If the Kids are divided

Ausgangspunkt der Protestbewegungungen im Sommer 2011 waren die je unterschiedlichen Erfahrungen mit den Folgen ökonomischer Krisenprozesse. Auf der Straße standen Leute, die ihre Häuser verloren haben oder ihre Jobs. Jugendliche, die einen Ausbildungsplatz verloren oder nicht bekommen haben, die die Schule wechseln mussten etc. Dass der Protest in Deutschland nicht so richtig Fuß fassen konnte, lag nicht zuletzt auch daran, dass die Krise hierzulande (noch) nicht in vollem Maße durchgeschlagen ist.

Deutschland befand sich nach 2007 in der glücklichen Situation des Huhnes, das versehentlich über ein Korn gestolpert ist. Rote, schwarze, grüne und gelbe Regierungen haben jahrzehntelang auf die Exportproduktion gesetzt – und eine entsprechende Absenkung er Löhne vorangetrieben. Davon musste die Wirtschaft in einer Situation profitieren, in der alle Regierungen Konjunkturprogramme aufgelegt haben. Nicht zuletzt aus diesem Grund ist auch die Krise der Staatsfinanzen in Deutschland bislang nur als laues Lüftchen zu spüren. Soziale Betroffenheit, die über das im Kapitalismus übliche Maß hinausgeht, gibt es vor allem im Bereich der Jugendarbeitslosigkeit. Und die ist in Deutschland (ähnlich wie in den Niederlanden und Österreich) vergleichsweise gering ausgeprägt. Die wenigen Proteste, die etwa in Form einiger Occupy- oder ,Wir zahlen nicht für eure Krise‘-Demonstrationen stattfanden, waren daher entsprechend seicht und bedienten vor allem Ressentiments gegenüber dem Bank- und Spekulationsgewerbe. Den linken Bewegungen und insbesondere auch den Falken ist es hier nicht gelungen, den Proteste eine Perspektive zu geben und die Menschen an den Punkt zu führen, an dem Krise und Finanzmarktkapitalismus etwas mit ihrem eigenen Leben zu tun haben: mit ihrer Ausbildung und ihrem Studium, der Situation in ihrer Schule, mit den kaputten Schaukeln auf dem Spielplatz und den geschlossenen Jugendzentren und Schwimmbädern in der Nachbarschaft.

Dabei gilt es noch einen zweiten Punkt zu berücksichtigen: soziale Kämpfe finden heute unter ganz anderen Bedingungen statt als noch vor vierzig oder fünfzig Jahren. Die gefühlte Zugehörigkeit zu gesellschaftlichen Großgruppen ist in kaum zu unterschätzendem Maß zurückgegangen. Junge Menschen erleben sich kaum noch als Angehörige einer Klasse oder als durch ihre Geschlechtsidentität maßgeblich in ihrem Leben bestimmt. Stattdessen glauben sie fest, für ihr Leben selbst verantwortlich zu sein und es auch ganz gut im Griff zu haben. Jedes Gefühl von Abhängigkeit oder dem Unterworfensein unter Herrschaftsverhältnisse weisen sie (zumindest in der überwiegenden Zahl) mit großer Geste zurück.

Auch dieses Verhalten ist nicht vom Himmel gefallen, sondern spiegelt lediglich die Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse seit den 70er Jahren wieder. Die Selbstverständlichkeit eines immerwährenden kapitalistischen Aufschwunges ist verschwunden. Die Weltwirtschaft ist in den 70ern in eine Situation geschlittert, in der eine Ausdehnung des Kuchens mehr und mehr schwer fällt. So gerät auch die bisherige Strategie der ArbeiterInnenbewegung an ihr Ende, die im wesentlichen darauf abzielte, einen Anteil an den neuen Kuchenstücken zu erkämpfen. Dementsprechend hat auch das mit der ArbeiterInnenbewegung verbundene Versprechen auf soziale Teilhabe seine Faszination verloren.

Dass der Kuchen nicht mehr richtig wächst, heißt zunächst: der Kapitalismus ist immer weniger in der Lage, die Lebensbedürfnisse seiner Insassen zu garantieren. Das war zwar nie sein Ziel, sprang aber bislang wenigstens als Abfallprodukt dabei heraus – zumindest in den großen Industriestaaten. Nun steigt die Zahl der für den Kapitalismus ,Überflüssigen‘. Manchmal werden die dann zu Empörten. Die Kämpfe bleiben allerdings sehr kraftlos. Instinktiv scheinen die Protestierenden zu begreifen, dass eine Rückkehr zu einer boomenden Wirtschaft nicht möglich ist. Die traditionelle sozialistische Gesellschaftsvorstellung, welche die kapitalistische Wirtschaft einfach einer Planwirtschaft unterwerfen, die ihr zugrundeliegenden Prinzipien von stetigen Fortschritt und Produktionssteigerung aber unhinterfragt übernahm, wird durch die kapitalistische Krisenentwicklung endgültig hinfällig. Emanzipatorische Spielräume lassen sich nur noch gegen, nicht mehr mit dem System erkämpfen. Deshalb wird es umso wichtiger, als Sozialistische Jugend eine Gesellschaftsvorstellung zu entwickeln, die nicht nur die Lebensbedingungen der Menschen verbessert, sondern zudem über das Bestehende hinausweist und als theoretische Folie für die bevorstehenden nächsten Kampfzyklen dienen kann. Sozialismus ist mehr als biedere Sozialdemokratie. Da lernt mensch bei den Falken schon im Zeltlager.

(erschienen in: AJ – Die andere Jugendzeitschrift 01/2012)


2 Antworten auf “If the Kids are divided”


  1. 1 honno 11. Mai 2012 um 22:01 Uhr

    Zitat
    „Den linken Bewegungen und insbesondere auch den Falken ist es hier nicht gelungen, den Proteste eine Perspektive zu geben und die Menschen an den Punkt zu führen, an dem Krise und Finanzmarktkapitalismus etwas mit ihrem eigenen Leben zu tun haben (…)“

    Sollen Deiner Meinung nach linke Bewegungen Menschen an einen bestimmten Punkt „führen“?

    Ich sehe solche Führungsanprüche ja eher sehr kritisch…

  2. 2 Juli 31. Mai 2012 um 11:56 Uhr

    hm, führen ist jetzt auch nich so mein ding. insofern ist das sicherlich nicht glücklich formuliert. worum es mir geht, ist aber auch nicht ernsthaft ein bestimmter führungsanspruch bestimmter teile der linken, sondern der (immer auch kritische und selbstreflexive) bezug der sozialen kämpfe auf das leben derer, die diese kämpfen kämpfe. auf der straße rumstehen und gegen „die da oben“ salbadern, mag einen moment lang spaß machen und spannend sein – auf dauer zeigt sich aber, das es nicht ausreicht, um dem protest kontinuität zu geben. mal ganz abgesehen davon, das er dann auch leicht nach rechts kippen kann: das ,die da oben‘ das ,volk‘ verraten hätten und das parlament ohnehin nur eine ,schwatzbude‘ sei, ist ein ursprüngliches rechtes, kein linkes ,argument‘.
    daher müsste es für emanzipatorische strömungen m.E. darum gehen, konkrete bezugspunkte zum leben der meschen aufzuzeigen. beispiele dafür bringe ich dann ja auch im text.

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