Der autoritäre Antiautoritäre

Der zionistische Marxist und Psychoanalytiker Siegfried Bernfeld wäre am 2. Mai 2012 120 Jahre alt geworden. Bernfeld war Aktivist der Wiener Jugendbewegung, Mitbegründer der zionistischen Kibbuzerziehung und praktizierenden Psychoanalytiker. Ein wesentlicher Schwerpunkt seiner Arbeit war die Übertragung psychoanalytischer Theorien auf die Sozialwissenschaften. Insbesondere mit ,Sisyphos oder die Grenzen der Erziehung‘ hat er 1925 eine Kritik des pädagogischen Betriebes vorgelegt, die in den 60er und 70er Jahren einen erheblichen Einfluss auf die antiautoritäre Bewegung ausgeübt hat, der durchaus mit dem Theodor W. Adornos verglichen werden kann. (vgl. Lohmann 2001; Schrödter 2010)

Siegfried Bernfeld hat seinen ,Sisyphos‘ 1925 veröffentlicht. Das war, im historischen Kontext eines marxistischen Zionisten betrachtet, noch deutlich vor der Machtübernahme der Nazis (1933), erst Recht aber vor den Moskauer Schauprozessen (1936) und dem Hitler-Stalin-Pakt (1939). Allerdings war es bereits nach der Oktoberrevolution (1917) und der Niederschlagung des Aufstands von Kronstadt (1921). Er schreibt seine Zeilen in einem historischen Moment, in dem die historische Möglichkeit einer anderen Gesellschaft (des Kommunismus bzw. des Sozialismus) zwar noch möglich erscheint, ihre Unschuld jedoch bereits verloren hat. (vgl. Adamczak 2007) Und er schreibt es in einer Situation, in der eine autoritäre Lösung der sich anbahnenden Weltwirtschaftskrise (1927) zwar möglich, aber noch nicht greifbar ist.

Bernfelds theoretische Position entsprach diesem Zeitgeist. Entgegen der in biographischen Arbeiten über Bernfeld immer wieder hervorgehoben Liberalität in praktischen Dingen und dessen Ferne zum Parteimarxismus seiner Zeit, war seine Position im wesentlichen die des Marxismus der zweiten Internationale. Diesem unterliegt die Vorstellung des historischen Materialismus, nach dem die Weltgeschichte durch ein stetes Voranschreiten der Menschheit im geschichtlichen Prozess geprägt ist. Hauptgegenstand der Kritik war neben der Klassenherrschaft des Bürgertums die Anarchie des Marktes. Durch eine Übernahme der Macht durch das Proletariat sollte der unkontrollierte Prozess des Marktes durch eine zentralistische staatliche Planung ersetzt werden. Diese versprach, den geschichtlichen Prozess einer stets vorwärtsschreitenden Rationalisierung zu vollenden und den Sozialismus als höchstes Stadium der Geschichte zu etablieren (vgl. zur Kritik Postone 2003, 81ff.). Bernfeld überträgt diese Position auf seine pädagogische Theorie und kritisiert den realexistierenden pädagogischen Betrieb vor dem Hintergrund des realexistierenden Marxismus.

Die Erziehungswissenschaft seiner Zeit wird von ihm vor allem als unwissenschaftlich gekennzeichnet. Alleine im Bereich der Didaktik habe es einige Fortschritte in Bezug auf eine Rationalisierung des pädagogischen Handelns gegeben, doch diese würden von der unzulänglichen Einrichtung der Erziehungsanstalten zunichte gemacht:

„Indessen die Didaktik versucht, den Unterricht des einzelnen Lehrers – gelegentlich auch die Disziplinführung in der Klasse – zweckrational zu denken, bleibt die Schule als Ganzes, das Schulwesen als System ungestört, ungedacht; dürfen sich in ihm alle irrationalen Kräfte auswirken, die seine Voraussetzung, seine Triebkräfte, seine Determinanten sind.“ (Bernfeld 1967 [1925], 26)

Standpunkt der Kritik, wie sie hier von Bernfeld vorgebracht wird, ist die Rationalisierung der gesellschaftlichen Verhältnisse. An Schule wird zuallererst kritisiert, das sie nicht rational genug sei. Als Ausweg schlägt Bernfeld denn auch vor, „zweckrational die Institution, die wir in ihrer Gänze Schulwesen nennen, umzudenken.“ (Bernfeld 1967 [1925], 27). Analog dazu fällt auch seine Kritik an der Pädagogik aus. Als wesentliches Problem der Erziehung macht er die Unberechenbarkeit der Kinder aus, die sich einfach nicht so verhalten wollen, wie das unterstellte pädagogische Szenario es verlangt. Seine Referenz sind dabei die Naturwissenschaften:

„Zwei chemische Stoffe in demselben Mischungsverhältnis, unter den gleichen Bedingungen an Druck, Temperatur usw. zusammengebracht, verbinden sich immer in der gleichen Weise, immer zum gleichen Resultat. Der Chemiker kann dieses Resultat, wenn er es nur herstellen will, unter genauer Einhaltung der Bedingungen erreichen, ( … ) seine Prognose ist eindeutig.“ (Bernfeld 1967 [1925], 146)

Dieser Eindeutigkeit widersetzt sich nun das Kind und Bernfelds Begeisterung für die Psychoanalyse entspringt der Hoffnung, den wissenschaftlichen Zugriff auf die Zöglinge perfektionieren zu können. Sie sei das einzige bekannte Mittel, die Wirkung einer Erziehungsmaßnahme zumindest zu prognostizieren, zu viel mehr sei allerdings auch sie nicht in der Lage. Zumindest, solange sie als individualisierte Psychologie verstanden werde. Denn als Sozialpsychologie sei sie – aufgrund der relativen Ähnlichkeit der kindlichen Psychen – durchaus in der Lage, für eine Großzahl der Kinder Erziehungserfolge zu garantieren. Das auf diese Weise angestrebte „größtmögliche Glück der größmöglichsten Zahl“ (Bentham) möchte Bernfeld kompromisslos umgesetzt sehen:

„Denn eine sozialistische Ordnung wird wissen, daß sie jene Maßnahme durchzuführen hat, die ihr einen gewünschten Erfolg bei sagen wir 80% der ihr unterworfenen Kinder garantiert. Sie ist gar nicht interessiert, wessen Sprößlinge unter der Mehrzahl, wessen unter der unbeeinflußt gebliebenen Gruppe der Minorität sich befinden werden“. (Bernfeld 1967 [1925], 148)

Es ist dem Sozialismus, so lernen wir von Bernfeld, völlig egal, wer die 20% aller Kinder sind, die am Ende unter die Räder kommen. Er interessiert sich lediglich für den gesellschaftlich durchschnittlich erreichten Erziehungserfolg. Die Individuen haben sich vollständig unter die Ansprüche der gesellschaftlichen Allgemeinheit unterzuordnen – koste es, was es wolle:

„Die Armeeleitung schätzt die bei einem Angriff zu erwartenden Verluste; findet sie sich mit ihrer Höhe ab, so wird sie ihn wagen und zufrieden sein, wenn ihre Schätzung sich nicht als zu niedrig erweist. Ob Mayer unter den Toten oder Lebenden ist, ( … ) ist dem Kommando völlig gleichgültig. ( … ) [D]er Entwurf des Grundrisses des Erziehungswesens und die Bewertung der Erziehungseinflüsse und -mittel im allgemeinen wird in einer Gesellschaft, deren Erziehungsproblem das Gesamtschicksal der ebengeborenen Kindergeneration und nicht das des Säuglings Mayer ist, weitgehend rationalisiert sein können und müssen.“ (Bernfeld 1967 [1925], 149)

Bernfeld formuliert auch hier eine Kritik vom Standpunkt der Rationalität. Sie wird umstandslos mit einer Verbesserung der menschlichen Lebensbedingungen gleichgesetzt und als politisches Ziel angestrebt. An der bürgerlichen Gesellschaft wird kritisiert, dass diese aufgrund ihrer liberalistischen Verfassung hinter den Möglichkeiten rationaler gesellschaftlicher Planung zurückbleibe. Ebenso wie es der sozialistischen Ökonomiepolitik nicht auf eine bloße Umverteilung kapitalistisch erwirtschafteter Einkommen abziele, sondern die Etablierung einer neuartigen Wirtschaftsstruktur ankomme, habe sozialistische Erziehungspolitik deshalb auf eine gänzlich neue Struktur des Erziehungswesens zu zielen. (vgl. Bernfeld 1967 [1925], 153).

Seine Legitimität bekommen sozialistische Politik und Erziehung dabei über die einfache Begründung, dass sie eine Mehrheit repräsentierten, während die herrschende wirtschaftliche Ordnung lediglich einer Minderheit ihre Pfründe zu sichern helfe, wie er in seiner „auf das Einfachste und Wesentlichste“ (Bernfeld 1967 [1925], 95) zusammengezurrten Begründung ausführt:

„[I]n solcher Klassengesellschaft (ist) die Wirtschaft keineswegs dazu (da), den Hunger der Menschheit, ich meine jedes einzelnen Menschen, zu stillen, sondern dazu, den durch Genuß überreizten Appetit ihrer Minderheit, der Angehörigen der herrschenden Klasse, bis zur Übersättigung zu befriedigen. ( … ) Warum besagte Mehrheit die Minderheit nicht einfach vernichtet hat, ist nur sehr schwer einzusehen.“ (Bernfeld 1967 [1925], 95f).

Bernfelds Argumentation ist an dieser Stelle durchaus demokratisch: weil es ihm dünkt, dass eine Minderheit auf Kosten einer Mehrheit lebt, spielt er unbekümmert mit dem Gedanken, doch der Einfachheit halber die Letztere zu ,vernichten‘. 20% Verlust sind hier bereits in die Rechnung einkalkuliert. Und dass die Mehrheit sich gegenüber der Minderheit durchzusetzen hat, entbehrt ebenfalls nicht einer gewissen Rationalität in der Argumentation.

Gegen diese Form von Rationalität und den mit ihr verbundenen Folgen haben bereits Theodor W. Adorno und Max Horkheimer in der ,Dialektik der Aufklärung‘ opponiert. Sie argumentieren hier im Anschluss an die Marx’sche Fetischkritik, dass Rationalität um der Rationalität willen, zum bloßen Selbstzweck verwandelt, selber in Irrationalität umschlägt und die Menschheit so in ihrem Bann hält. Max Horkheimer bezeichnete diese Form von selbstbezüglicher Rationalität später als „instrumentelle Vernunft“ und auch für Adorno stand der Schutz des Individuums vor den Ansprüchen, die die Gesellschaft an es stellt, die Kritik also „der Herrschaft des Allgemeinen über das Besondere, der Gesellschaft über ihre Zwangsmitglieder“ (Adorno 2003 [1965], 14) stets im Mittelpunkt seiner Theorie.

Die Ausführungen von Adorno und Horkheimer in der ,Dialektik der Aufklärung‘ verweisen zudem auf einen weiteren blinden Fleck in der Argumentation von Bernfeld. Denn dort hatten die beiden Autoren die Herrschaft qua Rationalisierung mit der patriarchalen Grundkonstitution der Gesellschaft in Verbindung gebracht. Und genau die blendet Bernfeld in seiner Arbeit nicht nur beständig aus, er affirmiert sie sogar offensiv. Denn die Bedeutung, die der Psychoanalyse für die Pädagogik laut Bernfeld zukommt, liegt nicht nur darin, die psychischen Dispositionen der Zöglinge zumindest im Großen und Ganzen erfassen zu können. Er verweist zudem auf die Ursächlichkeit des menschlichen Trieblebens für die Notwendigkeit von Erziehung. Die von Freud aufgeführten Triebe Libido und Thanatos werden von Bernfeld im Anschluss an Freud dabei geschlechtlich besetzt: das Weibliche wird repräsentiert durch die Liebe und Fürsorge dem Kind gegenüber und damit den Liebestrieb. Das Männliche hingegen tritt durch die Notwendigkeit, die Liebe zwischen Mutter und Kind ab dem Zeitpunkt der Pubertät zu unterbinden, auf den Plan. Da laut des Freudschen Ödipus-Komplexes die männlichen Kinder ihre Libido auf ihre Mutter projizieren und Väter dies wissen (oder zumindest erahnen), streben sie danach, diese Liebesbeziehung zu unterbinden und sich zu schützen. Laut Bernfeld ist es nun der männliche Todestrieb, der hier die Notwendigkeit für das Kind hervorbringt, sich innerhalb der Gesellschaft so zu verhalten, wie es diese eben verlangt (Bernfeld 1967 [1925], 69ff). Während die Frau also – ganz naturnah gedacht – das Kind mit Liebe und Wärme versorgt, kommt vom Mann der eigentlich kulturelle Impuls der Erziehung: „die Erzielung der psychischen Struktur, die den erreichten Gesellschaftszustand zu erhalten vermag“ entspringt nämlich als Reaktion auf das männliche Basisprinzip allen Seins1 (Bernfeld 1967 [1925], 85).

Während Bernfeld hier also in alter psychoanalytischer Tradition die klassisch-patriarchalen Geschlechterstereotype reformuliert, imaginiert er sich passend dazu die kindlichen Subjekte als männlich. Kinder sind bei ihm als potentielle Nebenbuhler für die bereits erwachsenen Männer von Bedeutung. Die Kinder werden dabei prinzipiell als männlich gedacht: „Den Inzest zu verhindern, nehmen die Männer den Müttern ihre Knaben – und wäre es gewaltsam – fort.“ Die Notwendigkeit von Erziehung für Kinder jedweder Geschlechtsidentität begründet Bernfeld so einzig aus einer Betrachtung männlicher Kinder, die somit als Norm für den ,Rest‘ zu gelten haben. Dabei versteht es sich fast schon von selbst, dass diese männlichen Kinder stets als heterosexuelle Triebtäter imaginiert werden, deren einziges Ziel die Paarung mit der Mutter ist. Bernfeld liefert so, wenn auch unfreiwillig, ein Musterbeispiel heterosexueller Männlichkeitssuprematie in der traditionellen Psychoanalyse.

So mag es dann also doch verwundern, welche Begeisterung Bernfelds ,Sisyphos‘ in den späten 60er und den 70er Jahren auslösen konnte. Vermutlich kein Zufall wird es da sein, dass mit DAS ARGUMENT gerade diejenige Zeitschrift an seiner Widereraufstehung maßgeblich beteiligt war, in der noch heute traditionsmarxistische Vorstellungen vom historischen Materialismus und der Diktatur der Partei durchaus angesehen sind.

Zu guter Letzt bleibt es eine Errungenschaft Bernfelds, als erster auf die Verstrickungen von Gesellschaft und Psyche in der pädagogischen Praxis hingewiesen zu haben. Seine Anklage, Pädagogik denke ihre Verwobenheit mit den gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnissen nicht ausreichend mit, scheint gerade in Zeiten einer verstärkten Rezeption etwa systemtheoretischer Überlegungen in der Pädagogik durchaus aktuell zu sein. Und auch sein Hinweis darauf, dass die praktizierenden PädagogInnen selbst einen Erziehungs- und Sozialisationsprozess hinter sich haben und dieser ihr Handeln auf Schritt und Tritt begleitet, ist in dieser Allgemeinheit geschrieben sicherlich richtig. Die Art und Weise jedoch, wie Bernfeld diese berechtigten Einwände zu unterfüttern versucht, weisen allen liberalen Ansprüchen in der Praxis zum Trotz deutliche Spuren seiner Zeit auf und können heute kaum weiterführende Hinweise für pädagogische Theorie und Praxis geben.

Anmerkungen:

  1. Der Verweis auf den „erreichten“ Gesellschaftszustand darf als weiterer Verweis auf den von Bernfeld unterstellten historischen Materialismus und seiner zwangsläufigen Abfolge immer höherwertiger Gesellschaftsformationen gelesen werden. [zurück]


Weiterführende Literatur:

Adorno, Theodor W. (2003 [1965]): Gesellschaft. In: ders.: Soziologische Schriften I. Frankfurt am Main : Suhrkamp S. 9 – 19

Adamczak, Bini (2007): Gestern Morgen. Über die Einsamkeit kommunistischer Gespenster und die Rekonstruktion der Zukunft. Münster : Unrast

Bernfeld, Siegfried (1967 [1925]): Sisyphos oder die Grenzen der Erziehung. Frankfurt am Main : Suhrkamp

Lohmann, Ingrid (2001): Siegfried Bernfeld: Sisyphos oder die Grenzen der Erziehung.

Der geheime Zweifel der Pädagogik. In: Klaus-Peter Horn, Christian Ritzi (Hrsg.): Klassiker und Außenseiter. Pädagogische Veröffentlichungen des 20. Jahrhunderts. Hohengehren: Schneider Verlag 2001, S. 51-63.

Postone, Moishe (2003): Zeit, Arbeit und gesellschaftliche Herrschaft. Eine neue Interpretation der kritischen Theorie von Marx. Freiburg : Ca ira

Schroedter, Thomas (2011): Antiautoritäre Pädagogik. Zur Geschichte und Wiederaneignung eines verfemten Begriffes. Stuttgart: Schmetterling

(veröffentlicht in Trend Infopartisan 5-6/2012