Der unangepasste Außenseiter von Rechts außen

Anmerkungen zu Gunnar Heinsohn

Vor kurzem wurde ich auf einen vermeintlichen Wirtschaftstheoretiker hingewiesen, dem ein brillianter Ansatz zur Erklärung der aktuellen wirtschaftlichen Turbulenzen nachgesagt wurde. Es handelte sich dabei um niemand geringeren als Gunnar Heinsohn. Nie gehört? Is auch besser so. Da sich aber allem Anschein nach ernsthaft Menschen Gedanken machen über dass, was der Mann so loslässt, möchte ich hier dazu beitragen, seine Gedanken etwas besser einordnen zu können.

Katastrophismus

Heinhsohn ist Anhänger des Katastrophismus in der Spielart von Immanuel Velikovsky. Beim Katastrophismus geht es im wesentlichen darum, dass geschichtliche Entwicklung nicht auf soziale Phänomene, sondern auf (Natur-)katastrophen zurückzuführen ist. In der Variante von Velikovsky geht das dann ungefähr so:

„Velikovsky legt in seinen Büchern eine katastrophistische Sichtweise auf Ereignisse der letzten 5000 Jahre dar, die durch Fachkollegen weder geteilt noch durch astronomische Fakten gedeckt wird. Er kommt zu der Überzeugung, dass durch eine kosmische Katastrophe Masse vom Jupiter „abgesprengt“ wurde und sich in einer Proto-Venus sammelte; diese kreiste als „Komet“ auf einer unregelmäßigen Bahn durch das innere Sonnensystem. Die Venus sollte sowohl mit ihrem „Kometenschweif“ als auch durch ihre Gravitation und ihre elektromagnetische Wirkung die Erde mehrfach verwüstet haben.“ (Quelle)

Diese Überlegungen leiten auch das Denken von Herrn Heinsohn. So mischt er freudig bei den Fantomzeitlern mit, die nicht müde werden Phasen in der menschlichen Geschichte zu finden, die es „eigentlich“ gar nicht gegeben hat. (Und die deshalb Phantome sind und uns die Fantomzeitler beschehrt haben) Esowatch bemerkt hierzu ganz schlicht:

„Chronologiekritische Ansichten spielen eine Rolle in der populärwissenschaftlichen Literatur und in Romanen. Sie dienen mitunter auch politischen Zwecken und werden häufig von Einzelpersonen oder Gruppen vertreten, die auch sonst außerwissenschaftliche Positionen beziehen. So kann beobachtet werden, dass Vertreter pseudowissenschaftlicher oder schlicht absurder Konzepte gleichzeitig Anhänger chronologiekritischer Positionen sind.“ (Quelle)

Ganz allgemein lässt sich feststellen, dass es AnhängerInnen dieser Thesen mit der Empirie nicht sonderlich genau nehmen. Über den Erfinder der These vom fehlenden Mittelalter heißt es etwa bei Esowatch: „Illig wurde verschiedentlich ein selektiver und oberflächlicher Umgang mit wissenschaftlich gut untersuchten Quellen sowie ein ausweichender Diskursstil vorgeworfen.“ (Quelle) Und wenn an den fehlenden Jahrhunderten am Ende böse Mächte die Schuld tragen (sollen), dürfte vermutlich auch niemanden mehr überraschen.

Antisemitismus

Damit dürfte in etwa klar sein, in welcher Liga der Kollege spielt. Und so wundert es dann auch nicht, was er uns so über die Welt mitzuteilen weiß. Vom Antisemitismus weiß er beispielsweise, dass dieser durch die Verweigerung des Opfer-bringens. durch das Judentum und die dadurch entfachten Schuldgefühle bei den Priestern in die Welt gekommen ist (vgl. auch Esowatch):

„Die Weigerung des Abraham, den eigenen Sohn, Isaak, zu op-fern, bringt ihm in den überlieferten Sagen umgehend blutigeNachstellungen ein. Die in Kauf genommenen Grausamkeitenverweisen auf die Kühnheit und Risikobereitschaft der Begrün-der der jüdischen Idee. Sie beleuchten die Zwillingsgeburt vonMonotheismus und Judenhaß.“ ( Quelle“ rel=“external“>)

Wie schon bei der kruden Geschichtstheorie des Katastrophismus die Geschichte über alle Epochen hinweg eine Geschichte der Katastrophen ist (so sie denn überhaupt stattgefunden hat), ist es nun der Antisemitismus, der eine über allen Epochen hinweggehende Begründung verpasst bekommt. Selbst wenn wir dem Autor die Haltbarkeit dieser These für die Entstehung der frühen Judenfeindlichkeit zugestehen würden (was ich nicht ohne ausreichende Sichtung des Forschungsstandes zu tun bereit bin), so bleibt doch das offensichtliche Problem, dass er hier keinen qualitativen Bruch zwischen vormodernem Antijudaismus und modernem Antisemitismus zu machen bereit ist. Und der scheint mir in der Forschung doch unstrittig.

Hexenverfolgung

Auch zur Hexenverfolgung hat Heinsohn sich geäußert. Hier ist seine zentrale These, dass die Herrschenden das geheime Wissen der Hebammen hätten nach den starken Bevölkerungsverlusten durch die Pest versucht, die Bevölkerung wieder aufzupeppeln. „Diese Sichtweise hat unter den Frühneuzeit-Historikern keinerlei Zustimmung gefunden.“ – wie Wikipedia so schön bemerkt.

Heinsohn steht damit in einer langen Tradition der Verklärung der Hexenverfolgung, die unter anderem auch Jacob Grimm (der hier ‚germanische‘ Mythologie zu entdecken glaubte) und den Nationalsozialismus (der die Hexe als germanische Priesterin interpretierte) umfasst. Während sich die Forschung zur Hexenverfolgung sicher ist, dass es sich hierbei um ein von breiten gesellschaftlichen Schichten getragenes Phänomen handelte, wird es bei unserem Hobby-Geschichtswissenschaftler zum „politischen Schurkenstück“ (Zitat) banalisiert. Eine Verschwörungstheorie nun also auch in der Geschichtswissenschaft – zu deren umfangreicher Kritik diese und jene Kritik empfohlen sei.

Da Heinsohn sich gerne auch als Bevölkerungspolitiker geriert, sei jedoch ein weiteres Schmankerl nicht verheimlicht, auf das in einer Kritik an ihm verwiesen wurde:

„Zugrunde liegt ein bevölkerungsplanerisches Konzept, das seinen Bezug zum gegenwärtigen Problem der Übervölkerung in der Dritten Welt und zum Streit mit der katholischen Kirche um die Angemessenheit der Geburtenkontrolle nicht verleugnen kann.“ (Quelle)

Das Wissen der „weisen Frauen“ wäre demnach also auch heute noch ein probates Mittel, um gegen die Überbevölkerung in all den Bereichen vorzugehen, in denen sich Menschen nach Meinung von Kollege Heinsohn zu unverschämt vermehren. Womit wir dann auch schon beim nächsten Thema wären.

Sozialpolitik

Im Lauf des Jahres 2010 veröffentlichte Gunnar Heinsohn verschiedene Interventionen in deutschen Tageszeitungen, etwa in der FAZ oder im Focus, in dem er die Begrenzung von Sozialhilfe auf fünf Jahre forderte. Seine Logik ist hier ebenso simpel wie auch in anderen Bereichen seiner „Forschung“. Die deutsche Politik solle endlich von den USA lernen und den lebenslangen Anspruch auf Sozialhilfe auf fünf Jahre festlegen. Das würde Geld sparen und gleichzeitig die Leute dazu zwingen, nicht auf der faulen Haut zu liegen und sich vom Gemeinwesen ein schönes Leben finanzieren zu lassen:

„Clinton beseitigt ein Gesetz von 1935, das Witwen und Waisen schützen soll. Ins allgemeine Bewusstsein dringt dieses Gesetz erst in den 1960er-Jahren, als junge Frauen vor den Staat treten und für sich und ihren Nachwuchs Geld fordern. Das Gesetz von 1935 wird für die Steuerzahler plötzlich zur Falle. Sie durchschauen die Mütter, können aber doch die Neugeborenen nicht im Stich lassen. Die alimentierten Frauen hören aber dann mit dem Gebären nicht auf, um alle Kraft dem vorhandenen Kind zu widmen. Die Amerikaner sind alarmiert, denn viele der Kinder versagen in der Schule. Kriminalität kommt hinzu. Die Söhne der Sozialhilfemütter stellen zwar nur zehn Prozent aller Jungen, aber sie begehen 50 Prozent der jugendlichen Gewaltverbrechen. ( … )
Was ändert Clintons Gesetz? Wieder passiert etwas scheinbar Widersinniges. Obwohl die Ausgaben gegen Armut jetzt fallen, geht die Zahl der Armen zurück. Erhalten 1994 noch mehr als 14 Millionen Bürger Sozialhilfe, so sind es 2005 weniger als fünf Millionen.“

Ein wahres Wunder, wie bereits Heiko Wernig auf seinem tazblog feststellte:

„14 Millionen Sozialhilfeempfänger bekommen also nur noch fünf Jahre lang Unterstützung, und zehn Jahre später sind es – voilá! – nur noch 4,5 Millionen. Das ist natürlich ein gleich doppelt schlagender Beweis dafür, dass durch Beschränkung der Sozialhilfe die Armut abnimmt. Aber, möchte man Gunnar Heinsohn fragen, wäre es dann nicht noch erfolgversprechender, die Sozialhilfe auf, sagen wir: ein Jahr zu begrenzen? Wäre dann nicht nach, sagen wir: bereits zwei Jahren damit zu rechnen, dass es praktisch überhaupt keine Sozialhilfeempfänger mehr gäbe? Oder noch besser: die Sozialhilfe gleich ganz streichen, denn dann gibt es ja auch keine Armut mehr?
Die Welt kann so einfach sein, wenn man sie durch eine Gebärmutter betrachtet.“

Entsprechend wurde Heinsohn eine Zeit lang mal durch die Talkshows gereicht als es darum ging, vermeintliche „Wissenschaftler“ zu finden, die einen riesen Alarm ob der vermeintlich nicht funktionierenden Sozialpolitik machen. Entsprechend erklärt er dann auch den…

Krieg

In Bezug auf die Entstehungsursachen von Kriegen ist Heinsohn durch seine Anwendung der Theorie vom Youth Bulge bekannt geworden: Kriege entstehen vor allem deshalb, weil es in den kriegführenden Nationen einen Überschuss an jungen Männern gibt – und den macht der Autor derzeit vor allem in islamisch geprägten Gesellschaften aus. Doch auch hier steht die Analyse eher auf wackeligen Beinen:

„Beispiele, die weder in seine Theorie noch sein Islambild passen, unterschlägt der Autor großzügig. Bangladesch gehört mit seinen gut 100 Millionen Menschen zu den Ländern mit einer relativ jungen Bevölkerung. Dort hat es seit langem keine Waffengänge gegeben. China zählt trotz seiner mehreren hundert Millionen Jungen im kampffähigen Alter zu den Ländern ohne auffallende kriegerische Auseinandersetzungen. Das gleiche gilt für Brasilien, das bevölkerungsreichste Land Südamerikas. Heinsohn stört es keineswegs, dass seine Theorie durch die Realität dieser großen Länder widerlegt wird. Ihm reichen offenkundig die Beispiele der in Kriege verwickelten islamischen Staaten aus, um sowohl seiner „Theorie“ die empirische Evidenz zu verleihen wie auf die Bedrohung der Welt durch kampfbereite Islamisten aufmerksam zu machen.“ (Quelle)

Schuld am Krieg sollen also nicht die gesellschaftlichen Verhältnisse sein, sondern die Mütter, die zu viel Kinder produzieren. Um in Zukunft also Kriege (oder Terroranschläge) zu verhindern braucht es eine vernünftige Geburtenkontrolle – womit wir wieder bei den „weisen Frauen“ wären. Deren Wissen fehlt nämlich heute in Zeiten ständig wachsender Überbevölkerung. Oder so ähnlich.

Kommt ihnen alles irgendwie bekannt vor? Richtig:

„Dabei ist diese „Theorie“ eigentlich gar nicht so neu. Vor etwa 200 Jahren empfahl Thomas Robert Malthus der britischen Regierung genau dieselben Rezepte, um das „demografische Problem“ zu lösen.“ (Quelle)

Was also haben wir von einem solchen „Wissenschaftler“ zu halten, wenn er sich an die

Ökonomie

macht? Ich muss ganz ehrlich zugeben, dass ich mittlerweile gar keine Lust mehr habe, mir das anzukucken. Allerdings möchte ich doch noch einen Hinweis geben, der seiner Auseinandersetzung mit Kritiken an seiner Pseudo-Theorie über die Entstehung von Kriegen entnommen ist:

„Heinsohn hat für jede Kritik eine Antwort parat. ‚Wie erklären Sie dann den Holocaust?‘ Antwort: ‚Der Holocaust passt nicht in die Youth-bulge-Theorie, da haben Sie Glück.‘ Oder: ‚Die zwanzig Millionen Toten im Zweiten Weltkrieg kann man ausnahmsweise genauso wenig mit dieser Theorie erklären wie die hundert Millionen Gulag-Toten der Kommunisten.‘ Die erklärt Heinsohn damit, dass ‚Marxisten das Privateigentum hassen und daher in der Sowjetunion und China alle, die Privateigentum nicht aufgeben wollten, einfach umbrachten‘.“

Und Eigentum – das lernen wir bereits hier – ist super. Und die grundlage jeder aufgeklärten Gesellschaft. Und auf die hat es Heinsohn ja allem Anschein nach abgesehen.1 Wie genau das funktioniert? Das gibt’s dann hier auf dieser Welle, die nächsten Tage, auf die schnelle…

  1. In diesem Satz ist ein Scherz versteckt. Finde ihn! [zurück]