Obsoleszenz als Modetrend

Die Linke hat ein neues Modewort entdeckt: geplante Obsoleszenz. Der Begriff ist eine Adaption aus dem englischen Sprachraum, wo von planned obsolescence die Rede ist. Der Begriff kommt von dem Adjektiv obsolet, das so viel bedeutet wie „nicht mehr gebräuchlich“ oder „hinfällig sein“. Gemeint ist „geplanter Verschleiß“.

Um mehr Produkte verkaufen zu können und damit den Umsatz und den Gewinn der Unternehmen steigern zu können, sind sie stets auf der Suche nach Ideen, die Kund*Innen dazu zu bringen, ein bereits erworbenes Produkt möglichst bald durch ein neues zu ersetzen. Eine Möglichkeit hierfür sind Modetrends: wer einen neuen iPod, eine neue Hose oder ein neues Auto braucht, weil es für sein Wohlbefinden oder die angestrebte gesellschaftliche Akzeptanz wichtig ist, wird den fraglichen Gegenstand schon lange vor dem Ende von dessen physischer Nutzbarkeit zu erneuern trachten. Die Geschichte der konsumorientierten Variante von moralischem Verschleiß ist nicht neu und geht bis in die USA der 20er Jahre zurück, als Henry Fords Tin Lizzie gerade den Höhepunkt seiner Marktverbreitung erreicht hatte. Die Konkurrenz schlief nicht und so platzierte General Motors ein Auto auf dem Markt, das zwar nicht besser, dafür aber schöner sein sollte. Es ließ die klobige Tin Lizzie im wahrsten Sinne des Wortes alt aussehen und wurde mit jährlich neuen Farben und neuen Modellen zu einem wahren Verkaufsschlager. So brachte General Motors die Leute dazu, sich schneller als es eigentlich nötig gewesen wäre, ein neues Auto zuzulegen.

Auf diese Weise entpuppt sich der Modetrend als geplanter Verschleiß. Doch was damals ein Novum war, ist heute das tragende ökonomische Prinzip. Nur die wenigsten Menschen ersetzen vorhandene Gebrauchsgegenstände, weil diese tatsächlich unbrauchbar geworden wären.
Der moralische Verschleiß hat den Alltag erobert.

(erschienen in: Streifzüge 54/2012)


7 Antworten auf “Obsoleszenz als Modetrend”


  1. 1 double f 22. April 2012 um 23:18 Uhr

    Und was daran jetzt neu sein? Gerade wenn du schreibst, dass es das schon in den 1920er Jahren gab.

  2. 2 honno 23. April 2012 um 22:01 Uhr

    naja, das Phänomen an sich ist nicht neu, wohl aber die Bezeichnung dafür.
    Und heutzutage ist es auch viel verbreiteter (und schon eher normativ (Du „brauchst“ die und die Ware zur symbolischen Selbstergänzung, um cool zu sein)) als beispielsweise 1920.

    Ich kenne den Begriff (geplante Obsoleszenz) allerdings selbst eher für das Phänomen, dass Waren heute absichtlich so hergestellt werden, dass sie nicht lange halten. Also zB sogenannte Sollbruchstellen haben oder so. Also vorsetzlich unhaltbarer gemacht werden und zwar nicht, weil die Produktion dadurch günstiger werden würde, sondern um den Verbrauch und somit den Absatz zu steigern.

  3. 3 Hossa 24. April 2012 um 9:55 Uhr

    „kalkulierter Verschleiß“ nennte man das wohl besser. Damit hat der „moralische Verschleiß“ des menschlichen Arbeitsvemögens allerdings nichts zu tun. Das Beispiel mit dem Auto passt aber auch nicht : Der Kilometerstand z.B. bestimmt u.a. den Verkaufspreis des Gebrauchtwagens. Der Verkäufer weiß demnach im Allgemeinen um das, was man umgangsprachlich als den „eingebauten Verschleiß“ bezeichnet.

    Also: Weder Bezeichnung noch Phänomen sind neu; neuartig und seltsam jedoch die diskursive Verwirrung über Altbekanntes.

  4. 4 A.M.P. 24. April 2012 um 12:02 Uhr

    Interessante Reportage dazu und warum das Thema sehr aktuell ist: http://vimeo.com/20190064

  5. 5 Stefan Schridde 24. April 2012 um 12:11 Uhr

    Seit Februar 2012 entsteht unter dem Namen „MURKS? NEIN DANKE!“ eine stark wachsende bürgerschaftliche Bewegung gegen geplante Obsoleszenz. Die Medien (ARD, SAT1, RTL, RB, SWR, MDR, RBB und viele mehr) berichteten bereits umfassend. „MURKS? NEIN DANKE!“ setzt sich als gemeinwohlorientierte Verbraucherorganisation für nachhaltige Produktqualität ein, d.h.:

    optimale Nutzbarkeit,
    einfache Reparierbarkeit,
    freie Ersatzteilversorgung,
    regionale Servicedienste,
    bessere Garantiezeiten,
    Ressourceneffizienz und
    systemische Kreislaufwirtschaft.
    Petitionen und Fachgespräche sollen zu einer Anpassung der Gesetze (z.B. Gewährleistungsrecht, Handelsrecht, Zivilrecht, Strafrecht), der Kennzeichnungspflichten und relevanter Verordnungen auf nationaler und EU-Ebene führen. „MURKS? NEIN DANKE!“ hat bereits eine breite Debatte in den Medien über geplante Obsoleszenz angestoßen und so das Thema auf die Agenda gesetzt. Die Errichtung eines gemeinnützigen Vereins ist in Vorbereitung.

    www.murks-nein-danke.de

  6. 6 Hossa 24. April 2012 um 20:07 Uhr

    Okay, scheints, dass der Populär-Soziologe Vance Packard etwas vergessen wird (zu Unrecht: in seinem Bestseller „Die Geheimen Verführer“(1958) beschreibt er z.B. einige Reklametechniken, die S. Zizek heute als Emanationen eines Lacanschen Unbewussten fehldeutet…) Herbert Marcuse, mehr noch Erich Fromm bezogen sich bereits auf ihn.

    Zwar ´ne merkwürdige Seite, aber zum Thema ein Verweis:

    http://www.irwish.de/Site/Biblio/Packard/Schwend.htm

  7. 7 Juli 25. April 2012 um 22:12 Uhr

    nicht mal der name ist neu, genaugenommen. auch den gibt’s schon mindestens seit den 60er oder 70er Jahren. Neu ist aber, (zumindest relativ) dass das in ,der Linken‘ prominent diskutiert wird. Das gab es zumindest in den letzten Jahren eher weniger. (Was ich mal auf den dritten Teil der Zeitgeist-Movies zurückführe, wo das wohl eine prominente Rolle spielt).

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