Der autoritäre Mob

Es gibt Zitate, würden sie nicht gepostet, müsste mensch sie erfinden. Aber sie werden wirklich gepostet. In der Kommentarspalte. Hier auf diesem Blog. Und weil es so schön ist, hier ein Best-Of.

Vergegenwärtigen wir uns zunächst die Ausgangssituation: Ich hatte auf einen deutschen Kabarettisten hingewiesen, der gegen explizit nichtchristliche „Geldverleiher“ polemisiert hatte, die er als „parasitär“ bezeichnet hatte, weil sie sich in einem „Wirtstier“, das sind nämlich „wir“, eingenistet haben. Meine Frage, ob das irgendwas mit Antisemitismus zu tun haben könnte, blieb bis zum Ende der Diskussion heißumstritten. Eine inhaltliche Einordnung zu der Frage, die ich einen Tag später verfasst habe, ist derweil bislang unbeantwortet geblieben.

Variante 1: Die reflektierte Kulturtheoretikerin

Die Einwände gegen die These, die vom deutschen Kabarettisten Georg Schramm vorgetragene biogistische Argumentation könne irgendwie problematisch sein, wurde mittels verschiedener Strategien kritisiert. Einige von denen finde ich auch tatsächlich gerechtfertigt. So wurde etwa die Frage aufgeworfen, ob Schramm nicht in Wirklichkeit eine Rolle spiele, nämlich die des Rentners Lothar Dombrowski und als solcher eben Meinungen aus dieser Perspektive überzeichne und dadurch der Kritik preisgäbe (1|2).

Dagegen wären allerdings zweierlei Dinge ins Feld zu führen: zum einen bliebe die Frage, ob im Falle einer kritischen Entlarvung nicht irgendwo ein Bruch in seiner Argumentation sein müsste, der zur Entlarvung taugt. So das am Ende den Leute, die den Beitrag sehen, die Position von Dombrowski als problematisch erscheint. Tatsächlich scheint mir beides nicht der Fall zu sein: einerseits kann ich keinen Bruch entdecken und andererseits fühlen sich ja diverse Schramm-Fans gerade bemüßigt, meine Kommentarspalte zuzuspammen mit allerlei merkwürdigen Verteidigungsreden ihres Idols. Darüber hinaus wurde Schramm in dem kritisierten Beitrag, der auf einer politischen Veranstaltung gehalten wurde, nicht als Dombrowski, sondern als Georg Schramm angekündigt – so das selbst der Verweis auf die Rolle (obschon er sich ganz so benahm wie besagter Rentner bei ,Neues aus der Anstalt‘)

Variante 2: Die verkürzte Kapitalismuskritik

Eine andere Strategie besteht nun darin, den Wald vor lauter Bäumen nicht zu sehen. Schließlich taucht in dem Beitrag von Schramm das Wort „Juden“ gar nicht auf. Ohne also auch nur mit einem Wort auf die fast wörtlich aus ,Mein Kampf‘ entnommene Wortwahl einzugehen, kann die weiße Petra weitergeschoben werden: die Autorin des Beitrages müsse die Antisemitin sein, schließlich verbindet sie ja die Stereotype offensichtlich mit Jüdinnen und Juden. „Haha, erwischt“, wird sodann mit großer Geste triumphiert. (1|2)

Während Variante 1 durchaus noch als nachvollziehbares und gerechtfertigtes Argument beschrieben werden kann, fällt mir einer derartige Charakterisierung an dieser Stelle schwer. Denn den Kontext zum Antisemitismus muss ja nicht ich aufmachen, der ist bereits da. Und zwar aus den folgenden 2 Gründen: Zum einen ist die Wortwahl eben tatsächlich fast wörtlich aus ,Mein Kampf‘ und damit dem Nazijargon entnommen. Innerhalb der Nazi-Ideologie dienen derartige Metaphern dazu, den ausgekorenen Feind („die Juden“) als nicht-menschlich und verabscheuenswürdig darzustellen und das angehimmelte Kollektiv („die Deutschen“) als naturhaft-harmonisches Gebilde. Alleine deshalb liegt die Nähe zum Antisemitismus eben auf der Hand – und muss nicht erst durch die Kritik konstruiert werden. Zum anderen wird diese Nähe noch einmal durch den Verweis auf die „nichtjüdischen Geldverleiher“ in früheren Zeiten verstärkt. Das ist eine derart offensichtliche Anspielung auf den vormodernen Antijudaismus und die den Jüdinnen und Juden im Spätmittelalter zugeschriebene Rolle, dass auch hier die Referenz bereits vom Autor kommt – und nicht erst von der Kritik.

Nun fragt sich: warum wollen einige diesen offensichtlichen Zusammenhang nicht sehen? Ich weiß es nicht, habe dazu aber eine Theorie: augenscheinlich sind Viele der Meinung, dass die verwendeten Begriffe und der damit angesprochene Argumentationszusammenhang an sich völlig unproblematisch sind. Zu einem Problem könnten sie dann nur noch aufgrund äußerer Gründe werden. Etwa, weil sie mal von Nazis gebraucht worden sind. Deutlich wird diese Haltung in einem Beitrag, der sich auf die Parasiten-Wirtstier-Metapher bezieht. Ein sich realismusundtraum nennender Mensch schreibt hier:

„Zum zweiten Zitat- gut, vielleicht ist der Wortwahl unglücklich gewählt, aber auch das ist kein Antisemitismus. Mist, dass Hitler früher solch ein Beispiel gebracht hat, zweifelsohne aus Populismusgründen. Heute passt es vom Sinne her leider wirklich viel zu oft. Schramm hätte vielleicht eine andere Metapher anwenden können- aber Kritik am Banken-und Regierungswesen mit überspitzten Formulierungen ist kein Antisemitismus, das ist in diesem Falle politisches Kabarett.“

Wie dumm auch! Das der Hitler einfach aus populistischen Gründen die Metapher von Parasit und Wirtskörper aufgegriffen hat! Wie kommt er nur auf die Idee, Gesellschaft mit Biologie zu erklären? Wie kommt er auf die Idee, das deutsche Volk als natürlichen Organismus einer vermeintlich parasitären „Gegenrasse“ entgegenzustellen? Liegt das vielleicht daran, dass es sich hier um den Kern der Nazi-Ideologie handelt? Nein nein, belehrt uns realismusundtraum – das war „zweifelsohne aus Populismusgründen“. Als stünde Hitler inhaltlich für ganz andere Dinge. Autobahnen zum Beispiel. Das muss sich realismusundtraum aber einbilden, denn in der Sache teilt er die Einschätzung der Nazis: „Heute passt es vom Sinne her leider wirklich viel zu oft.“ Gut, also mensch muss es nicht mit „Wirtskörper“ bezeichnen und nicht „parasitär“ nennen – aber dass das deutsche Volk vom raffgierigen Finanz-irgendwas ausgenommen wird, das ist doch sonnenklar. Vielleicht hätte er ja von Vampiren sprechen können? Oder von Heuschrecken? Oder von Ratten? Alles das sind nur leider auch Stereotype, die dem modernen Antisemitismus entnommen worden sind. Und nur wenn der mit diesen verbundene Verweis auf die willentliche Schädigung des natürlichen Organismus deutlich wird, kommt die Kritik zu sich selbst. Hätte Schramm davon gesprochen, dass der Fuchs hier wohl ein Huhn gefangen habe, hätte im Publikum niemand gelacht. Weil es eben nicht egal ist, welche Vokabel verwendet wird und weil Schramm hier bewusst ein Stereotyp adressiert hat, das er und viele vermeintliche Kritikerinnen für völlig legitim halten.

Variante 3: Der autoritäre Charakter

Eine dritte Variante der Kritik besteht darin, sich einfach Dinge auszudenken. Das kann im Prinzip alles mögliche sein. Hauptsache, es dient der Denunziation.

michu aus f beispielsweise schrieb:

„Geil, daß die FDP-CDU-Jugend, deren Opas NSDAPler und SS-Männer waren heute jeden als „Antisemiten“ beschimpfen, sobald er den Eindruck macht, er könnte eine andere Meinung als die Bundesregierung vertreten.“

Nun lässt sich in dem ganzen Beitrag keinerlei Hinweis auf FDP und CDU finden, weder inhaltlich noch organisatorisch. Weder hat irgendwer behauptet, von der FDP bzw. der CDU zu sein noch wurde eine Argumentation vorgetragen, die typisch für die CDU wäre. Ich gehe also mal davon aus, dass mit dieser anonymisierten Anrede die Autorin gemeint ist.
Und, hey, ich bin gar nicht in der CDU. Und in der FDP auch nicht. Und – tata – ich bin nicht mal beim Mossad, nur um auch das mal geklärt zu haben. (Häufig ist das ja gleich die nächste Unterstellung, die ebenfalls alles über die Geisteshaltung aussagt, mit der da polemisiert wird…) Die Tatsache aber, das jedwede Kritik an Antisemitismus scheinbar ungeprüft dem konservativen Lager zugeschrieben wird, ist in zweierlei Hinsicht problematisch: einerseits weil die selber genug Dreck am Stecken haben – mensch schaue sich nur den gerade nominierten Präsidentschaftskandidaten Joachim Gauck an. Und andererseits, weil damit eine problematische Form der Identitätspolitik betrieben wird: wir in der Linken, wir stehen über den Dingen und brauchen uns mit sowas profanem wie Antisemitismusvorwürfen gar nicht erst auseinandersetzen. Wir wissen ja, das wir auf der richtigen Seite stehen. Weil: wir kämpfen gegen Unterdrückung. Durch wen? Durch „die da oben“, die „1 Prozent“, die „Bankster“, die „gierigen Heuschrecken“ und wie sie auch immer genannt werden. Das ein Antisemitismusvorwurf vielleicht auch deshalb kommen könnte, weil er berechtigt ist, kommt dabei gar nicht mehr in Betracht. Mit dem Verweis auf den deutschen Konservatismus bzw. Liberalismus ist alles gesagt und es kann weitergehen wie gehabt.

Diese Art von Reflektionsresistenz allerdings ist einigermaßen beängstigend. Wer sich vorher schon sicher ist wo er hinwill, landet am Ende im Gulag. Das zumindest ist die Lehre, die sich für eine reflektiert, emanzipatorische Linke aus dem Scheitern der bisherigen Versuche sozialistischer und kommunistischer Organisierung ziehen lässt. Wer das nicht glaubt, möge das bei Bini Adamczak nachlesen.

In ein ganz ähnliches Horn blässt der prodeutsche User mit dem kreative Namen Antiantideutsch:

„Ach ihr Antideutschen:
Ihr mit eurer fluffigen Antisemitismus Gegeifere.
Setzt die Keule jedesmal an wenn jemand Kritik äußert gegen:
Imperialismus
Kapitalismus
Israel
Zu guter Letzt auch noch für Mord und Todschlag auf der Welt sein trommeln.
Warum schimpft ihr euch eigentlich Links?“

Nun freue ich mich natürlich, mal wieder wieder als antideutsch bezeichnet zu werden. Das letzte Mal ist ja schon einige Zeit her. Aber etwas verwundert bin ich auch dieses Mal: Weder ging es in diesem Blogbeitrag um Israel noch ging es um Imperialismus. (Noch haben Israel und Imperialismus sonderlich viel miteinander zu tun.) Weder waren Krieg oder Mord-und-Todschlag hier das Thema, noch sind die hier auf diesem Blog jemals gerechtfertigt worden. Und auch um Kapitalismuskritik ging es nicht wirklich. Denn das was Schramm da vorgetragen hat, war ja eine Kritik wahlweise an biologischen Zusammenhängen oder an einzelnen Personen. Letzteres wäre dann eine KapitalistInnen-Kritik. Das allerdings ist etwas völlig anderes als eine Kritik am Kapitalismus. Ganz im Gegenteil: das Ziel der Kritik an KapitalistInnen ist zumeist, den Kapitalismus als Ganzes bestehen zu lassen und nur ausgewählte ProtagonistInnen für ihr Fehlverhalten zu tadeln. Das ist, bei Lichte betrachtet, nichts weiter als die konservativ-liberale Hetze gegen „die faulen Griechen“, nur das hier halt die andere Seite der Ideologiebildung bedient wird.
Wenn also meine Frage, ob in dem konkreten Fall eine biologistische Metapher aus dem Nazi-Jargon etwas mit Antisemitismus zu tun haben könnte, als „Keule“ und mithin als „vorgeschoben“ bezeichnet wird, dann führt uns das auf einen äußerst problematischen Pfad der gegenwärtigen linken Debatte: sobald irgendwer darauf verweist, das eine Äußerung vielleicht im Hinblick auf Antisemitismus problematisch sein könnte, wird sich gar nicht mehr angekuckt, worum es geht, sondern gleich reflexhaft gebellt: antideutsche Kritik, da will doch nur wieder einer Krieg führen, Antisemitismuskeule!

Auch hier haben wir sie also wieder, die Abdichtung gegen Kritik. Völlig egal was da geschrieben wird, der Terminus Antisemitismus wird zum Ticket: weil einmal der Begriff gefallen ist, gilt die Fahrt als gebucht und es muss sich nicht mehr um Feinheiten wie Berechtigung und dergleichen mehr gekümmert werden. Auch hier muss ich sagen, dass mir Angst und Bange wird. Und nicht zufällig war ja das Ticket-Denken eine der zentralen Kategorien innerhalb der Studien zum autoritären Charakter von Adorno jedenfalls und anderen, mittels derer eine autoritäre Persönlichkeit diagnostiziert wurde. Eine vermeintliche Linke jedenfalls, die so mit Kritik umgeht, kann in Punkto Emanzipation nicht viel erreichen und sollte sich vielleicht mal an die Zapatistas erinnern, bei denen es ja nicht zum Spaß hieß: fragend schreiten wir voran.

Ebenfalls in dieselbe Kerbe schlägt nun dieser Beitrag von einem passenderweise als Assi bezeichneten User:

„emanzipiert bist du noch lange nicht! scheiss nazi!“

Jetzt also nicht nur CDU und FDP, sondern gleich „nazi“, oder genaugenommen, mit aller Verachtung „scheiss nazi!“ Das ist nicht zuletzt deshalb interessant, weil hier das letzte bisschen Rationalität aus dem Angriff herausgenommen wurde. Denn für den deutschen Konservatismus und Liberalismus ist es ja immerhin treffend, dass sie in Bezug auf den Nahostkonflikt tendenziell eher Antisemitismus wittern als Rassismus – wenn wir vielleicht von Norbert Blüm mal absehen. Aber die klassische Position der Nazis ist ja dann doch eher der direkte (und keinesfalls bloß strukturelle) Antisemitismus.

Aber warum nun „nazi“? Weil ich mich gegen Nazi-Jargon ausgesprochen habe. Das scheint mir auf den ersten Blick doch eine eigenartige Variante dieser ominösen Kunstform „Dialektik“ zu sein. Als solcher Nazi bin ich nun auch noch lange nicht „emanzipiert“. Was ich ja im übrigen auch nie behauptet habe. Nicht zum Spaß heißt das Blog „Emanzipation Oder Barbarei“ und nicht „emanzipiert statt barbarisch“ oder so. Das war als Aufforderung gedacht, nicht zuletzt auch an mich. Oder an „Assi“, der das vielleicht auch mal nötig hätte. Denn das Hinterfragen vermeintlicher Selbstverständlichkeiten scheint mir doch wesentlicher Teil von Emanzipation, also von Befreiung aus Herrschaftsverhältnissen zu sein. Wer dergleichen aber nicht mehr nötig hat, der wütet wild (oder eben, wäre es nicht derart rassistisch konnotiert) barbarisch herum.
Die Bezeichnung „nazi“ stellt übrigens darüber hinaus die größtmögliche Ausgrenzung aus dem imaginierten linken Kollektiv dar. Der gehört nicht zu uns. Der ist, wie das früher bei den deutschen hieß, ein „Nestbeschmutzer“. Auch ein schöner Begriff. Welches „Nest“ eigentlich und warum schon wieder ein Beispiel aus der Biologie. Und was würde Tucholsky dazu sagen? „Im übrigen gilt ja hier derjenige, der auf den Schmutz hinweist, für viel gefährlicher als der, der den Schmutz macht.“ würde er sagen. Nicht schlecht. Da sollte mensch mal drüber nachdenken….


45 Antworten auf “Der autoritäre Mob”


  1. 1 moppus 20. Februar 2012 um 21:13 Uhr

    du solltest sowas wie „nichtchristliche Geldverleiher“ nicht als zitat kennzeichnen, wenn es keines ist, dann würden sicher mehr leute über den zweiten absatz hinaus lesen.

  2. 2 Juli 20. Februar 2012 um 21:19 Uhr

    ups, da muss ich die anführungszeichen falsch gesetzt haben. das muss „nichtchristliche ,geldverleiher‘“ heißen.

  3. 3 NieWiederBeides 20. Februar 2012 um 21:47 Uhr

    „die „99 Prozent“,“ – meinst du dort nicht eher „die 1%“?

    Ich fand, dass die kurze Einführung in die Begrifflichkeit (Antisemitismus und Kapitalismuskritik) eine angemessene Reaktion auf die Kommentare war, ebenso der heutige Artikel.

    Ich habe es lieber, wenn ich das Wörtchen „strukturelle“ vor dem „Antisemitismus“ sehe, wenn eben diese Spielart gemeint ist, die Entsprechung dazu als ‚offener Antisemitismus‘ benannt wird.
    M.E. nach kann durch das Einhalten einer solchen Abgrenzung gewissen Beißreflexen vorgebeugt werden.
    An manchen Stellen machst du das auch. In dem Artikel über Schramm gibst du die Unterscheidung allerdings zugunsten der Polemik auf.

    Vor einiger Zeit habe ich selber versucht einer Person zu erklären, wieso denn der Antisemitismus (gemeint war der offene) denn heutzutage noch immer eine personelle Basis hat. Nachdem ich betreffende Person vorweg mit einer Aussage á la „Die Gesellschaft besteht doch aus Antisemiten“ (gemeint waren die strukturellen) geschockt hatte, brauchte ich eine ganze Weile, um eben die o.g. Unterscheidung (strukturell vs. offen) und das Verhältnis der beiden zueinander zu erörtern.
    Schramm ist da eher so der Grenzgänger…

  4. 4 bigmouth 20. Februar 2012 um 23:38 Uhr

    (Noch haben Israel und Imperialismus sonderlich viel miteinander zu tun.)

    lol

  5. 5 S1R 21. Februar 2012 um 19:30 Uhr

    Ich bin per Blogsport TOP10 auf diesen blog gestoßen und bin sehr positiv überrascht. Bei der Lektüre dieses und anderer Artikel hab ich versucht irgendwo eine Gelegenheit zu finden, meinen ergänzenden Senf hinzuzufügen, musste mich aber aufgrund der weitesgehend vollständigen Analyse und Argumentation meiner Rolle als passiver Beobachter beugen. Nichtsdestotrotz wollte ich mal loswerden, dass ich die Beiträge sehr schön zu lesen und gut nachvollziehbar finde.
    Einen Beitrag zum Thema Kommentarspalten hätte ich noch: Es scheint schon fast eine Notwendigkeit zu bestehen, dass auf Artikel die Antisemitismus behandeln, im speziellen deren nicht so augenscheinliche Ausformungen, immmer die selben niveaulosen und bereits im Artikel selber behandelten Äußerungen und Ressentiments niedergeschrieben werden. Erstaunt bin ich schon über so viel Erkenntnisverweigerung. Offensichtlich ist der Wunsch nach Einfachheit und Teil der 99% zu sein zu stark.
    @bigmouth: lol, weil du die Aussage für falsch hälst?

  6. 6 georgi 21. Februar 2012 um 20:07 Uhr

    1. Zionisten und Antideutsche würgen Antiimperialisten gern einmal den Antisemitismus hinein. Tatsächlich spielt der Antiimperialismus eine gewisse Rolle bei der sogenannten Israelkritik, die angeblich nichts anderes darstellen würde, als „linker Antisemitismus“. Darauf spielt bigmouth wohl an.

    2. Ich habe selbst schon vor wenigen Wochen etwas zum selben Thema geschrieben.

    3. Rücke ich langsam inhaltlich von meinen eigenen Positionen ab. Das ist mir alles viel zu hysterisch und zu monomanisch. Wenn Hitlers Konzentrationslager Auschwitz das einzige ist, was in der Analyse eine Rolle spielt, und man dabei auch noch den Massenmord an Roma & Sinti, den slawischen Untermenschen, den Asozialen, Homosexuellen und allen anderen Naziopfern übergeht, da kommen mir schon Zweifel. Das geht wohl auch anderen so. Wenn schon türkische Putzfrauen und libanesische Schüler allein schon aufgrund ihres Daseins als Antisemiten gelten, und man schon den Schulterschluß mit Islamisten zugeschmutzt bekommt, wenn man deren Sichtweisen etwas ernster nimmt, z.B., indem man die falschen Demokratiebewegungen im Nahen Osten begrüßt (also die Ägyptens und Tunesiens zum Beispiel), dann kann man Menschen auch nicht die Erkenntnisverweigerung übelnehmen, wenn sie gegen die Zumutungen des Kapitalismus protestieren, und dabei ihr Anliegen nicht gern mit hysterischen Antisemitismus-Vorwürfen delegitimiert sehen möchten, seien sie auch noch so berechtigt.

  7. 7 S1R 21. Februar 2012 um 21:13 Uhr

    zu 1)
    Antiimperialist*innen muss nicht Antisemitismus hineingewürgt werden, er ist m.E. Teil der Ideologie. Deswegen sehen sich viele Antiimperialist*innen dem Vorwurf des Antisemitismus ausgesetzt, sofern sie mal mit Leuten in Berührung kommen, die anderer Meinung sind als sie. Israelkritik ist dann antisemitisch, wenn sie es ist. Und das ist sie fast immer.

    zu 2) Okay…

    zu 3)
    Du musst schon genauer ausführen, was Du für hysterisch und monomanisch hälst. Der Artikel über Schramm zeigt doch ziemlich nachvollziehbar, worin das antisemitische in seinen Aussagen besteht. Der darauffolgende Artikel zu den Kommentaren führt diese Analyse nur auf das Geschriebene in den Kommentarspalten weiter.
    So ganz verstehe ich nicht, warum Du Opfer des NS gegeneinander versuchst auszuspielen. Und ja, Menschen sind nicht qua vermeintlicher Herkunft antisemitisch. Aber wenn Individuen antisemitisch argumentieren und entsprechende Ressentiments äußert müssen sie sich doch nicht wundern als Antisemit*in bezeichnet zu werden. Es gibt außer Nazis und Anderen nur sehr wenige Menschen, die von sich aus sagen, sie seien Antisemit*innen. Das ist immer eine Bewertung von außen, der eine entsprechende Analyse und Argumentation vorraus geht.
    Es ist an sich nichts verwerfliches gegen die Zumutungen des Kapitalismus zu protestieren. Es wird dann zum Problem, wenn es bei einer reinen bauchgeleiteten Empörung bleibt, die letztlich zu antisemitischen, rassistischen oder anders ressentimentgeladenen Welterklärungen führt. Und dafür dürfen Leute auch angemault werden. Schließlich ist es kein Wert an sich, sich aufzuregen und „Hängt den Dieb“ zu schreien.
    Berechtigte Kritik bleibt berechtigt, auch wenn die Kritisierten es nur ungern hören und deshalb austicken.

  8. 8 Juli 21. Februar 2012 um 23:47 Uhr

    @georgi

    @1.
    Wieso genau kommst Du jetzt darauf, ich sei „Antideutscher“? Weil ich Antisemitismus thematisiere? Und zwar als Selbstzweck, um mich Leuten zu erwehren, die anderer Meinung sind? Das wäre dann ja eine Haltung, die sich völlig gegen Kritik abgedichtet hat. Da kann es gar keinen Antisemitismus geben, weil alle die den „Vorwurf“ äußern, das ja nur tun, um ein fieses reaktionäres Programm voranzubringen. Das interessiert mich wirklich: wie stellst Du Dir das vor?

    @3.
    auch hier frage ich mich, was das mit meiner argumentation, meinem blog oder gar mir zu tun hätte. wo habe ich jemals proteste im nahost delegitimiert? wo habe ich die NS-verbrechen auf antisemitismus reduziert? wo habe ich menschen aufgrund ihrer herkunft oder religion als antisemitinnen bezeichnet? auch das interessiert mich wirklich: warum packst du das hier aus? und warum schreibe ich mir gegen all diese dinge die finger wund, nur um dann doch reingedrückt zu kriegen, das ich sie praktizieren würde. erkläre es mir doch irgendwer!

  9. 9 gelu 22. Februar 2012 um 13:59 Uhr

    Ich empfinde die Verwendung von Begriffen wie Parasit und Wirt im Zusammenhang der Kapitalismuskritik auch als hoch problematisch und mich beschleicht bei der Schramm-Tirade inkl. Publikumsreaktionen ein ganz flaues Gefühl, dennoch zeigt sich für mich hier ein Dilemma, auf das die Kritiker des „strukturellen Antisemitismus“ nicht wirklich eingehen: Auch wenn die Begriffe Wirt und Parasit von den Nazis aus ganz anderen Motiven verwendet wurden, so ist die Metapher meiner Meinung nach in der Sache durchaus zutreffend. Und das nicht nur bei personalisierender, sondern auch bei systemischer Kapitalismuskritik. Die im Artikel angebotene Formulierung, dass „der Fuchs hier wohl ein Huhn gefangen habe“, ist zwar der Antisemitismus‘ unverdächtig (allerdings auch nicht weniger biologisierend), aber eben auch eine viel schlechtere Zustandsbeschreibung. Der Fuchs frisst das Huhn ja. Gerade die augenblickliche Situation in Griechenland zeigt uns aber, dass der Fuchs keinerlei Interesse daran hat, das Huhn zu fressen, sondern vielmehr, es in einem Zustand am Leben zu erhalten, der es ihm (dem Huhn) erlaubt, seinen Schuldendiensten nachzukommen. Auf eine solche Situation passt die Metapher von Parasit und Wirtstier wie angegossen.
    Ist es denn überhaupt möglich, eine Kritik an diesem Zustand zu formulieren, ohne mich dem Vorwurf auszusetzen, antisemitische Stereotypen zu bedienen? Selbst wenn ich jegliche Metaphern vermeide, so muss ich mich doch irgendwie auf den Akteur Banken/internationales Finanzsystem beziehen und schon kann mir jemand sagen: „Hah, klassische Nazi-Dichotomie zwischen schaffendem und raffendem Kapital!“

  10. 10 bigmouth 22. Februar 2012 um 15:09 Uhr

    ich möchte anmerken, dass marx zB vampirmetaphorik im kapital durchaus benutzt

  11. 11 Juli 22. Februar 2012 um 15:30 Uhr

    @bigmouth

    ja, das tut er, da hast du sicherlich. dazu wäre allerdings zu beachten, dass

    1. marx selber noch im kapital sehr widersprüchlich ist und in gewisserweise zwei argumentationsschienen nebeneinander fährt. eine systematisch-logische und eine politisch-agitatorische, die sich z.T. inhaltlich widersprechen und nicht recht zusammengehen. das liegt m.E. ganz einfach daran, dass er sich ja mit der seiner theorie aus dem wust der bürgerlichen theorie herausgearbeitet hat und da ist es nicht verwunderlich, dass er an ein paar punkten nicht die volle konsequenz walten lässt – das wäre ja schon geradezu übermenschlich….

    2. dass er das zwar getan hat und die metaphorik an den entsprechenden stellen auch entsprechend problematisch ist. aber er hat es getan bevor die entsprechenden Metaphern zur Begründung eines historisch einmaligen Mordprogrammes benutzt worden sind. Deshalb werden die nicht toll oder unproblematisch – aber es ist m.E. schon noch mal was anderes, die entsprechenden Vokabeln zu benutzen, nachdem bekannt geworden ist, zu welchen Folgen ihre konsequenten Anwendung führen kann…

  12. 12 S1R 22. Februar 2012 um 15:32 Uhr

    Allein schon das Bild vom Wirt und Parasit als legitime Beschreibung für die Situation in Griechenland heranzuziehen halte ich für problematisch. Wieso sollte das in Ordnung sein? Was anderes als den Volkskörper könnte Griechenland denn dabei repräsentieren? In Ruhe betrachtet haben Staaten wie Griechenland zunächst einmal nur Schulden gegenüber ihren Gläubigern, ob es jetzt Banken oder andere Staaten oder Privatpersonen sind ist erst einmal egal. Und diese können sie nun nicht bedienen, was dann logischerweise in Insolvenz enden würde. Bei Staaten sieht das selbstverständlich ein wenig anders aus, ist ja nicht mit einen Unternehmen so ohne weiteres vergleichbar. Die sozialen Folgen sind durchaus problematisch aber eben kein Grund, auf barbarische Welterklärungen zurückzugreifen.
    Parasiten sind charakterisiert dadurch, dass sie ohne das zutun ihres Wirtes diesen befallen und sich von ihm/ihr ernähren. Dem Wirt kann das schaden oder auch nicht, jedenfalls ist das entscheidende die Unfreiwilligkeit der Liaison. Den Gläubigern kann nur schwerlich vorgeworfen werden, sie hätten Griechenland hinterrückst verschuldet. Schulden sind Teil des Kapitalismus, selbst wenn es die Finanzbranche in der heutigen Form nicht gäbe. Jeder Betrieb nimmt regelmäßig Kredite auf, so eben auch Staaten. Und sie verpflichten sich, diese zurückzuzahlen und die Gegenseite pocht verständlicherweise auf die Einhaltung des Verweinbarten. Es handelt sich bei den Vertragspartner*innen schließlich um mündige Subjekte. Im Kern geht es doch bei der „Nazi-Dichotomie“ darum, den Spieler*innen das Einhalten der Spielregeln vorzuwerfen, sobald man selber auf der Verliererseite steht. Und aus dieser gefüllt unterdrückten Rolle heraus Wut zu spüren und in antisemitischen Gut/Böse-Schemata zu artikulieren ist sozialpsychologisch vielleicht noch verständlich, aber nicht akzeptabel.

  13. 13 georgi 22. Februar 2012 um 19:03 Uhr

    Hallo S1R und die Blogherrin!

    „Hab ich doch gar nicht gesagt!“ Natürlich seid ihr keine Antideutschen. Muslimische Einwanderkinder diskriminiert ihr auch nicht. Mit Eurer Kritik an Georg Schramms Ausfällen bin ich sogar vollständig einverstanden.

    Nur:

    Genau wie Antisemiten ihren Antisemitismus durch spezielle Codes verbergen, die man kennen sollte, sollte man auch den Kontext kennen, den Zionisten, Antideutsche und andere Diskurs-Terroristen herstellen. Zumindestens stellen viele Diskussionsteilnehmer hier genau diesen Kontext her, ohne daß Du etwas dafür kannst. Sie erwarten einfach, daß, wenn jemand einen Vorwurf des Antisemitismus erhebt, der u.U. nicht einmal unbegründet ist, die Rede schnell auf den Nahost-Konflikt, dem Islam oder, weiß der Geier was, kommt, weil sie es so gewöhnt sind. Das gehört hier aber gar nicht her, weil Georg Schramm ein typisch rein-deutsches Problem ist. Das kommt davon, wenn man einen ehrenrührigen Vorwurf wie den des Antisemitismus by association begründet, also etwa so: X hat Y gesagt und das steht ungefähr so auch im „Mein Kampf“, also ist X Nazi/Antisemit. Abgesehen davon liegt dem eine recht platte Sicht auf die Hitlerzeit zugrunde und unterstellt den betreffenden Piraten, Occupanten, Linken, libanesischen Schülern und türkischen Putzfrauen eine falsche Motivation für ihr politisches Engagement. Occupanten demonstrieren nämlich z.B. nicht, weil sie Juden hassen, sondern, weil es ihnen beschissen geht. Georg Schramms Ausfälle sind natürlich trotzdem ein Problem.

    Debatten um Antisemitismus sind halt manchmal schwierig:
    http://kulturkritik.net/politik/schwarzenegger/index.html

  14. 14 Juli 22. Februar 2012 um 23:05 Uhr

    @georgi

    das finde ich tatslich nicht.

    zunächst gibt es ja einen speziellen unterschied zwischen den beiden von dir vorgetragenen fällen (antideutsche wortwahl und biologistisch-personifizierende wortwahl). im letzteren fall nämlich sind die vokabeln wesentlicher teil der argumentation. die beschreibung gesellschaftlicher probleme mit bio-metaphern ist das kernstück der NS-Ideologie. gerade weil die eben Gesellschaft als was biologisches wahrnehmen. und die vokabeln kriegen ja auch nur dadurch bedeutung, dass sie eben unterschwellig bedeutungen produzieren. wie ich ja mehrfach argumentiert habe. ich wiederholes jetzt mal nicht ;-)

    es geht also nicht um reine assoziation. wörter kriegen durch ihre verwendung historische bedeutungen. die müssen nicht immer alle kennen, da gebe ich dir recht. aber es ist doch mehr als überzufällig, dass leute, die von „parasiten“ in der finanzindustrie reden ausschließlich (!) bei einem erklärungsmodell landen, das strukturell genau so funktioniert wie das vermeintlich nur assoziierte. und ich bin sozialforscher genug um da nicht an zufälle zu glauben ;-)

  15. 15 bigmouth 23. Februar 2012 um 15:03 Uhr

    „wörter kriegen durch ihre verwendung historische bedeutungen. die müssen nicht immer alle kennen, da gebe ich dir recht.“

    aber wenn die verwendende person die historische bedeutung nicht kennt, kann sie sie auch nicht mitmeinen. da kann sie höchstens der empfänger, der diese kenntnis hat, hinein interpetieren

  16. 16 S1R 23. Februar 2012 um 16:24 Uhr

    @bigmouth
    Der Witz an Diskursen ist, dass Individuen gar nicht bewusst alles wissen und einordnen müssen. Wenn dem so wäre, könnte man Leuten nie etwas vorwerfen, weil sie immer sagten könnten „hab ich nicht gewusst“. Die bloße Nennung von Begriffen reicht aus um komplette Wert- und Bewertungssysteme abzurufen. Wie schon mehrmals gesagt, ist es kein Zufall welche Begriffe für was verwendet werden, sondern Teil einer Ideologie oder zumindest von Denkstrukturen. Wenn man so argumentieren würde wie Du, dann wäre jede Kritik an Leuten nur von den Kritiker*innen in die konkrete Situation hineininterpretiert und nur Leute wären rassistisch, antisemitisch, sexistisch etc. die sich offen dazu bekennen. Dass das so nicht funktionieren kann ist glaube ich offenkundig.

  17. 17 bigmouth 23. Februar 2012 um 18:24 Uhr

    ne, ich rede ja nicht über bekenntnis, ich rede über wissen. ansonsten kannst du, wenn du gute gründe zur annahme hast, den leuten nämlich vorwerfen, dass sie lügen, und sich bewußt bestimmter begriffe bedienen, aber gleichzeitig verschleiern wollen, dass sie das tun.

    und ich denke außerdem, dass man leute dafür kristieren kann, wenn sie bei anderen durch sprachwahl bestimmte assoziationen hervorrufen. dann aber nicht in einem empörten impetus, das bringt eh nichts.

    außerdem: es kann durchaus sein, dass dir ein diskurs bekannt ist, aber kaum einem der anderen adressaten. dann geht die kritik eh fehl

    ich finde die formulierung „Wenn dem so wäre, könnte man Leuten nie etwas vorwerfen, “ übrigens sehr interessant. offenbar geht es dir bei kritik nicht darum, fehler zu bennen, aufzuklären usw. sondern darum, leuten vorwürfe zu machen. interessant!

    außerdem glaube ich eben nicht, dass aussagen durch bloße missglückte begriffswahl, wo bestimmte historische bedeutungen mitschwingen, schon rassistisch oder so werden können.

    beispiel: ich glaube nicht, dass ein satz existiert, wo durch den bloßen austausch von sagen wir mal „neger“ gegen „schwarzer“ dessen inahtliche aussage von rassistisch zu nichtrassistisch geändert wird. oder dass ein satz

  18. 18 Juli 23. Februar 2012 um 18:56 Uhr

    @bigmouth

    mensch, biste jetzt beim gsp gelandet? *gg*

    naja, mal im ernst: ich finde tatsächlich, dass das komplizierter ist als du andeutest. ich habe das ja oben ausgeführt: die metapher musste so gewählt sein, dass die leute sie verstehen. das haben sie, weil er von „parasit“ gesprochen hat. weil damit „aussaugen von natürlichem“ assoziiert wird.
    nun hast du vielleicht recht und er wusste nicht, in welchen kontexten der begriff noch so auftaucht. trotzdem braucht er genau den begriff um genau das auszusagen, was er aussagen will. nämlich, dass da etwas natürliches (irgendwas mit „wir“ vermutlich) ausgesaugt wird. in dem begriff spiegelt sich also das theorem, das seinem vortrag zu grunde liegt.

    nun kann mensch, da hast du recht, das inhaltlich kritisieren. was ich ja im letzten beitrag auch versucht habe. aber ich finde es trotzdem legitim, einfach mal darauf hinzuweisen, was für wörter so verwendet werden. und ich fand es erschreckend zu sehen, wer so alles das achselzuckend hinzunehmen bereit ist…

  19. 19 earendil 23. Februar 2012 um 19:24 Uhr

    @Juli: Mal ein Vorschlag. Wenn der ganze Hype um die Nicht-Kandidatur vorbei ist, kannst du dich nicht mal als investigative_r Blogger_in betätigen und versuchen, von Schramm selber zu erfahren, wie er denn diese Sachen gemeint hat und ob ihm die Nähe zu antisemitischem Vokabular bewusst ist?

    Ich vermute (!) ja, dass das keineswegs antisemitisch gemeint ist. Etwa der Satz: „Als es [das Geldverleihen] noch ein dreckiges Handwerk war, das ein ehrbarer Christ gar nicht ausüben wollte.“ Ich denke nicht, dass er damit auf nichtchristliche, also jüdische Geldverleiher abzielte, sondern einfach ausdrücken wollte, dass das Bankgeschäft damals eine verrufene Tätigkeit war (und das seiner Ansicht nach auch heute sein sollte). Ist natürlich auch Spekulation. Und in jedem Fall muss man ihm falsche Kapitalismuskritik, Neigung zu verschwörungstheoretischem Denken und wenigstens fahrlässige Anschlussfähigkeit zu antisemitischen Diskursen vorwerfen.

    @S1R: Wenn für dich „die bloße Nennung von Begriffen“ – eigentlich meinst du ja nicht Begriffe, sondern Wörter bzw. Phrasen – schon ausreicht, „um komplette Wert- und Bewertungssysteme abzurufen“, dann kannst du in der Tat in Aussagen alles mögliche hineininterpretieren, das tatsächlich nicht gemeint oder verstanden wurde. Es steht eben nicht hinter jeder Parasiten-Metapher NS-Denken! Manchmal ist das so, und wegen seiner gesellschaftlichen Tabuisierung wird ja gerade Antisemitismus heute meistens codiert geäußert. Aber um festzustellen, ob das tatsächlich so ist, muss man schon ein bisschen den jeweiligen Kontext erhellen.

  20. 20 bigmouth 23. Februar 2012 um 19:45 Uhr

    ah, earendil, blogsports stimme der vernunft

    :-*

  21. 21 S1R 23. Februar 2012 um 23:35 Uhr

    @bigmouth
    Nein du irrst dich. Ich habe durchaus Interesse daran Leute aufzuklären indem ich Fehler benenne und so fort. Allerdings gibt es auch Situationen in denen ich es gerechtfertigt finde, Leuten was vorzuwerfen und nicht mehr der nette Aufklärer zu sein. Wenn beispielsweise sich jemand aus purer Ideologie gegen Argumente sperrt und einen nicht ernstnimmt, dann bleibt einem nicht viel anderes übrig als Vorwurf und Polemik. Mehr als erklären geht nicht.
    Leute wie Schramm haben keine mißglückte Sprachwahl, denn schließlich ist Sprache ihr Beruf. Man kann Schramm und Konsorten schwerlich Naivität oder Unwissenheit zugute halten, zumal er schon gefühlte 100 Jahre im Geschäft ist. Er wird mit großer Wahrscheinlichkeit um die Diskurse wissen, weshalb er sie ja bedient. Die Wirkung ist ihm mit Sicherheit auch bewusst.
    Deinem Beispiel am Ende kann ich zustimmen, werte es allerdings eher als Zustimmung für meine These. Die andere Codierung ändert nichts an der Aussage.
    Insgesamt bin ich der Meinung, dass man Leuten das Gesagte schon abkaufen kann und sie auch dahingehend kritisieren sollte. Ob sie den Diskurs bewusst nutzen oder nicht spielt erstmal keine Rolle, weil das Gesagte so oder so seine Wirkung entfaltet.

    @earendil
    Mir sagte mal jemand auf die Frage, warum er homophobe Beleidigungen verwendet, dass er ja nichts gegen Schwule hätte, aber den Typen halt scheiße findet. Deswegen hat er ihn als Schwuchtel bezeichnet. Hier war es laut Sprecher auch nicht so gemeint wie es sich anhörte, aber im ernst: was außer Homophobie soll das sein? Es kommt bei den Begriffen die man verwendet gar nicht so sehr darauf an was die Sprecher*in meint, sondern auf das was ankommt. Und wie etwas ankommt und welche Gedanken und Bilder es in Köpfen eröffnet hängt nun mal von den gesellschaftlich hegemonialen Diskursen ab. Da kann man sich noch so sehr hinstellen und sagen, man meint es ganz anders. Ein Hakenkreuz wird in Deutschland nie wieder als aufgehende Sonne verstanden werden. Die Möglichkeit existiert nicht mehr. Deshalb kann man dieses Symbol auch nicht in einem umgedeuteten Sinne verwenden. Bei der Parasit/Wirt-Metapher gilt dasselbe. Mal ganz davon abgesehen, dass wie bereits erwähnt diese Art der Welterklärung problematisch ist. Vielleicht noch ein Beispiel: Wenn ich von Ausländer schreibe, entstehen in deinem Kopf keine blonden blauäugigen Nordmannen, sondern andere Stereotype Darstellungen von Menschen. Ich könnte aber jetzt hergehen und behaupten, ich meinte damit Norweger.
    Es gibt millionen Studien zum generischen Maskulinum und der daraus folgenden sprachlichen und diskursiven Unsichtbarkeit von Frauen, die sich schließlich in gesellschatlichen Rollenmustern und Wertungen von Frauen niederschlägt.
    Und ja es geht auch um den Kontext. Der Kontext indem Schramm das verwendet hat, was hier kritisiert wird ist in meinen Augen eindeutig. Er kennt sein Publikum und weiß was er sagen muss um den größtmöglichen „Jawohl“-Effekt zu erzielen. Nichts weiter als Stammtischparolen, nur auf Bildungsbürger.

  22. 22 tee 24. Februar 2012 um 0:48 Uhr

    beispiel: ich glaube nicht, dass ein satz existiert, wo durch den bloßen austausch von sagen wir mal „neger“ gegen „schwarzer“ dessen inahtliche aussage von rassistisch zu nichtrassistisch geändert wird.

    ich schon. kommt halt auf den kontext an. ;)

  23. 23 earendil 24. Februar 2012 um 12:03 Uhr

    @S1R: Auch bei einem Wort wie „Schwuchtel“ kommt es auf den Kontext an. In deinem Beispiel soll das wie so oft eine Beleidigung sein. Wenn der Sprecher nach eigenem Verständnis nicht homophob ist, kann man ihn schon fragen, warum Schwuchtel dann für ihn eine Beleidigung ist.

    Bei der Parasit/Wirt-Metapher gilt dasselbe.

    Nein. Das Hakenkreuz wird noch jedes Schulkind als Nazisymbol verstehen. Die Parasit/Wirt-Metapher wird dagegen viel breiter verwendet, da schwingt keineswegs immer NS-Denke mit.

    Der Kontext indem Schramm das verwendet hat, was hier kritisiert wird ist in meinen Augen eindeutig.

    Eindeutig „gegen Finanzkapitalismus“, das sicher. Aber auch eindeutig antisemitisch? Seh ich nicht so, weder bei Schramm noch bei seinen Zuhörer_innen. Ok, die Antisemit_innen unter diesen werden ihn sicher in ihrem Sinne verstehen, und dass das problemlos möglich ist, muss man Schramm ankreiden. Ich sehe aber keine Anhaltspunkte dafür, dass es sich bei den Occupy-Leuten generell um einen Haufen Antisemit_innen handelt.

    @Bigmouth: Danke. Endlich erweist mir mal jemand den verdienten Respekt! ;)

  24. 24 S1R 24. Februar 2012 um 12:32 Uhr

    @earendil
    Wir können uns vortrefflich darüber streiten, ob Parasit/Wirt eine antisemitische Metapher ist oder nicht, einigen werden wir uns mit großer Wahrscheinlichkeit nicht. Ich finde es eher problematisch, das diese Metapher so breit verwendet wird eben wegen ihrer historischen Bedeutung, als dass dieser Umstand das antisemitische der Metapher relativieren würde. Ich deute es so, das strukturell antisemitische Argumentationen weit verbreitet sind. Über die Ursachen hierfür wurde schon viel geschrieben und als Lektüre zu der Verbreitung von antisemitischen Stereotypen in Deutschland emphielt sich die Studie „Deutsche Zustände“.
    Über Occupy-Leute wurde auch schon viel geschrieben und analysiert. Meine Meinung zu dieser Bewegung ist, dass das simple Gut/Böse-Schema, also wir guten 99% und die bösen 1% strukturell antisemitsch ist wobei nicht gesagt ist, dass jede*r Teilnehmende bekennende*r Antisemit*in ist. Das ist ja auch gar nicht nötig. Nur wer bei irgendeiner Bewegung mitmacht muss sich halt fragen lassen, warum antisemitische Argumentation geduldet werden. Hab ich nicht gewusst gilt nur solange, bis man darauf aufmerksam gemacht wurde. Aber das ist ja auch ein völlig anderes Thema. Wenn ich mich recht entsinne ging es bei Schramm um Stuttgart 21 und nicht um Wallstreet.
    Und nochmal: Schramm ist nicht irgenwer sondern Kabarettist dessen Job es ist, mit Sprache zu arbeiten und Diskurse zu bedienen. Deshalb muss sich so jemand der Frage stellen, warum er Sachen sagt, die problematisch sind. Um mehr geht es doch erstmal gar nicht. Ob sich hinter dem Gesagten eine ganze Gesinnung verbirgt oder nicht, müsste ein längeres Gespräch mit Schramm oder anderen zeigen. Aber auch das ist ein anderes Thema.

  25. 25 earendil 24. Februar 2012 um 15:05 Uhr

    @S1R: Ich halte im Grunde die ganze Kategorie „struktureller Antisemitismus“ für Unfug. Wäre jetzt aber in der Tat ein weites Feld, und ich hab grad keine Lust das auszudiskutieren.

    Nur wer bei irgendeiner Bewegung mitmacht muss sich halt fragen lassen, warum antisemitische Argumentation geduldet werden.

    Klar. Aber wird das denn tatsächlich geduldet? Also direkt, nicht nur „strukturell“ antisemitische Argumentation, die auch so verstanden wird.

    Wenn ich mich recht entsinne ging es bei Schramm um Stuttgart 21 und nicht um Wallstreet.

    Stimmt, das hab ich jetzt verwechselt. Aber bei Occupy Frankfurt ist er ja auch aufgetreten, wenn ich mich nicht irre mit ähnlichen Inhalten.

    Deshalb muss sich so jemand der Frage stellen, warum er Sachen sagt, die problematisch sind.

    Deshalb ja mein Vorschlag zu versuchen, ihn selber zu fragen.

  26. 26 S1R 24. Februar 2012 um 15:36 Uhr

    @earendil
    Zu Schramm: Man muss ihn nicht fragen, wie er was gemeint hat, weil darauf kommt es nicht an. Aber das habe ich ja schon mehrmals versucht zu erklären.
    Ich bin jetzt nicht den ganzen Tag damit beschäftigt, die Occupy-Bewegung auf nicht strukturell antisemitische Argumentationen hin zu analysieren. Struktureller Antisemitismus reicht nach meiner Auffassung zur Disqualifizierung. Auch wenn du nicht über strukturellen Antisemitismus reden magst, möchte ich trotzdem darauf hinweisen, dass du wahrscheinlich strukturellen Rassismus nicht für Unfug hälst. Also das dir schon bewusst ist, warum beispielsweise das deutsche Staatsangehörigkeitsrecht strukturell rassistisch ist und warum die Rede von „Ausländern“ ebenfalls strukturell rassistisch ist. Von daher glaub ich eher, dass nicht die nach deiner Ansicht unfughafte Argumentation mit strukturellem Antisemitismus das Problem ist, sondern das die ganzen auf Wut und Feindbildprojektion basierenden Welterklärungen (auch linke) kritisiert und problematisiert werden und nicht mehr so klar ist wer gut und wer böse ist. An irgendeiner Berliner Hauswand steht: „Die Grenzen verlaufen nicht zwischen Nationen sondern zwischen Dir und mir.“ Soll heißen, dass eben nicht ausschließlich pauschale Kategorien von vermeintlichen Herrschern und Beherrschten die Fronten bilden, sondern das Herrschafts-, Gewalt- und Unterdrückungsmechanismen einem auch in Form von konkreten Nichtfeindbild-Individuen begegnen. Das ist glaube ich der Kern unseres Dissens, weshalb sich weitere Diskussionen erübrigen. Hat mir aber trotzdem Spaß gemacht.

  27. 27 bigmouth 24. Februar 2012 um 17:43 Uhr

    „Man muss ihn nicht fragen, wie er was gemeint hat, weil darauf kommt es nicht an. “

    dass jemand so was schreiben kann, ohne zu erröten…

  28. 28 earendil 25. Februar 2012 um 1:57 Uhr

    Zu Schramm: Man muss ihn nicht fragen, wie er was gemeint hat, weil darauf kommt es nicht an.

    Doch, natürlich kommt es (auch) darauf an. Z.B. könnte Schramm, wenn er das nicht antisemitisch gemeint hat, eben das klarstellen, was auch die Rezeption des Gesagten beeinflussen würde. Heißt: Wenn klar wäre, dass das nicht antisemitisch gemeint war, wäre es für Antisemiten deutlich schwieriger, Schramm als Bestätigung ihrer Denke heranzuziehen.
    Und außerdem könnte es Schramm helfen, künftig seine Wortwahl etwas anders zu gestalten.

    Wie gesagt, der Kontext ist wichtig, und zu diesem gehört selbstverständlich auch, wie es denn nun von Seiten des Senders gemeint war.

    Auch wenn du nicht über strukturellen Antisemitismus reden magst, möchte ich trotzdem darauf hinweisen, dass du wahrscheinlich strukturellen Rassismus nicht für Unfug hälst. Also das dir schon bewusst ist, warum beispielsweise das deutsche Staatsangehörigkeitsrecht strukturell rassistisch ist und warum die Rede von „Ausländern“ ebenfalls strukturell rassistisch ist.

    ALso jetzt wird’s wirr. Was du ansprichst, sind zwar rassistische Strukturen, aber ganz gewiss kein „struktureller Rassismus“ in einem ähnlichen Sinne wie „struktureller Antisemitismus“. Letzterer soll ja sowas wie antisemitische Stereotypen ohne den direkten Bezug auf Juden sein. Und dem direkten Bezug auf die ins Visir genommene Menschengruppe „Ausländer“ fehlt es in deinen Beispielen ja nun gerade nicht.

  29. 29 S1R 25. Februar 2012 um 12:01 Uhr

    @bigmouth
    Du machst deinem Namen alle Ehre. Wenn du nichts konstruktives beizutragen hast, spar Dir doch einfach deine unqualifizierten Bemerkungen.

  30. 30 S1R 25. Februar 2012 um 12:45 Uhr

    @earendil
    Also was denn jetzt? Willst über strukturellen Antisemitismus diskutieren oder nicht?
    Strukturen existieren nicht wie du implizit voraussetzt ausschließlich in Verwaltungsform, was beim Beispiel mit dem Staatsangehörigkeitsrecht zutreffen würde. Sondern vorallem als Denk- und Argumentationssysteme. Das Beispiel „Ausländer“ sollte zeigen, dass die Bezeichnung einer Menschengruppe rassistische Stereotype im Kopf bedient, genauso wie das Wörtchen „Parasit“ antisemitische Stereotype im Kopf bedient. Darin liegt die Ähnlichkeit.
    In dem Beitrag von Juli „Muss es die Klasse sein, die kämpft“ zeigt Schramm recht deutlich in dem Video wessen Geistes Kind er ist. Allein deshalb ist ein Gespräch mit ihm überflüssig. Außerdem weiß ich nicht, wieso man immer das was Leute sagen, relativieren sollte und nicht einfach davon ausgeht, die meinen das was sie sagen. Vermutlich gilt Schramm als „Linker“, weshalb es ein Urbedürfnis von Genoss*innen zu sein scheint ihn zu verteidigen. Genauso wahrscheinlich ist aber das was ich bereits ausgeführt hatte. Wenn die Rede von strukturell antisemitischen Argumenten ist, löst sich das attraktive Gut/Böse-Schema in Wohlgefallen auf und damit die eigene politische Agenda

  31. 31 unerträglich 25. Februar 2012 um 14:35 Uhr

    Ich finde es eher problematisch, das diese Metapher so breit verwendet wird eben wegen ihrer historischen Bedeutung

    ich finde diese „metaphern“ kritikabel, weil aus ihnen kapitalismusaffirmation spricht. die historische bedeutung ist mir ziemlich wurscht, man kriegt dann eh im streitgespräch mit den sich so äußernden kapitalismusfans raus, ob es „nur“ nicht-antisemitische fans sind oder sogar antisemitische.

  32. 32 Jürgen 25. Februar 2012 um 17:44 Uhr

    Ich will nur zu den nichtchristlichen Geldverleihern noch was sagen. Falls schon irgendwo in den Kommentaren geschrieben/geklärt, ignorier mich einfach.

    Natürlich meint Schramm damit keine Buddhisten ;o) Sondern Juden. Daß er sie nicht als solche erwähnt, ist m.E. keine Hinterhältigkeit, sondern hat damit zu tun, daß es ihm überhaupt nicht darum geht, diesen jüdischen Geldverleihern an den Karren zu fahren. M.E. will er damit nur sagen, daß das Geldverleihen als etwas Unehrenhaftes betrachtet wurde, und und ein „ehrenwerter Christenmensch“ damals sowas nicht (mehr) machen sollte. Um Juden selbst geht es Schramm doch an keiner Stelle, oder? Ich hoffe, jetzt kommt keiner mit dem Spruch, für Antisemitismus brauche es gar keine Juden…

  33. 33 Juli 26. Februar 2012 um 12:17 Uhr

    @Jürgen

    Aber interessanter Weise wirft der den Geldverleihern dann genau das vor, was die Nazis den Juden vorgeworfen haben. Ein Schelm ist, wer da böses denkt…

  34. 34 bigmouth 26. Februar 2012 um 13:22 Uhr

    er wirft ihnen vor, bolschewismus und kapitalismus zur heimlichen unterwerfung der welt für die zwecke ihrer rasse genutzt zu haben? wo denn?

  35. 35 Gnom vom Dienst 27. Februar 2012 um 13:21 Uhr

    Bin (indirekt) über die Nachdenkseiten hier gelandet und komme seit zwei Stunden aus dem Staunen nicht mehr heraus.
    (Eins vorweg – ich bin Schramm-“Fan“, allerdings nicht in dem abwertenden Sinne, in dem dieser Begriff hier offenbar mehrheitlich gebraucht wird.)

    Natürlich ist das „Parasit/Wirt“-Bild, das Schramm bei verschiedenen Gelegenheiten zeichnet (ist ja nicht nur auf den Occupy- und Stuttgart21-Demos, sondern z.B. auch bei der Prix-Pantheon-Verleihung von ihm gesagt worden), durchaus anstößig und meinetwegen auch hochprovokant/problematisch.

    Ich gehe davon aus, daß er sehr wohl weiß, woher er das entlehnt hat. Und daher kann (und sollte) man ihm zumindest den freundlichen Hinweis geben, daß eine wie auch immer geartete „Pointe“/Erklärung dazu dringend geboten ist (am besten innerhalb des Programms; ein Pressestatement ist in den Augen seiner „Fans“ wohl nicht nötig und bei seinen Kritikern wahrscheinlich Perlen vor die Säue, wenn ich mir anschaue, wie betoniert – nicht nur hier – die Meinung über ihn inzwischen ist.).

    Grundlegend halte ich den Vorwurf jedoch für übertrieben.
    Daß er eben NICHT von Juden spricht, sondern vom gegenwärtigen Finanzwesen, macht er schon mit dem Satzbeginn „Ich würde liebend gern den Geldverleihern wieder jenes Ansehen geben …“ klar.

    Wer auch nur mit einem Ohr hinhört oder den Halbsatz mal langsam liest, stellt fest, daß es um heutige Geldverleiher geht und nicht um die des Mittelalters (die übrigens auch nur im Klischee ausschließlich Juden waren – es sei denn, die italienischen Bankhäuser, die Templer und große Handelsimperien wie die Fugger u.a. haben jahrhundertelang ihr „Christ-Sein“ nur vorgetäuscht…).

    Man kann Georg Schramm vorwerfen, daß seine Finanzwesen-Kritik zu kurz greift; man kann ihm auch vorwerfen, daß er (zu) polemisch ist (wobei Polemik an sich in meinen Augen einen Wert und keinen Makel darstellt) – ihm Antisemitismus unterzujubeln ist allerdings ein starkes Stück.

    Nach der obigen Argumentation (sinngemäß: „kein Bruch in der Argumentation, also ernst gemeint“) ist Herr Pispers dank „Henri“ dann auch Rassist und Nazi.

    Noch was allgemeineres: warum ist personalisierte Kapitalismuskritik eigentlich per se schlecht?
    Kapitalismus ist kein Naturphänomen, sondern eine von Menschen gemachte Gesellschaftsform…

    [Zitat Juli:]
    „Aber interessanter Weise wirft der den Geldverleihern dann genau das vor, was die Nazis den Juden vorgeworfen haben. Ein Schelm ist, wer da böses denkt…“
    [/]

    Das heißt, ich darf nie wieder Geldverleiher kritisieren?
    Dann darf ich auch keine Christen mehr kritisieren?
    (Wegen Julian Apostata z.B.)
    Oder keine Afrikaner?

    Das ist doch ein Totschlag“argument“!

  36. 36 Juli 27. Februar 2012 um 13:30 Uhr

    @Gnom vom Dienst

    „Das heißt, ich darf nie wieder Geldverleiher kritisieren?“

    Jetzt kuck noch mal ganz genau in das Zitat von mir, auf das Du Dich beziehst und das gleich über diesem Satz steht. Ich habe nicht die Kritik an Geldverleihern kritisiert, sondern dass ihnen das vorgeworfen wird, was die Nazis den Juden vorgeworfen haben. Nämlich dass hier ein organischer Körper („Wir“, „das Volk“) von etwas Parasitärem ausgesaugt wird. Das also, mit anderen Worten, Gesellschaft als Biologie begriffen wird. Und das ist halt nicht nur falsch, sondern auch Nazidenke.

  37. 37 Gnom vom Dienst 27. Februar 2012 um 13:42 Uhr

    [Zitat Juli]
    „Das also, mit anderen Worten, Gesellschaft als Biologie begriffen wird. Und das ist halt nicht nur falsch, sondern auch Nazidenke.“
    [/]

    Ich muß noch mal nachschauen, aber wenn ich mich nicht schwer täusche, ist das eine „Denke“, die mindestens um die 2500 Jahre alt ist.
    Da sind wir auch gleich bei einem grundsätzlichen Problem:
    Die Nazis pervertier(t)en einen Begriff oder ein Symbol oder eine Schrift oder ein wasweißich und wir dürfen es daher auf gar keinen Fall mehr verwenden, weil wir sonst selbst Nazis sind.

    Eine wirklich kritische Auseinandersetzung mit z.B. dem Rassenwahn ist auf der Grundlage doch gar nicht möglich.
    Stattdessen ziehen wir uns weiter und weiter zurück und überlassen die Meinungsmache den Broders, Steinbachs und Sarrazins. Das kanns doch auch nicht sein!

    (Sorry, ist ’ne verkürzte Antwort, keine Zeit mehr wegen Spätschicht… ;-) )

  38. 38 Juli 27. Februar 2012 um 13:48 Uhr

    ohje… arbeit – du armes!

    davon ab: ich halte das für einen schweren fehler. wenn die linke dasselbe sagen will wie sarrazin oder steinbach, dann kann sie auch gleich zuhause bleiben.

    außerdem ist es ja auch inhaltlich falsch: das problem sind ja nicht menschen, die geldverleihen. die finanzkrise kommt ja nicht mal im ansatz daher, das zu viele menschen zu viel geld verliehen oder zu viele zinsen genommen hätten.

    ganz im gegenteil: seit den 1970er Jahren weiß das Kapital doch nicht mehr wohin mit der Kohle (Stichwort: Überproduktionskrise) und ist froh über jede Investitionsmöglichkeit im Finanzsektor. Werden die unterbunden, wird die Krise umgehend und vollständig auf die Realwirtschaft durchschlagen und dann wird der Spaß nicht gerade größer….
    (nachlesen lässt sich das übrigens http://www.krisis.org/2010/die-finanzkrise-ist-eine-krise-der-kapitalistischen-produktionsweise" rel="external">hier oder hier.

  39. 39 bigmouth 27. Februar 2012 um 17:46 Uhr

    „außerdem ist es ja auch inhaltlich falsch:“

    an dem „auch“ stören sich viele kommentierende ja gerade die ganze zeit. falsche kapitalismuskritik scheint dir eigentlich egal zu sein, erst wenn da nazi-nähe herbeikonstruierbar ist, wird sie dir wichtig

  40. 40 Gnom vom Dienst 27. Februar 2012 um 22:21 Uhr

    Du mißverstehst mich, scheint mir. Vielleicht drück ich mich auch nur unklar aus – wer weiß.
    Versuchen wirs andersrum (und mit gehörigem sarkastischen Unterton):

    Bloß gut, daß die Nazis nicht das „klassische“ Christenkreuz zum Staatssymbol erhoben haben – andernfalls hätten wir alle Kirchen umgestalten und die Heilige Schrift umschreiben müssen und jeden Christen, der Nächstenliebe unter dem Kreuz predigt, vor Gericht bringen.

    [ab jetzt ohne Sarkasmus]

    Wieso zum Geier lassen wir uns vorschreiben, welche Kultursymbole wir verwenden dürfen und welche nicht (als Metalfan kenn ich da genügend Beispiele – Stichwort Thorshammer-, auch die Spieleindustrie kennt genügend idiotische Zensurbeispiele – und ich rede jetzt nicht von „Spielen“ wie Wolfenstein oder ähnlichem Ballerschund, sondern z.B. von Antike-Simulationen, die (unter anderem) die altindischen Reiche darstellen und dort selbstverständlich auch ein Hakenkreuz darstellen, das eben kein originäres Nazi-Symbol ist)?

    Gipfel der Idiotie ist ein Prozeß gegen Träger eines Buttons/Aufklebers mit einem durchgestrichenen Hakenkreuz, weils ja „Volksverhetzung“ und „Tragen von Symbolen verfassungswidriger Organisationen“ ist.

    Hoffe, mein Punkt ist jetzt klarer.

    Ich meinte jedenfalls nicht, daß wir uns der „Argumentation“ der Rechtsausleger anschließen sollten.
    (Anderenfalls würde ich wohl kaum hier gelesen, geschweige denn geantwortet haben, oder? ;-) )

    Daß die Finanzkrise das Ergebnis eines kapitalismusimmanenten Systemfehlers ist, ist auch nicht mehr großartig diskussionswürdig (außer bei Gestalten wie Sinn, Raffelhüschen oder Henkel, aber die sind eh beratungsresistent bzw. mit genügend Geld versehen, um es nicht erkennen zu müssen/können).

    Und auch Marx hat – bei allen Verdiensten – viel zu kurz gedacht. (Blöde Überleitung: Kurz lesen! „Schwarzbuch des Kapitalismus“ ist zwar nicht gerade leichte Kost, aber sehr horizonterweiternd)

    Nur: Wenn Du postulierst, daß man keine persönliche Kapitalismuskritik äußern sollte, weil es keine persönlich schuldigen Protagonisten, sondern „nur“ ein fehlerhaftes System gibt, machst Du es Dir und den Verursachern dieser Krise viel zu leicht. Denn natürlich gibt es persönlich Schuldige. Oder hat – um ein paar zugegebenermaßen richtig platte Beispiele zu nennen – irgendein Naturgesetz Kohl gezwungen, Panzer an Saudi-Arabien zu verkaufen und dafür Bestechungsgelder anzunehmen? Oder im ELF-Skandal eine tragende Rolle zu spielen?
    Hat irgendetwas die großen amerikanischen Banken gezwungen, die FED zu installieren, um sich effektiv jeder demokratischen Kontrolle zu entziehen?
    Ist Herr Esser gezwungen worden, Bestechungsgelder anzunehmen?
    Wurde die Pharmaindustrie mit dem Tode bedroht, damit sie die Lizenzproduktion von billigen Anti-AIDS-Mitteln von und für Südafrika verbieten läßt (über den Umweg der WHO und den „Präsidenten“ Bush)?

    Und das absolute Grundproblem, das hinter all diesen Entwicklungen steht, ist nunmal a) die Gier und die Habgier und b) das Zinseszinssystem.

    Und wenn man das als Linker nicht mehr sagen darf, ohne sofort zum großen Judenfresser erklärt zu werden, dann ist wirklich etwas faul, tut mir leid.
    Der Zusammenhang zwischen dem bereits in der Spätphase der sumerischen Hochkultur höchstwahrscheinlich und in den verschiedenen babylonischen Staatsgründungen mit Sicherheit bekannten Zinseszinssystem und Antisemitismus erschließt sich mir jedenfalls nicht. :-)

  41. 41 Hoppel 28. Februar 2012 um 16:32 Uhr

    @Gnome

    You suck!!

    „Gier“ und „Habgier“ pah, ich lach mich tot. Menschen wie Du weigern sich einfach nur einzusehen, dass es keinen zu erschiessenden „Täter“ gibt, nach dessen Beseitigung das gute „Volk“ wieder befreit ist und ein Leben voller Glücksehligkeit führen kann. Genau, Kohl ist schuld, der macht Geschäfte mit den Saudis, was für ein Ferkel…
    Nein, du regst dich nicht darüber auf, dass er Panzer an bekennende Antisemiten und islamistische Barbaren verkauft nein, es ist das Schmiergeld was dir den Schlaf raubt. Du armer moralisierender Wicht! Bist wahrscheinlich Christ.
    Die Tatsache, dass sich dir der Zusammenhang zwischen personalisierter Kapitalismuskritik (die somit keine vernünftige ist) und Antisemitismus nicht erschliesst sagt mehr über dich und deinen Geisteszustand aus als über den Zusammenhang. Und nein, du machst es dir zu leicht. Bei solchen „Genossen“ schämt man sich ja förmlich für einen Linken gehalten zu werden.

    Ich muss noch was ergänzen. Deine Post habe ich erst allmählich gelesen und mich gerade an meinm Kaffee verschluckt.
    „Wieso zum Geier lassen wir uns vorschreiben, welche Kultursymbole wir verwenden dürfen und welche nicht (als Metalfan kenn ich da genügend Beispiele – Stichwort Thorshammer-, auch die Spieleindustrie kennt genügend idiotische Zensurbeispiele – und ich rede jetzt nicht von „Spielen“ wie Wolfenstein oder ähnlichem Ballerschund, sondern z.B. von Antike-Simulationen, die (unter anderem) die altindischen Reiche darstellen und dort selbstverständlich auch ein Hakenkreuz darstellen, das eben kein originäres Nazi-Symbol ist)?“

    WTF??? Meinst Du das ernst? Wenn ja erübrigt sich jede weiter Diskussion mit Dir. Du hast keine Ahnung von Dikursen oder sonstwas. Man merkt das Du Metal-Fan bist.

    Schlaf weiter

  42. 42 Gnom vom Dienst 29. Februar 2012 um 10:21 Uhr

    @Hoppel:
    Richtig. Auf dem Niveau diskutier ich tatsächlich nicht.

    Unterstellungen und Verdrehungen …

    (Wo hab ich geschrieben, daß mich die Tatsache, AN WEN die Panzer geliefert wurden, nicht stört? Oder wo, daß es NUR und AUSSCHLIESSLICH persönliche Kritik am Kapitalismus geben sollte? Wie kommst Du darauf, daß ich Christ wäre? Und wenn ja: was würde das ändern? Wo habe ich geschrieben, daß zwischen personalisierter Kapitalismuskritik und Antisemitismus definitiv und niemalsnicht kein Zusammenhang besteht? Es geht ums Zinseszinssystem, das eben NICHT von irgendwelchen ach-so-bösartigen Juden erfunden oder auch nur zuerst genutzt wurde!!! Aber um das zu wissen, muß man entweder ein bißchen Ahnung von Geschichte haben (was Du offenbar nicht brauchst, Du bist ja der große Meister des „Dikurses“ und brauchst weder Sachkenntnis noch Argumente) oder wenigstens den Kommentar, auf den man antwortet, ohne Schaum vorm Mund lesen….)

    und persönliche Beleidigungen darfst Du gerne weiter in Deinen Kaffee brüllen.

    Meine Zeit ist mir jedenfalls zu schade, um sie mit solchen „Diskussionsbeiträgen“ zu verschwenden.

    (Was eigentlich schade ist, weil ich z.B. durchaus konform gehe, daß es reichlich Diskussionsbedarf gerade zum Umgang mit Symbolen gibt. Da fehlt es an einer wirklich tragfähigen Lösung, die beiden Seiten gerecht wird. Ich bleibe allerdings dabei, daß immer nur Rückzug keine langfristig erfolgreiche Strategie sein kann.)

    Schöne Grüße ins Land der höhergestellten Dikurs-Experten (kleiner Tip: lies Deine Beiträge Korrektur, bevor Du sie abschickst. Das Lesen macht auch unabhängig vom Inhalt nicht viel Spaß. Ganz im Gegenteil – sich geistig über andere erheben, aber in jedem Satz Fehler produzieren ergibt ein eher, öhm, lächerliches Gesamtbild… ;-) )

    Und tschüß.

  43. 43 Gnom vom Dienst 29. Februar 2012 um 10:32 Uhr

    P.S.: Deine Vorstellung einer idealen linken Gesellschaft muß sehr … interessant sein.
    Die (real)sozialistischen Gesellschaften sind schließlich zuallererst an der Pervertierung der Idee durch MENSCHEN (und zwar nicht nur „denen da oben“) gescheitert/zugrundegegangen.

  44. 44 Gnom vom Dienst 29. Februar 2012 um 11:04 Uhr

    [Frage am Rande: bin ich eigentlich der Einzige, bei dem es buchstäblich Stunden dauert, bis ein geschriebener Kommentar endlich erscheint?]

    P.S.Nr.2 Richtung Hoppel: „Menschen wie Du…“ … bin gerade darüber gestolpert.
    Um mal so so verquer zu „argumentieren“ wie Du, Hoppel:

    „Menschen wie Du…“ wird sehr gern mit „…hätte man früher …“ fort- oder gleich mit „Unter Adolf hätte es das nicht gegeben!“ ersetzt.

    Das nur, damit Du mal siehst, wie leicht man solche Keulen gegen andere schwingen kann.
    Ein Argument ist für diese Art des „Diskurses“ nicht im Geringsten nötig.
    Denk mal drüber nach, falls Du Muße findest. ;-)

  45. 45 Gnom vom Dienst 29. Februar 2012 um 13:22 Uhr

    [Vier Stunden später und meine Posts sind immer noch nicht zu sehen…. gibt’s hier etwa eine Zensur? :-D ]

    Hoppel: hab Deinen Kommentar nochmal gelesen und bin noch immer/schon wieder über die Arroganz verblüfft, mit der Du Deine Anschuldigungen hier in den Blog geworfen hast.

    Dein Selbstbewußtsein ist wirklich erstaunlich – fast ebenso erstaunlich wie Deine offensichtliche Annahme, daß Deine Meinung die allein relevante sei.

    Ganz zu schweigen davon, daß so ziemlich jeder Deiner Vorwürfe beredtes Zeugnis davon ablegt, daß Du noch nicht einmal richtig gelesen hast, was ich eigentlich geschrieben habe (von „drüber nachdenken“ oder gar „verstehen“ will ich gar nicht reden).

    Wie Du auf der Grundlage dazu kommst, mir erklären zu wollen, daß ich

    [Zitat] „keine Ahnung von Dikursen oder sonstwas“ [Zitat Ende]

    habe, ist mir schleierhaft.

    „Diskurs“ scheint für Dich zu heißen, daß Du die Meinung vorgibst, automatisch im Recht bist und Dein Gegenüber nur noch über das Ausmaß der angebrachten Verneigung vor Deiner Erleuchtung entscheiden darf.

    „Netter“ Gedanke für meinen Weg zur Arbeit: Die Linke scheint wirklich wieder genauso zerstritten und klein-klein zu sein wie ’33.
    (Ist ja nicht das Einzige an der heutigen Situation, das einen frappierend an das Ende der Weimarer Republik erinnert.)

    Wenn das Deine Art des Diskurses um einen alternativen Gesellschaftsentwurf (oder auch nur Details auf dem Weg dorthin) ist, dann kann ich nur gratulieren.
    Und danach – wenn es denn diesmal ein „danach“ geben sollte – wird wieder gejammert, daß die (sozial)demokratischen Kräfte (mit denen ich nicht die SPD meine!) so zerstritten waren und mit dem Finger auf die Anderen gezeigt, gelle?

    Und jetzt geh ich erstmal arbeiten, vielleicht ist diese Seite ja heute abend/nacht aktualisiert.. :-D

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