Unter Niveau

Karl Marx und Friedrich Engels beschrieben den Kommunismus einst als ein Gespenst, das umher ginge und den Herrschenden das Fürchten lehre. Heute gibt es diesbezüglich nicht mehr viel zu fürchten, jedwede auf Emanzipation ausgerichtete soziale Opposition scheint bereits in die Totenstarre gefallen zu sein. Das allerdings hindert die eine oder andere Paranoikerin nicht daran, ihre unübersehbare gesellschaftliche Hegemonie gleich auf über 300 Seiten auszubreiten. Einer von ihnen ist Jan Fleischhauer, der seinen stillen Abschied aus der Linken, der er gefühlt wohl einmal angehört haben will, in seinem Spiegel-Bestseller Unter Linken. Von einem, der aus versehen konservativ wurde zum Besten gibt. Das die Linke gesellschaftlich hegemonial ist, gilt ihm als unübersehbar. Vielleicht sei nicht die Mehrheit der Bevölkerung links, aber doch der ganz überwiegende Teil derer, die darüber befinden, „wie die Dinge zu sehen und zu bewerten sind“:

„Gehen sie in irgendein Schauspielhaus, in ein Museum oder ein Freiluftkonzert: Sie werden schnell feststellen, dass Ideen, die außerhalb der linken Vorstellungswelt siedeln, dort nichts verloren haben. Ein zeitgenössisches Theaterstück, das nicht kritisch mit der Marktwirtschaft abrechnet? Undenkbar. Ein Künstler, dem bis zur Abwahl von George W. Bush zu Amerika auf Anhieb mehr als Guantánamo, Abu Ghraib und die fehlende Unterschrift unter dem Kyoto-Protokoll einfiel? Indiskutabel. Rock gegen Links? Ein Scherz“ (14)

Ausnahmen von dieser allumfassenden Hegemonie gibt es – glauben wir Fleischhauer – so gut wie keine. Und wenn, dann fallen sie nicht weiter ins Gewicht:

„Sich, unterwegs haben sie (die Linken, EoB) ein paar Niederlagen einstecken müssen. Sie haben den Kampf gegen das Kabelfernsehen verloren, und sie haben auch die Wiedervereinigung nicht verhindern können, aber all da schrumpft im Rückblick zu Nebensächlichkeiten.“ (15)

Den stetigen Abbau der Sozialleistungen, die Aushöhlung des Datenschutzes und der persönlichen Freiheit, die weltweiten Kriegseinsätze der Bundeswehr, die faktische Abschaffung des Grundrechts auf Asyl und den Aufbau der Festung Europa hat es in dieser Sichtweise nicht gegeben. Vermutlich sind diese Dinge für Fleischauer auch einfach nicht wichtig genug – während das Kabelfernsehen und die Wiedervereinigung zu den großen Errungenschaften der Zivilisation gehören. Was bleibt ist die lustige Behauptung, die gesellschaftliche Hegemonie würde sich darin ausdrücken, dass es so wenig Rock-gegen-Antirassismus-Festivals gäbe.

Während sich der Autor also Seite um Seite ein veritables Wahngebilde aufbaut, will er selbiges dann allerdings beim politischen Gegner, der bösartig-verruchten Linken entdeckt haben. Nachdem er sich im ersten Kapitel als Opfer eben dieser linken Herrschaftsansprüche dargestellt hat, wird das Erfinden von Opfern nun zum spezifischen Herrschaftsinstrument der Linken. Die würden sich nämlich immer Gruppen vornehmen, die in irgend einer Weise schwach seien und würden diese Schwäche nun als Argument ausbauen, das diese Leute besonders förderungswürdig seien. In geradezu nietzscheanischer Manier verkündet Fleischhauer so die repressive Wirkung des Sozialsstaates, einfach die Leute nicht verhungern zu lassen und ihnen so die „Verlagerung von Schuldanteilen“ (28) zu ermöglichen und die Schuld einfach anderen zuzuschieben. Und so ging mit der Machtergreifung der Linken eine Ausweitung der Opferbezeichnungen einher:

„Heute ( … ) ist das Opfer in seinen vielen neuen Spielarten ein respektierter Vertreter unserer Zeit geworden. Es ist längst aus der geschützten Sphäre der Selbsthilfegruppen und Therapiekreise in die Alltagswelt hinausgetreten. Man begegnet ihm am Arbeitsplatz als Mobbingopfer oder Opfer sexistischer Beleidigung und Benachteiligung. In der Familie taucht es als Opfer der Doppelbelastung auf, als Leidtragende oder Leidtragender emotionaler Vernachlässigung und später dann, wenn alles auseinandergeflogen ist, als Scheidungsopfer. Es gibt das Stressopfer, das Opfer von Spiel- und Sexsucht, das Stalkingopfer und natürlich, ganz allgemein, das Opfer der Verhältnisse.“ (28f.)

Doch nicht nur die ekelhafte Attitüde, die die Betroffenen gesellschaftlicher Herrschaftsverhältnisse durch ihre verbale Anrede als Opfer ein zweites Mal objektiviert ist an dieser Darstellung unerträglich. Hinzukommt noch: Nicht das es Mobbing am Arbeitsplatz, sexistische Beleidigung und Benachteiligung gibt, das es für viele Frauen nach wie vor für die Familie zuständig sind, Kinder emotional vernachlässigt werden, der Stress am Arbeitsplatz oder der Ausschluss vom gesellschaftlichen Leben nicht selten zu diversen Suchterkrankungen führen ist das Problem. Das Problem ist die Benennung dieser Tatbestände, die dem Autor vor Augen führen, wie vorteilhaft doch seine eigene gesellschaftliche Situierung ist.

Es ist schwer, dem Autor nicht bösen Willen zu unterstellen, ist doch seine Verwunderung über die Ignoranz der Linken weitestgehend seinen eigenen Fehlschlüssen zuzurechnen. So jammert er zunächst über die Opferpolitik der Linken, die immer wieder neue Minderheiten ausgraben würden, die es zu schützen gelte, um sich dann darüber zu echauffieren, dass Erben, Jäger oder Investmentbanker scheinbar nicht zu den schützenswerten Minderheiten, sondern zu denen mit „Diskriminierungsgebot“ (37) gehören. Um mal deutlich auszusprechen, wie Minderheitenpolitik funktioniert, schickt er sich gleich darauf an, sie am Beispiel einer weiteren erfolgreichen Minderheitsbewegung, der „Emanzipation der Frauen“ (37) durchzudeklinieren. Das er sich dafür ausgerechnet eine Minderheit aussucht, die mit 52% der Bevölkerung deren Mehrheit stellt, spielt für ihn dann allerdings keine Rolle mehr. Er führt es später (42) sogar an und mutmaßt, Frauen seien zumindest „streng genommen“ keine Minderheit. Aber wer wird schon allzu streng sein wollen und sich um das Geschwätz von den letzten Seiten kümmern, wenn es darum geht, ein mächtiges Feindbild zu erlegen? Angesichts dieser argumentatorischen Unverfrorenheit verkommt es dann schon fast zur Randnotiz, dass Minderheitenschutz selbstverständlich nie ein selbsterklärtes Ziel der Linken gewesen ist. Das zeigt alleine schon die Geschichte der Arbeiter*Innen-Bewegung, in der ja gerade die Ausbeutung einer Mehrheit durch eine Minderheit beklagt wurde.

Das es bei dem ganzen Geschreibsel weniger auf reale Verhältnisse als vielmehr auf das Gefühl des Autors ankommt, die ganze Zeit unterdrückt zu werden, wird dann noch einmal deutlich wenn er beschreibt, wie im Elternhaus die „linke Sexpostille ‚Das Da‘“ durch die Emma ersetzt wurde. Erste habe ihm immer viel bessere gefallen, schreibt er mit zwinkerndem Auge, denn schließlich habe er dem Blatt „wertvolle Hinweise zur weiblichen Anatomie“ (42) zu verdanken. Dass das Blatt von Klaus Rainer Röhl, der mittlerweile von dem linken Meinungsmedium „Stern“ der sexuellen Übergriffigkeit kleinen Kindern gegenüber bezichtigt wurde, tut dem keinen Abbruch: hätte Fleischhauer bereits davon gewusst, er hätte das Argument einfach gegen die ja immerhin und angeblich „linke Sexpostille“ und damit gegen die Linke als Ganze gewendet. Billiger Populismus, wohin das Auge blickt. Ein weiterer und ganz ähnlichen Widerspruch dürfte dann wohl auch der Hinweis darauf darstellen, wie rechtsextreme Frauen (die damit wohl scheinbar auch zu dieser ominösen und alles umfassenden Linken gehören) sich auf Diskriminierungsparagraphen beziehen (52).

Das Motiv des eigenen Vor- oder Nachteils linker Praxis und Theorie wird dann wieder hervorgekramt, wenn es um die Nutzlosigkeit seines Studiums für die journalistische Praxis geht. Das er weitestgehend sinnfreien Derridadaismus studiert hat, mag sein Problem sein und bleiben. Aber aus der Ansage seines ersten Praktikums-Chefs, das Studium von Soziologie und Politik sei für den Beruf des Journalisten eher hinderlich als nützlich, nicht etwa eine Skepsis gegen den Medienbetrieb als solchen zu entwickeln, sondern vielmehr jedem Verständnis von Gesellschaft die Absage zu erteilen, kann nur leisten, wer die herrschenden Anforderungen bereits als rational und richtig anerkannt hat. Derrida hat dagegen aller Bemühung zum Trotze scheinbar nichts ausrichten können. Darum aber hast er die Uni das deutsche Bildungssystem: weil die Linke dort den klassischen Bildungskanon herausgestrichen hat und er deshalb schlechtere Chancen im Leben hatte als es der Fall gewesen wäre, hätte sie das nicht getan.

Ganz allgemein ist es der Blick des weißen, westlichen heterosexuellen Mannes (MWWH), der von Fleischhauer hier zum Ausgangspunkt jedweder unhinterfragten Normalität gemacht wird. Alles, was er nicht verstehen kann, wird so der Lächerlichkeit preisgegeben. Dazu zählen nicht nur die Kämpfe von Trans- und Intersexuellen um Anerkennung (51), sondern auch die Versuche etwa von Menschen mit körperlichen Behinderungen, ihr Leben anders denn als Abweichung von einer Norm zu definieren (52f.)

Kurzum: wer ein günstiges Mittel zur Steigerung des Blutdrucks sucht, dem sei dieses Buch wärmstens empfohlen. Die Medizin wirkt auch kurzfristig und hält in ihrer Wirkung auch nicht allzu lange an. Langfristiger Genuss ist allerdings nur besonders harten Gemütern zu empfehlen…


Jan Fleischhauer: Unter Linken. Von einem, der aus versehen konservativ wurde.
Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2010
ISBN 978-3-499-62478-0


4 Antworten auf “Unter Niveau”


  1. 1 earendil 18. August 2010 um 11:18 Uhr

    Der Typ schreibt sich aber Fleischhauer.

  2. 2 Juli 18. August 2010 um 11:31 Uhr

    … bei der strangen grafik auf der titelseite wird mensch da doch wohl noch mal durcheinander kommen dürfen ,-)

  3. 3 Ernst 18. August 2010 um 21:09 Uhr

    weißer westlicher heterosexueller Mann = MMHW?

  4. 4 Tomas Andersson 16. Oktober 2010 um 14:54 Uhr

    10) Du hast doch echt kein Plan, von dem was du da sagst.

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