Archiv für November 2011

Gegengifte zur Zinskritik: Nadja Rakowitz und Brigitte Kratzwald.

Wert und Arbeit

Warum also ist es die Arbeit, die den Wert schaffen soll? Die hier verfochtene Antwort lautet: weil Wert keine Naturkonstante ist, sondern ein spezifisches gesellschaftliches Verhältnis ausdrückt.

Dieses gesellschaftliche Verhältnis ist die Folge der großen Transformation der traditionellen Sozialwesen in moderne Gesellschaften. Durch diese Veränderungen, die im wesentlichen mit der Entbettung der Individuen aus den traditionellen Sozialinstitutionen einhergehen, sind die Einzelnen nun als Einzelne ganz wortwörtlich auf sich selbst gestellt – und damit gegen alle anderen.

Zum eigenen Wohle, aber auch auf eigene Rechnung sind sie gezwungen, ihren Lebensunterhalt in Konkurrenz zu den Anderen zu verdienen. Als eine solche fernab aller Sozietät auf sich selbst zurückgeworfene Monade erhalten die Einzelnen ihr Leben dadurch, dass sie Dinge für andere tun: sie opfern ihre Zeit und produzieren Waren. Diese Arbeitsprodukte stellen sie dann – über den Markt – anderen zur Verfügung. Hier entscheidet sich, welche der vorab geleisteten Arbeiten gesellschaftliche Anerkennung erfahren und welche nicht.

Und weil es eben die Produkte ihrer Arbeit sind, für die die Menschen zuvor ihre Zeit verausgaben mussten, ist es eben auch die Arbeit – gemessen in der Zeit ihrer Verausgabung –, die hier den gesellschaftlichen Reichtum bildet. Nicht weil es in der Natur der Dinge läge, sondern weil die Menschen im Kapitalismus ein spezifisches gesellschaftliches Verhältnis eingehen, das sich dann im getrennten Tätigsein der abstrakten Individuen darstellt – die Arbeit. Dass auch Maschinen und Natur dazu beitragen, stofflichen Reichtum in die Welt zu setzen, soll hier gar nicht bestritten werden, nur gehen Maschinen und Natur eben keine gesellschaftlichen Verhältnisse miteinander ein. Das macht die Besonderheit der Arbeit aus – nicht universell, sondern hier im Kapitalismus.
(J.B.)
(erschienen in: Streifzüge 53/2011, 2000 Zeichen abwärts)

Die neuen Streifzüge haben eine in letzter Zeit ungewohnt hohe Quote an guten Beiträgen.

Die Zeit der Arbeit

Streifzüge 53/2011

Wer über Arbeit reden will, sollte über die Zeit nicht schweigen. Wenn der Kapitalismus in seinem Wesen auf dem Terror der Arbeit beruht, dann ist dieser bei Lichte betrachtet nicht mehr als die Tyrannei der Zeit.
Kaum etwas dürfte – neben der Arbeit – dem modernen Menschen so in Fleisch und Blut übergegangen sein wie die Zeit. Nicht nur, dass wir uns selber aufgrund unseres Alters oder doch zumindest aufgrund der Zugehörigkeit zu einem bestimmten Lebensabschnitt definieren (und somit über so etwas wie einen Lebenslauf verfügen) – wir sind auch darüber hinaus in ein umfangreiches und sich neuerdings ständig wandelndes Zeitregime eingebunden. Egal ob in der Schule, am Arbeitsplatz, beim Gang zum Amt oder bei der Anmeldung zur Prüfung – überall begegnen uns abstrakte, unser Leben reglementierende und sich stetig wandelnde Zeitvorgaben, die einzuhalten von uns verlangt wird – zumindest wenn wir denn bekommen wollen, wonach uns der Sinn steht. (mehr…)

The Meaning Of Friendship

Freud würde vermuten, dass es kein Zufall ist: während ich für gewöhnlich meine Veröffentlichungen hier archiviere, habe ich das in diesem Fall nicht getan.

The Grand Coulee haben sich nun aufgemacht, diese Fehlleistung gesellschaftskritisch aufzuarbeiten und soziohistorisch einzubetten. Das Ergebnis kann sich sehen lassen:

Lyrics:

1

Engels & Marx
took a walk in the park,
and Engels was awfully silent.
Marx bit his lip -
was it something he did say? -
when Engels with tears in his eyes said:

Oh, my Mary has died!
She was the love of my live…
Oh, those wild Irish eyes
shone like stars in disguise!
My youth is spent like her smile…
And your letter, my friend –
no word of kindness to spare?

2

Marx averted his gaze,
red was his face,
when he mumbled
into his beard
somethng about lack of money
and how Ricardo and Smith
drove him to tears.

Engels said: „Oh, please, Marx -
Come on and show me some compassion and love!
Well, assuming you still know
what that is.
It can’t be our relationship is only
about economics, the fight against
the bourgeoisie, the trouble with the anarchists -
and ‚comrade’ should be more than just a word now,
won’t you agree?

So, tell me now:
What’s the meaning of friendship?
Do you know, Marx?
Do you know?
It’s more than just mere affection –
Don’t you know, Marx?
Don’t you know?
A friend is someone
you don’t ask for a favor,¬.
Someone who will grant it for free.
Someone who will lend you a hand when you’re feeling
empty and lonely and useless and hopeless and beat…

3

And Marx thought to himself:
„Don’t you know, old friend?
Don’t you know?
I love you more than just anything -
and more than gold, oh,
more than gold.
I would love you to dance on my grave,
when I’m dead,
when I’m dead.
And I would love to tell you
you’re the greatest friend
I ever had…“

But he just said:
„Look, Engels, I’m sorry for what I said.
I’m a cynic, I didn’t mean it –
don’t you know it?
Can you forgive me?“
And Engels said:
„That’s the easiest part –
ain’t forgiving mistakes
what friendship is
just all about?“

PS: Nicht uninteressant in diesem Kontext ist auch dieser etwas ältere Beitrag hier.

Dialektik der Freundschaft

erschienen in: Streifzüge 48/2010

Der Kapitalismus macht keine Gefangenen. Er lässt „kein anderes Band zwischen Mensch und Mensch als das nackte Interesse, als die gefühllose ‚bare Zahlung‘“ (Kommunistisches Manifest). Das Gegenüber zählt nur, solange es sich im Tausch als ebenbürtig erweist. Taugt es nicht dafür, kann es mir gleichgültig sein, was auch immer mit ihm passiert. Freundschaft ist die Aufhebung dieser patriarchal-kapitalistischen Anonymität, im Positiven wie im Negativen.
Im Negativen, weil Freundschaft als strukturell männerbündisches Prinzip immer schon Teil der gebrochenen Totalität eben dieser patriarchalen Vergesellschaftung ist und ihre Vollendung findet in der Kameradschaft des Schützengrabens: Während der Mann in den Krieg zieht, um Frau und Kind zu schützen und sich so im täglichen Kampf aller gegen alle zu bewähren hat, braucht er die Freundschaft als Ausweich- und Rückzugsort. Sie stellt die andere Seite der Männlichkeit dar, die notwendige Voraussetzung, um den Anforderungen der gesellschaftlichen Totalität an die Einzelnen zu trotzen und diese gleichsam zwar nicht überwinden, dafür aber ertragen zu können.
Im Positiven, weil die solidarisch-kooperative Überwindung der Vereinzelung, die Anerkennung von anderen als Individuum ohne Aberkennung all dessen, was an ihnen nicht in unseren eigenen Ansprüchen und Vorstellungen aufgeht, eine Grundbedingung für jedwedes individual-kooperatives Miteinander ist. Das Gegenüber ernst zu nehmen, ihm auf gleicher Augenhöhe zu begegnen ohne im selben Atemzug alles auf- und gegenzurechnen – wie sollte eine Überwindung der Warenmonade anders praktizierbar sein?
Freundschaft gelangt auf diese Weise zu einem Doppelcharakter, sie hat das Potential zur Aufhebung, steht aber in der ständigen Gefahr, als bloße Abspaltung zu enden. Noch in den reflektiertesten politischen Zusammenhängen schlägt sie von der Befreiung in die Unterdrückung um, sobald die Dialektik den Beteiligten nicht mehr bewusst ist.