Der Schnee ist der Wert

Draußen ist es weiß. Und kalt. Schuld daran sind Minustemperaturen und Schnee. Wenn ich gleich zur arbeit will, wird mein Bus vermutlich wieder verspätet ankommen. Wenn ich in ein paar Tagen verreisen möchte, kann ich mich darauf einstellen, das der Zug irgendwann kommen wird, aber bestimmt nicht dann, wann er kommen sollte. Das wiederum liegt, so nehmen wir zumindest gemeinhin an, ebenfalls an Minustemperaturen und Schnee. Dabei fällt unter den Tisch, das Öffentlicher Personenverkehr kein Naturphänomen, sondern eine gesellschaftliche Einrichtung ist. Und mithin davon abhängig ist, wie die Menschen ihre Gesellschaft eingerichtet haben.

Jeder Auto- und Radfahrer kennt das: Wer das billigste Modell kauft oder auf Wartung verzichtet, muss damit rechnen, dass er liegen bleibt. So ist es technisch kein Problem, winterfeste Züge zu bauen, wie sie in Skandinavien fahren. Aber sie sind teurer. „Pi mal Daumen kosten unsere Regionalzüge für Schweden 15 Prozent mehr“, sagt Heiner Spannuth, Sprecher des Schienenfahrzeugherstellers Bombardier. Die Züge hätten eine andere Isolierung, beheizbare Kupplungen und Fußbodenheizungen. „Wir können für jede Klimazone Züge bauen – auch für den Einsatz am Polarkreis.
Zuverlässigkeit kostet also – nicht nur bei Kälte, auch bei Hitze. So versagten im Sommer die Klimaanlagen in ICE ihren Dienst, weil sie für so hohe Temperaturen, wie sie im Juli in Deutschland auftraten, offensichtlich nicht ausgelegt waren. Hauptproblem der Bahn derzeit ist aber der Mangel an Zügen: Nach dem Bruch einer Radsatzwelle eines ICE im Juli 2008 in Köln muss ein Großteil der Flotte zehnmal häufiger zur Durchsicht. So fehlt schlicht die Reserve – im Winter, wenn Züge häufiger ausfallen, ein Problem. Jetzt soll langsameres Fahren gravierende Schäden durch herabfallende Eisklumpen vermeiden, die Schottersteine aufwirbeln könnten. Das aber bringt den Fahrplan durcheinander. Dieses Problem haben auch die Flughäfen. In den stark nachgefragten Zeiten morgens und abends gibt es kaum Luft in den Flugplänen, weil Fluggesellschaften und Airports am meisten verdienen, wenn die Maschinen lange in der Luft und nur kurz am Boden sind.

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Problematisch ist auch die Lage auf den Straßen. Bei den Räumdiensten geht langsam das Streusalz zur Neige, obwohl nach den Erfahrungen des vergangenen strengen Winters teilweise größere Bestände angelegt worden waren. Und wenn Lkws auf glatten Straßen zu schnell fahren oder waghalsige Überholmanöver machen, weil sie in Zeitdruck sind, können Unfälle rasch zu kilometerlangen Staus führen.

Letztlich bedeutet das: Mit einer konsequenten Vorbereitung, mehr Luft in den Fahrplänen und größeren Reserven ließen sich die Winterprobleme im Verkehrssektor besser meistern. Das aber kostet Geld – was Unternehmen, Steuerzahler und Verbraucher spüren würden.“ taz: Wer zu viel spart, bleibt liegen

Wenn also eine Gesellschaft so eingerichtet ist, das Dinge nur hergestellt und weitergegeben werden, wenn sich damit profitable Kauf- und Verkaufsakte erzielen lassen (sog. warenproduzierende Gesellschaften) und wenn die inneren Widersprüche dieser höchst seltsamen Gesellschaftsform diese dann in eine Krise treiben, dann werden Züge eben nicht so gebaut, wie das technisch möglich wäre. Dann wird gespart, wo es der städtische Haushalt verlangt und dann können Züge und Flugzeuge ihrer gesellschaftlichen Funktion (Warentransport zur Aufrechterhaltung der gesellschaftlichen Funktionsmechanismen) nicht länger erfüllen.

Das ist der positive Teil an der Sache. Denkt immer schön dran, wenn ihr an Gleis 9 3/4 steht und frierend auf den Expresszug wartet….


11 Antworten auf “Der Schnee ist der Wert”


  1. 1 hw 22. Dezember 2010 um 12:42 Uhr

    Ich bin jetzt schon ein paar mal gegen die Absperrung zwischen Gleis 9 und Gleis 10 gerannt. Da ist nix. :-)

  2. 2 Juli 22. Dezember 2010 um 18:18 Uhr

    Hm…. muss wohl ein Recherchefehler sein….

  3. 3 DZ 22. Dezember 2010 um 19:35 Uhr

    Wozu auch mehr Arbeit/Kosten für Dinge aufwenden, für die keine Notwendigkeit bestand (sibirienfeste Züge in Deutschland). Wer Züge kaufen kann, will sie auch fahren bzw. Geld verdienen lassen. Das war eher falsch geplant als die Schuld kapitalistischen Kostensparens.

  4. 4 Jeff 23. Dezember 2010 um 12:59 Uhr

    Wahre Aussagen. Die Probleme sind hausgemacht und wir wollen es zu oft einfach nicht einsehen weil es echte Konsequenzen nach sich ziehen müsste wenn man es ernst meinte.

  5. 5 weltgeist 23. Dezember 2010 um 22:52 Uhr

    der schnee ist der wert, aber der wert ist, wie wir alle bei roswita scholz schon nicht verstanden haben, auch der mann. ist nun aber der schnee deswegen der mann? oder ist der mann ein gesellschaftliches verhältnis zur erzeugung von mehr schnee? oder verschwindet der vermittler und das automatische subjekt wird zum schneemann? fragen über fragen, eingeschneite langeweile.

  6. 6 Stanislaw Hirschfeld 24. Dezember 2010 um 1:22 Uhr

    „Ihr alle“ (Rosi Spastomat) solltet den Weihnachtsbaum als Gelegenheit zum Aufhängen nehmen.

  7. 7 weltgeist 24. Dezember 2010 um 16:09 Uhr

    hirschfeld, hirschfeld. dass jemand, der sich nur an hinrichtungen noch aufrichten kann einen aufhänger braucht, kann ich mir kaum vorstellen. von einem x-beliebigen dahergelaufenen kritischen kritiker unterscheidet sich dein auftreten hier denn ja auch hauptsächlich dadurch, dass du beim heißluftabsondern auch noch nach pups riechst – aber mal im ernst: leute wie du werden nach der revolution nicht in gulags gesteckt, sondern damit bestraft, dass sie ihre löffelexistenz weiterführen sollen, bis sie an der trivialität ihrer „erkenntnisse“ ersticken. guten rutsch!

  8. 8 Stanislaw Hirschfeld 24. Dezember 2010 um 20:55 Uhr

    Danke, gleichfalls!

  9. 9 Juli 25. Dezember 2010 um 14:43 Uhr

    Was bitte ist ein Spastomat? Und was dann wiederum ein Rosi-Spastomat? Und, es klingt ja fast wie ne Beleidigung, was soll an Spastiken eigentlich beleidigenswert sein?

  10. 10 Juli 25. Dezember 2010 um 14:45 Uhr

    @DZ

    also dieser winter ist jetzt doch nicht ungewöhnlich kalt, oder? und trotzdem klappt das mit den zügen nicht. und der sommer war auch nicht ungewöhnlich warm. trotzdem haben die klima-anlagen versagt, weil es zu heiß war. es scheint also bedarf zu geben….

  11. 11 Stanislaw Hirschfeld 13. Januar 2011 um 16:05 Uhr

    Statt einer Erklärung gebe ich lieber eine Ortsangabe: Spastomat ist überall dort, wo Histomat und Diamat nicht sind und aus ärgerlichen und niederen Gründen dennoch eine Maske getragen wird, die den Träger als Marxist kennzeichnen soll.

    Wurde denn mein guter Rat befolgt, die Gelegenheit, den Weihnachtsbaum festlich zu schmücken, also zum Aufhängen von Ziergegenständen wahrzunehmen, damit einmal im Jahr wenigstens das Kritikergeplapper angenehmer Stille weicht?

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