Alles Scheiße

Eine werden sich noch an die Kampagne des Ums-Ganze-Bündnisses unter dem Motto „Staat Nation Kapital Scheiße – Gegen die Herrschaft der falschen Freiheit“ erinnern. Zur Erinnerung habe ich noch mal ein schickes Demo-Mobi-Plakat rausgesucht:

Das klingt erstmal ziemlich einleuchtend. Fand ich zumindest. Bis ich dann auf dieses Zitat von Erich Fried aufmerksam gemacht wurde:

„Während der Studentenbewegung sagte man: „All diese Dinge: Staat, Schule, Kirche – das ist Scheiße.“ Ich würde das nicht so sagen, einerseits ist das eine Überschätzung, denn Exkremente sind ein unbedingt notwendiges Produkt des Körpers und die unbedingte Notwendigkeit der Kirche, der Schule und des Staates müßte erst bewiesen werden. Aber andrerseits sind in diesen Institutionen alle Elemente der Entfremdung, der Verfälschung und des Unrechts enthalten, je autoritärer sie sind, desto mehr.“ (Erich Fried in: Joern Schlund, „Habe Angst vor dem, der keine Zweifel kennt“ – Gespräche mit Erich Fried. Basel: Z-Verlag 1988, S. 68)

Jetzt muss ich das wohl alles noch mal überdenken…


4 Antworten auf “Alles Scheiße”


  1. 1 Entfremdete 08. April 2012 um 19:26 Uhr

    Den zweiten Teil mit der Entfremdung verstehe ich nicht. Soll die Kritik sein, dass Scheiße kein entfremdetes, sondern ein natürliches Produkt ist?

  2. 2 Juli 22. April 2012 um 16:46 Uhr

    Ja, ich denke schon. Während es im ersten Satz darum geht, das der Begriff ,Scheiße‘ eine gewisse Natürlichkeit impliziert, wird im letzten Satz betont, dass die entsprechenden Institutionen kultürlich trotzdem doof sind.

  3. 3 Herbert 17. Juli 2012 um 1:46 Uhr

    bei Marcuse findet sich sogar eine noch weitergehende Kritik an der Verwendung solcher Ausdrücke:

    Die Verwendung von Ausdrücken aus dem genitalen und analen Bereich, die zum Ritual linksradikalen Sprachgebrauchs geworden ist (die obligatorische Verwendung von ‚fuck‘, ’shit‘), ist eine Herabsetzung der Sexualität. Wenn ein Radikaler sagt: ‚Fuck Nixon‘, verknüpft er das Wort für die höchste genitale Befriedigung mit dem höchsten Repräsentanten des Establishments; wer die Produkte des Feindes als ’shit‘ bezeichnet, übernimmt die bürgerliche Verdammung der Analerotik. In dieser (völlig unbewußten) Abwertung der Sexualität scheint sich der Radikale für seine Ohnmacht zu bestrafen; seine Sprache verliert ihre politische Pointe. Nur noch als Schibboleth der Identität (der Zugehörigkeit zu den radikalen Nonkonformisten) dienend, beeinträchtigt die auf bloße Verbalisierung kleinbürgerlicher Tabus beschränkte sprachliche Rebellion die politische Identität.“
    (Marcuse, Konterrevolution und Revolte)

  4. 4 Joern Schlund 25. September 2012 um 18:28 Uhr

    Erich fried sagte zu mir:Scheisse ist Dünger und das wird nicht weggeworfen

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