Antiziganismus in Wort und Bild

Soeben durfte ich im Rahmen des Geschlechterforschungs-Kolloquiums an der Universität Göttingen Zeuge eines sehr großartigen Vortrages über Antiziganismus und Antisemitismus von (so die Uniseite) Dr. Markus Gerke, York University Toronto (Kanada) sein. Der Referent selber hat allerdings nicht behauptet Doktor zu sein. Davon ab war’s aber sehr spannend und ich möchte der Weltöffentlichkeit wenigstens dieses eine Schmankerl nicht enthalten.

Einige erinnern sich vielleicht noch an die Brandstiftungen und Ausschreitungen gegen eine Roma-Siedlung in Turin, die am 11. Dezember in fast allen deutschen Onlinemedien erwähnt wurde. Das war eine ziemlich miese Aktion, wie wir auch auf diesen Bildern sehen können:

Roma-Haus

Roma-Haus

Nun bitte ich die geneigte Leserin, sich die Bilder genau anzukucken. Sehen sie das große eckige im Hintergrund? Ich bin mir nicht ganz sicher, aber es scheint mir ein Haus zu sein. Diese Roma also waren, der rassistische Zeitgeist mag es auch weit von sich weisen, sesshaft. Sie wohnten in einem Haus. Oder vielleicht in einer Siedlung, wenn es mehrere Häuser waren. Was aber durften wir in den deutschen Medien lesen?

Turin: Aufgebrachter Mob setzt Roma-Lager in Brand (spiegel-online)
Brandstiftung: Roma-Lager in Turin angezündet (Kölnische Rundschau)
Roma-Lager in Brand gesteckt (express)

Oder auch in Österreich:
Turin: Italiener setzen nach erlogener Vergewaltigung Roma-Siedlung in Brand (Der Standard)
Nach erlogener Vergewaltigung:Italiener setzten Roma-Lager in Brand (OE 24)

Ein „Lager“ war es also, wenn wir der unvoreingenommenen Presse glauben wollen, dass da gebrannt hat. Über das Lager oder Camp lesen nun wir bei Wikipedia:

„Ein Lager oder auch aus dem Englischen übernommen Camp, ist ein Ort, an dem mehrere Personen meist provisorisch untergebracht sind. Lager haben somit meist einen kurzfristigen Charakter, können aber durchaus und unter bestimmten Umständen, die von Bauweise und Zweckbestimmung abhängen, auch für längere Zeit genutzt werden.“

Das die Roma also tatsächlich gar nicht provisorisch untergebracht waren, dass sie fest an dem Ort lebten, an dem sie angegriffen wurden, taucht in der Berichterstattung nicht auf. Stattdessen wird suggeriert, die Roma seien eben so wie Roma eben sind – nicht-sesshaft, wie es so unschön heißt.

Und, übrigens und nur ganz am Rande, ist auch die sexistische Projektionsleistung nicht ohne. Die Vergewaltigung war nämlich eine „erfundene“ und die Schuld liegt somit bei wem? Richtig: beim Mädchen, das einfach die Unwahrheit gesagt hat. Da kann der sexistische Alltagsverstand ganz nebenbei also noch lernen, das Frauen und Mädchen Vergewaltigungen auch ganz gerne mal erfinden. Schöne Scheiße das.


1 Antwort auf “Antiziganismus in Wort und Bild”


  1. 1 Manusha - Die kleine Romahexe 20. Dezember 2011 um 14:12 Uhr

    Dass Roma auch sesshaft sein können, das kann man auch in unserem Kinderfilm „Manusha – Die kleine Romahexe“ sehen. Auf unserer Webseite haben wir eine Linksammlung mit Berichten über Roma und Vereinen angelegt, ich werde Sie dort auch verlinken!

    Aktuell bemühen wir uns gerade, den Film fertig zu stellen, vielleicht wollen Sie uns dabei unterstützen:

    Vielen Dank!

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