Archiv für April 2012

Obsoleszenz als Modetrend

Die Linke hat ein neues Modewort entdeckt: geplante Obsoleszenz. Der Begriff ist eine Adaption aus dem englischen Sprachraum, wo von planned obsolescence die Rede ist. Der Begriff kommt von dem Adjektiv obsolet, das so viel bedeutet wie „nicht mehr gebräuchlich“ oder „hinfällig sein“. Gemeint ist „geplanter Verschleiß“.

Um mehr Produkte verkaufen zu können und damit den Umsatz und den Gewinn der Unternehmen steigern zu können, sind sie stets auf der Suche nach Ideen, die Kund*Innen dazu zu bringen, ein bereits erworbenes Produkt möglichst bald durch ein neues zu ersetzen. Eine Möglichkeit hierfür sind Modetrends: wer einen neuen iPod, eine neue Hose oder ein neues Auto braucht, weil es für sein Wohlbefinden oder die angestrebte gesellschaftliche Akzeptanz wichtig ist, wird den fraglichen Gegenstand schon lange vor dem Ende von dessen physischer Nutzbarkeit zu erneuern trachten. Die Geschichte der konsumorientierten Variante von moralischem Verschleiß ist nicht neu und geht bis in die USA der 20er Jahre zurück, als Henry Fords Tin Lizzie gerade den Höhepunkt seiner Marktverbreitung erreicht hatte. Die Konkurrenz schlief nicht und so platzierte General Motors ein Auto auf dem Markt, das zwar nicht besser, dafür aber schöner sein sollte. Es ließ die klobige Tin Lizzie im wahrsten Sinne des Wortes alt aussehen und wurde mit jährlich neuen Farben und neuen Modellen zu einem wahren Verkaufsschlager. So brachte General Motors die Leute dazu, sich schneller als es eigentlich nötig gewesen wäre, ein neues Auto zuzulegen.

Auf diese Weise entpuppt sich der Modetrend als geplanter Verschleiß. Doch was damals ein Novum war, ist heute das tragende ökonomische Prinzip. Nur die wenigsten Menschen ersetzen vorhandene Gebrauchsgegenstände, weil diese tatsächlich unbrauchbar geworden wären.
Der moralische Verschleiß hat den Alltag erobert.

(erschienen in: Streifzüge 54/2012)

Braunschweig kriegt die Krise

Gestern war ich bei einer Veranstaltung in Braunschweig. Norbert Trenkle, Thomas Sablowski und Bernd Röttger waren von der Antifaschistische Gruppe Braunschweig und dem DGB-Jugend Ausschuss Braunschweig eingeladen worden, über die Ursachen der Krise zu diskutieren und Perspektiven für emanzipatorischen Protest auszuloten. Um es vorwegzunehmen: es wurde tatsächlich über die Krise geredet, nicht so wie bei dieser Veranstaltung hier:

Stattdessen ging es zunächst wie gewohnt los: Norbert Trenkle referierte recht knapp über die Ursachen der Krise, wie sie sich für die Krisis-Gruppe, der er angehört, darstellen – und wie er sie gemeinsam mit Ernst Lohoff in dem neuen Buch ,Die große Entwertung‘ dargestellt hat. Der Kapitalismus, so Trenkle, sei durch ein widersprüchliches Verhältnis charakterisiert: er sei seinem Wesen nach auf die stete Anhäufung von Arbeit (so called ,Mehrarbeit‘) angewiesen. Gleichsam zähle diese Arbeit jedoch nur in ihrem gesellschaftlichen Durchschnittsniveau, weshalb die einzelnen Kapitalien stets bemüht seien, Arbeitskraft durch Maschinen zu ersetzen. Dieser Prozess ließe sich solange recht problemlos aufrechterhalten, wie durch die Erschließung neuer Produktionssegmente die an der einen Stelle überflüssig gewordenene Arbeit an anderer Stelle wieder in den Prozess inkludiert werden kann. Dies funktioniere seit der mikroelektronischen Revolution allerdings nicht mehr, da durch sie Arbeit in einem kaum vorstellbaren Maßstab überflüssig geworden sei. Stattdessen sei das freiliegende Kapital an die Finanzmärkte geströmt und zeichne dort als Akkumulation von Fiktivem Kapital im Wesentlichen für die kapitalistische Dynamik der letzten 30 Jahre verantwortlich. (mehr…)

Das Nadelöhr

(erschienen in: Streifzüge 54/2012)

Das Bild des Jahres 2008 zeigt einen Polizisten, der mit gezogener Waffe eine zu räumende Wohnung durchschreitet. Durch die Immobilienkrise konnten viele Wohnungsbesitzer*Innen die Raten an die Bank nicht mehr zahlen – und dann kam die Polizei. Aber was ist mit den Menschen geschehen, die noch kurz zuvor diese Wohnung als ihr zu Hause bezeichnen konnten? Viele der Betroffenen konnten kurzfristig bei Freund*Innen und Verwandten unterschlüpfen. Nicht wenige von ihnen landeten jedoch früher oder später in einer der riesigen Zeltstädte, die an den Rändern vieler US-Städte für einige Zeit neben der Staatsverschuldung das einzige waren, was noch ein veritables Wachstums aufweisen konnte. Während die Wohnungen ungenutzt leerstehen, sind ihre ehemaligen Bewohner*Innen hier ungeschützt den neugierigen Blicken von Passant*Innen, Journalist*Innen, wie dem Ordnungswahn des örtlichen Polizeidepartements ausgesetzt.

Dass die Menschen nicht mehr ihre bisherigen Wohnungen bewohnen dürfen und diese nun ungenutzt vermodern, liegt nicht an ihrer mangelnden Nützlichkeit. Sie stehen leer, weil es im Kapitalismus nur bedingt darauf ankommt, dass Dinge nützlich sind und benutzt werden. Als fundamentales Problem entpuppt sich vielmehr die Vermittlung von Wohnungsbedürfnis und Wohnung. Nur wenn hinter dem Wunsch zu wohnen auch eine zahlungskräftige Nachfrage steht, wird – wirtschaftswissenschaftlich gesprochen – aus dem Bedürfnis ein Bedarf. Und nur der taucht am Markt auf und nur der ist relevant für die Ökonomie. Nachdem noch jedes Einführungswerk in die Volkswirtschaftslehre zunächst stolz verkündet, in der Wirtschaft ginge es darum, Menschen mit notwendigen Gütern zu versorgen, wird diese Annahme bereits ein paar Zeilen später dahingehend relativiert, dass es eben doch nicht um nutzbare Dinge, sondern um bezahlbare Waren geht.

Kritik und Affirmation

Zur Auseinandersetzung mit der Geldpfuscherei

In einer alten indischen Legende über die Erfindung des Schachspiels wird berichtet, der Erfinder des Spiels habe von seinem König für diese Erfindung nicht mehr verlangt als Weizenkörner. Ein Korn auf das erste Feld des Schachbrettes, die doppelte Menge auf das zweite Feld, wiederum die doppelte Menge auf das dritte Feld und so weiter. Der König, der zunächst erbost war ob der vermeintlichen Bescheidenheit des weisen Brahmanen, musste schnell einsehen, dass er sich auf einen für ihn ziemlich ruinösen Deal eingelassen hatte, da die Zahl der Weizenkörner auf den letzten Feldern des Schachbrettes astronomische Ausmaße angenommen hatte.

In leicht veränderter Fassung ist diese Geschichte auch heute noch sehr beliebt. Die Weizenkörner werden dann zumeist durch Geld ersetzt, und so verändert soll die Geschichte als Beispiel für die verheerende Wirkung von Zinseszins und nicht selten als vermeintlicher Grund allen Übels im Kapitalismus herhalten. Zins und Zinseszins sind demnach die Ursache nicht nur für die Verschuldungsspiralen der öffentlichen und privaten Haushalte, sondern haben zudem Wirtschaftswachstum und Ausbeutung zur Folge: um die Zinsen bedienen zu können, seien Unternehmen darauf angewiesen, sich dem Willen des Geldes zu beugen und ihre Unternehmenspraxis auf Profiterwirtschaftung umzustellen. Als Ausweg wird dann zumeist eine Geldreform anvisiert, durch die das Geld mittels negativer Zinsen entwertet werden soll.

In diesen Ansätzen wird von einer nicht bestreitbaren Beobachtung (der Existenz von Zins und Zinseszins und ihrer exponentiellen Vermehrung im angeführten Beispiel) begründungslos darauf kurzgeschlossen, dass dieser Mechanismus nicht nur ein Ergebnis gesellschaftlicher Prozesse, sondern vielmehr die Ursache für diese Prozesse sein soll. Im Folgenden sollen die sozio-ökonomischen Grundannahmen dieser Theorien kritisiert werden. Anhand der methodologischen und kategorialen Basisannahmen der Gesell’schen Zinskritik und der Marx’schen Kritik der Politischen Ökonomie soll dargestellt werden, wie erstere die kritische Fragestellung der letzteren nicht einmal wahrnimmt. (mehr…)

Out now: Streifzüge 54. Thema: Geld. Gute Beiträge u.a. zur Kritik an der Geldpfuscherei. Jetzt in allen gutsortierten Buchläden.

Linklisten überarbeitet!

Die Krise der Männlichkeit, empirisch am Beispiel der Finanzkrise erläutert.

Weiße

Gerd meinte, es sei rassistisch, Weiße als Weiße zu bezeichnen. Noah Sow hat da vor einiger Zeit mal kritisch drüber reflektiert. Hier also ihre Gedankenanregung: