Archiv für Mai 2012

Ursachen und Hintergründe der Euro-Krise

Erinnern wir uns zurück: bevor die Medien mit der Nachricht voll waren, der Euro sei ob der Überschuldung der Staaten in Gefahr, gab es Banken, die ob unsolider und ,spekulativer‘ Geschäfte in Gefahr waren und ebenfalls drohten, die Wirtschaft und damit den ohnehin prekären Lebensstandart westlicher Eliten (also den eingeborenen EuropäerInnen, insbesondere denen in Deutschland) zu gefährden. Diese Immobilienblase war die Folge, darauf ist häufiger hingewiesen worden, der Politik nach dem Crash der New Economy. Hier hört die Linke Suche nach Ursachen zumeist auf. Schuldige werden dann in Form amerikanischer Notenbankchefs, von neoliberalen Ideolog*Innen oder erfolgreichen Klassenkämpfer*Innen im Auftrage des Kapitals schnell gefunden.

Dabei stellt sich doch die recht offensichtliche Frage, wie es überhaupt zur New Economy-Blase gekommen ist. Was denn eigentlich mit den regionalen Finanz-, Währungs- und Bankenkrisen in Teilen der südamerikanischen, asiatischen und afrikanischen Peripherie in den 1980er und 1990er Jahren gewesen ist – und ob nicht bereits diese Teil des Aufstiegs dessen waren, was Marx einst recht verharmlosend als ,fiktives Kapital‘ bezeichnet hat.

Mit dem Buch Die große Entwertung‘ haben Ernst Lohoff und Norbert Trenkle ein theoretisch wie empirisch anspruchsvolles Werk vorgelegt, um diese Ansicht zu untermauern. Und um die Thesen zur Diskussion zu stellen, schlägt Ernst Lohoff an diesem Wochenende (1. und 2. Juni) in Göttingen auf. Am 1. Juni stellt er die Kernthesen des Buches im DGB-Haus vor, am 2. Juni gibt es dann einen Workshop zu den Hintergründen der Euro-Krise. Die Einladung der veranstaltenden Gruppe gibt es hier.

Über die Verhältnisse leben

(erschienen in: Streifzüge 54/2012 in der Rubrik „unter 2000 Zeichen“)

In regelmäßigen Abständen verkünden Politiker*Innen jedweder Coleur, die Gesellschaft habe „über ihre Verhältnisse“ gelebt. Obwohl häufig gehört, macht diese Redewendung doch stutzig. Dass eine Gesellschaft in der Lage ist, „über ihre Verhältnisse“ zu leben, ist keineswegs selbstverständlich. Kein Mensch und keine Gesellschaft ist beispielsweise dazu fähig, in einem gegebenen Zeitraum mehr zu verbrauchen, als vorhanden ist. Es können nicht mehr Brötchen gegessen werden, als es gibt, es können nicht mehr Fahrräder genutzt werden als vorhanden sind und auch Energie lässt sich nur dann verausgaben, wenn sie zuvor erzeugt wurde. (Die einzige denkbare Ausnahme stellt hier vermutlich die heute gängige Variante des Ressourcenverbrauchs dar, die durch intensive Ressourcennutzung eine mögliche spätere Umstellung auf regenerative Energien erschwert.) Der Satz kann nur deshalb auf allgemeine Zustimmung stoßen, weil bei Reichtum und Wohlstand nicht in erster Linie an stoffliche Phänomene, sondern an monetäre Größenordnungen gedacht wird. Letztere zeichnen sich somit allem Anschein nach durch Eigenschaften aus, die nicht mit denen des stofflichen Reichtums identisch sind.

„Über die eigenen Verhältnisse zu leben“ meint, sich verschuldet zu haben. Der Konsum stofflichen Reichtums stellt sich als monetärer Selbstmord heraus. Um an die Dinge zu gelangen, die doch da sind, werden Menschen gezwungen, ihre Zukunft zu verpfänden. In der wird das nicht besser werden: dank verbesserter Technik wird mehr stofflicher Reichtum zur Verfügung stehen, der wegen der üppigen Verschuldung noch weniger finanzierbar sein wird als heute schon. Das Ergebnis? Mehr Verschuldung.

Das klingt – Sie haben es erraten – nach keiner guten Idee. Nennt sich übrigens Kapitalismus, das Ganze. Macht weder Spaß noch funktioniert es ordentlich. Sollten wir mal abschaffen.

If the Kids are divided

Ausgangspunkt der Protestbewegungungen im Sommer 2011 waren die je unterschiedlichen Erfahrungen mit den Folgen ökonomischer Krisenprozesse. Auf der Straße standen Leute, die ihre Häuser verloren haben oder ihre Jobs. Jugendliche, die einen Ausbildungsplatz verloren oder nicht bekommen haben, die die Schule wechseln mussten etc. Dass der Protest in Deutschland nicht so richtig Fuß fassen konnte, lag nicht zuletzt auch daran, dass die Krise hierzulande (noch) nicht in vollem Maße durchgeschlagen ist. (mehr…)

Der autoritäre Antiautoritäre

Der zionistische Marxist und Psychoanalytiker Siegfried Bernfeld wäre am 2. Mai 2012 120 Jahre alt geworden. Bernfeld war Aktivist der Wiener Jugendbewegung, Mitbegründer der zionistischen Kibbuzerziehung und praktizierenden Psychoanalytiker. Ein wesentlicher Schwerpunkt seiner Arbeit war die Übertragung psychoanalytischer Theorien auf die Sozialwissenschaften. Insbesondere mit ,Sisyphos oder die Grenzen der Erziehung‘ hat er 1925 eine Kritik des pädagogischen Betriebes vorgelegt, die in den 60er und 70er Jahren einen erheblichen Einfluss auf die antiautoritäre Bewegung ausgeübt hat, der durchaus mit dem Theodor W. Adornos verglichen werden kann. (vgl. Lohmann 2001; Schrödter 2010) (mehr…)