese Form passt. ( … )
Die auf den Zustand der Wertsubjektivät reduzierte Anerkennung des Menschen ist daher identisch mit seiner grundsätzlichen Nichtanerkennung als ein darin nicht aufgehendes und darüber hinaus bedürftiges, sinnliches und soziales Wesen. Der universelle Einschluss ist gleichzeitig ein universeller Ausschluss. ( … ) Das Anerkennungsverfahren des westlichen abstrakten Universalismus ist so notwendigerweise ein Selektions- und Eliminationsverfahren, was nicht zufällig an das ebenso bürokratische wie barbarische „Anerkennungsverfahren“ für Asylbewerber erinnert, von denen bekanntlich die meisten abgelehnt werden. ( … ) Als der Wert- und Geldform vorgängiges sinnliches und soziales Wesen ist der Mensch vom Wert- und Rechtsuniversalismus noch keineswegs per se anerkannt, sondern erst einmal ein Stück Natur, ein Stück Fleisch.“ (Robert Kurz: Negative Ontologie. In: Krisis 26, S. 21f.)

Dieser Gedanke erfährt durch die 8. Folge der von Wilhelm Heitmeyer herausgegebenen Langzeitstudie zu „Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit“, die unter dem Titel „Deutsche Zustände“ im Suhrkamp-Verlag publiziert wird, in Bezug auf die moralische Bewertung von Menschengruppen in gewisser Weise eine empirische Fundierung. Claudia Dalbert, Andreas Zick und Daniela Kruse untersuchen im Rahmen dieser Studie die Wirkung des Glaubens an eine gerechte Welt auf die kollektive Abwertung von Menschengruppen. Ihre Hypothese lautet dabei wie folgt:

„Menschen haben das Bedürfnis, an eine gerechte Welt zu glauben, weil ihnen so die Welt als stabil und geordnet erscheint, und dies erfüllt viele nützliche Funktionen. Daher sind sie geneigt, diesen Glauben zu verteidigen, wenn er bedroht wird. Gerade in Zeiten wirtschaftlicher Krisen können solche kognitiven Schemata bedroht sein, so daß Menschen in der Folge größere Anstrengung unternehmen, um ihren Glauben an eine gerechte Welt aufrechtzuerhalten bzw. zu verteidigen. Dazu kann auch die Rechtfertigung sozialer Ungleichheit und Differenz gehören, wie sie Minderheiten erleben, gegen die sich Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit richtet.“(Dalbert/Zick/Kruse: Die Leute bekommen, was ihnen zusteht. Der Glaube an eine gerechte Welt und die Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. In: Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.:) Deutsche Zustände. Folge 8, S. 87)

Die Autor*Innen unterscheiden zunächst zwischen einem Allgemeinen Gerechte-Welt-Glaube und einem Persönlichen Gerechte-Welt-Glaube. Im ersteren Fall geht es um die Frage, ob die Welt im allgemeinen gerecht eingerichtet sei und die Leute bekommen was ihnen zusteht. Im zweiten Fall um die Frage, ob das auch für einen persönlich gilt. Und obwohl die Ablehnung im ersten Fall sehr hoch ist (je nach Frage stimmen zwischen 75 und 92% der Befragten dieser Auffassung überhaupt nicht oder eher nicht zu), liegen die Zustimmungsgrade im zweiten Fall überraschend hoch (je nach Frage stimmen zwischen 75 und 80% eher oder voll und ganz zu. Es gibt also einen erheblichen Anteil unter den Befragten, die zwar die allgemeine Situation als ungerecht einschätzen, selber jedoch davon ausgehen, gut wegzukommen und nicht persönlich von Ungerechtigkeit betroffen zu sein. Bereits dieser Zusammenhang verweist auf eine veritable Verdrängungsleistung.

Im Folgenden wurde dann überprüft, inweiweit der Allgemeine Gerechte Welt Glaube (AGWG) mit der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit (GMF) zusammenhängt. Ein positiver Zusammenhang konnte dabei zwar nicht in allen, aber doch in einer Vielzahl von Fällen gefunden werden:

„Insgesamt bestätigte sich unsere Hypothese, nach der der AGWG positiv mit einer Abwertung der zehn im Rahmen des GMF-Syndorms erfaßten Gruppen korreliert ist: Wir konnten positive Zusammenhänge mit der Zustimmung zu rassistischen frauenfeindlichen, antisemitischen Aussagen sowie zur Abwertung obdachloser, homosexueller, langzeitarbeitsloser und behinderter Menschen feststellen. Lediglich im Hinblick auf die Aspekte Fremdenfeindlichkeit, Islamophobie, sowie die Vorurteile gegenüber Neuhinzugekommenen, also die Reklamierung von Etabliertenvorrechten, waren die Zusammenhänge nicht signifikant.“(Dalbert/Zick/Kruse: Die Leute bekommen, was ihnen zusteht. Der Glaube an eine gerechte Welt und die Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. In: Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.:) Deutsche Zustände. Folge 8, S. 97f.)

Der Glaube an eine insgesamt gerechte Welt kann also allem Anschein nach nicht zuletzt auch dadurch aufrechterhalten werden, dass bestimmte Menschengruppen aus dem Universalismus der Gerechtigkeit ausgeschlossen werden. Wer selber Schuld ist am eigenen Schicksal, dessen miese Lebenslage kann dann auch nicht länger gegen den Universalismus verstoßen. Wie genau hier die Vermittlung kapitalistischer Wertvorstellungen mit den Kategorien menschlicher Praxis im Kapitalismus (Ware-Arbeit-Geld-Kapital etc.) dann aber aussieht, wäre an anderer Stelle noch mal genauer zu durchleuchten.