Eigentum macht Geld?

Gunnar Heinsohn gibt sich gerne als kritischer Geist und wird nicht zuletzt von Peter Sloterdijk als Wirtschaftswissenschaftler mit Zukunftspotential angepriesen.1 Dass das nichts werden kann, wenn es von Sloterdijk kommt, dürfte klar sein. Denn auch der versteht sich als Hohepriester der Konkurrenzgesellschaft, kritisiert die heute von ihm wahrgenommene Lethargokratie und fordert den Aufbruch der Leistungträger. Das passt ganz offensichtlich zu einer Theorie, in der das Eigentum die zentrale Kategorie bildet.

Eigentum ist der zentrale Punkt in Heinsohns Wirtschaftstheorie, die sich als eine Art Weiterentwicklung der Ideen von John Maynard Keynes verstehen lässt. Dieses Eigentum kommt in die Welt mit dem Kapitalismus (hat jedoch offensichtlich zuvor bereits in der Antike existiert)- zumindest bringen die Autoren Beispiele aus dieser Epoche) und ist genauer gesagt Privateigentum, dass individuellen Menschen zurechenbar ist und von diesen vermehrt oder verloren werden kann. Es muss entsprechend verpfändbar, belastbar und verkaufbar sein. Staatseigentum wie in den realsozialistischen Ökonomien war das nicht und gilt für Heinsohn und seinen bei der Produktion seiner wesentlichen Werke zu diesem Thema beteiligten Kompagnon Otto Steiger nicht als Eigentum. Die DDR firmiert damit analog zu Feudalgesellschaften kategorisiert.2

Nachdem das Eigentum in Bezug auf die Möglichkeit, es zu verleihen definiert worden ist, muss diesem Vorgang freilich eine herausragende Bedeutung zugemessen werden. Er orientiert sich dabei an Keynes Idee der Liquiditätsprämie und argumentiert, die Keyne’sche Theorie modifizierend, dass Geld im Allgemeinen nichts weiter sei als Zins und der wiederum nichts anderes sei als eine Eigentumsprämie:

„Erst das Gut, das Eigentum ist, welches nicht durch seine Dauerhaftigkeit oder seine Nutzungsqualität, sondern durch Rechtsakt definiert ist, konstituiert die für den Zins relevante Prämie. Sie besteht in dem Vermögen von Eigentum, belastbar und verpfändbar sein zu können, kurz: der Eigentumsprämie. Bei Belastung von Eigentum im Kreditkontrakt verliert der Gläubiger seine Eigentumsprämie, wofür ihn der Schuldner mit Zins kompensieren muss.
Gläubiger halten kein Gut Geld in irgendeiner Kiste, auf deren Inhalt sie eine Liquiditätsprämie legen, sondern schaffen im Kreditkontrakt überhaupt erst Geld als Anrecht gegen ihr Eigentum. ( … )
Nach der hier vertretenen Eigentumstheorie des Zinses gibt es Zins also nicht für die Aufgabe des Liquiditätsprämie auf Geld, das heißt wenn sich jemand von Geld trennt. Zins gibt es vielmehr für den Verzicht auf die Eigentumsprämie, der dann eintritt, wenn das Geld als Anrecht gegen das Eigentum überhaupt erst geschaffen und das Eigentum dabei belastet und somit blockiert wird.

Da bleiben nun jedoch einige Fragen offen: auf was genau verzichte ich beispielsweise, wenn ich ein Grundstück, das ich mein Eigentum nennen darf, belaste? Gerade vor dem Hintergrund, dass Heinsohn/Steiger streng das Eigentum (rechtliche Verfügungsgewalt) und denBesitz voneinander trennen – was bleibt da? Und was ist der qualitative Grund, warum Eigentum die Grundlage für Geld und Zins sein soll nicht. Die Kritik an anderen ökonomischen Theorien führen die Autoren für gewöhnlich unter dem Blickwinkel, dass diese ihre These nicht teilen und deshalb nicht stimmen können. Sicherlich haben sie zu recht darauf hingewiesen, dass transhistorische Tausch- und Geldtheorien wie die der Neoklassik unsinnig sind – nur ist das eine Erkenntnis, die wir auch in der Marx’schen Wertkritik wiederfinden. Gegen dessen Wertformanalyse bringen sie entsprechend auch kein Argument vor.3 Und wieso soll sich es sich nicht statt von einem Verlust durch die Entstehung des Kreditkontraktes um eine Verdopplung des bereits vorhandenen Kapitals handeln, wie das Marx in seinem Theorem vom fiktiven Kapital nahelegt?4 Und wie kommt es überhaupt, dass sich das via Kredit geschaffene Geld als Geld verwenden lässt? Wieso wird es allgemein anerkannt, welche Rolle spielt hier z.B. der Staat?

Wenig antworten also, dafür umsomehr Fragen. Aber so ist das eben mit Verschwörungstheorien, das hat schon Daniel Kulla sehr treffend herausgestellt: am Besten knackst Du sie, indem Du Fragen an sie richtest – und nicht versuchst, zu sagen, wie es wirklich ist. In diesem Sinne bitte ich alle, den Herrn Heinsohn doch etwas mehr zu hinterfragen, als das Herr Sloterdijk zu tun bereit ist…

  • Zur Kritik an Sloterdijk vgl. Rainer Trampert: Der liberale Beobachter. http://jungle-world.com/artikel/2009/46/39740.html [zurück]
    1. Heinsohn, Gunnar/Steiger, Otto: Eigentum, Zins und Geld. Ungelöste Rätsel der Wirtschaftswissenschaften. Hamburg:Rowohlt Verlag 1996, S. 119f. [zurück]
    2. Das gilt ebenfalls für die Auseinandersetzung mit der Marx’schen Theorie im Grundlagenwerk von Otto Steiger über die Schulökonomie. Vgl. Stadermann, Hans-Joachim/Steiger, Otto: Allgemeine Theorie der Wirtschaft. Erster Band. Schulökonomik. Tübingen:Mohr Siebeck 2001, S. 202ff. [zurück]
    3. Interessanterweise gehen auch Staddermann/Steiger in ihrer Auseinandersetzung mit Marx auf dieses Theoriefragment nicht ein. Vgl. ebd., S. 214ff. [zurück]

    3 Antworten auf “Eigentum macht Geld?”


    1. 1 Kalima 19. Dezember 2011 um 0:30 Uhr

      Zur Verständnis von Heinssohn ist seine Theorie des Debitismus (von Schulden) wichtig.

    2. 2 Juli 19. Dezember 2011 um 21:48 Uhr

      Ja, das stimmt. Über Schulden wird für ihn nämlich Geld geschaffen. (Während bei Keynes z.B. der Zins lediglich eine Entschädigung für verliehenes, aber bereits vorhandes Geld ist) Aber das sich das nun Debitismus nennt war mir auch neu…

    3. 3 Stefan Wehmeier 12. September 2012 um 14:48 Uhr

      Die Frage der Geldentstehung ist für das „Geld, wie es (noch) ist“, das gänzlich unreflektiert dem Edelmetallgeld der Antike nachgeäfft wurde (Zinsgeld mit parasitärer – der wesentlichen Tauschfunktion widersprechenden – Wertaufbewahrungsfunktion), irrelevant. Denn eine Lösung der gegenwärtigen Probleme auf der Basis von Zinsgeld ist definitiv ausgeschlossen. Damit hat auch das Werk von G. Heinsohn und O. Steiger keinerlei praktischen Nutzen, sondern bestenfalls einen „akadämlichen“ Nutzen für jene, die – aus welchen Gründen auch immer – an der weiteren Aufrechterhaltung der Zinsumverteilung von der Arbeit zum Besitz ein Interesse haben.

      Beim „Geld, wie es sein soll“ (Freigeld) geht es um die Frage, warum es von allen, die von sich glauben, sie wüssten schon was, gar nicht erst angedacht wird. Hierfür spielt die historische Entstehung des Geldes durchaus eine Rolle, aber nicht die physische, sondern die metaphysische Entstehung: Wie konnte sich die halbwegs zivilisierte Menschheit überhaupt auf die Benutzung von Zinsgeld einlassen, und welcher kollektive Wahnsinn hindert sie bis heute daran, es durch Freigeld zu ersetzen?

      Ist die Natürliche Wirtschaftsordnung (freie Marktwirtschaft ohne Kapitalismus = echte Soziale Marktwirtschaft) zu kompliziert, um von studierten Wirtschaftswissenschaftlern verstanden zu werden? Nein. Die „Wirtschaftswissenschaftler“ sind so dermaßen verdummt, dass sie das, was „ja doch nur aus einer Reihe banalster Selbstverständlichkeiten besteht“ (Zitat: Silvio Gesell), nicht mehr verstehen können. Die tiefere Ursache der allgemeinen Verdummung ist eine künstliche Programmierung des kollektiv Unbewussten, die vor Urzeiten erforderlich war, um die halbwegs zivilisierte Menschheit „wahnsinnig genug“ für die Benutzung von Zinsgeld zu machen – lange bevor diese seitdem grundlegendste zwischenmenschliche Beziehung wissenschaftlich erforscht war:

      http://www.deweles.de/files/behandlung_eines_privatpatienten.pdf

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