Turboabi

Die taz gibt die Frage der Woche aus: „Schadet das Turbo-Abi den Kindern?“ fragt die Bild tageszeitung und bittet um reaktionen. Hier ist meine:

Bei der Frage, ob das Turbo-Abi den Kindern schadet, soll es sich um die „Frage der Woche“ handeln. Aber wer bitte soll sich darum streiten? SchülerInnen, die sich ihre Jugend freiwillig mit Bulimie-Lernen versauen, sind äußerst rar gesät. Und auch LehrerInnen, die Spaß dabei haben, Kindern Dinge beizubringen, die diese mangels Zeit ohnehin nicht verarbeiten können, haben offensichtlich ihren Job verfehlt.
Für das Turbo-Abi sind in aller Regel nur Leute, die nicht wissen, worum es geht. Es erscheint ihnen als kluger Schachzug, in Zeiten von Globalisierung und Wissensgesellschaft den Nachwuchs ein Jahr früher als bisher in die freie Wildbahn zu entlassen. Auch einige besonders emphatielose Eltern mögen das für einen Konkurrenzvorteil der eigenen Brut halten.
Wer hingegen die Augen aufmacht und sieht, wie sich die SchülerInnen hier schon in frühen Jahren aufreiben, mit Burn-Out und Depressionen schon vor dem Abitur gesegnet werden und für die Vielfalt außerschulischer Bildungsmöglichkeiten, vom Sportverein über den Musikunterricht bis hin zum Engagement in Jugendverbänden keine Zeit mehr haben – der kann nicht ernsthaft behaupten, an dieser Frage gäbe es substantiell etwas zu diskutieren.


4 Antworten auf “Turboabi”


  1. 1 rettich 18. August 2011 um 20:46 Uhr

    Man könnte im Gegenzug ja mal fragen, ob das normale Abi den Kindern nützt.

    Das normale Abi bedeutet genauso Selektion wie das Turbo-Abi. Gelernt wird nicht wegen Interesse an der Sache, sondern für die Note. Aufgabe der Lehrer ist es nicht, allen Schülern möglichst viel beizubringen, sondern unter den Schülern Unterschiede herzustellen, die sich daraus ergeben, dass für jede Unterrichtseinheit nur ein begrenztes Quantum Zeit zur Verfügung steht und nicht jeder gleich schnell lernt. Die passende Konsequenz der Schüler ist dann Gleichgültigkeit gegenüber dem Unterrichtsinhalt, der nur als Hürde, an der man sich zu bewähren hat, wahrgenommen wird.

    Über die, insbesondere in den Geistes- und Sozialwissenschaften – vermittelten Inhalte wäre ja auch noch einiges zu sagen. Wissen (im Sinne von zutreffenden Erkentnissen über die Welt) wird da jedenfalls nicht vermittelt. Die Frage nach der Stimmigkeit des zu lernenden Stoffs ist für einen ambitionierten Schüler ohnehin im besten Fall Luxus, im schlechtesten der Note abträglich.

    Wer bloß folgendes kritisiert

    Und auch LehrerInnen, die Spaß dabei haben, Kindern Dinge beizubringen, die diese mangels Zeit ohnehin nicht verarbeiten können, haben offensichtlich ihren Job verfehlt.

    hat den Zweck der Einrichtung „Schule“ wohl nicht nicht ganz begriffen.

  2. 2 Jürgen 19. August 2011 um 14:29 Uhr

    Da wird man kaum widersprechen können, ich könnt auch Geschichten beisteuern von tablettensüchtigen Teenagern und so, aber ist wohl nicht nötig. Allerdings gibt/gab es diese Probleme auch schon ohne Turbo-Abi, die natürlich mit der Schulzeitverkürzung noch schlimmer werden. Also aus meiner Sicht, rein theoretisch und so, „müßte man“ eher grundsätzlich was ändern an Schule, Wissensvermittlung usw., DANN wäre u.U. auch eine Verkürzung der Schulzeit ok.

  3. 3 Juli 12. September 2011 um 10:48 Uhr

    Hm, das ist ja alles nicht falsch, was ihr da schreibt. Nur bezieht es sich eben auf eine völlig andere Problemebene. Denn unabhängig von den vermittelten Inhalten macht es eben für die betroffenen Menschen einen ziemlichen unterschied, ob sie nach der Schule noch Zeit für FreundInnen, Sport, Kunst und Politik haben – oder eben nicht.

    Und auch für die politische Linke ist das eine nicht zu unterschätzendes Problemfeld. Wer mit Jugendlichen arbeitet wird feststellen, das die Bedingungen für kritisches Engagement nicht gerade besser geworden sind in den letzten Jahren.

    Darauf zielte der Beitrag als Antwort auf eine recht konkrete Frage ab. Grundsätzliche Schulkritik wäre sicherlich etwas anderes – aber war hier auch gar nicht intendiert…

  4. 4 Günter 17. November 2011 um 18:11 Uhr

    „“Wer hingegen die Augen aufmacht und sieht, wie sich die SchülerInnen hier schon in frühen Jahren aufreiben, mit Burn-Out und Depressionen schon vor dem Abitur gesegnet werden und für die Vielfalt außerschulischer Bildungsmöglichkeiten, vom Sportverein über den Musikunterricht bis hin zum Engagement in Jugendverbänden keine Zeit mehr haben – der kann nicht ernsthaft behaupten, an dieser Frage gäbe es substantiell etwas zu diskutieren.“"

    Wenn das so ist dann sind wir alle Mittäter wenn wir nicht einen lauten Aufschrei starten Jetzt !

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.