Moderne Einfalt

Rhizom hat vor kurzem auf ein neues Buch von Olivier Roy verwiesen, in dem über den Wandel der Religionen zum Religionismus (Ernst Lohoff) verwiesen. Darin finden sich einige sehr lesenswerte Passagen, die seine bisherigen Thesen über die Modernität „islamischer Geschlechterverhältnisse“ durchaus erhärten:

Im November 2007 berichtete die marokkanische Presse über ein Video im Internet, das angeblich eine ‚homosexuelle Eheschließung‘ in der Stadt Ksar el-Kebir zeigte: Inmitten der Gäste tanzte ein mann in Frauenkleidung. Der Skandal war enorm. Tatsächlich handelte es sich bei der Szene höchstwahrscheinlich um einen Exorzismus nach traditionellem Ritus, begangen zum Fest des lokalen ‚Heiligen‘ Sidi Madloume. Man blieb somit im noch akzeptablen Rahmen einer Tradition, die sich als religiös verstand, vielleicht auch verbunden mit der gnawi-Musik, die lange Zeit von den Nachfahren schwarzer ‚guineischer‘ Sklaven gespielt wurde, die sich in Marokko angesiedelt hatten. Aber auf einmal verursachte das, was lange zwear als marginal galt, aber akzeptiert war, einen Skandal und wurde nicht mehr als ein Ausdruck der Volkskultur am Rand verstanden. Rand muss hier in mehrfacher Hinsicht gedeutet werden: als Rand der Gesellschaft, verbunden mit Ganoven und sozial Deklassierten; als Rand im psychiatrischen Sinn, verbunden mit Heilung; und als Rand im religiösen Sinn, da zu einem ‚Heiligenkult‘ gehörig, den der vorherrschende Salafismus ablehnt. Zunächst fiel die Marginalität, die Verortung als Abweichung von einem bestimmten Setting weg, weil die von einem Teilnehmer gefilmte Szene sofort auf You Tube gezeigt und allgemein verbreitet wurde: Durch die technischen Möglichkeiten wurde das Ereignis aus dem Kontext herausgelöst und globalisiert. Dann wurde es nach expliziten Normen gedeutet, in diesem Fall waren es neofundamentalistische und westliche: Es ging um die Verurteilung von Homosexualität, aber um Homosexualität, so wie sie im Westen definiert wird, nämlich nicht auf das Handeln der Beteiligten bezogen, sondern auf deren Wesen. Das Thema Legalisierung der ‚Schwulenehe‘ bewegt in der Tat seit einiger Zeit die westlichen Länder und die Wähler dort. Aber es wird darüber hinaus in der ganzen Welt als ein universelles Paradigma verbreitet, losgelöst von jedem religiösen, kulturellen oder auch nur rechtlichen Kontext. (Olivier Roy: Heilige Einfalt. Über die politischen Gefahren entwurzelter Religionen. München:Siedler 2010, Seite 165)

Die Differenz, die Roy als die von Homosexualität, die auf das Handeln bezogen wird und Homosexualität, die auf einen Wesenszug des Menschen bezogen wird, ist eine ums Ganze. Es ist die Differenz, die Georg Klauda als die zwischen Homosexualität als Identität und gleichgeschlechtlicher Liebe als Praxis beschrieben hat. Zurecht verweist er darauf, das die feste Zuschreibung von sexuellen und geschlechtlichen Identitäten eine vergleichsweise neue Idee ist. So schreibt er ganz allgemein über Maskulinität:

„Denn in gewisser Weise setzt sie (die Maskulinität) voraus, dass Geschlecht nicht mehr einen fixen sozialen Stand, sondern eine individuelle Identität markiert, die durch kleinste Gesten und Verhaltensweisen Tag für Tag neu hergestellt werden muss. Geschlechterhistoriker sind nicht selten überrascht, wie leicht es Männern, aber vor allem Frauen noch in der frühen Neuzeit möglich war, durch einen Kleidungs- und Ortswechsel in den Stand des anderen Geschlechts zu schlüpfen – und wie viele Jahre dieses ‚Passing‘ selbst im Rahmen einer Ehe unentdeckt bleiben oder stillschweigend akzeptiert werden konnte. ( … ) Ähnlich fällt es auch dem Betrachter alter Zeichnungen aus China, Persien oder dem Osmanischen Reich oft schwer, zwischen der künstlerischen Darstellung von Frauen und der von jungen Männern zu unterscheiden.
Gewiss waren diese Gesellschaften eindeutig patriarchal verfasst. Aber die hierarchisierenden Geschlechterlinien wurden eher institutionell als performativ gezogen und waren vermutlich durchlässiger, als sie es heute( … ) sind. (Georg Klauda: Die Vertreibung aus dem Serail. Europa und die Heteronormalisierung der islamischen Welt. Hamburg:Männerschwarm. 2008, Seite 117)

Mit dieser identitären Geschlechtszuschreibung geht auch die Zuschreibung sexueller Identitäten einher, in denen über Zuschreibungen wie aktiv/passiv fixe Identitäten konstruiert werden und gleichgeschlechtlicher Sex nicht einfach passiert, sondern Menschen homosexuell macht. Nun können die so sortierten Menschen zwar um „Gleichberechtigung“ kämpfen, müssen dafür aber die marginalisierende Schublade erst einmal akzeptieren. Schön ist das nicht…


8 Antworten auf “Moderne Einfalt”


  1. 1 Westler 11. September 2010 um 21:35 Uhr

    Ich finde gut, was bisher im Westen erreicht worden ist. Auch und gerade für die Frauen. Sicherlich muss noch viel geschehen,keine Frage. Aber: Ich kann heute offen mit meinem Freund zusammenleben, darf ihn zwar hier in der BRD noch nicht offiziell ehelichen, aber was nicht ist, kann ja – so wie schon in 10 anderen nicht-islamischen Staaten dieer Welt – noch werden … :-) So‘n verklemmter Umgang mit Homosexualität wie etwa noch zu Kaiser’s Zeiten: offiziell heterosexuell verheiratet sein und dann als verheirateter (älterer und „aktiver“) Mann verschwiegen-situative Sex-Kontakte mit („passiven“) „Jünglingen“ oder „Knaben“ haben – nö, das muss nicht sein! Mein Freund und ich sind ungefähr gleichaltrig, beide in den Dreißigern, haben beide Schnäuzer und wir stehen definitiv nicht auf „Jünglinge“. Und selbst sind wir auch kein bisschen knabenhaft!

  2. 2 rhizom 11. September 2010 um 22:30 Uhr

    Du hast ja lustig stereotype Vorstellungen von der „islamischen Welt“, aber fast noch lustigere von den heteronormativen Verhältnissen im Westen.

  3. 3 Religionskritiker 12. September 2010 um 18:25 Uhr

    Na ja – allzu lustige Vorstellungen von der „islamischen Welt“ sind in der Tat nicht zu empfehlen. Bekanntlich kann in puncto allerlei „islamische Strömungen“ ganz schnell und konsequent „Schluss mit lustig“ sein. Humor gehört wahrscheinlich auch bei Islamophilen nicht zu den zu preisenden „Schönheiten des Islam“.

    Und was die homoerotische Offenheit in Afghanistan angeht, so geht es dort in der Tat anders als im so abgrundtief bösen Westen zu, wo gleichgeschlechtliche Paare sich (idealiter) auf Augenhöhe begegnen. „Batscher Batschi“ werden die kleinen Tanzjungen genannt, die noch bevor ihnen der erste Bartwuchs sprießt älteren afghanischen Männern als Sex-Sklaven dienen müssen.

    http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2010/0401/meinung/0045/index.html

    Sicher: Wer wie Rhizom in seinem Blog Seiten verlinkt, die Pädophilie propagieren und früher für die inzwischen eingestellte Zeitschrift „Gigi“ tätig war, die sich unter Pädophilie-Propagandisten größter Beliebtheit erfreute

    http://k13-online.krumme13.org/links.php?s=info&id=272

    , der wird mit solcherlei „Knabenliebe“-Praktiken kein Problem haben. Glücklicherweise hat es innerhalb der Gesamtlinken (auch und gerade aufgrund von feministischen Interventionen) nach einiger Debatte aber längst eine gründliche Abkehr von Pädophilie-Prapagandisten und ihren Zuarbeitern gegeben.

    Niemand wird bestreiten, dass die Verhältnisse „im Westen“ nach wie vor heteronormativ sind (es gibt ja auch sonst „am Westen“, ergo an der dortigen Kapitalismusvariante, wahrlich genug zu kritisieren). Und es ist auch klar, dass im LGBT-Bereich noch nicht alle innerhalb des Kapitalismus erkämpfbaren Bürgerrechte durchgesetzt sind. Aber: An dem Problem beispielsweise der Schwulenfeindlichkeit, die gerade bei islam-religiösen Jugendlichen bis hin zur offenen Gewaltbereitschaft zunimmt (vgl. etwa die sog. „Simon-Studie“), wird ja durchaus gearbeitet. In den Niederlanden etwa werden (unter einer konservativen Regierung) gerade in sämtlichen Unterrichtsfächern Schulbücher eingeführt, in denen (z. B. bei Mathe-Aufgaben) auch gleichgeschlechtliche Paare vorkommen. Ein wichtiger Beitrag zur Entkrampfung des jugendlichen Umgangs mit der „westlichen Realität“, dass „im Westen“ eben nicht nur „homosexuelles Verhalten“, sondern auch sozial sichtbare LGBT-Paare gibt. Den Jugendlichen wiederum scheint gleichgeschlechtliches Agieren auch heutzutage nicht so fremd zu sein, wie von Rhizom nahegelegt. In der Wikipedia erfährt man unter dem Lemma „Homosexualität“:

    „So gab in einer Studie zur Jugendsexualität, die 1970 vom Hamburger Institut für Sexualforschung durchgeführt wurde, beinahe jeder fünfte der befragten 16- und 17-jährigen Jungen an, gleichgeschlechtliche sexuelle Erfahrungen gemacht zu haben. Zwanzig Jahre später waren es dagegen nur noch zwei Prozent, wohingegen eine repräsentative BRAVO-Umfrage aus Heft 14/97, ergeben hat, dass 25 Prozent aller Jungen zwischen 14 und 17 gleichgeschlechtliche Erfahrungen gemacht haben.“

  4. 4 rhizom 22. September 2010 um 14:00 Uhr

    Also, erstens, lieber „Religionskritiker“, war ich für die „Gigi“ von 1998 bis 1999 tätig. Und aus dieser Zeit wirst du keinen einzigen Artikel finden, der sich mit Pädophilie beschäftigt. Die Einführung des Themas war einer der Gründe, warum wir die Redaktion verlassen haben.

    Zweitens hab ich nicht umsonst auf eine Story verlinkt, in der es darum geht, dass amerikanische Soldaten sich über die Anmache durch afghanische Männer beklagen, um eure Stereotypen ad absurdum zu führen. Das hast du in deinem Eifer noch nicht mal mitbekommen, du alter Denunziant! Oder sind Angehörige der US-Armee jetzt ebenfalls „Knaben“, mit denen sich aus Altersgründen jede sexuelle Kontaktanbahnung verbietet?

    Vormoderne Gesellschaften sind, ganz klar, durch markante Altersunterschiede in sexuellen Beziehungen geprägt, aber das gilt nicht nur für gleichgeschlechtliche, sondern auch für „heterosexuelle“ Beziehungen: Die Frauen, die in die Ehe gingen, waren in traditionellen Ehen fast immer minderjährig, in Europa übrigens nicht anders als in der islamischen Welt. Aber solche Altersunterschiede gleichen sich mit der allgemeinen Durchsetzung von Vorstellungen gleichberechtigter Partnerschaft zunehmend an. Und auch das gilt für „hetero-“ wie für „homosexuelle“ Beziehungen; nur dass du das – ich komme nicht umhin, hier ein gerüttelt Maß an Homophobie zu entdecken – bei gleichgeschlechtlichen Beziehungen nicht zur Kenntnis nimmst, selbst wenn ich dir die entsprechenden Belege unter die Nase reibe.

    Nochmal: sind die „ungewöhnlichen Zuneigungen“ afghanischer Männer zu britischen und amerikanischen Soldaten „pädophil“? Klär mich auf, Hase!

    Drittens: die Simon-Studie sagt überhaupt nichts über Gewaltbereitschaft aus. Und ich wüsste auch nicht, was das mit dem Thema Afghanistan zu tun hat. Egal, auf dieses Thema lass ich mich jetzt nicht ein, nur weil du alles durcheinanderwirfst, bloß weil es in dein primitives Feindbild „Islam“ passt.

    Viertens: Die BRAVO-Umfrage kenn ich nicht, werde mich damit gern mal beschäftigen, wenn du mir eine Quelle lieferst. Nur gibt es regelmäßige und in kurzen Jahresabständen durchgeführte Studien der „Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung“ (BzgA), die diesen Befund eindeutig widerlegen und die Studie des „Hamburger Instituts für Sexualforschung“ mit ganz ähnlich gelagerten Daten unterstützen. Ich hab das u.a. im oben zitierten letzten Kapitel meines Buches dargelegt. Daher stellt sich die Frage, welches Meinungsforschungsinstitut mit der Durchführung dieser angeblich repräsentativen BRAVO-Umfrage beauftragt wurde und in welcher wissenschaftlichen Zeitschrift die Ergebnisse veröffentlicht sind. Vielleicht kannst du wenigstens hier mal eine kosntruktive Rolle spielen und uns die entsprechenden Quellen nennen? Oder muss ich mir allen Ernstes diese dreizehn Jahre alte BRAVO besorgen?

  5. 5 rhizom 22. September 2010 um 15:09 Uhr

    PS: Ich habe jetzt begonnen, der BRAVO-Studie nachzugehen. Die Suche gestaltet sich leider nicht so einfach: Eine erste Anfrage im Berliner Bibliotheksverbund lieferte keine Treffer. Ich hab jetzt die BRAVO-Redaktion angeschrieben und hole mir noch heute bibliothekarischen Rat, wie man an dieses Heft herankommt. Da bin ich ja mal wirklich gespannt! :)

  6. 6 rhizom 22. September 2010 um 19:52 Uhr

    So, nach der Überprüfung des BRAVO-Artikels habe ich jetzt bei Wikipedia die Löschung der betreffenden Passage beantragt. Hier meine ausführliche Begründung mitsamt Fotos und Grau-Scans. Von einer empirischen Studie, gar einer repräsentativen Befragung ist in dem ganzen BRAVO-Artikel kein einziges Mal die Rede! Man sollte halt nicht alles glauben, was bei Wikipedia steht.

  7. 7 Juli 23. September 2010 um 12:20 Uhr

    Ah, ein weiterer Fall von Quellen-Erfindung….

  8. 8 Schwuler Guenter 11. Januar 2011 um 0:29 Uhr

    http://www.guardian.co.uk/education/2011/jan/04/straight-men-kissing-homophobia

    Obenstehend ein Link zu einem „Guardian“-Artikel. Es geht darum um eine Erhebung unter männlichen (und heterosexuellen) Universitätsstudenten in der britischen Stadt Bath. Von diesen wird berichtet: „more and more straight men locking lips in public“. Homophobie sei auf dem Rückzug – in jedem Fall bei den untersuchten Jungmännern, bei denen es sich sicherlich um eine recht kleine Gruppe handeln mag. Aber: Vielleicht haben wir es hier mit gesellschaftlichen Trendsettern zu tun, wer weiß?

    Bei (westlichen) Mädchen / Frauen ist es eh so, dass die „gleichgeschlechtliche Neugier“ (und Praxis) wohl eher im Anstieg begriffen scheint („I kissed a girl and I liked it“).

    Die Appeasementpolitik gegenüber dem politischen Islam und seinen vielerlei ach so famosen Strömungen, aber auch gegenüber einem sich breit machenden „Alltagsislam“, kann man sicherlich als einen weiteren Tiefpunkt in der an Tiefpunkten nicht gerade armen linken Geschichte ansehen.

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