Pragmatischer Absturz

Jugendstudien sind derzeit gerade im Trend. Nachdem bereits am 9. September die Rheingold Jugendstudie mit dem Titel „Die Absturz-Panik der Generation Biedermeier“ veröffentlicht wurde, haben am 14. September Klaus Hurrelmann, Mathias Albert & Co nachgezogen und die 16. Shell-Jugendstudie „Jugend 2010“ heute in Berlin vorgestellt. Beide Studien haben viel gemeinsam und werfen kein sonderlich hoffnungsvoll stimmendes Bild auf die heranwachsende Generation.

Vom Pragmatismus der Jugend …

Die Shell-Jugendstudie stützt sich auf eine repräsentativ zusammengesetzte Stichprobe von 2.604 Jugendlichen im Alter von 12 bis 25 Jahren, die sowohl aus den neuen als auch aus den alten Bundesländern stammen. Die Daten stammen dabei im wesentlichen aus standartisierten Fragebogen, die durch 20 zusätzliche, mittels explorativer Interviews erhobener, Fallstudien ergänzt wurden.

Die Studie bestätigt dabei im wesentlichen die Ergebnisse der vorhergehenden Studien. Das Leben der 12 bis 25-jährigen ist im wesentlichen geprägt durch den Wunsch von und das Streben nach sozialer Sicherheit. Auf diese Unsicherheit reagieren sie im wesentlichen mit liberal-konservativen Wertvorstellungen: sowohl Familie und Freundschaft stehen nach wie vor hoch im Kurs als auch ein ausgeprägter Leistungs- und Arbeitsethos. Sie schätzen ihre persönlichen Zukunftserwartungen durchaus positiv ein (59% blicken ihrer Zukunft zuversichtlich entgegen), zumindest solange sie nicht aus sozial benachteiligten Familien kommen – hier teilen lediglich 33% die optimistische Zukunftsprognose.

Der Wunsch nach Stabilität drückt sich dann auch in den politischen Prämissen aus. Gefragt danach, welchen gesellschaftlichen Institutionen sie vertrauen würden, gab es überdurchschnittlich hohe Bewertungen für Polizei, Gerichte, Bundeswehr sowie Menschenrechts- und Umweltschutzgruppen, niedrige Bewertungen hingegen für die Regierung, die Kirche, große Unternehmen und Parteien. Besonders gelitten hat dabei, was nicht besonders verwundern sollte, das Vertrauen in die Finanzwirtschaft.

Diejenigen Institutionen, die als neutral gelten und nicht im Ruf stehen, die partikularen Interessen Einzelner, sondern die allgemeinen Interessen der Gesellschaft zu bedienen, stehen somit hoch im Kurs. Sogar die Bundeswehr genießt bei einer Generation, die sich nach wie vor links von der Mitte verortet, überdurchschnittliches Vertrauen, während alle die Institutionen, die nach Streit und Konflikt klingen, unten durch sind. Auch wenn die Studie zum zweiten Mal in Folge einen Anstieg des politischen Interesses festgestellt hat, so sollte die keinesfalls dazu veranlassen, eine Ära sozialen Protestes heraufziehen zu sehen.

…. zum Absturz der Generation Biedermeier

Auch die Studie des Rheingold-Instituts für qualitative Markt- und Medienanalyse, durchgeführt im Rahmen von 100 zweistündigen tiefenpsychologischen Interviews mit jungen Erwachsenen im Alter von 18 bis 24 Jahren, setzt den Interpretationsrahmen ihrer Studie an den zunehmend unsicher und brüchig werdenden Lebensrealitäten an. Persönliche wie gesellschaftliche Krise stünden im Mittelpunkt des jugendlichen Lebensgefühls und führe zu einer „schwelenden Absturz-Panik angesichts heillos offener, brüchiger Verhältnisse“, die wiederum mit einer diffusen, aber nicht artikulierbaren Wut auf diese Verhältnisse einhergehe. Gerade weil das Schwinden gesellschaftlicher Kontinuität sowohl im Privaten als auch in der Öffentlichkeit den Hintergrund der Ohnmachtserfahrungen bildet, taugen private wie gesellschaftliche Handlungsträger nicht länger als adäquater Kristallisationspunkt für Protest. Angesichts dieser Situation verwundert es dann auch nicht, wenn laut Shell-Studie gerade die gesellschaftliche Zuverlässigkeit repräsentierenden Instanzen wie Polizeit und Justiz besonders hohe Wertschätzung erfahren.

Statt mit Protest reagiert die junge Generation im wesentlichen mit Anpassung: in Beziehungen werden konservative Werte vorgelebt, im schulischen wie im beruflichen Umfeld wird alles Handeln auf ein erfolgreiches Bewähren in der Konkurrenz ausgerichtet. Das Leben im Griff zu haben (oder zumindest die Illusion davon) gilt als non plus ultra und führt so zu einer Festigung gesellschaftlich vermittelter Selbstdisziplinierung und -kontrolle. Diese schlägt dann, gerne und oft am Wochenende, in exzessiv zelebrierte Besäufnisse um, in denen jedwede Hemmungen und Zurückhaltungen aufgegeben werden zugunsten eines vermeintlich authentischen Erlebens. Dieses Teilzeit-Ausklingen als andere Seite von Disziplin und Kontrolle deckt sich auch mit den Berichten vieler Interviewter von einer wilden Vergangenheit mit geradezu selbstzerstörerischem Lebensstil.

Allmacht und Ohnmacht, Selbstermächtigung und Selbstzerstörung gehen hier zwar durcheinander, die Tendenz zur autoritären Anpassung ist jedoch dominant. Familie, Treue, Ordnung und Disziplin sind die Leitlinien für eine Generation, die in einer Welt zurechtzukommen versucht, in der die Halbwertzeit von Beziehungen ebenso im tendenziellen Fall begriffen ist wie die Stabilität von Erwerbskarrieren.

Shell Deutschland Holding (Hrsg.): Jugend 2010. Eine pragmatische Generation behauptet sich. Frankfurt am Main:Fischer 2010

Kurzzusammenfassung der Rheingold-Studie
www.rheingold-online.de/grafik/veroeffentlichungen/Pressemitteillung%20Jugendstudie_2010-09_rheingold.pdf


1 Antwort auf “Pragmatischer Absturz”


  1. 1 sledder 03. Oktober 2010 um 14:27 Uhr

    FYI: Die FAZ sagt, Du schreibst wie Sigmund Freud:

    http://www.faz.net/f30/aktuell/WriteLike.aspx

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