Revolutionsromantik und Bewegungsrealität

Slavoj Žižek gilt als große Nummer in der Linken. Von einigen wird er sogar als Stichwortgeber der Occupy-Bewegung verhandelt. Dieser Slavoj Žižek also macht sich neuerdings auch über den Kapitalismus und eine Kritik daran Gedanken. Aus irgendeinem Grund ist ihm dabei wohl Moishe Postone über den Weg gelaufen. In einem Interview hat er sich zu dem dann wie folgt geäußert:

„I appreciate [Moishe] Postone claiming that what we need to rehabilitate today, at all levels, is the critique of political economy. Not only as an economic theory, but also, with Marx, it is much more. I am tempted to say that it is rather a historical transcendental a priori. The categories that Marx uses in his deployment of the critique of political economy are not just categories to analyze a certain sphere of society. They are stronger categories. They organize the totality of social life. This is what needs to be rehabilitated today. But where I don’t agree with Postone is that, sometimes, he sounds as if the class division somehow becomes secondary and gets lost. No. As if commodity fetishism is a kind of general structure more fundamental than class struggle. I think he sometimes goes too quickly in this direction of reducing class struggle just to a certain empirical historical occurrence. Here, I appreciate much more the young Lukács, in History and Class Consciousness, who is very clear about this non-empirical, historical a priori for the critique of political economy, but at the same time speaks totally to class struggle.“(Interview, Platypus)

Postone hat also durchaus recht mit dem was er schreibt, nur sind die Konsequenzen davon nicht so, wie Žižek sie gerne hätte. Also setzt er das, was ja eigentlich das Ergebnis einer reflektierten Gesellschaftskritik wäre, als Vorannahme, als sogenanntes a priori. Der Klassenkampf sei das A und O der Gesellschaftskritik, so referiert der neue linke Shootingstar. Warum? Weiß doch jeder! Is‘ halt so…

Und dabei sieht Žižek nicht gerade sonderlich froh aus, wenn er tatsächlich mal Leuten begegnet, die auf der Straße stehen und sich gegen was-auch-immer zur Wehr setzen. Die Zeit berichtete vor kurzem über seinen Ausflug zu Occupy Frankfurt:

„Ratlos schaut Žižek den Kameramann an: »Was machen wir jetzt? Ich brauche klare Befehle.« Der Kameramann möchte, dass Žižek mit den Occupy-Leuten in Kontakt tritt. Ein betrunkener Rastafari-Mann kommt auf den Philosophen zugetorkelt, der Philosoph spricht: »Darf ich die Polizei rufen?« Es ist keine Show. Es ist eine absurde Szene aus dem Revolutionshandbuch: Der Revolutionär trifft auf seine Revolutionäre, Theorie trifft auf Praxis, und der Theoretiker bekommt es mit der Angst zu tun. Žižek: »Ich bin für Recht und Ordnung. Wir brauchen mehr Ordnung, nicht weniger Ordnung.«“ (Interview, Die Zeit)

Recht und Ordnung. Darauf läuft für den unbequemen Denker Žižek also alles hinaus. Nicht gerade sonderlich neu, diese Idee. Hatten wir ja alles schon. Interessant ist aber, dass die Linke immer dann erstaunt zurückschreckt, wenn sie auf den Gegenstand ihrer Zuneigung trifft. Das wusste auch schon dieser antideutsche Dichter:


22 Antworten auf “Revolutionsromantik und Bewegungsrealität”


  1. 1 Emil 22. Januar 2012 um 22:16 Uhr

    Was macht Wiglaf Droste denn zu einem „antideutschen“ Dichter?

  2. 2 André 23. Januar 2012 um 4:15 Uhr

    Interessant, danke. Der Link auf den Zeitartikel scheint übrigens nicht zu stimmen.

  3. 3 Juli 23. Januar 2012 um 10:12 Uhr

    @Emil

    „Die Texte“ wollte ich erst schreiben. Aber das trifft es nicht ganz. Es ist eher die grundsätzliche Haltung zur Welt, die sich in seinen Texten ausdrückt:

    Er hasst Deutschland, was ja für einen Antideutschen schon mal ein guter erster Schritt ist. Linke mag er gleichzeitig auch nicht besonders, schon gar nicht solche, die sich auf Klassenkampf und Antiimperialismus spezialisiert haben. Er scheint sich als Aufklärer zu verstehen und macht die ganze Zeit schlechte sexistische Witze.

    Oder so ähnlich…

    *wegduck*

  4. 4 Juli 23. Januar 2012 um 10:16 Uhr

    @Andre

    Danke.
    Link gefixt.

  5. 5 Benni 23. Januar 2012 um 14:44 Uhr

    Also so ganz ohne Begründung ist das ja nicht. Er bezieht sich ja wohl offensichtlich auf Lukacs, bei dem das zusammen geht. Wenn Du das inhaltlich kritisieren willst, müsstest Du das an der Stelle tun und nicht einfach „ohen Begründung“ sagen.

    Unabhängig davon ist es altbekannt, dass Zicek eine autoritäre Seite hat, wie sich das halt für ordentliche Leninisten gehört.

  6. 6 klassenclown 23. Januar 2012 um 15:40 Uhr

    Ich verstehe nicht, warum gleich „eine autoritäte Seite“ hat, weil man für Recht und Ordnung plädiert. Gerade im Anblick der unsäglichen Occupy-Camps, wo Spinner mit Obdachlosen in Zelten hausen und dass dann noch revolutionär finden, zu betonen, dass das seine Sache nicht ist und er Recht und (eine gewisse) Ordnung vorzieht, finde ich symphatisch. Das ändert nichts daran, dass seine theoretische Unterstützung der Occupy-Bewegung seinen eigenen selbsterklärten Zielen zuwiederläuft.

  7. 7 foo 24. Januar 2012 um 16:13 Uhr

    Versteh erstmal Zizek. Dann kritisiere. Klassenkampf bei Zizek ist nicht das selbe wie Klassenkampf bei der DKP.

  8. 8 Juli 24. Januar 2012 um 18:32 Uhr

    @benni

    das interessante bei lukacz finde ich ja, dass er tatsächlich so argumentiert, wie Zizek ihm das unterstellt: er zieht den klasenkampf als „a priori“ aus der tasche. das tut er dadurch, indem er dem proletariat unterstellt, in gewissen teilen außerhalb des verblendungszusammenhanges zu stehen. wie genau das funktionieren soll – darüber schweigt er sich dann aber aus.

    ich würde die fixierung von adorno auf die „tauschgesellschaft“ so lesen, das er versucht, die bei lucacz entstandene lücke zu schließen. allerdings um den preis, dass dann keine sozialen kämpfe mehr möglich waren. postone seinerseits schließt explizit an diese debatte an und versucht soziale kämpfe jenseits traditioneler klassenkampfvorstellungen aus der widersprüchlichkeit der wertform (also sozialer vermittlung) denkbar zu machen. zizek hingegen ignoriert die debatte und geht zurück auf lucasz – ganz so, als wäre seitdem nichts mehr passiert…

  9. 9 Juli 24. Januar 2012 um 18:41 Uhr

    @klassenclown

    ich wollte jetzt auch gar nicht die occupy-bewegung in den himmel heben. allerdings sollte es schon klar sein, dass gesellschaftliche veränderungen eben nicht am reißbrett entworfen werden und ihre durchsetzung unter umständen zur folge haben kann, dass die schuhe ein bisschen dreckig werden. damit will er dann aber nichts zu tun haben. das wäre sein gutes recht, hätte er nicht vorher zur revolte aufgerufen.

    @foo

    den einwand verstehe ich nicht. abgesehen von der frage, ob sich zizek überhaupt verstehen lässt bleibt doch die frage, was das mit den klassenkampf so wichtig macht, wenn doch der postone mit seiner analyse der vermittlung gesellschaftlicher verhältnisse nicht über die klassen, sondern über den wert recht hat. (und das behauptet zizek ja in dem zitat)

  10. 10 justus 24. Januar 2012 um 20:18 Uhr

    Ach so, Postone versucht also „soziale kämpfe jenseits traditioneler klassenkampfvorstellungen aus der widersprüchlichkeit der wertform“ denkbar zu machen? Was für eine Widersprüchlichkeit der Wertform meinst du denn da? Die zwischen Tausch- und Gebrauchswert?
    Und inwiefern ist es denn ein Fortschritt zum Oldschool-Leninismus á la Lukacs, wenn soziale Kämpfe nicht mehr aus dem (angeblichen) Gegensatz von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen, sondern aus den (ebenso angeblichen) inneren Widersprüchen der Wertform abgeleitet werden?

    Und dass Lukacs „dem proletariat unterstellt, in gewissen teilen außerhalb des verblendungszusammenhanges zu stehen“ – wenn dass eine Kritik an Lukacs sein soll, müsstest du erst mal erklärst, wie du dir diesen Verblendungszusammenhang denn vorstellst, statt „a priori“ vorauszusetzen, dass es einen solchen gibt…

  11. 11 Juli 25. Januar 2012 um 15:45 Uhr

    dieser unfreundliche diskussionsstil im netz erschreckt mich doch immer wieder…

    also zu lukacz: der setzt ja selber voraus, das es diesen verblendungszusammenhang geben soll. und muss dann, um die vom proletariat durchgeführte revolution zu retten, selbiges im außerhalb dieses verblendungszusammenhanges ansiedeln. insofern muss ich den gar nicht erklären oder a priori setzen – ich stütze mich da einfach auf die argumentation von lukacz himself.

    kurzum: er behauptet, der kapitalismus sei ein allgemeiner vermittlungs- und verblendungszusammenhang und der könne nur überwunden werden, wenn ein prinzip gefunden werden kann, das außerhalb des kapitalverhältnisses steht. das ist dann für ihn das proletariat. adorno kritisiert ihn für die annahme, dass dem proletariat diese befreienden tendenzen zukämen. und kann dann unglücklicherweise keine befreiung mehr denken. (deshalb wird der kritischen theorie ja auch immer dieser pessimismus nachgesagt) postone bietet nun einen ausweg an: wenn es zwar einen vermittlungs- und verblendungszusammenhang gibt, dieser aber in sich widersprüchlich strukturiert ist – dann ergibt sich aus diesen widersprüchen die prinzipielle möglichkeit von kritik.

    ein so ein widerspruch ist der zwischen gebrauchswert und wert. wenn sich durch produktivkraftsteigerungen immer mehr gegenstände in immer weniger wertförmigen reichtum ausdrücken (wenn also die supermärkte voll und die kassen leer sind), dann drückt sich darin ein solcher widerspruch aus. ein anderer widerspruch wäre der, dass der kapitalismus eine ganz spezifische form von partikularität (standpunkt der privatperson) und universalität (standpunkt der allgemeinheit) hervorbringt und beide als unveränderbar oder „natürlich“ aufscheinen lässt.

    in bezug auf soziale kämpfe passiert nun zweierlei: einerseits verliert das proletariat im unterschied zum traditionellen marxismus seine historische mission. klassenkämpfe gibt es zwar nach wie vor, sie zielen aber nicht per se und von vornherein auf die überwindung des kapitalverhältnisses. die potentielle revolution löst sich damit von ihrer träger_Innengruppe. alle können revolution machen, unabhängig von ihrer stellung innerhalb des produktionsprozesses. das macht die marxsche argumentation anschlussfähig z.B. für ökologische bewegungen, aber auch für antirassistische kämpfe. letztlich, so würde ich behaupten, bereitet er (sogar explizit!) den boden für eine verquickung von queer-theory oder postkolonialen kämpfen mit der marxschen kritik. :-)

  12. 12 justus 25. Januar 2012 um 17:34 Uhr

    Hmm, sorry, wenn mein erster Eintrag irgendwie unfreundlich gewirkt haben sollte. Waren vielleicht hier und da ein paar polemische Spitzen drin enthalten, aber wirkliches Gepöbel nicht.

    Was Lukacs angeht, habe ich dich offenbar falsch verstanden (hab auch bisher nicht so viel von Lukacs gelesen) – für mich las es sich so, als wolltest du mit dem „Verblendungszusammenhang“ Adorno und Postone gegen Lukacs in Stellung bringen…
    Dass das Proletariat „außerhalb“ des Kapitalverhältnisses steht, wäre natürlich eine blödsinnige Behauptung – die Arbeiter_innen werden ja erst durch dieses Verhältnis zu Arbeiter_innen gemacht, und indem sie arbeiten und Mehrwert produzieren, tragen sie natürlich zur Aufrechterhaltung des Verhältnisses bei.

    Und hier würde ich eben den eigentlichen inneren Widerspruch sehen: Die lebendige menschliche Arbeit ist zum einen deshalb eine besondere Ware, weil sie mehr Wert produziert, als sie kostet – die vermeintlich automatische „Selbstverwertung des Werts“ also eben auf der Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft beruht.
    Zum zweiten sind die Arbeiter_innen aber nicht mit ihrer Warenform identisch. Sie können sich auch ein paar Gedanken über ihre Lage machen, sich zusammenschließen und damit aufhören zu arbeiten – also ihr eigenes Arbeiter-Sein negieren und damit das Kapitalverhältnis potentiell sprengen.

    Das heißt natürlich nicht, dass dies die „historische Mission“ des Proletariats sei, dieses also gar keine andere Wahl hätte, als Revolution zu machen. Das ist Blödsinn, weil dadurch das angebliche „revolutionäre Subjekt“ gerade als Subjekt negiert wird – wenn die Arbeiter_innen gar keine Wahl haben, dann exekutieren sie eben nur das, was in den objektiven Verhältnissen schon schicksalshaft angelegt war, und sind also keine Subjekte.

    Postone dagegen dreht, soweit ich das überblicke, diese Logik einfach nur um: Die Arbeiter_innen haben gar keine „historische Mission“, sie MÜSSEN keine Revolution machen, also KÖNNEN sie auch keine Revolution machen.
    Wenn man unter diesen Voraussetzungen weiter Kommunist bleiben will, muss der Widerspruch also woanders gesucht werden – z.B.im tendenziellen Fall der Profitrate, oder wie du schreibst, darin dass sich „immer mehr gegenstände in immer weniger wertförmigen reichtum“ ausdrücken… Daraus folgt die Krise, und aus dieser wiederum dann entweder Sozialismus oder Barbarei.
    Das ist in meinen Augen nur eine weitere Variante der Theorie, dass die schlechten Verhältnisse schon aus ihrer Eigenlogik heraus zu ihrer eigenen Überwindung führen.

    P.S.: Inwiefern die scheinbare Unveränderbarkeit von Partikularität und Allgemeinheit zu sozialen Kämpfen führen soll, ist mir aber nach wie vor vollkommen schleierhaft.

    P.P.S.: Nix gegen queer-theory, aber z.B. als Transgender gesellschaftlich anerkannt zu werden, bewahrt eine_n eben nicht davor, die eigene Arbeitskraft verkaufen zu müssen…

  13. 13 weltgeist 28. Januar 2012 um 17:14 Uhr

    „dieser unfreundliche diskussionsstil im netz erschreckt mich doch immer wieder…“ – naja, juli, es ist im netz halt so, dass man sich selber ganz hervorragend auf kosten von menschen aufplustern kann, die man nicht kennt und sich dabei auch nicht zu erkennen geben muss, so dass das übliche zivilisierte spiel der gegenseitigen anerkennung hin und wieder hinten runterfällt.
    wenn du z.b. zizek an den kopf wirfst, er würde erstaunt zurückschrecken, wenn er auf den „gegenstand seiner zuneigung“ träfe, dann ist das eine polemische unverschämtheit im gewand des arguments, die du dir von angesicht zu angesicht so vermutlich auch nicht rausnehmen würdest, oder?
    und ohne zizek jetzt schon wieder verteidigen zu wollen, stimmt es auch einfach inhaltlich nicht. vielmehr war es ja in der traditionellen klassenkämpferischen linken durchaus üblich, sich auf das proletariat zu beziehen und das lumpenproletariat als feind zu identifizieren. außerdem kann ich ja die selbstaufhebung des proletariats im klassenkampf als seine historische mission betrachten, ohne sie deswegen in ihrer jetzigen gestalt zum gegenstand meiner zuneigung zu machen – das ist wenig humanistisch, aber theoretisch durchaus konsequent.
    mit der gleichen berechtigung könnte ich dir unterstellen, den zusammenhang erst projiziert zu haben, den du hier abbildest: Die identifikation des proletariats mit einem „betrunkenen rastafari-mann“ wird genau deshalb so genüsslich hervorgekehrt, damit man sein eigenes apriori „mit dem dummen pöbel ist die revolution nicht zu machen“ nicht explizit machen muss.

  14. 14 Juli 29. Januar 2012 um 12:08 Uhr

    @justus

    sorry für die späte antwort – ich war ziemlich busy über die woche.

    du schreibst nicht zu unrecht die arbeitskraft der arbeiter_Innen sei eine besondere ware. ich würde eher sagen, sie ist eine besondere Ware. insofern beruht die produktion von wert und mehrwert selbstverständlich auf der verausgabung von arbeitskraft. und die kann innerbetrieblich sicherlich auch als herrschaftsverhältnis zwischen kapital und arbeit dargestellt werden. gesamtgesellschaftlich wird da deshalb aber noch lange kein schuh draus. hier setzt sich die gesellschaftliche arbeitsteilung eben „hinter dem rücken“ (marx) der produzierenden durch.

    das mit dem subjekt ist übrigens auch nicht so einfach. wikipedia verweist ja nicht zuletzt auf die lateinsichen wurzeln des namens: subiectum: das Daruntergeworfene. insofern waren die christenmenschen die ersten subjekte – sie waren sich gleich in ihrer unterwerfung unter den herrgott. ob nun also subjekt-sein etwas tolles ist – ich bin mir da zumindest nicht sicher ;-)

    postone jedenfalls würde m.E. nicht sagen, arbeiter_Innen könnten keine revolution machen. zumindest ist mir eine solches argument nie aufgefallen. er hält lediglich fest, dass die möglichkeit von erkenntnis, kritik und widerstand nicht an eine klassenposition gebunden ist. postone selber theoretisiert das übrigens vollständig ohne krisentheorie – im unterschied etwa zur deutschsprachigen wertkritik, die aus den widersprüchen (wie ich finde: zurecht) ein eindampfen der gesamtgesellschaftlich produzierten wertmasse feststellen können zu meint. allerdings meint in diesem sinne „überwindung“ weniger eine vollständige beseitigung des kapitalverhältnisses, als vielmehr sein krisenhaftes marodierden mit extremen menschlichen (und „natürlichen“) kosten.

    das mit der partikularität rolle ich vielleicht noch ein andern mal auf, aber möchte doch noch darauf hinweisen, dass auch ein gutbezahlter, nicht-entfremdeter arbeitsplatz den menschen noch lange nicht gegen ihre normierung als sexualisierte subjekte hilft. :-)

  15. 15 Juli 29. Januar 2012 um 12:17 Uhr

    @weltgeist

    ich gebe ja auch zu, dass ich da ein problem habe: ich teile unglaublich gerne aus, kann aber nur mäßig einschenken. leider sieht ja auch niemensch mein feixendes gesicht, während ich die unverschämtheiten lachend daniederschreibe – dann sei wohl eher klar, dass die spitze nicht allzu sehr als nadel konzipiert ist (komische metapher irgendwie…)

    das mit dem proletariat und dem lumpenproletariat ist sicherlich nicht falsch, den gedanken hatte ich beim niederschreiben auch. allerdings war der haupteinwand von marx gegen das lumpenproletariat doch, dass selbiges aufgrund seiner sozialen situation derartig neben sich steht, dass es nie auf die idee käme, sich solidarisch gegen die herrschenden verhältnisse aufzubegehren. und das ist doch hier gerade nicht der falle. (obwohl es wohl genaugenommen auch eher kleinkrämertum als lumpenproletariat ist, was sich auf diesen events versammelt hat… *g*)

    das mit dem „dummen pöbel“ die „revolution“ nicht zu machen ist, ist ja so falsch auch gar nicht. die ansicht brauche ich nicht zu verstecken. die menschen sind halt immer undzumindest auch das ergebnisse der sozialen verhältnisse – und die sind ja auch nicht sonderlich toll. im ergebnis allerdings lässt wirft das für mich erstmal kein sonderlich gutes bild auf traditionelle linke vorstellungen von „revolution“. aber das ist wohl auch ein anderes thema

  16. 16 weltgeist 29. Januar 2012 um 17:39 Uhr

    nun lavierst du aber. ob es kleinkrämerinnen oder lumpenproletarier oder meinethalben auch pfaffen, theologiestudentinnen und freischaffende journalistinnen sind: in jedem fall sind es eben keine arbeiterInnen, so dass das „erschrockene zurückweichen“ des klassenkämpfers vor dem „gegenstand seiner zuneigung“ zumindest kein inkonsequentes verhalten ist, an dem man den politischen gegner blamieren kann. da war also augenscheinlich der wunsch der vater der gedankin. und dass dieser wunsch in der deutschen linken ziemlich verbreitet ist, geht mir auf den keks. damit meine ich garnicht, dass man lukacs unbedingt recht geben muss und den verdinglichungsessay nur am stück zitieren darf. aber es ist einfach verdächtig wie einfach man es sich bei der disqualifikation von klassenkampftheorien inzwischen macht –
    z.b. ist es eben gerade nicht die gesellschaftliche arbeitsteilung die sich hinter dem rücken der akteure durchsetzt, sondern das wertgesetz. auch wenn es bei der durchsetzung der arbeitsteilung unübersichtlich werden kann und man sich zudem in eine welt geworfen findet, in der sie scheinbar immer schon durchgesetzt ist – von der legendären ursprünglichen akkumulation bis hin zur vergabe von schulnoten sind die akteure, so lange sie sich nicht angewidert abwenden, meist ziemlich gegenwärtig, wenn die arbeitsteilung auch gegen sie durchgesetzt wird von ebenso konkreten akteuren und institutionen.
    übrigens hat die klassische marxsche theorie nach lenin und lukacs neimals behauptet, die möglichkeit von kritik, widerstand und erkenntnis stünde nur proletinnen offen. das würde ja auch schon lenin und lukacs doof aussehen lassen. sie hat vielmehr behauptet, dass nur das proletariat als verkörperung der negativität im gesellschaftlichen ganzen fungieren kann, weil sich an ihm die enteignung als grundlage des kaptalismus als seine eigene, innere schranke manifestiert. andere klassen werden da aber theoretisch und praktisch permanent hineingezogen. und auch dass das proletariat nicht automatisch zu den richtigen schlüssen tendiert ist selbst in der simplifizierendsten skizze bei marx hinreichend deutlich gemacht, wie ich finde. genug geschäumt.

  17. 17 justus 31. Januar 2012 um 13:37 Uhr

    Ich stimme dem Weltgeist zu, möchte aber auch noch was anmerken:

    „gesamtgesellschaftlich wird da deshalb aber noch lange kein schuh draus. hier setzt sich die gesellschaftliche arbeitsteilung eben „hinter dem rücken“ (marx) der produzierenden durch.“

    Ich lag mit meiner ersten Intuition also doch richtig: Du setzt einen Verblendungszusammenhang voraus. Und das auch noch a priori, weil du leider großzügig auf jede Begründung verzichtest.
    Fehlende Argumente lassen sich leider schlecht widerlegen. Aber deine Behauptung ist auch in sich widersprüchlich, weil du dich selbst aus dem Verblendungszusammenhang rausnehmen musst, um sagen zu können, dass es einen solchen gibt: Wenn sich der Zusammenhang auch hinter DEINEM Rücken durchsetzen würde, würdest du´s gar nicht mitkriegen und könntest so auch keine sinnvolle Aussage drüber treffen.
    Indem du einen Verblendungszusammenhang unterstellst, unterstellst du also zugleich, dass er NICHT lückenlos ist.
    Dann stellt sich aber die Frage: Warum kannst DU den Zusammenhang durchschauen, und der Rest der Menschheit nicht? Weil du nicht zu den „Produzierenden“ gehörst, also kein doofer Prolet bist? Genau darauf läuft´s wohl hinaus: Eine Ferndiagnose über den Bewusstseinsstand von Leuten, die du nicht kennst und mit denen du dich nie auseinandergesetzt hast, also reines Ressentiment.

    „aber möchte doch noch darauf hinweisen, dass auch ein gutbezahlter, nicht-entfremdeter arbeitsplatz den menschen noch lange nicht gegen ihre normierung als sexualisierte subjekte hilft.“

    Ich entgegne mal ganz lässig: Auch ein „gutbezahlter, nicht-entfremdeter Arbeitsplatz“ bewahrt eine_n nicht vor dem Zwang, die eigene Arbeitskraft verkaufen zu müssen! ;)
    Insofern geht dein vermeintlich cleverer Einwand meilenweit am Ziel vorbei. Mit der Logik scheinst du auch einige Schwierigkeiten zu haben, wenn du glaubst, dich durch Lohnarbeit vor der Lohnarbeit schützen zu können.
    Dass du dir unter „Klassenkampf“ offenbar nur den gewerkschaftlich kontrollierten Normalbetrieb vorstellen kannst, lass ich mal dahingestellt. Mit der guten Bezahlung ist das jedenfalls so eine Sache: Ein Mehrwert muss bei der Arbeit schon rausspringen – wenn dein „Arbeitgeber“ keinen Vorteil von deiner Arbeit hätte, dann würde er dir keine geben. Da stößt die gute Bezahlung dannn an ihre immanente Grenze.
    Aber wenn man sich zu viel mit Postone beschäftigt, kann man solche Basisbanalitäten schon mal vergessen, gelle?

    Im Übrigen hast du die Pointe beim Thema Transgender und Arbeitszwang nicht kapiert: Im Gegensatz zu dir ging es mir NICHT darum, verschiedene Probleme gegeneinander auszuspielen.
    Vielmehr wollte ich dezent drauf hinweisen, dass man sehr wohl GLEICHZEITIG ein Transgender-Mensch UND Lohnabhängiger sein kann (wow!). Die meisten Frauen sind Lohnabhängige, die meisten Schwulen sind Lohnabhängige usw. – es ist also ziemlich bescheuert, denen zu raten, sie sollten sich mit dem einen Problem (Diskriminierung aufgrund von Geschlechternormen) auseinandersetzen und das andere (ihren Status als Lohnabhängige) ignorieren.
    Mag ja sein, dass die Beschäftigung mit Klassenverhältnissen in der deutschen Theorielinken gerade nicht besonders hip ist, aber die Ausbeutung verschwindet ja leider nicht, nur weil man sie nicht beachtet.

  18. 18 Juli 31. Januar 2012 um 18:56 Uhr

    @weltgeist

    hm, ich wollte eigentlich gar nicht eine kritik von klassenkampftheorien machen – dann hätte ich ja tatsächlich kucken müssen, wie Zizek den begründet. Worum es mir ging war die Beobachtung, dass viele Leute, die immer „Revolution, Revolution“ schreien im Zweifel ganz schnell keine Lust mehr haben, sobald sie auf Leute treffen, die das für eine gute Idee halten…

    Aber kommen wir – in der gebotenen Kürze – zu den Verkürzungen, die Du mir vorwirfst:

    Du schreibst:
    „z.b. ist es eben gerade nicht die gesellschaftliche arbeitsteilung die sich hinter dem rücken der akteure durchsetzt, sondern das wertgesetz.“

    Dass sich der Wert hinter dem Rücken der Beteiligten durchsetzt ist geschenkt. Nur etabliert sich dadurch eben auch eine spezifische Form der Arbeitsteilung. Arbeit wird hier gewissermaßen selbstbezüglich. Marx selber hat das offensichtlich ähnlich gesehen und schreibt:

    „Aber die Teilung der Arbeit ist ein naturwüchsiger Produktionsorganismus, dessen Fäden hinter dem Rücken der Warenproduzenten gewebt wurden und sich fortweben.“ (MEW 23, 121)

    Worauf genau die hinauswillst mit der Kritik, ist mir allerdings nicht klargeworden. Insofern spare ich mir mal weiteres gebrabbel…

  19. 19 weltgeist 01. Februar 2012 um 23:14 Uhr

    zweierlei:
    zu deiner inhaltlichen entgegnung – ich meine, da gehen uns zwei ebenen durcheinander. einmal diejenige, in der das kapital gleichsam organisch eine arbeitsteilung koordiniert, die sich (darin adams unsichtbarer hand garnicht unähnlich) meinetwegen auch hinter dem rücken der „warenproduzenten“ fortspinnt – da haben wir garkeinen dissens. ich dachte aber du bezögst den begriff der arbeitsteilung auf den der auch gesamtgesellschaftlichen realität der klassengesellschaft als scheidung von kapital und arbeit, die ja gerade nicht marktförmig entsteht, wenn sie sich auch begrenzt in diesem rahmen perpituieren kann.
    da du aber garnicht vorhattest klassenkampftheorien zu kritisieren, ging ich da ja fehl. aber mal ehrlich: das eingangszitat, in dem es um den klassenkampf ging (und mit keinem wort um „revolution“ und schon garnicht um „Revolution, Revolution“) war schon geeignet mich auf eine falsche fährte zu locken.
    wenn’s dir aber nur darum ging exemplarisch an zizek zu zeigen, dass leute nicht immer machen, was man unter diesen umständen von ihnen erwartet hätte, dann betrachte mein gebrabbel einfach als gegenstandslos – es bezog sich auf einen punkt, den du garnicht machen wolltest.

  20. 20 Juli 05. Februar 2012 um 12:28 Uhr

    naja, ganz so unkritisch dem klassenkampf gegenüber war’s nun auch nicht gemeint. aber lassen wir das. eine nachfrage hätte ich noch, vielleicht kommen wir darüber der sache ja näher. du schreibst:

    „ich dachte aber du bezögst den begriff der arbeitsteilung auf den der auch gesamtgesellschaftlichen realität der klassengesellschaft als scheidung von kapital und arbeit, die ja gerade nicht marktförmig entsteht“

    da frage ich mich nun: welche arbeitsteilung meinst du da genau? die zwischen dem, was im rahmen eines arbeitstages passiert in fabrik und büro passiert auf der einen und der aktionärsversammlung auf der anderen seite? ich habe das wirklich nie ganz begriffen: was meint „arbeitsteilung zwischen kapital und arbeit“ in einer gesellschaft, in der vorstandsvorsitzende lohnabhängig beschäftigt sind und arbeiterInnen aktien des unternehmens halten?

  21. 21 tom 07. Februar 2012 um 1:41 Uhr

    „Zum zweiten sind die Arbeiter_innen aber nicht mit ihrer Warenform identisch. Sie können sich auch ein paar Gedanken über ihre Lage machen, sich zusammenschließen und damit aufhören zu arbeiten – also ihr eigenes Arbeiter-Sein negieren und damit das Kapitalverhältnis potentiell sprengen. “

  22. 22 weltgeist 07. Februar 2012 um 21:36 Uhr

    naja, die naheliegenste möglichkeit ist, nach der verfügungsgewalt über das kapital und der unter anderem darüber vermittelten stellung zu den konkreten produktionsmitteln zu fragen – denn der „lohn“ eines/r aufsichtsratsvorsitzenden ist ja kein anteil am von ihr/m produzierten mehrwert zum zweck der reproduktion seiner arbeitskraft, sondern ein anteil am profit aus dem mehrwert anderer als belohnung für die statthaltung als fungierendeR kapitalistIn. auf der anderen seite geht ja mit dem besitz von aktien durch die arbeiterInnen fast nie eine ernsthafte verfügungsgewalt über kapital verbunden, fast immer aber eine abhängigkeit vom wohl und wehe der profitrate dieses einen unternehmens – eigentlich sogar eine einschränkung der autonomie und verfügungsgewalt.
    dieses große einerlei von aktienbesitzerinnen und lohnempfängerinnen ist in meinen augen in erster linie das ideologische feuerwerk der momentanen regulationsweise – wie pinochet so schön sagte: keiner gesellschaft von proletariern, sondern von unternehmern. ähnliches brimborium wie die dienstleistungsgesellschaft, in der wir ja supposedly auch davon leben, uns gegenseitig die tür aufzuhalten.

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