Wer macht die Krise? Wohin führt die Krise?

In der Dezember-Ausgabe der Konkret gibt es ein nicht uninteressantes Interview mit Thomas Ebermann, Michael Heinrich, Robert Kurz und Joseph Vogl. Die vier streiten in dem von Hermann L. Gremliza moderierten Gespräch über den Charakter, die Ursachen und die Folgen der vor unseren Augen vor sich gehenden Krisenprozesse. Dabei wird nicht viel neues erzählt, trotz allem werden die unterschiedlichen Einschätzungen und Blickwinkel hier sehr deutlich, so dass es sich durchaus lohnt, sich das Ding mal anzutun. (Im kommenden Jahr soll es übrigens mit einigen Erweiterungen auch als Buch erscheinen.)

Eine wesentliche Erkenntnis ist hier die Art und Weise, wie Michael Heinrich seine Position zur Krise darlegt. Die nämlich stößt m.E. an zwei Stellen an ein Problem:

1.

Zunächst beischreibt Heinrich, wie er den Entstehungsprozess der Krise versteht:

Worin also sieht er die Ursachen? Ihre Ursache ist, so verstehe ich ihn, das „aufgeblähte Finanzsystem“, das nicht zur „sogenannten realen Ökonomie“ passt. Wo nun kommt aber dieses Finanzsystem her? Es ist entstanden durch „eine ganze Reihe von Umverteilungsprozessen zwischen Kapital und Arbeit, zwischen Staat und Unternehmen, es gab internationale Leistungsbilanzdefizite. Das Kapital hat dabei weltweit im Durchschnitt sehr viel gewonnen. Es ist der Sieger dieser Umverteilungskämpfe.“ Dadurch, so fährt Heinrich fort, sei ein Überschuß von Geldkapital entstanden und das Ganze müsse nun dadurch wieder ins reine gebracht werden, dass ein Teil dieser Finanztitel „abgeschrieben“ werde. Wir haben es also, so würde es die hiesige VWL beschreiben, ein Angebotsüberschuss, weil das Angebot bestimmter Güter (hier: Geld) größer ist als die Nachfrage. Hier stellt sich nun nicht nur die Frage, wo der grundsätzliche Unterschied zwischen dieser Analyse und der in den wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten dieser Republik betriebenen liegt.

Nun mag der eine oder die andere (mit gutem Recht!) verwundert die Augenbrauen hochziehen: ist es denn nicht besagter Michael Heinrich, der etwa in seinem Einführungsbuch zur Kritik der Politischen Ökonomie noch die These vertreten hat, nicht Klassen, sondern das Kapital als „automatisches Subjekt“ der Antriebsmotor des Kapitalismus?

Und tatsächlich gilt Michael Heinrich ja als wesentlicher Vertreter einer Kapitalismuskritik, die die Schuld in systemischen Ursachen statt in individuellem Handeln sucht. Ein genauerer Blick in sein Einführungsbuch zeigt nun aber, dass das nicht immer ganz einfach ist. So schreibt er in seiner Einführung:

„Eine Person ist dann ‚Kapitalist‘, wenn sie ‚personifiziertes Kapital‘ ist, d.h. in ihrem Handeln der Logik des Kapitals (maßlose und endlose Verwertung) folgt. Dieser Kapitalist ist dann ‚Personifikation einer ökonomischen Kategorie‘ bzw. ‚ökonomische Charaktermaske.
Hier gilt Ähnliches wie das, was wir schon für die Handlungen der Warenbesitzer feststellen konnten ( … ): Eine Person verhält sich als Warenbesitzer oder Kapitalist, insofern sie einer bestimmten Handlungsrationalität folgt. Diese Handlungsrationalität ergibt sich aus den vorausgesetzten Formbestimmungen des ökonomischen Prozesses (den Formbestimmungen der Ware bzw. des Kapitals). Indem die Personen dieser Handlungsrationalität folgen, reproduzieren sie zugleich die vorausgesetzten Formbestimmungen. In der Darstellung müssen zunächst die Formbestimmungen analysiert sein, bevor man auf das Verhalten der Personen eingehen kann.“

Die Situation stellt sich für den Autor also scheinbar dar wie folgt: Es gibt kapitalistische Formbestimmungen. Die müssen analysiert werden. Und dann gibt es menschliches Handeln, das diesen Formbestimmungen folgt. Das kann im Anschluss daran untersucht werden. Darum beginnt Marx ja auch im 1. Kapitel des Kapital mit den Formbestimmungen und schiebt erst im 2. Kapitel die Handlungsebene hinterher. Die Menschen handeln dann also innerhalb der Formbestimmungen und reproduzieren sie dadurch. Sie kaufen und verkaufen und erhalten so die Gesellschaft, in der Gekauft und Verkauft wird.

Was auf dieser Ebene der Argumentation bei Heinrich allerdings nicht auftaucht, ist die Verselbständigung der gesellschaftlichen Bedingungen gegenüber ihren HandlungsträgerInnen und die dadurch entstehenden gesellschaftliche Dynamik des Kapitals. Kapital ist bei Michael Heinrich eine statische Kategorie. Veränderungen werden dann einzig hervorgebracht durch spezifische Aktionen der Charaktermasken, die etwa – wie in diesem Fall – durch ihr Handeln für einen Angebotsüberschuss beim Geldkapital sorgen. Das ist – es tut mir fast schon leid das sagen zu müssen – im Kern eine handlungstheoretische Konstruktion vom Kapitalismus.

2.

Gegen Ende des Interviews versucht Heinrich dann, die Differenz zwischen seiner und der Position von Robert Kurz auf den Punkt zu bringen. Dieser setze an der Krise des Fordismus an und betone, dass es kein zurück zur Prosperität des fordistischen Kapitalismus gebe. Das, so Heinrich, sei sicherlich richtig, aber keineswegs ein Hinweis auf eine Systemkrise:

Robert Kurz hat nun im weiteren Verlauf des Interviews bereits auf den Knackpunkt dieser Argumentation hingewiesen: Heinrich muss hier einen kapitalistischen Verlauf unterstellen, der aus akkumulationstheoretischer Perspektive von dem klassischenVerlauf G – W – G‘ (also Geld – Ware(nproduktion) – mehr Geld) abweicht. Auch wenn der Kapitalismus nicht mehr so prosperiere wie das noch dereinst der Fall war, auch wenn also die Gesamtmenge akkumulierten Kapitals sinke, sei das nicht mit einem systemischen Krisenprozess gleichzusetzen. Solange noch einzelne Kapitalien Gewinne erzielen und einzelne Menschen Ware-Geld-Beziehungen eingingen, könne von einem problemlos dahinakkumulierenden Kapitalismus ausgegangen werden. Auf dieser implizite Unterstellung angesprochen, revidierte Heinrich dann umgehend seine Position und verwies darauf, dass der Kapitalismus sich doch ganz ordentlich ausdehnen würde und insofern auch auf dieser Ebene nicht viel an dem dran sei, was Robert Kurz als Krisenszenario in den virtuellen Raum stelle. Dass dieser Boom kreditfinanziert ist sei dabei ebensowenig verwunderlich wie der zunehmende Ausschluss von Überflüssigen: so sei er eben, der Kapitalismus – und so sei er auch schon immer gewesen.

Nun übersieht dieses Argument zunächst einmal, dass es doch gerade diese Kreditfinanzierung ist, von der Heinrich am Anfang des Interviews noch erwähnte, dass sie die Ursache der derzeitigen Krisenprozesse darstelle. Würde das Kapital entwertet, entfiele auch die Basis für eine Kreditfinanzierung weiterer (Real-)Kapitalakkumulation. (Von der Frage, ob es sich hier tatsächlich um einen „Normalfall“ handelt, mal ganz abgesehen. M.E. war z.B. der kreditfinanzierte Eisenbahnbau in der damaligen Ökonomie ein Ausnahmefall.)

Darüber hinaus wird unter Rückgriff auf das obige Zitat aus dem Einführungsbuch auch klar, dass er offenbar das akkumulationstheoretische Argument von Kurz als eines auf der individuellen Handlungsebene verwendet: solange einige Einzelkapitale G – W – G‘ hinbekommen, ist im Kapitalismus alles in schlechter Ordnung. Entsprechend wählt er auch immer Einzelkapitalistische Beispiele. Es gibt immer einzelne Kapitalien, die profitieren – weshalb von einer Systemkrise keine Rede sein kann.

Das passt dann auch zu seiner Fassung des Wertbegriffs. Denn auch seine Annahme, der Wert existiere nur im Moment des Tausches, verdankt sich letztlich einer handlungstheoretischen Reduktion. Auch Marx war sicherlich der Ansicht, dass Wert ein Spezifikum der kapitalistischen Gesellschaft sei und nur innerhalb einer solchen (Tausch-)Gesellschaft existiert. Heinrich geht jedoch einen Schritt weiter und Wert vom konkreten Handlungsakt abhängig, wenn er betont, „daß die Produkte ihre Wertgegenständlichkeit erst im Austausch erhalten, vor dem Austauschalso noch gar keine Waren sind“. (Wissenschaft vom Wert, 2. Aufl., S. 216) „Es handelt sich bei der Wertgegenständlichkeit um eine spezifisch gesellschaftliche Gegenständlichkeit: nicht nur daß sie gesellschaftlich bedingt ist, sie existiert auch nur in der gesellschaftlichen Beziehung des Tausches.“ (ebd., S. 217) Eine solche Bestimmung des Wertes aber entzieht sich per definitionem jedweder akkumulationstheoretischer Argumentation. Und scheint mir eben aus diesem Grunde als etwas zu „kurz“ gegriffen…