Die Zukunft verbrennen

sechs thesen zur krise der warengesellschaft und ihrer energienutzung

1. wachstum ist der warengesellschaft inhärent

ohne wachstum geht nichts im kapitalismus. aus geld soll mehr geld werden. die steigerung des bruttosozialprodukts ist das heilige ziel jedweder wirtschaftspolitik, ganz gleich, ob sie postkeynesianisch oder neoliberal geheißen wird. die durch den vergleich verausgabter arbeitszeiten in gang gesetzte konkurrenz bringt es mit sich, das nur bestehen kann, wer den so hervorgebrachten standards entspricht. die handlungen, die den standard hervorbringen, werden so gleichsam von dem standard beherrscht. in diesem sinne ist der kapitalismus die herrschaft von menschen über menschen und in diesem sinne bringt er eine zwar von den menschen hervorgebrachte, sich ihnen gegenüber jedoch verselbständigende dynamik hervor. diese dynamik hat den gnadenlosen wachstumszwang warenproduzierender ökonomien zur folge.

2. wachstum ist logisch auf wachsenden ressourcenverbrauch angewiesen

viel ist die rede von qualitativem wachstum. wachstum und ressourcenverbrauch sollen entkoppelt, ökonomie und ökologie endlich versöhnt werden. dahinter steckt viel propaganda, aber wenig substanz. aller rede von der dienstleistungsgesellschaft zum trotz, sind die ganz großen der globalisierten Weltökonomie zumeist in der öl-, auto- und luftfahrtindustrie daheim. hier gibt es sicherlich ein nicht unerhebliches einsparpotential, nur ist das durch ganz banale materielle fakten begrenzt: ich kann zwar autos mit weniger material und einem geringeren maß an benötigter betriebsenergie bauen – aber es wird kein auto geben, das ohne material gebaut werden und ohne energie gefahren werden kann. dieser stofflichen begrenzung steht jedoch der unendliche wachstumsimperativ der kapitalistischen gesellschaft gegenüber. schritt für schritt frisst der kapitalismus die erde auf.

3. wachstum greift empirisch auf wachsenden ressourcenverbrauch zurück

der reale ressourcenverbrauch des kapitalismus ist stetig gestiegen. einsparungen, die von zeit zu zeit durch die medien geistern, gehen zumeist auf den zusammenbruch ganzer industriezweige zurück, so etwa im falle der ehemals realsozialistischen ökonomien. von solchen ausnahmen abgesehen geht es stetig nach oben. von 1990 bis 2004 ist in europa alleine der stromverbrauch für elektrogeräte um 50% angestiegen. auch wenn das einzelne gerät stromsparender produziert wird, die masse der produkte macht die einsparpotentiale wieder zunichte. dazu kommt der stromverbrauch für die zum betreiben der elektrogeräte notwendigen hardware, also etwa mobilfunkstationen. und auch wenn die automobilbranche seit mitte der 70er jahre wesentlich niedrigere wachstumsraten zu verzeichnen hat als in den wunderjahren des fordismus, so hat sich ihre zahl (im falle österreichs) seitdem verdreifacht. auch hier werden effizienzsteigerungen beim einzelnen produkt durch die Erhöhung der gesamtanzahl von produkten absorbiert. der ressourcenverbrauch der kapitalistischen ökonomie steigt – allen unkenrufen zum trotz.

4. die energie- und ressourcennutzung verbrennt nicht nur gegenwärtige ressourcen, sondern greift auf die zukunft zu

in dreierlei hinsicht vernutzt das kapitalistische wachstum die ressourcen der zukunft. zum einen ist mit der atomenergie das wesentliche problem der endlagerung verbunden. da es weltweit noch immer kein endlager gibt und auch derzeit kaum damit gerechnet werden kann, das plötzlich etwas adäquates auftaucht, wird sich in der zukunft die frage stellen, wo der ganze krempel bleiben soll. ganz ähnlich stellt sich die situation auch in bezug auf den klimawandel dar. hier scheint einiges darauf hinauszulaufen, das die ressourcenvernutzung von heute eine materielle einschränkung der nutzungsmöglichen von morgen mit sich bringt. wenn wir heute kohle verfeuern, die morgen die wüstenbildung vorantreibt, wird es übermorgen weniger anbauflächen für nachwachsende ressourcen geben. womit wir auch schon beim dritten punkt wären: schon heute wird deutlich, das ressourcen, die vergleichweise sinnfrei vom kapitalistischen verbrennungsmotor verheizt werden, morgen beim wandel hin zu einer emanzipierten gesellschaft fehlen – und damit die zukünftigen handlungsspielräume verkleinern.

5. der kapitalismus ist seit den 70er jahren gezwungen, immer absurdere phänomene hervorzubringen, zu seiner wertmäßigen und materiellen reproduktion die zukunft anzuzapfen

seit in den 70er jahren die kapitalistische akkumulationsdynamik in ihre große krise eingetreten ist, beruht jedwede krisenlösungslogik auf der logik des fiktiven kapitals: egal ob kredite, aktienkurse, staatsverschuldungen oder währendspekulationen – immer ist die ebenso zwar tatsächliche, nicht aber substantielle vermehrung von kapital die ursache für den vermeindlichen aufschwung. kapitalwachstum und wertverwertung treten auseinander. die neue epoche ist die des fiktiven kapitals. erst die verschähten finanzsektor erwirtschafteten gewinne sind es dann, die dem verwertungsprozess die wenigen impulse verschaffen konnten, die diesem gleichsam als projektionsfläche für eine ausweitung fiktiver kapitalbildung dienen. fiktive kapitalia jedoch bleiben kapitalia: sie sind auf die vernutzung gesellschaftlich durchschnittlich notwendiger arbeitszeit angewiesen – auch wenn diese in diesem fall erst in der zukunft stattfindet. es mag zufall sein, das gleichzeitig auch das materielle ressourcenmanagent in einen krisenprozess eingetreten ist, das es eine solche gibt, ist jedoch offensichtlich: die vernutzten flächen werden größer, die vorprodukte umfangreicher, die vernutzung der arbeitskraft erbarmungsloser – und gleichzeitig werden zentrale effekte dieses zugriffs auf materielle ressourcen in die zukunft aufgeschoben.

6. alles kommt schlimmer als wir uns vorstellen können

wir haben es hier auf mehreren ebenen mit einer qualitativ neuen situation zu tun. der zeitgenössische kapitalismus kann nicht länger ausschließlich als eine gesellschaftsform beschrieben werden, die in der zeit voranschreitet, die zeittakte gleichsam beschleunigt und vorantreibt. ihre dynamik hängt heute mehr denn je bereits an einem vorgriff auf die zukunft – auf zukünftige wertverwertung, auf zukünftiges ressourcenmanagement. in beiden fällen jedoch ist es mehr als unwahrscheinlich, das sie einmal möglich sein werden. das stellt hohe herausforderungen an emanzipatorische politische praxis, die auf dieses doppelte verbrennen der zukunft eine antwort finden muss.


4 Antworten auf “Die Zukunft verbrennen”


  1. 1 Rasmus 06. August 2011 um 20:43 Uhr

    Keine sechste These?

  2. 2 Juli 17. August 2011 um 10:17 Uhr

    Eifer und Gefecht…

  3. 3 DWR 10. Oktober 2011 um 23:54 Uhr

    Wachstum ist nicht nur die Folge der Konkurrenzdynamik, sondern auch eine Notwendigkeit zum Erhalt der freien Marktwirtschaft. Einmal weniger im Stil der Kritischen Theorie ausgedrückt heißt das: Produktivitätswachstum zeitigt eine Abnahme der Beschäftigung, welche wiederum durch ein entsprechend höheres Wachstum aufgefangen werden muss.
    Bsp.: Wenn 10 Arbeiter plötzlich 100 Einheiten statt, wie früher, 80 produzieren, kann man 2 entlassen, für die woanders eine neue Tätigkeit geschaffen werden muss.
    Wirtschaftswachstum zu erreichen ist also auch eine wirtschaftspolitische Maßnahme zum Erhalt einer ungefährdeten und ungefährlichen Lohnarbeitsgesellschaft.
    Das nur als Ergänzung.

  4. 4 Juli 03. Dezember 2011 um 1:09 Uhr

    das hätte ich jetzt als präzisiere darstellung von punkt eins verstanden – und ja, das ist sicherlich so.

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