Die Krise im politischen Theoriediskurs

Letzten Dienstag war ich bei einer Veranstaltung in Göttingen, bei der es um „Theorie und Praxis der Krise“ gehen sollte. Auf dem Podium saßen neben einem Vertreter des Ums-Ganze-Bündnisses noch Thomas Ebermann und Thomas Seibert. Ankündigungsflyer und Mitschnitt können hier bei Bedarf heruntergeladen werden.

In Bezug auf die vorgetragenen Analysen gab es keine wirklich umwerfenden Neuigkeiten, trotzdem sind einige interessante theoriepolitische bzw. bewegungstheoretische Entwicklungen deutlich geworden. Die Beiträge und die auf sie folgende Diskussion habe ich erweitert um ein paar Eindrücke, die ich aus Gesprächen am Rande der Veranstaltung bzw. am Rande der auf sie folgenden Rave-Demo gegen den Kapitalismus geführt habe.

Um ein bisschen Struktur in die Ausführungen zu kriegen, werde ich mich an den drei Leitfragen orientieren, durch die auch die Veranstaltung strukturiert war: (1) Wie ist die Krise von ihrem Charakter her einzuschätzen, (2) Welcher Strategie folgt die Bundesregierung und (3) Was sind potentielle BündnispartnerInnen für die radikale Linke.

(1) Charakter der Krise

Das Motto gibt Thomas Ebermann gleich zu Beginn vor (8 Min 20): Wie genau der Charakter der Krise sei, lasse sich nicht sagen. Wie es weiter geht stehe völlig in den Sternen und lasse sich nicht überblicken. Prognosen gingen ohnehin meist in die Hose und Leute, die sowas aufstellten, seien zumeist Scharlatane. Das gelte insbesondere für Leute wie „Bobby Kurz“ und die ominöse Wertkritik, nach deren Analyse wir schon seit 10 Jahren keinen Kapitalismus mehr haben dürften. Trotzdem müsse jedoch konzediert werden, halten beide Referentinnen übereinstimmend fest, dass die Situation ernst sei und es bestimmt nicht besser werde in den nächsten Jahren. Ganz im Gegenteil dazu müssten sich alle auf harte Einschnitte einstellen, ein Weg zu einem prosperierenden Kapitalismus zurück kann sich so richtig niemensch vorstellen – auch Thomas Seibert hatte
da eher Zweifel.

Damit ist in Bezug auf die Debattenlandschaft, die sich auf Wertkritik bezieht, an zwei Stellen ein Wandel vollzogen worden. Während (so mein Eindruck) in den 1990er Jahren allenthalben das vorhandensein krisenhafter Prozesse geleugnet wurde und alle einen prosperierenden Kapitalismus zu sehen glaubten, so ist das kaum noch ein wesentliches Argument in der Debatte. Auch Thomas Ebermann gesteht zu, dass es um das Kapital nicht rosig steht, das Umverteilungsspielräume kaum vorhanden sind etc. Gleichzeitig wird aber die Krisendiagnose der Wertkritik auf die Untergangsprophetie reduziert. Robert Kurz ist dann derjenige, der ja ohnehin dauernd behauptet, der Kapitalismus würde untergehen und der aufgrund der Tatsache, dass dies noch nicht eingetreten sei, mächtig an Reputation verloren habe. Leuten, deren Prognosen nicht eintreten, sollte mensch nicht wirklich glauben, wenn sie Prognosen aufstellen, so der Tenor.

Das ist in gewissem Sinne eine durchaus kreative Verdrehung der Situation. Sicherlich gibt es die entsprechenden Zitate aus Krisis-Zusammenhängen, in denen ein Ende des Kapitalismus „noch in diesem Jahrhundert“ vorhergesagt wird. Diese Aussagen werden dann allerdings völlig von des argumentativen Kontextes entkleidet, in den sie gebettet sind. In der Diskussion wird dann so getan, als würde hier einfach mal so eine Krise behauptet und dann mal wieder eine Krise etc. Das die Krise, von der Kurz schon in den 90ern geredet hat eben jene Krise sein könnte, die gerade herbe Probleme für alle Beteiligten verursacht, fällt dabei unter den Tisch. Denn während in den 90ern noch alle geraunt haben, von Krise sei doch nichts zu sehen, wurde von Robert Kurz ebenso wie von der Krisis-Gruppe schon damals darauf hingewiesen, das sich da grade einiges zusammenbraut. Noch 2007 hat Michael Heinrich einen Text mit dem vielsagenden Titel „Profite ohne Ende“ veröffentlicht, in dem er sich ,schwärmerisch‘ über die Potentiale der Kapitalverwertung durch die ökonomische Entwicklung in den letzten Jahren und Jahrzehnten ausgelassen hat. Für „das Kapital verbesserten sich die Verwertungsbedingungen, und neue Anlagesphären boten sich an“, schreibt Heinrich und meint damit die Aufblähung des fiktiven Kapitals im Finanzsektor.
Von Thomas Ebermann lassen sich aus den 90ern und frühen 2000er Jahren ähnliche Texte anführen. Interessanterweise wird nun bei ihnen nicht darauf verwiesen, dass sie sich ja ganz offensichtlich de­s­a­vou­ie­rt hätten, weil sie die ganz offensichtliche Entwicklung nicht erkannt hätten. Das Abheben des fiktiven Kapitals sei geradezu kapitalistischer Normalzustand, ist immer wieder zu lesen gewesen. Tatsächlich wurde also gerade hier prognostisch ja mal ziemlich ins Klo gegriffen. Demgegenüber hat Robert Kurz (dessen freundelnde Benennung als Bobby in den öffentlichen Debatten wohl hauptsächlich die Aufgabe hat, ihn als nicht-ernstzunehmenden Menschen mit niedlichem Namen hinzustellen) im Weltkapital bereits 2005 ziemlich präzise beschrieben, wie sich da gerade eine Immobilienblase aufbaut und das bald mit ihrem Platzen gerechnet werden sollte. Interessierte können das gerne auf den Seiten 236ff. nachlesen. Viel mehrprognostisches Potential geht nun wirklich nicht.

Fassen wir zusammen: früher sollte es gar keine krisenhaften Entwicklungen geben und die Wertkritik galt daher als nicht sonderlich realitätsnah. Als Ergebnis dieser Ignoranz haben wertkritische Position oftmals zuspitzende und alarmierende Formulierungen verwendet – um überhaupt irgendwie Gehör zu finden. Heute lassen sich die krisenhaften Tendenzen nicht mehr übersehen. Entsprechend wird die wertkritische Analyse auf die (in Teilen ja tatsächlich problematischen) zugespitzten und alarmierenden Formulierungen reduziert. So etwas in der Art muss Foucault im Sinn gehabt haben, als er davon sprach, das Wahrheit in Diskursen hergestellt würde…

(2) Strategie der Bundesregierung

Hier sind weniger die Antworten auf die Frage, als vielmehr die Frage interessant. Mein Eindruck ist, dass in der radikalen Linken gerade die Bundesregierung als Hauptfeind erkannt wird. Was ja erstmal besser ist als
wenn diese Rolle immer von den USA eingenommen wird. Jetzt steht der Hauptfeind wenigstens mal im eigenen Land.

Allerdings folgt die Feindbestimmung einer recht klassischen antiimperialistischen Argumentation: Deutschland profitiert von der Krise, Deutschland diktiert in fast schon kolonialer Weise dem Rest Europas seinen Weg, Deutschland hat sich mit der EU einen Hinterhof geschaffen um in der Konkurrenz mit den USA bestehen zu können etc. Ein Vorwurf an das Ums-Ganze-Bündnis, den ich am Rande der Veranstaltung mitbekam, war dann entsprechend, dass das Bündnis sich weigern würden, ordentlich was zur Rolle Deutschlands zu sagen.
Interessant vor dem Hintergrund ist dann wiederrum, das der Ums-Ganze-Mensch auf dem Podium der einzige war, der ein inhaltlich was zur Krise gesagt hat und der besonders betont hat, dass es da wohl keinen Ausweg gibt. Andere hingegen wollten die Krise der griechischen Staatsfinanzen vor allem in der neokolonialen Politik Deutschlands begründet gesehen. Würde Griechenland investieren und sich weiter verschulden, dann ginge es mit der Wirtschaft wieder voran und die Gläubiger bekämen den Eindruck, das langfristig das Geld zurückgezahlt werden könnte. Das ist, in diesem Fall von einer stark antideutsch angehauchten Position vortragen, eine klassisch antiimperialistisch-keynesianische Position. Eine Bizarre Mischung, möchte
ich meinen. Und eine, die die Krux des derzeitigen Krisendiskurses offenbart: am Ende ist doch wieder ein Akteur schuld und nicht das System. Diesmal eben die deutsche Bundesregierung. Das macht vieles angenehmer, aber davon wird es ja noch lange nicht richtig.

(3) Bündnispartner für die radikale Linke

Hier scheint es mir zwei Strategien zu geben: die M31-Demo in Frankfurt vom Ums-Ganze-Bündnis möchte klarmachen, dass es ein Fehler ist, die Krise des Kapitalismus einzelnen Menschen oder Menschengruppen zuzuschreiben. Sie tut das mit Demos, die Wert darauf legen, 100% gegen den Kapitalismus zu sein.
Gleichzeitig mischen sie sich aber auch zu 0% in die Auseinandersetzungen vor Ort ein – wie in einem Kommentar bei den Monsters zu Recht bemerkt wurde. So wird z.B. in Göttingen grade in einem riesigen, via Bürgerbeteiligung legitimierten Sparpaket der Rest der sozialen Infrastruktur geschlossen (soweit er nicht für den,Wissenschaftsstandort Göttingen‘ von Bedeutung ist) kaputtgespart. Die radikale Linke überlässt den Protest dagegen aber den Grünen und mobilisiert lieber zu Rave-Demos gegen den Kapitalismus (die auch wieder so richtig keinen Bezug zur Situation vor Ort herstellen).

Die Interventionistische Linke (IL) fährt eine andere Strategie und möchte breite Bündnisse bauen. Dabei umgeht sie zugunsten der Massenmobilisierung die Kapitalismuskritik und setzt vor allem auf militantere Aktionsformen mit dem Ziel, die AktivistInnen dadurch zu ,radikalisieren‘. Aber auch hier scheuen die Gruppen die Beteiligung an lokalen Protesten (in denen es ja vor allem darum geht, wohin die Überreste der sozialen Infrastruktur vergraben werden) wie der Katholik die Aufklärung. Was hier m.E. aber wichtig wäre, wäre eine Übersetzung abstrakter Kapitalismuskritik in konkrete Kampfperspektive, auf die sich Menschen auch beziehen können. Und aus dieser Perspektive müsste die Linke dann die Kämpfe mit den Menschen gemeinsam führen – und sie nicht auf außen belehrend begleiten.

Interessant war jedoch die (hintenrum vorgenommene) Erklärung von Thomas Seibert zur Multitude (ich verkehre jetzt mal den Gang der Argumentation dahingehend, das ich nicht die korrekte Reihenfolge der Argumente wiedergebe, sondern den Hintergrund zu umreißen versuche, den ich entdeckt zu haben meine). Die Multitude ist der Versuch des Postoperaismus, der von Seibert konstatierten Situation beizukommen, dass
es kein a priori vorhandenes revolutionäres Subjekt mehr gäbe. Soziale Proteste würden von ganz vielfältigen AkteurInnen getragen, die sich nicht unter eine Klassenperspektive subsumieren lassen. Was ja erstmal als Erkenntnis nicht falsch ist. Diese Erkenntnis verknubbel Seibert dann mit der Frage danach, ob sich der Kapitalismus überhaupt aufheben lasse. Intelligente Liberale, so sein Argument, seien der Meinung, der Kapitalismus sei ewig, weil der Mensch eben schlecht sei. Daher würden sie innerhalb des Kapitalismus für eine Maximierung für Freiheitsrechten eintreten. Mehr ginge bei ihnen nicht, was jedoch weniger ihrem bösen Willen als vielmehr ihrem negativen Menschenbild geschuldet sei. Demgegenüber sei die Perspektive der Linken immer gewesen, dass die Menschen prinzipiell dazu in der Lage seien, die Beklopptheit der Situation zu erkennen und somit aus dem falschen Ganzen auszubrechen. Eben das sei es, was aus linker Perspektive „Vertrauen in die Massen“ meine. Nicht, dass die automatisch das richtige Denken würden sei relevant, sondern das sie mit der grundsätzlichen Fähigkeit ausgestattet seien, Unfug als solchen zu erkennen.

Im Postoperaismus wird aus dieser Wendung dann, ich erwähnte es bereits, die Theorie von der Multitude. Um die Perspektive auf eine mögliche Aufhebung des Kapitalismus aufrechterhalten zu können, werden nun die metaphysischen Bestimmungen, die einst dem Proletariat als revolutionärem Subjekt angedichtet worden, einfach auf alle übertragen. So entsteht dann die Multitude, an der nicht der Verweis auf die Vervielfältigung der Kämpfe zu kritisieren wäre als vielmehr die ihr damit inhärente Metaphysik.

Interessant finde ich das Argument aber auch deshalb, weil es sich um eine Frage dreht, die ja auch Moishe Postone in ,Zeit, Arbeit und gesellschaftliche Herrschaft‘ umtreibt. Der stellt sich da nämlich die Frage, wie Befreiung ob der Totalität des Kapitals überhaupt zu denken sei. Und argumentiert, das Kapitalismus in sich widersprüchlich strukturiert sei und so die Möglichkeit zur Erkenntnis vom falschen Ganzen beinhalte. Was Postone aber aus den Strukturen der Warenproduktion ableitet, schreibt Seibert dann in die Anthropologie der Subjekt ein: sie müssen per se in der Lage sein, ihre Lage zu erkennen und zu überwinden. Sogesehen hat auch hier die Wertkritik die theoretisch fundiertere Argumentation für die Möglichkeit sozialer Kämpfe. Die Möglichkeit zur Erkenntnis des ,falschen Ganzen‘ ergibt sich bei ihr allerdings nicht aus einer schrägen Anthropologie des Menschen, der über bestimmte Erkenntnismomente verfügt, sondern aus der widersprüchlichen Strukturiertheit von Kapital und Subjekt.


14 Antworten auf “Die Krise im politischen Theoriediskurs”


  1. 1 Jürgen 18. März 2012 um 16:58 Uhr

    Alle 3 Punkte sind sehr interessant. Ebermann finde ich enttäuschend, bißchen mehr hatte ich ihm doch zugetraut als hier die alte Fehlinterpretation der finalen Krise aufzuwärmen (kein Problem, Robert Kurz zu kritisieren, aber nicht so).
    Ich frage mich außerdem, ob ich vom Begriff Antiimperialismus immer falsche Vorstellungen hatte. Also: „Und eine, die die Krux des derzeitigen Krisendiskurses offenbart: am Ende ist doch wieder ein Akteur schuld und nicht das System. Diesmal eben die deutsche Bundesregierung“, so hatte ich das eigentlich nie verstanden. SOndern eher so, daß Kapitalismus aus seinem Wesen heraus imperialistisch ist, wobei es allerdings Vollstrecker und „Vollstreckte“ (Opfer) gibt.
    Bei den Vorgängen in Göttingen kann man schon Zweifel kriegen, ob Theorie und Praxis jemals zusammenfinden können. Möglich scheint es schon, aber eben wieder eher in der Theorie.

  2. 2 Franz 18. März 2012 um 17:21 Uhr

    Ich finde es sehr gut, dass du die Problematik des Herabwürdigens von Robert Kurz nochmal angesprochen hast. Das war mir an dem Abend auch tatsächlich zu viel, zumal es sich zu einer Art Running Gag entwickeltete und tatsächlich an keiner Stelle auch nur annähernd auf dessen Verdienste um ein adäquates Verständnis der aktuellen Krisenprozesse und deren vorhergehende Entwicklung eingegangen wurden ist.
    Deine Kritik am Ums-Ganze-Bündnis im Rahmen der dritten Frage finde ich jedoch zu undifferenziert. Beträfe die Kritik die Göttinger Ums-Ganze-Gruppen in ihrer Beteiligung an lokalen Kämpfen würde ich dir recht geben (in diesem Zusammenhang sollte aber auch erwähnt werden, dass es soweit mir bekannt auch keine anderen linksradikalen Gruppen gibt, die sich daran beteiligen) im Bezug auf das ganze Bündnis jedoch nicht.
    Der Referent ist an diesem Abend bereits mehr als deutlich auf diesen Vorwurf eingegangen und hat ihn m.E. mit vielen Beispielen entkräftet. In Frankfurt wird sich ständig an lokalen Protesten beteiligt und auf diesem Gebiet sehr viel unternommen. Dabei wird versucht Gruppen in ihren sozialen Kämpfen zu unterstützen und gleichzeitig aber Problematiken von realpolitischen Forderungen zu verdeutlichen. Ähnlich viel läuft in Köln (massive Beteiligung an Protesten gegen Leiharbeit) und Bremen (Teilnahme am und Unterstützung des Streiks der Hafenarbeiter). Soweit nur um einige Beispiele zu nennen.
    Dass der Referent an diesem Abend schon recht deutlich dazu Stellung genommen hat und du jetzt aber wieder mit der gleichen Kritik kommst, zeigt deutlich, dass bestimmte Personen einfach per se nicht von ihrem negativen Ums-Ganze Bild wegrücken wollen, welches, wenn es denn seine Berechtigung hat, zumindest mit den falschen Argumenten versucht wird zu kritisieren.
    Der Vorwurf, dass das alles nur Identitätspolitik und Selbstbeweihräucherung sei, sollte angesichts der Beispiele einfach mal überdacht werden.

    Liebe Grüße

  3. 3 Benni 18. März 2012 um 21:01 Uhr

    Zu (2): Das schließt sich doch gar nicht aus. Ich kann doch der Meinung sein, dass es im Kapitalismus immer irgendwo und irgendwann solche Krisen geben muss und trotzdem der Meinung sein, dass sie eben genau jetzt und in Griechenland auftritt ist eine Folge der Politik der Bundesregierung.

    Klar, Krise ist unvermeidlich, aber wo und wie ist durchaus dem Handeln von Akteuren geschuldet und das ist dann durchaus sinnvoll das deutlich zu machen.

    Natürlich würde es _den_Griechen_ besser gehen, wenn D dort eine keynsianische Politik betrieben hätte. Die Krise würde dann halt irgendwo anders aufpoppen.

  4. 4 Juli 18. März 2012 um 22:27 Uhr

    @Franz

    ja, das mit der Kritik am Ums-Ganze-Bündnis habe ich eher oberflächlich gehalten, weil es mir darum eigentlich gar nicht ging. Ich fand die Antwort des Vertreters auf dem Podium auch recht differenziert, kann nur nicht einschätzen, was da nun dran ist. Eben weil ich in Göttingen lebe und nicht in Frankfurt. Und hier erinnere ich mich z.B. noch an eine Studi-Demo, auf der es dann einen Beitrag der Redical [m] gab, in dem im Tenor von ,Wir, die kommunistische Gruppen klären Euch, die nichtkommunistischen Studierenden, mal über die Welt auf‘ (kein echtes Zitat, selbstverständlich) gehalten war. Die Art der Intervention etwa beim G8-Gipfel in Heiligendamm (ein fein von den anderen separierter Block zum wohligen Betreiben von Identitätspolitik) war da m.E. vom Charakter ganz ähnlich. Das läuft dann alles irgendwie nach dem Motto ,Nur dabei statt mittendrin‘ und hinterlässt bei mir das Gefühl, dass es da eher um Alibi geht als um das Führen realer Kämpfe.
    Allerdings, an dem Punkt hast Du sicherlich recht, gibt es in Göttingen auch keine anderen Gruppen, die das vernünftig hinkriegen würden. Die Aktionen der ALI oder auch der ASJ sind ja auch zumeist nur mit den Kämpfen solidarisch, die grade anderswo (Kurdistan, Russland) stattfinden. Das ist per se ja nix schlimmes, nur wundert es mich doch, wenn die Linke vor Ort keine Kämpfe findet…
    Nun habe ich schon wieder ganz viel angerissen und nix ausgeführt. Aber ein bissel wollte ich wenigstens hinterherschieben. Und wie geschrieben: mir ging es bei (3) nicht in erster Linie um Ums-Ganze, ich hab die da eher der Vollständigkeit halber aufgeführt…

  5. 5 A.M.P. 19. März 2012 um 12:37 Uhr

    Ich hoffe ihr kommt am Mittwoch um 20h zur Veranstaltung „Krisenprozesse und Staatsschuld“ ins Kabale, damit einige Annahmen und Kritiken diskutiert werden können ;)

    Den Seitenhieb gegen Kurz fand ich auch daneben. Zeigt sich doch gerade, dass seine Annahmen und Darstellungen zur doppelten Entwertung „starke Argumente“ beinhalten, wie der Kapitalismus an seine inneren Schranken knallt, die jedoch bisher immer wieder herausgezögert werden konnten.
    @Juli: Den Redebeitrag zu den damaligen Studiprotesten zur heutigen Charakterisierung einer Gruppe heranzuziehen, ist in Bezug auf heutige Praxen, Strategien und Überlegungen ein wenig schräg.

  6. 6 anti 20. März 2012 um 11:16 Uhr

    Naja, soweit ich das mitbekommen habe waren es vor allem Gruppen aus dem antikapitalistischen Krisenbündnis, die von linksradikaler Seite zum Göttinger Zukunftsvertrag den Mund aufgemacht haben. Also letztes Jahr saß nur eine linksradikale Gruppe auf den Treffen gegen den Zukunftsvertrag, und die ist Mitglied im Krisenbündnis. Wo waren denn die Basisgruppen, 180 Grad oder Ali? Das alles jetzt auf das Krisenbündnis und …ums Ganze zu schieben finde ich lächerlich, das riecht mir zu stark nach bashing. Und das ug-Motto „100% gegen den Kapitalismus“ ist doch richtig? oder nicht? Das sollte ja auch mal jemand so sagen, macht ja sonst keiner.

  7. 7 notwendig falsches Bewußtsein 20. März 2012 um 14:04 Uhr

    @ anti

    Und das ug-Motto „100% gegen den Kapitalismus“ ist doch richtig? oder nicht?

    Ich glaube eher dass es scheinheilig ist. Zu behaupten dass ich „zu 99% gegen den Kapitalismus“ bin, das wäre widersinnig. Dagegen mich und anderen zu vergewissern dass ich „zu 100% gegen Kapitalismus“ bin, wenn ich schon gegen ihn bin, ist überflüssig wie ein Kropf.

  8. 8 A.M.P. 20. März 2012 um 15:16 Uhr

    @Notwendigfalschesbewusstsein: Es ist eine Parole! Was ist daran so schwer zu verstehen? Gruppen überlegen, welche Parole zielführend ist, um das zu vermitteln, was sie vermitteln wollen. Und in diesem Fall geht es darum den Kapitalismus nicht nur im Rahmen von Distributionsverhältnissen zu kritisieren (we are 99%), sondern als (gebrochene) Totalität im Rahmen der Wertvergesellschaftung zu kritisieren und dies unter anderem im Rahmen des 31.März öffentlich zu artikulieren. Was ist daran bitte scheinheilig? Ich verstehe diese Kritik bisher nicht.

  9. 9 notwendig falsches Bewußtsein 20. März 2012 um 15:55 Uhr

    Es ist eine Parole! Was ist daran so schwer zu verstehen?

    Es ist eine Parole. Und davon haben wir genug.

    Gruppen überlegen, welche Parole zielführend ist, um das zu vermitteln, was sie vermitteln wollen. Und in diesem Fall geht es darum den Kapitalismus nicht nur im Rahmen von Distributionsverhältnissen zu kritisieren (we are 99%), sondern als (gebrochene) Totalität im Rahmen der Wertvergesellschaftung zu kritisieren und dies unter anderem im Rahmen des 31.März öffentlich zu artikulieren.

    Vielleicht solltet ihr für diese Zwecksetzung, vermitteln durch Parolen ausgeben, lieber eine Werbeagentur engagieren. Das sind die Profis.

  10. 10 A.M.P. 20. März 2012 um 17:24 Uhr

    Willst oder kannst du nicht argumentieren, was dich daran stört? Eine Parole ist ein Aufhänger und kann dementsprechend nur eine Anlehnung an eine bestimmte Problematik bieten. Dein Trotz und Aversion gegen UG mag welche Gründe auch immer haben. Das ist mir ziemlich egal, aber mit Kampagnenarbeit und Parolen scheinst du dich nicht auseinandersetzen zu müssen. Und wären Werbeagenturen nicht so verschissen teuer, wäre das eine ernsthafte Diskussion wert.

  11. 11 notwendig falsches Bewußtsein 20. März 2012 um 18:24 Uhr

    @ A.M.P.

    Eine Parole ist ein Aufhänger und kann dementsprechend nur eine Anlehnung an eine bestimmte Problematik bieten.

    Ein Anhänger für was denn bitte schön? Eine Parole dient doch als Aufhänger dafür, WAS durch eine Organisation/einen linken Zusammenschluß, wie Um´s Ganze, inhaltlich verteten bzw. beworben wird. Die Parole ist bereits ein Hinweis auf eure vorgetragenen Inhalte. „dagegen“ sein ist die Botschaft, und dafür mobilisiert sich die linke Bewegungsszene gemeinsam auf der Straße.

    Das ist mir ziemlich egal, aber mit Kampagnenarbeit und Parolen scheinst du dich nicht auseinandersetzen zu müssen.

    Da stimmt schon, mir sind geprüfte Argumente, und nicht die Zurschaustellung meiner Aversion gegen den Kapitalismus, lieber. Was Kampagnenarbeit und „Parolen“ angeht, zumindest nicht so wie es über diesen Slogan kindischerweise von euch an den Mann gebracht wird.

    Und wären Werbeagenturen nicht so verschissen teuer, wäre das eine ernsthafte Diskussion wert.

    Das glaub ich´s dir auf´s Wort. Agitiert ihr dann auch den in der Werbeindustrie tätigen, durch Marktzwänge getriebenen, Kapitalisten?

  12. 12 Juli 21. März 2012 um 11:52 Uhr

    @anti

    ich würde meine kritik an der stelle auch gar nicht auf umsganze oder das göttinger krisenbündnis beschränken wollen. die gilt selbstverständlich auch für andere linke zusammenhänge, die ihren arsch mal wieder nicht hochkriegen. einige von denen hast du ja bereits aufgezählt.

    @A.M.P.

    du hast schon recht. eine ,intervention‘ von vor 3 jahren sagt nur begrenzt was über heute aus. nur war dass der erste (und einzige) mir bekannte fall einer solchen intervention. oder zumindest der einzige, der mir eingefallen ist. ich will mich gar nicht daran aufhängen, im kern ging es mir aber um die ,art und weise‘ wie eine solche aktivität vonstatten geht. nämlich nicht als solidarische beteiligung an sozialen kämpfen, sondern als tendenziell von außen kommende intervention, die ein paar ,argumente‘ abwirft und ansonsten mit der sache nicht viel zu tun haben will. auch das gilt, um den einwand vorwegzunehmen, auch für gruppen wie die ali, für teile der basisgruppen und freilich erst recht für 180°, die über hohle wortphrasen in bezug auf soziale kämpfe auch nix auf die reihe. und wenn ich so drüber nachdenke gilt es auch für mich… ;-)

  13. 13 doublef 24. März 2012 um 20:55 Uhr

    @eob Zu deinen 3 Punkten
    Zu 1.: „Das Motto gibt Thomas Ebermann gleich zu Beginn vor (8 Min 20): Wie genau der Charakter der Krise sei, lasse sich nicht sagen. Wie es weiter geht stehe völlig in den Sternen und lasse sich nicht überblicken. Prognosen gingen ohnehin meist in die Hose und Leute, die sowas aufstellten, seien zumeist Scharlatane. Das gelte insbesondere für Leute wie „Bobby Kurz“ und die ominöse Wertkritik, nach deren Analyse wir schon seit 10 Jahren keinen Kapitalismus mehr haben dürften. Trotzdem müsse jedoch konzediert werden, halten beide Referentinnen übereinstimmend fest, dass die Situation ernst sei und es bestimmt nicht besser werde in den nächsten Jahren. Ganz im Gegenteil dazu müssten sich alle auf harte Einschnitte einstellen, ein Weg zu einem prosperierenden Kapitalismus zurück kann sich so richtig niemensch vorstellen – auch Thomas Seibert hatte
    da eher Zweifel.“

    Die Einschätzung zur Krise waren auf jeden Fall nicht so der Bringer. Aber das haben Ebermann und Seibert ja beide gesagt, dass das nicht ihr Gebiet ist. Ihre Einschätzungen bezogen sich auf eine politische Einschätzung der Krise und deren Folgen und nicht primär die ökonomiekritische Dimension.
    Der Seitenhieb auf Kurz war nicht toll, aber sich so daran aufzuhängen und vor allem die Art wie das hier gemacht wird hat was Pikiertes (bei eigener Polemik: eigentlich wissen die ja gar nicht, was für einen Charakter die Krise hat) von verletzten Jüngern. Zunächst ging es bei der Frage der Prognostik meines Verständnisses nach um Einschätzungen wie genau es in den nächsten zehn Jahren aussieht. Und bei allen Verdiensten der Wertkritik (deren Analyse und Kritik teile ich weitgehend) gehören die zitierten Aussagen vom „Ende des Kapitalismus noch in diesem Jahrhundert“ (wenn es in den 90ern war also des 20.Jh.) sicherlich nicht dazu. Wie sind denn solche Zitate denn überhaupt aus dem Zusammenhang zu entkleiden? Welche Prognosen in dieser Art Thomas Ebermann oder Thomas Seibert gemacht haben ist mir gerade nicht bekannt. Da vermischt du glaube ich einiges mit der politökonomischen Debatte mit Heinrich. Ich halte es jedenfalls für wesentlich sinnvoller die krisentheoretischen Inhalte und Erkenntnisse der Wertkritik jenseits von solchen Eitelkeiten in den Vordergrund zu stellen, anstatt dauernd zu jammern, dass einen immer alle falsch verstehen und so gemin polemisch Die vielfach kritisierte Reduktion auf solche vermeintlichen oder tatsächlichen Untergangsszenarien ist m.E. auch eine Folge der „zugespitzten und alarmierenden Formulierungen“, die vielfach den Rahmen vorgegeben haben, ohne wirklich Platz für alternative Prognostik und Perspektivbildung gelassen haben.
    Und dass gerade Ebermann und Kurz nicht gut aufeinander zu sprechen sind, sollte nun auch keine Überraschung sein. Da muss sich gar nicht künstlich über Verniedlichungen ala Bobby Kurz künstlich aufgeregt werden. Wer die inhaltlichen Auseinandersetzungen liest wird nicht nur mit Formulierungen von Kurz in Richtung Ebermann wie „fordistisches Fossil“ oder „vulgärmarxistischer Politkaspar“ (dagegen ist Bobby Kurz als vermeintliche Herabsetzung noch harmlos), sondern auch mit einem rechthaberisch penetranten Tenor konfrontiert: Wer nicht seiner Meinung ist hat es entweder nicht verstanden oder hängt altbackenen Theorien an, während Kurz den Marxismus neu erfunden hat.

    Zu 3: Die Kritik an der Parole „100% gegen Kapitalismus“ als oberlehrerhaft klingt für mich ziemlich geschmäcklerisch. Interessanterweise taucht diese Kritik m.E. meist in linken Zusammenhängen oder Publikationen/Blogs auf, die wenig mit solchen Aktionen wie M31 oder auch den Aktionstagen im Mai zu tun haben. Du gibst ja selber zu, dass es Vorort (woanders ist mir diese Kritik noch nirgends begegnet) ansonsten wenig bis keine anderweitigen entsprechenden Aktivitäten gibt. Daher verdichtet sich bei mir der Eindruck dass es sich um Kritik als Selbstberuhigung (ich bin ja aktivistisch/mache ja was und die anderen sind die bloßen Kritiker und Oberlehrer) handelt. Da wird der Bezug auf konkrete Kämpfe zu hohlen Phrase (deine Worte). Strategische Fragen und Diskussionen unter welchen Bedingungen es wie sinnvoll ist, sich in welche Kämpfe einzubringen, werden unter allgemeinen Formulierungen wie „konkrete Kämpfe und die Teilnahme daran sind unerlässlich“ verallgemeinert.
    Übrigens finde ich es auch bemerkenswert, dass du unter die strategischen Fragen (dein Punkt 3) zum gefühlten 10. mal die Konzeption der Multiudue als theoretische Grundlage der IL (diese Debatte ist sehr wichtig und muss immer wieder geführt werden, allerdings denke ich dass sie hier gerade unter der gewählten Überschrift 3 eher nicht so gut platziert ist.) verhandelst, anstatt auf die unterschiedlichen Positionen auf dem Podium (grob: strategische Zusammenarbeit mit Reformisten um irgendwie weitergehende Entwicklungen bei auszulösen und grundsätzliche Kritik an Kapitalismus und regressiven Krisenantworten bei gleichzeitiger Teilnahme mit dem Ziel entsprechende Debatten zu entfachen, als Voraussetzungen für weitergehende Entwicklungen) einzugehen. Da schließt sich irgendwie der Kreis zu den Vertretern der Wertkritik. Der Punkt strategische Überlegungen ist da eine relative Leerstelle, die von unterschiedlichen Vertretern sehr unterschiedlich gefüllt oder eben nicht gefüllt wird. Die Antworten unterscheiden sich nicht wirklich von anderen linksradikalen Antworten. Wäre die Frage, ob das überhaupt notwendig ist oder ob die Wertkritik gar nicht mehr leisten kann als theoretische Analysen und radikale Kapitalismuskritik und gerade Veranstaltungen wie diese auf einer anderen Diskussionsebene (ohne Wertung) anzusiedeln sind.

  14. 14 Daeva 27. März 2012 um 1:49 Uhr

    Ich finde, dass du den Thomas Seibert etwas verkürzt wiedergibst. Vor noch etwa 10 Jahren hatte er die für viele nur als Floskel zu verstehende Formulierung „Wir sind nicht Subjekt, sondern Raum“. Der Widerspruch zu den Liberalen mit ihrem etwas freundlicheren homo oeconomicus (Interessenmaximierung und unter der Knappheit der Ressourcen ein Konkurrenzkampf um diese) bestünde demnach darin, dass man nicht die Perspektive des guten oder bösen Subjekts, sondern des Raumes einnimmt, in dem man verhandelt (wie es die Spieltheoretiker sagen würden) bzw. diskutiert.
    Diesbezüglich aufschlussreich ist auch sein Buch zum Existenzialismus, in welchem er schreibt, dass viele Theoretiker eine Herrschaft der Essenz über die Existenz annehmen, d.h. der Annahme, dass anthropologische Konstanten, die Nation, Gott, der Katechismus das Subjekt in seinem Denken und Handeln leiten. Eben diese Ansicht weist der Existenzialismus ja zurück.

    Noch ein Satz zu Ebermann vs. Kurz:
    Das rührt noch zu Zeiten der 80er Jahre her. Da war der gute alte Thomas Ebermann noch kein Antideutscher, sondern sauberer Antiimp.

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